mini|300px|rechts|Szene aus „Der Talisman“ von Johann Nestroy (1840)
Das Alt-Wiener Volkstheater (auch: Alt-Wiener Volkskomödie) ist eine österreichische Theaterform des 18. Jahrhunderts, die sich aus dem barocken Hanswurst über Philipp Hafner zu den Stücken von Josef Alois Gleich, Carl Meisl und Adolf Bäuerle entwickelte. Seinen literarischen Höhepunkt erreichte es im Vormärz in den Zauberspielen und Possen von Ferdinand Raimund und Johann Nestroy.
Historische Entwicklung Barockzeit mini|260px|Commedia-dell’arte-Aufführung auf einem improvisierten Spielgerüst, Gemälde von Karel Dujardin, 1657
Während der Barockzeit erreichte das europäische Theater der Neuzeit seine erste große Blüte. Höfisches Prunktheater, Ballett, Jesuitendrama und Stegreifkomödien belustigten Adel und Bürger. Sinnenfreudigkeit und Farbenpracht wurden im Zusammenhang mit der Warnung vor Ausschweifungen (Vanitas) zunehmend möglich.
Die Alt-Wiener Volkskomödie ging aus dem Erbe dieses Barocktheaters hervor und fand auf primitiven Bühnen, sogenannten „Pawlatschen“ statt, die auf bestimmten Plätzen in den Städten errichtet wurden. Gespielt wurde von englischen Komödianten, die seit Ende des 16. Jahrhunderts an das Festland kamen und Stücke Shakespeares und anderer englischer Dramatiker spielten. Sie nahmen bald deutschsprachige Schauspieler in ihre Reihen auf und trugen damit zum Entstehen eines neuen Berufsstandes bei. Neben den englischen zogen auch italienische Truppen durchs Land und spielten die Stücke der Commedia dell’arte, in denen der Dialog innerhalb einer feststehenden Szenenfolge als Stegreiftheater improvisiert wurde. Beliebte Rollentypen waren Arlecchino, Pantalone, Dottore, Pulcinella und Colombine, die alle in Masken gespielt wurden.
Aus diesen Wurzeln entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Alt-Wiener Volkskomödie. Sie bildet eine Synthese aus Hoftheater und Wanderbühne. Prägendes Vorbild zu dieser Zeit waren die Pariser Jahrmarktstheater. Das gesungene Couplet führt auf die Zwischenspiele der Jesuitendramen zurück; im Bühnenzauber spiegelt sich die barocke Ausstattungsoper wider.
Das Altwiener Volkstheater war von Anfang an untrennbar mit seinen Autoren und den Darstellern der „komischen Figur“ verbunden, die als Dreh- und Identifikationsfigur das Einverständnis zwischen Bühne und Publikum herstellte. Diese komische Figur entwickelte sich von der reinen Typisierung über naive Narrenfiguren bis zu den individuellen volkstümlichen Charakteren, die tief in der Volksseele wurzelten.
Hanswurst Joseph Anton Stranitzky (1676–1726) führte in die Haupt- und Staatsaktionen der italienischen Opernlibretti mit dem Hanswurst eine Figur aus dem Volk ein, er war der Schöpfer der Hanswurstkomödie (Hanswurstiade). Sein Hanswurst war in seiner derben Komik dem Arlecchino der Commedia dell’arte, dem Narren der mittelalterlichen Fastnachtsspiele, dem englischen Pickelhering, aber auch dem spanischen Gracioso und dem französischen Polichinell verpflichtet. Die Hauptmerkmale waren: bäuerliche Kleidung, kurzer Haarschnitt der Bauern („g’schert“), Halskrause des Adels, höfische Schuhe, Pritsche (Schlagstock) an der linken Seite zum Verhauen der Gegner.
mini|180px|links|Joseph Anton Stranitzky als Hanswurst (zirka 1720)
Sein Charakter war beherrscht von einer Gier nach Fleischlichem: Essen, Frauen und Wortunflat. Zu den von ihm sexuell bevorzugten Berufsgruppen zählten naturgemäß Köchinnen, bei denen er sich reichlich mit „knéln“ (Knödeln) versorgte, wie überhaupt: „Wirtshaus, Bratwurst, volle Becher! – Sind Hans Wurstens Sorgenbrecher.“
1711 fand Stranitzky im Wiener Kärntnertortheater eine feste Spielstätte für seine Truppe, die „Teutschen Comödianten“. Die Gagen der Schauspieler waren gering, ihnen wurden außerdem artistische und akrobatische Sonderleistungen abverlangt. Zubußen konnte man durch sogenannte „Accidentien“ (lat. accidentia = zufälliges Ereignis) erwerben: In dem Bestreben, dem Publikum Sensationelles zu bieten, wurden Fußtritte, Prügel oder Ohrfeigen extra bezahlt.
Gottfried Prehauser (1699–1769), Stranitzkys Schwiegersohn, kam 1725 von Salzburg nach Wien, wo er als „Neuer Wienerischer Hanswurst“ Stranitzky am Kärntnertortheater ablöste, dessen Erbe als Dichter und Schauspieler antrat und nach Stranitzkys Tod auch die Führung der „Teutschen Comödianten“ übernahm.
Joseph Felix von Kurz (1717–1784) schuf mit der Figur des Bernardon den Nachfolger des Hanswurst; er war der Erfinder und einzige Vertreter der „Bernardoniade“, der letzten Ausformung der extemporierten Zauberburleske. Als Partner von Prehauser verkörperte er in zahlreichen Stegreifkomödien am Kärntnertortheater den mit geistreichem und unverschämtem Wortwitz sozial höher gestellten Rivalen des traditionellen Hanswurst. Das extemporierte Theater, vor allem die „Compositionen von dem sogenannten Bernardon“, wurden durch einen Erlass Maria Theresias 1752 verboten. Kurz musste seine Possen niederschreiben, die gedruckten Stücke gaben von seiner einmaligen Fähigkeit des Extemporierens kaum etwas wieder, zumal die Zensur alle Zweideutigkeiten und groben Scherze getilgt hatte. Damit war seinem Wirken in Wien der Boden entzogen. (→ Siehe auch: Extempore#Hanswurststreit)
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hörte Hanswurst auf, Zoten und fäkalische Witze von sich zu geben. Die aufklärerische Politik erlegte ihm Mäßigung auf. Im norddeutsch-protestantischen Raum hatte man zu jener Zeit den Hanswurst schon längst als widernatürliche und unappetitliche Unterhaltungsform abgelegt. Das Beharrungsvermögen des Alt-Wiener Spaßmachers hat mit seinen multikulturellen Bindungen, der Spezifik des Publikums sowie seiner Beliebtheit selbst in den politischen Eliten zu tun. So tölpelhaft der Hanswurst auch war, das Publikum identifizierte sich mit ihm und grölte vor Vergnügen, wenn er auf der Bühne sogar die Polizei verhöhnte. Es war tatsächlich ein „Theater für das Volk“, alle gesellschaftlichen Schichten waren im Publikum vertreten, einer der begeistertsten Besucher war Franz Stephan von Lothringen, der kaiserliche Gemahl Maria Theresias. Die Bestrebungen der Zensur, das Stegreifspiel zu verbieten, belegen die Wirksamkeit dieses volkstümlichen Theaters.
Philipp Hafner Philipp Hafner (1735–1764), der als Vater des Wiener Volksstückes gilt, griff in den Hanswurststreit ein und vermittelte mit seiner satirischen Schrift „Hanswurstische Träume“ zwischen den beiden Streitparteien. Er geißelte die Schwächen des abgenützten Stegreifspiels, sprach aber dem Theater gleichzeitig jegliche erzieherische Funktion ab.
Die Wirklichkeit zeigte, dass ein Miteinander der beiden Gattungen die Lösung war: Hanswurst, Bernardon und Kasperl durchliefen in der Folge eine Entwicklung vom derb-deftigen Sauf- und Raufbold, Sexprotz und bramarbasierend-extemporierenden Feigling zum Diener und Hausknecht und hielten auch im klassischen Schauspiel Einzug. 1763 spielte Gottfried Prehauser sogar den Diener Norten in Gotthold Ephraim Lessings Miss Sara Sampson als Hanswurst.
Hafner, der schon früher dem ihm befreundeten Hanswurst-Darsteller Prehauser Epiloge geschrieben hatte, schrieb nun Originalstücke im Stil des volkstümlichen Stegreiftheaters, aber mit festem Text („Burlins und Hannswurst's seltsame Carnevalszufälle“). Die Handlung seiner Komödien war so folgerichtig, ihr Bau so regelmäßig, der Witz so fern jeder Zote, dass selbst seine Gegner ihm nichts anhaben konnten. Manche Figuren, die er geschaffen hat, wurden zu stehenden Typen des Wiener Volkstheaters. Er war der erste Autor, der nicht zugleich auch der Darsteller seiner Hauptrollen war. Im Genre des Zaubertheaters und der Maschinenkomödie parodierte Hafner auch die Vorliebe für technische Spezialeffekte („Mägera, die förchterliche Hexe“), die, wie auch „Der Furchtsame“ (1764), am Hofburgtheater herausgebracht wurden, da das Theater am Kärntnertor 1761 abgebrannt war.
Hafners Werk markiert für das deutsche Theater dasselbe, was Molière für Frankreich und Carlo Goldoni in Italien erreichten: Die Überführung der alten Stegreifkomödie in eine literarische Form unter Verwendung der Figuren der Commedia dell’arte und deren unmittelbaren Nachkommen Hanswurst und Kasperl. Hafner individualisierte die alten Figurentypen, verwandelte sie in bodenständige Charaktere des alten Wien und legte so den Grundstein zu jenem literarischen Genre, für das sich der Begriff der (Alt-)Wiener Volkskomödie eingebürgert hat. Mit seinem frühen Tod 1764 verlor das Wiener Theater eines seiner größten Talente.
Joachim Perinet (1763–1816), Schauspieler und Theaterdirektor hat viele Original-Stücke Hafners zu Operetten umgearbeitet, mit anderen Titeln versehen und mit nachhaltigem Erfolg am Leopoldstädter Theater herausgebracht. Manche von Hafners Rollen, wie den tauben Hausmeister im „Neuen Sonntagskind“, einer Operette, der Hafners Stück „Der Furchtsame“ zugrunde lag, hat noch Ferdinand Raimund gespielt. Goethe soll geäußert haben, dass er die große, sinnliche Masse Wiens in Hafners Werk so lebhaft dargestellt gefunden habe, „dass einem Angst und Bange werden konnte“.
Karl von Marinelli (1745–1803) begründete die Wiener Lokalposse und eröffnete 1781 die erste stehende Volksbühne Wiens, das Leopoldstädter Theater.
Wiener Vorstadttheater mini|200px|links|Das Theater in der Leopoldstadt, Aufführungsort der Kasperliaden von Johann Joseph La Roche Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen drei wichtige Vorstadttheater, die für die Entwicklung der Wiener Volksdramatik große Bedeutung erlangten: Das Theater in der Leopoldstadt, gegründet 1781 (ab 1847 Carltheater) Das Freihaustheater, gegründet 1787 (ab 1801 Theater an der Wien) Das Theater in der Josefstadt, gegründet 1788
Weil diese Theater nicht auf bestimmte Gattungen eingeschränkt waren, kam auf ihnen eine Mischung zwischen Oper, Sprechstück oder Pantomime zur Aufführung.
Das barocke Erbe wurde sowohl im Inhalt als auch in der Verwendung szenischer Effekte übernommen. Neben den herkömmlichen mythologischen Figuren gewannen die moderneren märchenhaften an Einfluss, also etwa Geister und Feen statt Satyrn, Furien und Nymphen. Die technischen Neuerungen der Theatermaschinerie wurden ausgiebig verwendet. Die „Maschinenburleske“, ein derb-komisches Possenspiel, benutzte den modernisierten barocken Bühnenapparat, um ihre einfältig-verschmitzten Helden in unerwartete Kalamitäten zu bringen.
Mit der von Johann Joseph La Roche (1745–1806) neu kreierten Figur des Kasperl fasste der Hanswurst in veränderter Gestalt wieder Fuß im Alt-Wiener Volkstheater und erlebte in ihr den Höhepunkt seiner Komik. La Roche spielte den Kasperl, dessen Attribut ein Brustfleck mit einem aufgenähten roten Herz war, ab 1781 am Leopoldstädter Theater, wo zahlreiche Stücke eigens für ihn geschrieben wurden. Er begründet mit dem Kasperl den Ruhm dieser ersten Wiener Vorstadtbühne, die bald nur mehr als „Kasperltheater“ bezeichnet wurde – sogar das 34-Kreuzer-Stück, der Eintrittspreis für den Ersten Rang, wurde allgemein „ein Kasperl“ genannt. Der gemalte Theatervorhang zeigte Kasperl, wie er von Thalia in den Parnass geführt wird, während Hanswurst und den italienischen Commedia-dell’arte-Figuren durch einen griesgrämigen Kunstrichter den Eingang verwehrt wird. Dank seiner Popularität wurde La Roches Kasperl auch zur Zentralfigur des Puppentheaters, in dem er bis heute weiterlebt.
mini|150px|rechts|Emanuel Schikaneder als Vogelfänger Papageno in Mozarts „Zauberflöte“
Auch der Hanswurst wurde wieder zum fixen Bestandteil der Volkskomödie und blieb ihr erhalten, noch 1841 spielte Johann Nestroy den Hanswurst in „Hanswurst Doktor Nolens volens“ von Mylius.