mini|Lady Bitch Ray (2022) Reyhan Şahin (* vermutlich 1980 in Bremen), Künstlernamen Lady Bitch Ray und Dr. Bitch Ray, ist eine deutsche Autorin, Rapperin, Linguistin und ehemalige Radiomoderatorin.

Leben Şahins Eltern sind Aleviten und stammen aus Sivas in Zentralanatolien, Türkei. Vor Reyhans Geburt waren ihre Eltern nach Deutschland eingewandert.

Sie wuchs im Bremer Arbeiterviertel Gröpelingen auf.Johannes Gernert: Ihr Vater ist ein Dede und arbeitete nach seiner Ankunft 1972 als Schweißer in einer lokalen Werft. Im Alter von zwölf Jahren begann Şahin zu rappen. Ihre schulische Laufbahn schloss sie mit dem Abitur ab.

Wissenschaft Şahin studierte Linguistik und GermanistikDominik D. Stefan: Rap.de; abgerufen am 12. Dezember 2007. an der Universität Bremen und schloss ihr Studium 2005 mit dem Magister im Fach Linguistik ab.Kemal Doğan: Hip hop'ta Reyhan rüzgarı. In: Hürriyet. 12. Januar 2007. Ihre Magisterarbeit mit dem Thema „Jugendsprache anhand der Darstellung der Jugendkultur Hip-Hop“ wurde in einer von ihrem Institutsleiter herausgegebenen Anthologie im Brockmeyer-Universitätsverlag veröffentlicht.

Danach wurde sie 2012 als Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit der Arbeit „Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland“ promoviert. Zeitweise verlor sie nach eigener Aussage ihr Stipendium als Doktorandin, weil sich Kritiker ihrer Musik an die Stiftung gewandt hatten. In dieser Zeit leitete sie an der Universität Bremen als Lehrbeauftragte im Wintersemester 2007/2008fb10.uni-bremen.de abgerufen am 21. November 2007. die Lehrveranstaltung „Einführung in die Kleidungssemiotik“. Für ihre Dissertation erhielt sie beim Deutschen Studienpreis 2013 einen zweiten Preis in der Fächergruppe Geistes- und Kulturwissenschaften. Ihr Doktorvater war Wolfgang Wildgen.

Şahin war ab Juni 2012 Mitglied des Research Center for Media and Communication und in diesem Rahmen bis Dezember 2013 Post-Doc-Stipendiatin der Nachwuchsinitiative der Universität Hamburg.Research Center for Media and Communication: Dr. Reyhan Şahin Im Anschluss erhielt sie ein Forschungsstipendium der Gerda Henkel Stiftung, mit dem sie zu religiösen Selbstdarstellungen junger Musliminnen in sozialen Netzwerken forschte. Seit dem Wintersemester 2025/26 hat Şahin an der Universität der Künste Berlin eine einjährige Gastprofessur für Kulturwissenschaft und Philosophie inne. Neben sprachwissenschaftlichen Fragen befasst sie sich in ihrer Forschung seit Jahren auch mit Diskriminierung. Ihre Habilitationsschrift trägt den Titel „Rassismus, Rechtsextremismus, Islam und Gender“. Reyhan Şahin unterrichtet mittlerweile als Gastprofessorin für Kulturwissenschaft und Philosophie an der Universität der Künste Berlin.

Medienkarriere Şahin arbeitete vier Jahre bei dem öffentlich-rechtlichen Radioprogramm Funkhaus Europa als freie Mitarbeiterin und Moderatorin. Am 11. Mai 2006 wurde von Radio Bremen, das zusammen mit dem WDR Funkhaus Europa produziert, die Zusammenarbeit beendet, weil ihre Rap-Texte „pornographische Inhalte“ transportieren würden.Julia Buettner: Die Parallelgesellschaft von nebenan: Wie mit den Mitteln des Fernsehens versucht wird, die starren Migranten-Klischees der Deutschen aufzubrechen. In: Süddeutsche Zeitung. 12. Februar 2007, S. 17. Ein Lied mit dem Titel Hengzt Arzt Orgi, das von einer fiktiven Sexorgie mit den Rappern King Orgasmus One, Bass Sultan Hengzt und Frauenarzt handelt, hatte Şahin kostenlos ins Internet gestellt. Nachdem der Radiosender dies herausgefunden hatte, wurde die Moderatorin vor die Wahl gestellt, den Song aus dem Internet zu nehmen oder den Sender zu verlassen. Dieser Sachverhalt wurde unter anderem von der Bild popularisiert. Dagegen berichteten die New York PostMarsha Kranes: Weird, but true. In: New York Post. 27. Mai 2006, S. 19. und The Sun,Get 'er off. In: The Sun. 27. Mai 2006. die Zusammenarbeit sei wegen ihres zu knappen Kleidungsstils beendet worden. Laut der Hindustan Times und Spiegel Online wehrte sich Şahin gegen die Trennung von Radio Bremen mit rechtlichen Mitteln.Now, wearing sexy outfits to work can get you fired! In: Hindustan Times. 29. Mai 2006. oder Integration. „Meine Zeit wird kommen“. In: Spiegel Online. 22. März 2008. Im Mai 2008 entschied das Landesarbeitsgericht Bremen unter Vorsitz des Richters Waldemar Reinfelder zugunsten von Radio Bremen. mini|Von Rapperin Lady Bitch Ray verteiltes Kondom als Werbegeschenk (2012) In der Folge veröffentlichte Şahin den Titel Ich hasse dich, in dem sie sich beleidigend über die Popstars Jeanette Biedermann und Sarah ConnorRené Ebensen: Rüpel-Rapperin Lady Ray: Ich bin die weibliche Bushido … und singe meine Skandal-Texte bald bei arte. Bild.de; abgerufen am 12. Dezember 2007. sowie die Musikproduzentin Melbeatz äußert. In ihrer dritten Rapveröffentlichung Ich tret’ dein Arsch beschimpft sie den Berliner Rapper Kool Savas. Die Rapperin nutzte bei dem Song den Beat von Savas’ Single Komm mit mir, die einige Zeit zuvor veröffentlicht worden war. Das Hip-Hop-Magazin Juice berichtete 2006 über Lady Ray und veröffentlichte das Lied Deutsche Schwänze auf einer Juice-CD. Şahin vermarktete ihre Produkte zunächst hauptsächlich über das Internet. 2006 moderierte sie die Pay-per-View-Talkshow Große Fische, kleine Fische, in der sie Gäste wie B-Tight, Henning Wehland oder Jan Delay interviewte.liv: Aberwitziger Talk. In: Hamburger Abendblatt. 9. November 2006, S. 4. Am 8. März 2007 gründete Lady Bitch Ray ihr eigenes Label Vagina Style Records. Die ersten, ausschließlich im Internet verbreiteten Veröffentlichungen waren am 30. März die EP Vorhang auf und am 7. Dezember 2007 die Single Mein Weg. Ihre Website bei MySpace erzielte bis April 2010 3,7 Millionen Aufrufe.dre: «Ich bin für vaginale Selbstbestimmung». In: 20 Minuten. 6. Dezember 2007; abgerufen am 13. Dezember 2007.

Durch einen Auftritt bei Menschen bei Maischberger wurde Şahin Ende 2007 erstmals einer breiten deutschen Öffentlichkeit bekannt. Ein Manuskript ihres später veröffentlichten Buches Bitchism wollte der Verlag Bastei Lübbe nach Fertigstellung nicht veröffentlichen. Als Lady Bitch Ray war Şahin in einer am 10. Januar 2008 ausgestrahlten Ausgabe der österreichischen Late-Night-Show Willkommen Österreich zu Gast. Dabei schüttete sie ein Glas Wasser über den ebenfalls eingeladenen Ulf Poschardt, der sich zuvor kritisch über sie geäußert hatte. Poschardt verließ daraufhin die Sendung vorzeitig. oder Zur Zeit des Wahlkampfs für die Landtagswahlen in Hessen verfasste Şahin für die Seite Spiegel Online einen Beitrag zu der Kontroverse über Jugendkriminalität, die im Januar 2008 von Ministerpräsident Roland Koch angestoßen worden war. Der Text befasste sich allerdings zu weiten Teilen nicht mit Jugendgewalt, sondern mit der Kontroverse um ihre Person und titulierte Şahins Kritiker als „Gartennazis“.Jugendgewalt-Debatte – Grummelnde Gartennazis. In: Spiegel-Online.de. 18. Januar 2008. alternativtext=Reyhan Sahin sitzt in einem pinken Kleid vor einem pinken Hintergrund auf der Frankfurter Buchmesse 2025 auf einer Bühne.|mini|Reyhan Şahin auf der Frankfurter Buchmesse 2025 Als Schauspielerin debütierte Şahin 2008 im deutschen Kinofilm Chiko, in dem sie eine Prostituierte spielt. Der Film hatte in der Sektion Panorama auf der Berlinale 2008 Premiere. Am 24. April 2008 bewarb sie den Film in der Unterhaltungssendung Schmidt & Pocher. Nach der Erstausstrahlung der Ausgabe verzichteten der MDR und der BR auf die sonst üblichen Wiederholungen der Sendung. Den Grund für diese Absetzung vermutete Spiegel Online in der skandalträchtigen Sprach- und Themenwahl der Künstlerin: Şahin schenkte Pocher in der Sendung eine Dose, die angeblich ihr Vaginalsekret enthielt. Die Sendung geriet daraufhin in die Kritik und wurde nach Jahresende beendet. Im Juni 2008 hatte Şahin einen Gastauftritt in der 7. Folge von MySpaces Internet-Seifenoper Candy Girls; mit Hinweis auf den Jugendschutz wurden dabei Teile von Şahins Wortbeiträgen zunächst ausgeblendet, später wurde die ganze Folge aus dem Angebot genommen.

Im Mai 2009 gab ihre Agentur bekannt, dass Şahin aufgrund gesundheitlicher Probleme eine Karrierepause einlegen werde. Anlass war ein Zusammenbruch in der Universitätsbibliothek Bremen am 18. August 2008.Jan Thiemann: auf unicum.de. 6. September 2012. In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt im September 2012 gab Şahin bekannt, dass sie an einer schweren Depression litt.Rapperin Lady Bitch Ray will besser auf sich aufpassen In: Die Welt. Abgerufen am 3. Oktober 2012.

Şahin nahm im Sommer 2014 an der Koch-Castingshow Hell’s Kitchen auf Sat.1 teil und ging als Siegerin aus dem Wettbewerb hervor. 2015 war sie in der Sat.1-Reality-Show Newtopia zu sehen.

2021 wurde Şahin von den Bremer Linken als Mitglied der 17. Bundesversammlung nominiert.

2025 machte sie ihre Brustkrebserkrankung aus dem Vorjahr öffentlich.

Rezeption Şahin wird in den Massenmedien unterschiedlich rezipiert: die Turkish Daily News charakterisiert sie als „kontrovers“, Bettina Lehnert meint auf dem Onlineportal des Rundfunk Berlin-Brandenburg, sie „provoziere“ mit „pornographischen“ Texten. Ursula Moreno vermutet in der spanischen El Mundo, dass sie sich primär durch Obszönitäten einen Namen gemacht habe. Laut Süddeutscher Zeitung reichen die Gästebucheinträge ihrer Website von „Du bist eine Schande für jede türkische Frau“ bis „Die ist voll powerful, sexy, ich hab’ Schiss vor der. Respekt!!“

Das Bremer Stadtmagazin citybeat attestiert ihr, dass sie eine Frau sei, die „unter einem penetranten Selbstdarstellungsdrang [leide] und […] dringend Karriere machen [wolle], egal um welchen Preis.“citybeat: Das Hamburger Abendblatt kritisierte ihre Internetsendung als „geschmacklos“, und die taz wandte ein, dass ihr „derbes, freizügiges Auftreten […] kaum Diskussionen über Integration“, sondern „vielmehr über Emanzipation und Geschmack“ auslöse.Lady Ray und die Wollust an der Provokation. In: taz. 3. Juli 2006, S. 5. Das online-Magazin Europolitan spricht ihr sogar jeglichen weiblichen Emanzipationseffekt ab.Christian Glöckner: In: Europolitan, 13. Dezember 2007; abgerufen am 13. Dezember 2007.

Mitte 2008 wurde Şahins Vorwurf, Charlotte Roche habe in ihrer Debütnovelle Feuchtgebiete Şahins literarischen Stil plagiiert, an prominenter Stelle in den deutschen Printmedien diskutiert.

Bei ihren Texten geht es der Rapperin laut eigener Aussage um türkisch-weibliche Emanzipation;Klaus Irler: Keine ist so krass wie ich. auf taz.de. 3. Juli 2006. Şahin sieht sich als Gegenentwurf zu männlich-chauvinistischen Rappern wie Sido oder Bushido. In: stern.de. 7. Dezember 2007; abgerufen am 13. Dezember 2007. Ihren Unmut darüber, wie in Deutschland deutsch-türkische Frauen gesehen werden, drückte sie in einem Interview mit der taz aus. Sonja Pohlmann und Caroline Fetscher vom Tagesspiegel geben ihr insoweit recht, als sie in Lady Bitch Ray eine Vertreterin der „Alphamädchen“, einer neuen Generation von hedonistischen Feministinnen sehen. Die Soziologin Paula-Irene Villa sieht in ihr ein „erfolgreiches Beispiel für die Ermächtigung von Frauen“.