Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy ist ein dreibändiger Roman von Heinrich Mann, der, 1899 und 1900 in Riva entworfen, vom November 1900 bis zum August 1902 geschrieben wurde und im Dezember 1902 erschien, vordatiert auf 1903.
Der Autor teilt am 2. Dezember 1900 seinem Verleger Albert Langen über Die Göttinnen mit: „Es sind die Abenteuer einer großen Dame aus Dalmatien. Im ersten Theile glüht sie vor Freiheitssehnen, im zweiten vor Kunstempfinden, im dritten vor Brunst. Sie ist bemerkenswerther Weise ein Mensch und wird ernst genommen; die meisten übrigen Figuren sind lustige Thiere“.zitiert in Anger S. 87, 88.
Figuren Zara Violante, Herzogin von Assy Dr. Pavic, der Tribun, dalmatinischer Revolutionär, Christ Baron Christian Rustschuk, Vermögensverwalter der Herzogin, Finanzier Prinz Philipp (auch: Phili), Thronfolger im dalmatinischen Königshaus
Rom Marchese di San Bacco, Christ, Demokrat und Edelmann, italienischer Abgeordneter, Oberst, Commendatore, Garibaldianer, Freiheitskämpfer, ehemals Korsar, Diktator Monsignore Tamburini, Vikar des Kardinals in Palestrina Kardinal Graf Anton Burnsheimb Gräfin Cucuru Vinon Cucuru, Tochter der Gräfin Lilian Cucuru, Tochter der Gräfin Advokat Orfeo Piselli, Patriot Contessa Beatrice, genannt Blà (auch: Bice), Dichterin, Freundin der Herzogin Paolo Della Pergola, Journalist
Venedig Properzia Ponti, Bildhauerin Lady Olympia Ragg, eine in Europa „umherstreichende Unkeusche“ Jakobus von Halm, Wiener Maler in Italien Bettina von Halm, seine in Wien lebende Gattin Linda von Halm, beider Töchterchen Contessa Clelia Dolan, Halms Maklerin Maurice de Mortœil aus Paris, ihr Gatte Conte Dolan, ihr Vater, ehemals Properzias Makler Nino Degrandis Gina Degrandis, seine Mutter
Neapel Jean Guignol, Dichter, Gatte von Vinon Cucuru Don Saverio Cucuru, Bruder von Vinon Sir 'Houston, Sohn Lady Olympias
Handlung Der Roman handelt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Er führt nach Zara (die alte Hauptstadt des Königreichs Dalmatien in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn), Rom, Venedig und Neapel sowie in die weiteren Umgebungen dieser drei italienischen Städte.
Erster Band: Die Herzogin – eine Diana in Rom mini|hochkant|Einband der Erstausgabe 1903 mini|hochkant|Tiziano Vecellio (* um 1477; † 1576): Diana und Kallisto
Die Flucht nach Italien Die Besitzer der Ländereien in Dalmatien sind Italiener. Die einheimische slawische Bevölkerung, die Morlaken, sind Habenichtse. In einem „Waschzettel“ schreibt Heinrich Mann um 1902: „In dem ersten ihrer Romane sieht man die Herzogin jung, nach Freiheit und nach Thaten dürstend, und immer in Bewegung, wie eine Jägerin Diana, ihr Land Dalmatien durchstreifen … Sie veranlaßt politische Aufstände … Anstatt Königin zu werden, muß die Herzogin über das Meer flüchten“.zitiert in Anger S. 94. Im offenen Boot über die stürmische Adria immer westwärts, wird die „sehr schlanke“ Frau mit den „schmalen Schultern“ vom feigen Pavic begleitet, einem dalmatinischen Staatsverbrecher und „romantischen Revolutionär“. Pavic war in Zara ihr Werkzeug während ihrer dalmatinischen Revolution im aussichtslosen Kampf um Freiheit, Gerechtigkeit, Aufklärung und Wohlstand. Pavic, „der fromme Sohn armer Leute“, war es auch, der die 22 Jahre junge Witwe in ihrem Palast auf dem Sofa unter der goldenen Herzogskrone vergewaltigte. Pavic zeigte der Herzogin gleich hinterher Gewissensbisse, aber das Opfer mit den „gerundeten Armen“ zuckte nur die Schulter. Pavic kann sich seine Schwäche unmittelbar nach dem Geschlechtsakt nicht verzeihen, denn der Mann muss die Frau demütigen, meint er. Auf der Flucht verliert Pavic auf hoher See den einzigen Sohn. Das Kind wird bei rauer See über Bord der schwerfälligen Segelbarke gespült. Pavic kann den Verlust nicht verwinden und gibt der Herzogin die Schuld. Die Flüchtlinge landen bei Ancona.
Die dalmatinische Mönchsrevolte Als politischer Flüchtling findet die „unfromme“ Herzogin, der „bunte Vogel“, Asyl bei den Mönchen im Kloster in der grauen Bergstadt Palestrina. Die Herzogin weiß, ihre Volksrede in Zara, die Pächterunruhen und überhaupt – ihre ganze Revolution in Dalmatien hat sie durch ihr romantisches Vorgehen, durch ihr Ungeschick, verdorben. Also gibt sie den zweiten Versuch der „dalmatinischen Staatsumwälzung“ in professionellere – sprich katholische – Hände. Vikar Monsignore Tamburini zettelt von Rom aus eine Revolte an, die von dalmatinischen Mönchen forciert wird. Auch diese scheitert. Der Vikar war nur auf das Geld der Herzogin aus. Da er es nicht erhält, macht er seinem Ärger Luft. Die Herzogin, nicht verlegen, gibt zurück, „das Leben von einigen tausend Menschen“ sei ihr und ihm „völlig gleichgültig“. Tamburinis Vorgesetzter, der Kardinal, duldet scheinheilig die revolutionären Umtriebe des machtgierigen, geldhungrigen Untergebenen. Gräfin Cucuru, „seit vierzig Jahren die Mätresse des Kardinals“, versucht ebenfalls, ihr Geschäft mit der Asylantin zu machen. Brieflich verrät sie die Revolte der verbannten Herzogin an den dalmatinischen Gesandten in Rom.
Die Finanzministerin Pavic lernt auf dem Korso den Advokaten Orfeo Piselli kennen und stellt ihn der Herzogin vor. Die Blà, Römerin, Dichterin, vertraute Freundin und Kassenverwalterin der Herzogin, verliebt sich sofort unsterblich in den Advokaten. Piselli ist ein Glücksspieler, der die erforderlichen Mittel aus der herzoglichen Kasse entwendet. Das wird möglich, nachdem die Blà ihm sexuell hörig geworden ist. Schließlich sucht er die „überanstrengte, abgemagerte“ Dichterin nur noch mit der Reitpeitsche auf. Selbst in diesem Stadium kann die Durchgeprügelte nicht von dem Unhold lassen und gibt ihm das letzte Geld. Die Blà wird von Piselli lebensbedrohlich verletzt. Die Herzogin besucht die Freundin, als diese auf dem Sterbelager liegt, hält ihr ihren Verrat vor und verzeiht ihr schließlich die Untreue.
Der Demokrat Marchese di San Bacco, einer der Freiheitskämpfer um Pavic, macht der Herzogin einen Heiratsantrag und wird abgewiesen. San Bacco verlässt Rom und begibt sich umgehend in das nächste Revolutionsgebiet – nach Bulgarien. Später kommt er wieder.
Der Skribent Der Journalist Paolo Della Pergola ist in die Herzogin „vollständig verliebt“ und geht ebenfalls gleich aufs Ganze. Er will der Herzogin seine Feder leihen für Dalmatien, das Ziegenreich. Die schöne junge Frau aber möchte er dafür als Bezahlung besitzen. Die vorsichtige Herzogin fordert einen sichtbaren Erfolg der Schreiberei Della Pergolas, bevor sie seine Geliebte wird. Pavic, der Eifersüchtige, macht dem Mann neben der Druckerpresse einen Strich durch die Rechnung. Pavic plaudert dem „ekelhaft ruhmredigen“ Della Pergola sein Geheimnis aus – eben jenes mit der Herzogin auf dem Sofa unter der goldenen Herzogskrone. Der tief enttäuschte Skribent publiziert einen verleumderischen Artikel. Tribun Pavic lässt den Schreiber „bühnengerecht“ ermorden. Der Tribun selber nimmt keinen Dolch in die Hand. Er kann kein Blut sehen.
Der Maler Jakobus Halm malt die Herzogin. Mit dem Porträt möchte er einen Hochmut darstellen, „der nur sich kennt“. Das Malen ist diesem Künstler Zwang geworden.
Das Finale Nach der gescheiterten zweiten dalmatinischen Revolte wird die Herzogin vom dalmatinischen Gesandten in Rom aufgesucht. Erfreulicherweise, so eröffnet ihr der Besuch, wurde die Konfiskation ihrer Güter aufgehoben. Dann warnt er sie noch vor ihren Freunden. Obwohl der Gesandte zu den Siegern gehört und die ganze Zeit zu einer Verliererin spricht, kommt er sich hinterher unterlegen vor und fragt sich: „Welche Macht hat diese Frau?“
Die Freundin Blà ist gestorben, und die Herzogin fühlt sich in Rom heimatlos. Ihr Vermögen hat die Herzogin zurück. Also will sie sich fürderhin ganz der Kunst widmen und geht nach Venedig. Schließlich ist sie die späte Enkelin eines Condottiere der Republik.
Zweiter Band: Die Herzogin – eine Minerva in Venedig mini|hochkant|Einband des Erstdruckes 1903 mini|hochkant|Minerva
Endstation Irrenhaus Der zweite Band Minerva eruiert die Frage: Wird sich die Herzogin zum Beischlaf mit dem Maler Halm bereitfinden? Die Herzogin macht es sich und dem Leser nicht leicht. In einem selbstquälerischen Prozess, der über fast neun Jahre verläuft, ringt sie sich schließlich am Ende des zweiten Bandes zu dem Akt – oder einer ganzen Serie von solchen – durch. Das kann nicht so schnell gehen, denn die Herzogin will unbedingt frei sein. Halm hingegen fordert von der Frau seiner Wahl Unterwerfung. Dafür ist die Herzogin zunächst nicht zu haben. Genauso hartnäckig wie die Herzogin allerdings ist auch Halm. Kurz entschlossen reist der 35-Jährige der Herzogin von Rom nach Venedig hinterdrein und bleibt die ganzen Jahre in ihrem Umkreis. Immer „das Tier in sich“, fordert Halm von der Herzogin, mitunter ziemlich unhöflich, dass sie ihn „erhören muß“. Natürlich stößt er da bei der adeligen Dame auf Widerstand. Die Herzogin, die langsam älter, aber keineswegs kälter wird, ist noch „formenreich, gepflegt, sehr weiblich und überaus begehrenswert“. Erst als Halms Gattin Bettina, vor der sich der potente Gatte ekelt, aus Wien auf Betreiben der Intrigantin Contessa Clelia Dolan anreist, lässt sich die Herzogin von Halms Ehefrau zur Venus-Rolle überreden: Der 44-jährige Meister könne das große Kunstwerk Venus doch nur schaffen, wenn er das inzwischen 39-jährige Modell zuvor gründlich beschlafe. Gesagt, getan – unter „den schweren Bildern eines keuchenden Glücks stürmt“ Halm „auf die Glieder“ der Herzogin ein. Es kommt, wie es kommen muss. Die Venus wird nicht gemalt. Halm will sein Nackt-Modell nur noch vergewaltigen. Wie Fremde gehen beide auseinander. Bettina, die ihren Ehemann sehr liebt, hat den Mund zu voll genommen und landet im Irrenhaus.
Nino Die Vorgänge im zweiten Band sind weit komplizierter und vor allem verflochtener als soeben in ein paar Sätzen zusammengefasst. Die Herzogin, beständig auf der Hatz nach dem Schönen, sucht dieses nicht nur in der Kunst, sondern auch im Lebendigen. Also verfolgt sie den schönen Knaben Nino Degrandis, der an der Hand seiner verzagten Mutter Gina Degrandis durch Venedig streift. Gina ist in Betrachtung ihrer „lieben Kunstwerke“ versunken. Die Herzogin wirft tiefe Blicke, die schließlich von dem 13-Jährigen schüchtern erwidert werden. Wie es der Zufall will – die Herzogin erkennt in Gina eine ihrer ersten Fluchthelferinnen von damals auf dem Wege nach Palestrina (siehe oben). Gina ist das bedauernswerte Opfer eines rohen Gatten.
Die zarte Liebesgeschichte zwischen Nino und der Herzogin gipfelt in einem gemeinsamen Aufenthalt des ungleichen Paares auf einem märchenhaften Anwesen in der Umgebung Venedigs. Obwohl die Herzogin für die Abwesenheit der Mutter Ninos gesorgt hat, passiert nichts zwischen dem „Paar“. Die Herzogin ist die erste Liebe Ninos, der inzwischen 14 Jahre alt geworden ist. Die Herzogin nennt Nino nur ihren Freund. Als dann der Maler Halm erscheint und sich endlich als Beischläfer hervortun möchte, hat Nino seine Schuldigkeit getan und wird von der paarungsbereiten Herzogin fortgeschickt. Sobald er ein Mann ist, darf Nino vielleicht wiederkommen, doch nicht nach Venedig.
Noch einen Herrn, der aus dem ersten Band bekannt ist, nennt die Herzogin ihren Freund – den alten Ritter Marchese di San Bacco, aus Bulgarien längst heimgekommen und gerade mal Politiker in Rom. San Bacco, der die Herzogin noch zärtlicher als früher liebt, ist inzwischen über sechzig Jahre alt. Der Marchese, der sich von seinen „parlamentarischen Fechterkünsten“ in der Provinz erholt, macht sich seinerseits Nino zum Freund, indem er dem sehnlichsten Wunsch des schwächlichen Nino entgegenkommt – Mann werden, um die Herzogin zu lieben. Man ficht mit Stöcken. Man benimmt sich ehrenhaft. San Bacco duelliert sich mit seinem Feinde, dem Herrn Maurice von Mortœil aus Paris – natürlich wegen einer Nichtigkeit.
Mortœil