mini|Klimatische Heilanstalt Falkenstein, Freiluft-Liegehalle um 1886 mini|Hermann Brehmer Die Luftkur (auch Freiluftkur, Luftliegekur, Freiluftliegekur oder Freiluft-Liegekur) ist eine Form der Klimatherapie, die ab dem 19. Jahrhundert längere Zeit als Standardtherapie bei Tuberkulose galt. Die Patienten lagen dabei mehrere Stunden täglich auf Liegestühlen im Freien oder in offenen Liegehallen. Die Luftkur wurde in speziellen Lungenheilstätten (Sanatorien) durchgeführt.
Ob die Luftkuren überhaupt eine heilende oder zumindest eine unterstützende Wirkung besaßen, war nie erwiesen. Mit Entdeckung der infektiösen Natur der Tuberkulose durch Robert Koch und mit Entwicklung der Antituberkulotika wurde die Luftkur nicht mehr als Therapieform angewendet. Viele Sanatorien schlossen oder wurden zu Hotels oder Erholungsheimen umgewandelt. Auf diese Form der Kur geht die Bezeichnung Luftkurort zurück, die in Deutschland von Kurorten geführt werden darf, deren Klima als besonders gesundheitsfördernd gilt.
Geschichte Die Idee, dass spezielle klimatische Bedingungen heilend wirken können, war schon in der Antike bekannt. Der altgriechische Fachbegriff Heliosis bedeutete laut Ludwig August Kraus das Sonnen (lateinisch Apricatio = Sonnenbad) und sowohl Sonnenstich als auch Sonnenbad.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 453. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.
So genannte Luftbäder wurden im Zeitalter der Aufklärung als geeignetes Mittel zur körperlichen Abhärtung empfohlen. Sogenannte Klimakuren wurden bei Atemwegserkrankungen verordnet.Horst Jungmann: Die klimatherapeutischen Möglichkeiten bei Erkrankungen der Atemwege. Reihe Veröffentlichungen aus dem Curschmann-Institut. Timmendorfer Strand, Band VII. In: Österreichische Ärztezeitung. 35. Jahrgang, Nr. 19, 1980, S. 1089.Horst Jungmann: Medizinische Klimatologie im Kurort. In: Wissenschaftliche Reihe des Deutschen Bäderverbandes, Bonn / Kassel 1982, S. 14 f.
Ein früher Befürworter von Luftbädern war James Boswell, der bereits 1777 in Life of Johnson Lord Monboddos Luftbad beschreibt: „Lord Monboddo erzählte mir, dass er jeden Morgen um vier Uhr aufwachte und dann aus gesundheitlichen Gründen aufstand und nackt mit offenem Fenster in sein Zimmer ging, was er ein Luftbad nannte.“ Eine Form des Badens, die auch sein Zeitgenosse Benjamin Franklin zu schätzen wusste.Philip Carr-Gomm: A Brief History of Nakedness. Reaktion Books, London 2013, ISBN 1-78023-022-2, ISBN 978-1-78023-022-1, S. 272.zeitgenössische Quellen: Johann Coakley Lettsom medicinische Nachrichten... Altenburg 1777, S. 15 f.; Benjamin Franklins kleine Schriften... Band 2, Weimar 1794, S. 102; „... wie werdet Ihr Euch erst wundern, wenn ich Euch sage, daß der berühmte Franklin, den Ihr alle sehr gut kennt, sogar ein Luftbad erfunden hat? ... Er ließ sich einen Bezirk seines Gartens so umzäunen, daß kein Mensch hinein sehen konnte, zog sich dann nackend aus, und ging eine Stunde lang in freyer Luft in einem fort herum, bis er sich ziemlich müde gegangen hatte. ... Der englische Lord Monboddo bediente sich ebenfalls dieses Bades ...“, Neuer Kinderfreund. Band 7, Leipzig 1799, S. 120 ff.
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) plädierte 1795 in seinem Buch „Das Luftbad“ dafür, in allen vier Elementen zu baden: Wasser, Feuer, Erde und Luft. Unter dem Einfluss des englischen Arztes John Abernethy sagte er, dass die Haut ähnlich wie die Lunge atmet und dass der ganze Körper freien Zugang zur Luft braucht.Ludwig Christian Lichtenberg: Das Luftbad. In: Vermischte Schriften. Band 5, Kapitel 13: Das Luftbad. Verlag Heinrich Dieterich, Göttingen 1803 (andere Angabe 1795), S. 181–197. Als Erstbeschreibung der Luftkur gilt jedoch Ludwig Christian Lichtenbergs Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte. Schon im Jahre 1787 hieß es dort: „Die Wirkung der Luft und die vom Licht der Sonne sind vielleicht die ersten Beförderungsmittel der Gesundheit und der Lebhaftigkeit. Das Luftbad ist wirklich ein viel sanfteres und der Natur mehr angemessenes Mittel“ als ein Wasserbad. „Es ist demnach die Angabe, ein englischer Arzt Abernetzy [gemeint: John Abernethy] habe 1793 das Luftbad zuerst zur Sprache gebracht, falsch.“Alfred Martin: Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1906, S. 364.Christoph Wilhelm Hufeland (Hrsg.): Über die äußerliche Anwendung des kalten Wassers in hitzigen Fiebern. Drei Preisschriften der Herren Frölich, Reuß und Pitschaft. In: Journal der practischen Heilkunde. Supplementstück des Jahrgangs 1822, Berlin 1823. – Johann Jakob Adolf Pitschaft (1783–1848) war Arzt und Amtsphysikus in Baden-Baden. – Franz Ambrosius Reuß (auch: Franz Ambrosius Reuss; * 3. Oktober 1761 in Prag; † 9. September 1830 in Bilin) war ein böhmischer Arzt, Mineraloge und Geologe.
Im 19. Jahrhundert propagierten dann etwa zeitgleich mehrere deutschsprachige Mediziner die Wirksamkeit der Luftkur vor allem bei Tuberkulose, wobei vor allem Höhenklima als besonders heilsam galt. Die Liegekur ist wohl das eindrücklichste Beispiel für eine erfolgreiche psychosomatische Behandlung einer organischen Erkrankung. Bis zur Einführung wirksamer Medikamente nach dem Zweiten Weltkrieg blieb sie die wichtigste Maßnahme der Behandlung bei Tuberkulose.
Die Luftkur gehört zur Klimatherapie; man sprach auch von der klimatischen Reiztherapie.Horst Jungmann: Klimatherapie in der ärztlichen Praxis. In: Veröffentlichungen aus dem Curschmann-Institut. Timmendorfer Strand, Band II, 1965 – 1968, S. 205 – 224. Quelle: Ergebnisse der physikalisch-diätetischen Therapie. 7. Jahrgang (1966), S. 205 ff. Der Begriff Luftkur wird heute nicht mehr verwendet; auch die Klassifikation eines Kurortes als Luftkurort ist uneinheitlich. Heilklimatischer Kurort ist die heutige Bezeichnung. Umstritten ist das Prädikat staatlich anerkannter Luftkurort.Für Niedersachsen basierend auf: Niedersächsischer Landtag, 16. Wahlperiode, Drucksache 16/3359: Kleine Anfrage "Welchen Stellenwert haben Prädikate wie „staatlich anerkannter Luftkurort“ speziell für den Heidetourismus und die Tourismuswirtschaft in Niedersachsen?" (PDF; 100 kB), abgerufen am 23. März 2011. In der Liste deutscher Kurorte vom Deutschen Heilbäderverband fehlen Luftkurorte und Erholungsorte ohne Kurbetrieb sowie bloße Fremdenverkehrsgemeinden. Es gibt jedoch noch eine aktuelle Liste der Luftkurorte in Bayern.
Noch seltener wird das Substantiv das Luftkuren gebraucht: „Gleichzeitig erfreute sich das Luftkuren in höfischen und bürgerlichen Kreisen verstärkter Beliebtheit, und man entdeckte die heilende Wirkung der Gradierwerke.“Quellen: Die Welt, 29. Juni 2005. DWDS Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute. Sogar im DWDS fehlt das Substantiv das Luftkuren; es wird dort behandelt wie der Plural von Luftkur. Ein Beleg für ein Verb luftkuren fehlt.
In der französischen Thalassotherapie wurde in zwei großen Seehospizen nachts maschinell Luft in die Schlafsäle gepumpt. Das nannte man Nachtluftkur. Diese Seeluft wurde in großer Entfernung vom Strand und vom Hospiz über der See abgepumpt.Carl Haeberlin: Lehrbuch der Meeresheilkunde. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1935, S. 157. Ähnliches wurde auch in den Beelitzer Heilstätten praktiziert. „Ein ausgeklügeltes Belüftungssystem transportierte über kleine Häuschen im Unterholz frische Waldluft durch unterirdische Kanäle direkt in die Bettenhäuser.“Martin Glauert: Die Ruinen des Fortschritts. In: Der Allgemeinarzt. 46. Jahrgang, Nummer 2/2024 vom 8. Februar 2024, S. 64–67.
Luftbad Arnold Rikli beschrieb 1865 ein Luftbad als ein zeitlich dosiertes Einwirkenlassen der Außenluft auf den teilbekleideten oder nackten Körper ohne direkte Sonnenbestrahlung. Ein Luftbad dauerte zwischen fünf Minuten und sechs Stunden am Tag. Die Temperatur sollte unter 25 °C liegen. Das Luftbad konnte mit Atemübungen, Bewegungsübungen und Bürstenmassagen kombiniert werden. Als Indikationen (Heilanzeigen) wurden eine allgemeine Roborierung, vegetative Störungen, Zivilisationskrankheiten, chronische Hautkrankheiten, Erkrankungen der Atmungsorgane und eine Rekonvaleszenz nach anderen Krankheiten angeführt.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1971, 4. Ordner (Hypermagnesiämie–Melusidinae), ISBN 3-541-84004-8, S. L 166. Rikli empfahl den Besuch einer Lufthütte zur Vermeidung einer unerwünschten Windexposition bei einer kombinierten Luft-Wasser-Heliotherapie.
Bei Schilddrüsenkrankheiten sei damals „das Sonnenbad dringend zu vermeiden, das Luftbad zu empfehlen.“ – „Auch Luftbäder beruhigen das Herz, dagegen sind Sonnenbäder [bei Herz-Kreislauf-Krankheiten] ein reines Gift.“Heinz Graupner: Das Hausbuch der Gesundheit. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin / Darmstadt 1956, S. 413 und 518.
Ein Spezialfall des Luftbades ist das Einatmen radonhaltiger Luft (Radonbalneologie).Gerhard Hüfner: Die wissenschaftlichen Vereinigungen im deutschen Heilbäderwesen 1878–1994. Flöttmann Verlag, Gütersloh 1994, ISBN 3-87231-063-1, S. 85.
Weitere Varianten des Luftbades sind die OzonkurHorst Jungmann: Grundlagen der medizinischen Klimatologie. In: H. Drexel, G. Hildebrandt, K. F. Schlegel, G. Weimann (Hrsg.): Physikalische Medizin. Band 1. Hippokrates Verlag, Stuttgart 1990, S. 222–229, Zitat S. 227. und die Winterkur an der See.Carl Haeberlin: Lehrbuch der Meeresheilkunde. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1935, S. 144.
Freiluftbehandlung Als Freiluftbehandlung, Freilufttherapie oder Frischluftbehandlung verstand man in der Pädiatrie eine unterstützende Behandlung von Atemwegserkrankungen von Säuglingen und Kleinkindern durch einen Aufenthalt in frischer Luft. Diese Frischluftbehandlung mindert infolge relativer Kühle, relativer Feuchte, relativer Staubarmut und großer Fluktuation den Hustenreiz, fördert die Expektoration und wirkt beruhigend. Bei einer Frischluftliegekur sprach man früher nach Hermann Brehmer und Peter Dettweiler von der Brehmer-Dettweiler-MethodeGünter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 3. Ordner (F–Hyperlysinämie), München / Berlin / Wien 1969, ISBN 3-541-84000-5, S. F 191. (siehe unten).
Hermann Brehmer In Deutschland war der Arzt Hermann Brehmer (1826–1889) den Quellen zufolge der erste, der die bis dahin unheilbare Krankheit Tuberkulose als heilbar bezeichnete, und zwar mit Hilfe der Luftkur. 1856 schrieb er seine Dissertation mit dem Titel Die Gesetze und die Heilbarkeit der chronischen Tuberkulose der Lunge. Er ging davon aus, dass es „immune Orte“ gibt, die zum einen auf Grund ihres Klimas die Bewohner wirksam vor dem Auftreten von Tuberkulose schützen und zum anderen nach Ausbruch der Krankheit heilend wirken. 1863 ließ er ein Sanatorium für Lungenkranke in Görbersdorf in Schlesien errichten, wo er die Liegekur im Freien einführte. Es wurde zu einem Prototyp für Lungenheilstätten.
Brehmer war als Botanikstudent an Tuberkulose erkrankt und sein Arzt empfahl ihm, ein für ihn zuträglicheres Klima aufzusuchen. Er reiste in die Berge des Himalaya, betrieb dort botanische Studien und kehrte geheilt in seine Heimat zurück. Er begann Medizin zu studieren. Brehmer sowie der zur gleichen Zeit in Davos als Landschaftsarzt tätige Alexander Spengler waren überzeugt, dass das Klima in Dörfern, wo es keine Tuberkulosefälle gab, die Tuberkulose heilen müsse. Brehmer vertraute jedoch nicht allein auf die heilende Wirkung des Klimas. Seine Tuberkulosekranken mussten sich inmitten von Tannenwäldern bei guter Ernährung auf den Balkonen Freiluft-Liegekuren unterziehen.
mini|Geheimrath Peter Dettweiler
Peter Dettweiler