Anatomie der menschlichen Destruktivität (original The Anatomy of Human Destructiveness) ist der Titel eines anthropologischen und sozialpsychologischen Werkes über Ursachen menschlicher Gewalttätigkeit, das Erich Fromm 1973 in den USA veröffentlichte. 1974 erschien die deutsche Übersetzung.
Im Vorwort bezeichnet Fromm die Untersuchung als ersten Band einer umfassenden Arbeit über die psychoanalytische Theorie.Fromm, Rowohlt 2015, S. 9 ff. (Vorwort) Demnach begann er bereits über sechs Jahre zuvor, also 1967, mit der Niederschrift, und bezog zahlreiche Kenntnisse aus anderen Gebieten (Neurophysiologie, Tierpsychologie, Paläontologie, Anthropologie) in die Betrachtung mit ein.
Im Buch werden unter anderem Heinrich Himmler, Adolf Hitler und Josef Stalin analysiert. Um Adolf Hitler besser verstehen zu können, verwendete Fromm Erkenntnisse aus persönlichen Gesprächen mit Albert Speer.Fromm, Rowohlt 2015, S. 11 (Vorwort): „Ich danke Albert Speer, der mündlich und schriftlich viel zur Bereicherung meines Bildes von Hitler beitrug.“ Im Kapitel über Hitler finden sich Fußnoten mit „A. Speer, persönliche Mitteilung“.Rainer Funk: Erich Fromm – Liebe zum Leben: Eine Bildbiographie, Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart, ISBN 3-421-05279-4. Kapitel 7, S. 161: „[…] Albert Speer, mit dem sich Fromm wiederholt traf und Gespräche über Hitler führte; […]“
Die Anatomie der menschlichen Destruktivität ist das umfangreichste Werk aller Schriften FrommsErich Fromm und Rainer Funk: Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Band I: Analytische Sozialpsychologie; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1999. ISBN 3-421-05280-8. Fundstelle: Einleitung des Herausgebers – Zu Leben und Werk Erich Fromms, Seite XXXIII. und von großem Detailreichtum geprägt. Obwohl sie eine wissenschaftliche Forschungsarbeit istFromm, Rowohlt 2015, S. 9 ff. (Vorwort); insbes. S. 12: „Diese Forschungsarbeit wurde zum Teil unterstützt vom […] des National Institute of Mental Health.“, ist sie wie andere Schriften des Autors allgemeinverständlich geschrieben.E. Fromm und R. Funk: Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Band I: Seite XLI. Dort: „Das Englisch Fromms ist leicht zu lesen und unkompliziert in Grammatik und Stil. […]“ Mit diesem Buch wurde Fromm in Deutschland wieder stärker bekannt.E. Fromm und R. Funk: Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Band I: Seite XXXIII mini|Erich Fromm (Zeichnung von „Arty“, wohl 1973)
Inhalt Einleitung In der Einleitung heißt es: Die ständig zunehmende Gewalttätigkeit und Destruktivität auf der ganzen Welt lenkte die Aufmerksamkeit der Fachwelt wie der breiten Öffentlichkeit auf die theoretische Erforschung des Wesens und der Ursachen der Aggression. Fromm bekennt sich dort zu einem soziobiologischen Standpunkt – fünf Jahre bevor Edward O. Wilson und Richard Dawkins den Begriff Soziobiologie popularisierten. Fromm meint damit nicht primär die Genetik, sondern seinen Versuch, das Wesen des Menschen und seiner Leidenschaften aus seinen anatomischen, neurologischen und physiologischen Grundlagen sowie aus seinen anthropologisch belegbaren Lebensbedingungen abzuleiten.
Fromm beginnt mit dem Hinweis, dass das Buch „der erste Band einer umfassenden Arbeit über die psychoanalytische Theorie“ ist.Fromm, Rowohlt 2015, S. 9 (Vorwort) Er merkt an, dass er mit dem Schreiben des Buches „vor über sechs Jahren“ (also um 1967) begann und schnell an die Grenzen seines eigenen Fachgebietes, der Psychoanalyse, stieß. So mussten Erkenntnisse aus benachbarten Wissenschaftsgebieten wie z. B. der Neurophysiologie, der Tierpsychologie, der Paläontologie und der Anthropologie berücksichtigt werden, um die menschliche Destruktivität angemessen behandeln zu können.E. Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität, Vorwort, S. 9.
Er musste seine eigene Theorie anhand der anderen Erkenntnisse entwickeln und überprüfen. Laut Vorwort existierte damals noch keine Theorie, „die über die Ergebnisse der Aggressionsforschung auf all diesen Gebieten berichtete oder Zusammenhänge herstellte oder sie auch nur auf einem Spezialgebiet zusammenfassend behandelte[…]“.Fromm, Rowohlt 2015, S. 9 (Vorwort) Die wissenschaftliche Arbeit ist daher stark interdisziplinär geprägt.
In der Arbeit werden zwei Themen behandelt: eine Untersuchung der Aggression von Mensch und Tier eine „bestimmte Weiterentwicklung“ der freudschen Psychoanalyse (Neopsychoanalyse)Fromm, Rowohlt 2015, S. 23 (Einleitung – Die Instinkte und die menschlichen Leidenschaften): „Der Ausdruck Psychoanalyse wird hier jedoch nicht im Sinn der klassischen Freudschen Theorie gebraucht, sondern im Sinn einer bestimmten Weiterentwicklung. […]“
Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile mit Anhang:E. Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität, Inhaltsverzeichnis, S. 3 ff. Erster Teil: Instinktivismus, Behaviorismus, Psychoanalyse Zweiter Teil: Befunde, die gegen die Thesen der Instinkt- und Triebforscher sprechen Dritter Teil: Die verschiedenen Arten der Aggression und Destruktivität und ihre jeweiligen Voraussetzungen Epilog: Über die Zwiespältigkeit der Hoffnung Anhang: Freuds Aggressions- und Destruktionstheorie
Terminologie Gleich zu Beginn macht Fromm darauf aufmerksam, dass der Begriff Aggression oft zu vieldeutig verwendet wird. So werden verschiedenste Phänomene, welche seitens ihrer zugrunde liegenden Ursachen nichts miteinander zu tun haben, mit demselben Begriff in Zusammenhang gebracht.Fromm, Rowohlt 2015, S. 13 f. (Terminologie) Um das Phänomen der Aggression besser verstehen zu können, bedient er sich daher einer exakteren Aufteilung des Aggressionsbegriffes:Fromm, Rowohlt 2015, S. 13 ff. (Terminologie) konstruktive Akte (Im Sinne der lateinischen Wortherkunft: „ad gradi“ = „sich auf etwas zu bewegen“), zum Beispiel Durchsetzungsvermögen, Selbstüberwindung, beim Spiel usw.Fromm, Rowohlt 2015, S. 210 ff. (Die Pseudoaggression); insbes. zur Etymologie/„ad gradi“: S. 212 (Aggression als Selbstbehauptung) Akte, die beschützen sollen (z. B. Notwehr bei empfundener Lebensgefahr) Akte, die auf die Zerstörung selbst aus sind
Die letzten beiden Aggressionarten sind Hauptgegenstand der Untersuchung: gutartige Aggression: defensive Aggression zur bloßen Verteidigung, biologisch notwendig (auch als biologisch adaptiv bezeichnet), dient dem Leben, „rational“, gibt es bei Mensch und Tier bösartige Aggression: im Buch mit Destruktivität, Grausamkeit und als biologisch nichtadaptiv bezeichnet, „irrational“, nur beim Menschen möglich
An späterer Stelle wird eine zusätzliche Begründung für diese Unterteilung genannt:
Auf Spezialfälle der Aggression (z. B. von Raubtieren oder bei Kannibalismus und dergleichen) geht der Autor im späteren Verlauf ausführlicher ein.
Ebenso wird die „Pseudoaggression“ untersucht; darunter versteht Fromm „aggressive Akte, die Schaden anrichten können, ohne daß eine Absicht dazu besteht“. Dazu werden die Selbstbehauptung und Geschicklichkeitsübungen gezählt.Fromm, Rowohlt 2015, S. 210 ff. (Die Pseudoaggression)
Fromm betont ausdrücklich, dass er sich im Gegensatz zur behavioristischen Theorie „mit den aggressiven Impulsen befaßt ohne Rücksicht darauf, ob sie sich in einem aggressiven Verhalten äußern oder nicht.“Fromm, Rowohlt 2015, S. 210 (Dritter Teil: Die verschiedenen Arten der Aggression und Destruktivität und ihre jeweiligen Voraussetzungen, 9. Die gutartige Aggression; im Original kursiv) Analog dazu ist seine Ansicht zum Krieg; die Faktoren, die einen Krieg wahrscheinlicher machen, sind hier von Interesse.Fromm, Rowohlt 2015, S. 240 (Dritter Teil – Über die Ursachen des Krieges)
Gegen andere Aggressionstheorien Fromms Werk wendet sich gegen die Aggressionstheorie von Konrad Lorenz, gegen Sigmund Freuds Theorie vom „Todestrieb“ und gegen die Theorie der Behavioristen (namentlich B. F. Skinners), Aggression werde reflexartig erlernt, wenn und weil sie Erfolg bringe. Er referiert diese Theorien grob (und ziemlich selektiv); der Aggressionstheorie von Freud jedoch widmet er einen vierzigseitigen Anhang.
Auseinandersetzung mit psychologischen Experimenten Fromm setzt sich innerhalb seiner wissenschaftlichen Untersuchungen auch mit bekannten Experimenten anderer Psychologen auseinander.Fromm, Rowohlt 2015, S. 64–88 (Über psychologische Experimente)
Milgram-Experiment
Das Milgram-Experiment („Behavioral Study of Obedience“) an der Yale University aus den 1960er Jahren beinhaltete das Konformitätsverhalten von Versuchspersonen. Zusammengefasst verabreichten die Versuchspersonen dort als „Lehrer“ einem „Schüler“ (in Wahrheit unechte) Elektroschocks. So traten bei den Probanden – den „Lehrern“ – massive somatische Stresssymptome (schwitzen, zittern, stottern…) auf.Fromm, Rowohlt 2015, S. 67 ff. (Über psychologische Experimente) Fromm zitiert auch aus dem Bericht Stanley Milgrams, dass manche der Versuchspersonen „bizarr[e]“ Verhaltensweisen wie „nervöse[s] Lachen und Lächeln“ in vereinzelt extremen Ausprägungen an den Tag legten, als ob „es ihnen Spaß gemacht hätte, ihr Opfer zu schocken.“ Im Anschluss leugneten Milgrams Bericht zufolge diese Teilnehmer einen möglichen sadistischen Hintergrund ihres unangemessenen Verhaltens.Fromm, Rowohlt 2015, S. 69 (Über psychologische Experimente); Fromm gibt folgende Studie an: „Milgram, S. 1963. Behavioral Study of Obedience. Jour. Abn. Soc. Psychol. 67: 371–378“ (Quelle in: E. Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität, Bibliographie, S. 544)Fromm, Rowohlt 2015, S. 69: Fromm zitiert dabei aus dem Forschungsbericht Milgrams, dass „[b]ei vierzehn der vierzig Versuchspersonen […] dieses nervöse Lachen und Lächeln deutlich zu beobachten“ gewesen sei. Drei Personen zeigten „regelrechte, unbeherrschbare Lachanfälle“; in einem Fall sei das „unangemessen[e] und unbeherrscht[e] Verhalten“ „so heftig und konvulsiv“ gewesen, dass die Forscher „das Experiment unterbrechen mußten“.
Fromm interpretiert das Experiment (neben einer Kritik an der Methodik) so:
Fromm ist der Ansicht, dass sich Menschen im Allgemeinen ungern bewusst ihren Konflikten stellen und Letztere ins Unbewusste hinausschieben. Dies führe zu „verstärktem Stress, neurotischen Symptomen oder Schuldgefühlen aus falschen Gründen“.Fromm, Rowohlt 2015, S. 71 (Über psychologische Experimente) Kritisiert wird auch das Setting des Experimentes. So war der die Versuchsperson anfeuernde Wissenschaftler im Kontext seiner gesellschaftlichen Stellung eine besondere Person; daher sei „es für den Durchschnittsbürger schwer zu glauben, daß das, was die Wissenschaft befiehlt, falsch oder unmoralisch sein könnte.“ Der „hochgradige Gehorsam“ der Versuchsteilnehmer sei unter anderem dadurch erklärbar.Fromm, Rowohlt 2015, S. 71 (Über psychologische Experimente)
Den Ungehorsam des recht hohen Anteils von über einem Drittel der Versuchspersonen sieht der Autor angesichts der anderen Reaktionen als „erstaunlicher – und ermutigend“ an.Fromm, Rowohlt 2015, S. 71 (Über psychologische Experimente) Da das Verhalten auch Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsstruktur zulässt, hinterfragt Fromm die Genauigkeit der Beobachtungen:
Im Anschluss wird Psychopathie und ein bösartiger Charakter dahinter vermutet.Fromm, Rowohlt 2015, S. 72 (Über psychologische Experimente) Abschließend bemerkt Fromm, dass „Milgrams Experiment […] gut den Unterschied zwischen den bewußten und den unbewußten Aspekten des Verhaltens“ veranschauliche.Fromm, Rowohlt 2015, S. 72 (Über psychologische Experimente)
Stanford-Prison-Experiment
Weiter wird auf das Stanford-Prison-Experiment Philip Zimbardos eingegangen. Dieses hatte ebenfalls Konformitätsverhalten und Aggression des Menschen als Gegenstand. Mit in „Wärtern“ und „Häftlingen“ aufgeteilten Probanden wurde eine Gefängnissituation nachgestellt. Im Verlauf des Experimentes eskalierte die Situation bekanntlich, was die Forscher zum vorzeitigen Abbruch zwang.Fromm, Rowohlt 2015, S. 72 ff. (Über psychologische Experimente) Fromm legt nun das Ergebnis des Experimentes so aus: