mini|300px|Südarabien um 100 v. Chr. (Die Karte ist möglicherweise anachronistisch, da Ma'in (ca. 400–100 v. Chr.) und Himyar (ab ca. 100 v. Chr.) als selbstständige Staaten vermutlich nie koexistierten.)

Als Altes Südarabien oder Sayhad-Kultur bezeichnet man die Gebiete des heutigen Jemen, des westlichen Oman und des äußersten Südens Saudi-Arabiens von der Gründung der Reiche Saba, Ausan, Qataban und Hadramaut zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. bis zur Ausbreitung des Islam ab 632 n. Chr. Die Wissenschaft, die sich mit diesen Kulturen beschäftigt, bezeichnet man als Sabäistik.

Die Zentren der alten südarabischen Reiche lagen rund um die Wüste Ramlat as-Sabatain. Das südliche und westliche Hochland und die Küstenregionen waren politisch weniger einflussreich. Die Küstenstädte waren aber schon seit der Frühzeit für den Handel von großer Bedeutung. Außerhalb des heutigen Jemen dehnten sich die Reiche in den Oman, in die nordarabische Oase Dadan, nach Äthiopien sowie entlang der ostafrikanischen Küste bis ins heutige Tansania aus.

Forschungsgeschichte Die Sabäistik, die Wissenschaft vom alten Südarabien, gehört zu den jüngeren Zweigen der Altertumswissenschaft, da Südarabien in Europa länger als andere Gebiete des Orients weitestgehend unbekannt blieb. Erst 1504 gelang es einem Europäer, nämlich dem Italiener Ludovico de Varthema (1470–1517), ins Landesinnere vorzustoßen. Zwei dänische Expeditionen, bei denen unter anderem Johann David Michaelis (1717–1791) und Carsten Niebuhr (1733–1815) mitwirkten, trugen, wenn auch in bescheidener Weise, zur wissenschaftlichen Erforschung des Jemen bei. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten weitere Reisende über hundert altsüdarabische Inschriften nach Europa.

mini|hochkant|Der österreichische Forschungsreisende Eduard Glaser (1855–1908) Einen Höhepunkt erreichte diese Forschungsphase durch die Reisen des Franzosen Joseph Halévy 1869/70 und des Österreichers Eduard Glaser 1882–1894, die zusammen etwa 2500 Inschriften kopierten oder nach Europa brachten. Auf Basis dieses epigraphischen Materials erforschten Glaser, Fritz Hommel, David Heinrich Müller und ab 1911 vor allem Nikolaus Rhodokanakis die altsüdarabische Sprache und Geschichte. Letzterer kann als Begründer der Sabäistik (Sprache und Kultur Altsüdarabiens) als eigener wissenschaftlicher Disziplin gelten. Die Akademie der Wissenschaften in Wien hatte von 1898 bis 1920 eine eigene Südarabische Kommission. Nach Rhodokanakis wurde das Fach maßgeblich von Maria Höfner in Deutschland (Tübingen) und Österreich (Graz) fortgeführt.Roswitha G. Stiegner: Maria Höfner. In: Brigitta Keintzel (Hrsg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben – Werk – Wirken. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, S. 294–297.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden erstmals Grabungen im Jemen durchgeführt. Seit 1926 beteiligten sich auch Syrer und Ägypter an der Erforschung Südarabiens. Der Zweite Weltkrieg leitete eine neue Phase der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem antiken Südarabien ein: 1950–1952 unternahm die von Wendell Phillipps gegründete American Foundation for the Study of Man größere Grabungen in Timna und Ma'rib, bei denen unter anderem William Foxwell Albright und Albert Jamme, der die Inschriftenfunde veröffentlichte, mitwirkten.

Die erste systematische Bestandsaufnahme der archäologischen Objekte im damaligen Aden-Protektorat wurde ab 1959 von Gerald Lankester Harding durchgeführt. In dieser Zeit machte sich insbesondere Hermann von Wissmann um die Erforschung der Geschichte und antiken Geographie Südarabiens verdient. Daneben sind unter anderem die französischen Grabungen 1975–1987 in Schabwat (unter Leitung von Jacqueline Pirenne) und an anderen Orten, die italienischen Untersuchungen der steinzeitlichen Hinterlassenschaften und die Arbeiten des Deutschen Archäologischen Institutes in der Umgebung von Ma'rib zu nennen.

Quellen Die Quellenlage Alt-Südarabiens ist dürftig. Neben einzelnen Nennungen in assyrischen, persischen, römischen und arabischen Quellen sowie im Alten Testament, die sich vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis zur islamischen Zeit erstrecken, bilden die altsüdarabischen Inschriften die Hauptquelle. Diese sind jedoch zum großen Teil sehr kurz und daher nur beschränkt aussagekräftig. Der überwiegende Teil der Inschriften stammt aus Saba und dessen Nachfolgereichen, dem sabäo-himjarischen Reich, die wenigsten aus dem nur zeitweise bestehenden Ausan. Die meisten erhaltenen Inschriften sind Bau- oder Weiheinschriften, selten kommen echte historische Texte vor.

Chronologie Zwar erscheint das Reich Saba bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. in assyrischen Quellen, doch genügt dieser Fixpunkt nicht, die Frühgeschichte Südarabiens zu datieren, denn erst mit dem Feldzug des Aelius Gallus 25 v. Chr. und der Nennung des Königs Ilasaros ist ein absoluter Focus in der altsüdarabischen Geschichte gegeben. Für die frühere Zeit muss die chronologische Einordnung aufgrund des Vergleichs altsüdarabischer Funde mit Funden aus anderen orientalischen Gebieten, der Paläographie, der rekonstruierten Abfolge der Könige und Radiokarbondatierungen erfolgen. Hierbei haben sich im Wesentlichen zwei Lehrmeinungen herausgebildet: die „Kurze Chronologie“ und die „Lange Chronologie“. Zu Ende des 19. Jahrhunderts datierten Eduard Glaser und Fritz Hommel den Beginn der altsüdarabischen Zivilisation in das späte 2. Jahrtausend v. Chr., was in der folgenden Zeit noch etwas modifiziert wurde. Mittlerweile nehmen die Vertreter dieser „Langen Chronologie“ den Beginn der altsüdarabischen Kultur tendenziell etwas später, im 8. Jahrhundert v. Chr., an. 1955 veröffentlichte jedoch Jacqueline Pirenne einen Vergleich der altsüdarabischen Kunst und Münzprägung mit der griechischen und gelangte dabei zu dem Schluss, dass die südarabische Zivilisation erst im 5. Jahrhundert v. Chr. unter griechischen Einfluss entstanden sei. Diese neue „Kurze Chronologie“ untermauerte sie zusätzlich durch ihre Analyse der altsüdarabischen Buchstabenformen, also durch die Paläographie. Auf Grundlage der amerikanischen Ausgrabungen in Timna und Ma'rib 1951–1952 entstand etwa zur gleichen Zeit eine weitere, die sogenannte „Vermittelnde Chronologie“, die jedoch lediglich den Beginn von Qataban und Ma'in später ansetzte als in der „Langen Chronologie“, den Beginn des Reiches von Saba aber wie diese im 8. Jahrhundert annahm.

Auf Grund der Untersuchung einer Felsinschrift bei Ma'rib („Glaser 1703“) datierten A. G. Lundin und Hermann von Wissmann den Beginn Sabas gemäß der „Langen Chronologie“ wieder ins 12. bzw. 8. Jahrhundert v. Chr. zurück. Auch wenn sich ihre Deutungen später teilweise als unzutreffend erwiesen, ist die „Kurze Chronologie“ nicht belegt, vielmehr wurden in jüngerer Zeit zahlreiche Gegenargumente vorgebracht. Vor allem durch neuere archäologische Forschungsergebnisse, wie den italienischen in Yala / Hafari und den französischen in Schabwat, erhielt die Lange Chronologie immer mehr Anhänger. Inzwischen scheint die Mehrheit der Sabäisten der „Langen Chronologie“ von Wissmanns zuzustimmen, daher sind die Datierungen in diesem Artikel an ihr ausgerichtet.

Vorgeschichte Die Erforschung der südarabischen Vorgeschichte steht erst am Anfang, jedoch sind bereits aus der Altsteinzeit Lagerstätten bekannt. Aus der Jungsteinzeit stammen Tumuli und megalithische Anlagen. Unmittelbar den historischen Reichen voran gingen ab etwa 2500 zwei bronzezeitliche Kulturen aus dem Nordjemen und von der Küste des Indischen Ozeans. In der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends entstanden in der Küstenebene erste bedeutende urbane Zentren, darunter der Fundort Sabir. Bislang ist nicht eindeutig geklärt, ob die altsüdarabische Zivilisation kontinuierlich aus der südarabischen Bronzezeit hervorging, oder ob zu Beginn der Eisenzeit Gruppen aus Palästina oder Nordarabien südwärts wanderten, wie teilweise vermutet wird.Norbert Nebes: Zur Genese der altsüdarabischen Kultur. Eine Arbeitshypothese. In: R. Eichmann und H. Parzinger (Hrsg.): Migration und Kulturtransfer. Der Wandel vor- und zentralasiatischer Kulturen im Umbruch vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrtausend. Bonn 2001.

Geschichte Die Entstehungszeit der großen südarabischen Reiche ist bisher noch nicht eindeutig zu bestimmen, die Schätzungen schwanken selbst im Rahmen der langen Chronologie (siehe oben) vom 12. bis 8. Jahrhundert v. Chr.

Sabäische Hegemonie (800–400 v. Chr.) Zur Zeit der frühesten aus Südarabien stammenden historischen Quellen befand sich Südarabien unter der Vorherrschaft des Reiches Saba, dessen Zentren sich östlich von Sanaa in Sirwah und Ma'rib befanden. Die politische Landkarte Südarabiens bestand damals aus einigen größeren Reichen bzw. Stammesgebieten, Ausan, Qataban und dem Hadramaut, und andererseits aus einer nicht genau zu bestimmenden Anzahl von Kleinstaaten wie den Stadtstaaten Haram und Naschq im Dschauf. Nachdem bereits Yitha'amar Watar I. Qataban und Gebiete im Dschauf an Saba gebunden hatte,Norbert Nebes: Itaʾamar der Sabäer: Zur Datierung der Monumentalinschrift des Yiṯaʿʾamar Watar aus Ṣirwāḥ. In: Arabian archaeology and epigraphy. Band 18, 2007, S. 25–33. erreichte Saba unter Karib’il Watar I., der wohl zwischen dem 8. und dem 5. Jahrhundert v. Chr. regierte, den Höhepunkt seiner Macht und beherrschte das Gebiet von Nadschran im Süden Saudi-Arabiens bis zum Bab al-Mandab. Die Bildung des minäischen Reiches in der Flussoase des Dschauf nordwestlich von Saba im 6. Jahrhundert v. Chr. brachte die sabäische Vorherrschaft zwar in Gefahr, doch gelang es Yitha'amar Bayyin II., dem Vollender des großen Staudamms von Ma'rib, den Norden Südarabiens wieder zu unterwerfen. Zwischen dem 8. und 4. Jahrhundert entstand unter sabäischem Einfluss in Äthiopien der Staat Da’amot, der spätestens bis zur Entstehung des aksumitischen Reichs um die Zeitenwende bestand. Die genaue chronologische Einordnung von Da’amot und inwiefern es von Saba auch politisch abhängig war, ist allerdings unklar.

Die Zeit des qatabanischen Großreichs (400–50 v. Chr.) Im späten 5. und frühen 4. Jahrhundert lösten sich Sabas Vasallen Ma'in, Qataban und Hadramaut in einem Bündnis aus der sabäischen Hegemonie. Hadramaut und Ma'in, die anfangs in Personalunion vereint waren, kontrollierten von nun an die Weihrauchstraße, was minäischen Händlern die Kontrolle über die nordarabische Oase Dadan und eine Präsenz im östlichen Mittelmeerraum ermöglichte. Qataban eroberte den Süden Sabas und den Südwesten Südarabiens, wodurch es nun den Bab al-Mandab kontrollierte. Seinen Höhepunkt erreichte Qataban mit der Eroberung des Hadramaut im 3. Jahrhundert v. Chr.Mounir Arbach, 'Abd al-Rahman al-Saqqaf: Naqsh jadīd min ʿhd Ydʿʾb Yhnʿm malik Qtbn w-Ydʿʾb Ġyln malik Ḥḍrmwt. In: Raydan 7, 2001, S. 110–123 (Arabischer Teil), Figuren 21–22. CSAI-Nummer der Inschrift: Arbach-Sayun 1. und wenig späterUm 130 v. Chr.: Hermann von Wissmann in Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. S. 394; zwischen 85 und 65 v. Chr.: Kenneth A. Kitchen: Documentation for Ancient Arabia (siehe Literaturverzeichnis), S. 44; 180. Ma'ins. Nur wenige Jahrzehnte später (Hermann von Wissmann: 120 v. Chr.Hermann von Wissmann in Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. S. 395. Kenneth A. Kitchen: Mitte 1. Jahrhundert v. Chr.Kenneth A. Kitchen: Documentation for Ancient Arabia. S. 186.) zerbrach das qatabanische Reich: Ma'in wurde Saba eingegliedert, die qatabanischen Außengebiete Ausan, Radman und das erst kurz zuvor entstandene Himyar erlangten mit sabäischer Hilfe die Selbstständigkeit.

Die Vorherrschaft Sabas, Himyar und der Niedergang (50 v. Chr.–570 n. Chr.)