Als Grüne Revolution (engl. Green Revolution) werden die ab den 1960er Jahren erreichten Ertragssteigerungen durch den Technologietransfer moderner landwirtschaftlicher Methoden in verschiedene Entwicklungsländer bezeichnet.
In den Industrieländern hatten sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts die Anbaumethoden weiterentwickelt. In den späten 60er Jahren wurden Hochleistungs- bzw. Hochertragssorten eingeführt, insbesondere kurzhalmige Weizen- und Reissorten, die in Kombination mit Kunstdünger, Pestiziden, gezielter Bewässerung und der Mechanisierung der Landwirtschaft zu Produktivitätssprüngen geführt hatten. Die an Entwicklungsländer vergebenen Kredite waren teilweise mit der Bedingung verknüpft, neue landwirtschaftliche Produktionsweisen einzuführen und Privatisierungen im Bereich von Düngerproduktion und -vertrieb durchzuführen.
Der Begriff wurde von dem damaligen Geschäftsführer von USAID, William Gaud, gegen Ende der 1960er Jahre geprägt und bezog sich auf die damals mit neuen Anbaumethoden erzielten Rekorderträge in der Türkei, Pakistan, Indien und auf den Philippinen.Raj Patel u. a., Das Ende von Afrikas Hunger, übers. nach The Nation 2009, online: , S. 2 Aus dieser Perspektive erschien Hunger als Ergebnis technischer Defizite und die Grüne Revolution als ein Instrument zur Prävention gewaltsamer Revolutionen.
Die Folgen der Grünen Revolution sind international umstritten. Auf der einen Seite verbesserte sie die Ernährungssituation vieler Menschen erheblich, insbesondere in Asien. Auf der anderen Seite sind gravierende Umweltschäden in vielen Ländern zu verzeichnen, weil die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion in erster Linie durch Vergrößerung der Anbauflächen, schnellere Staffelung der Ernten und um den Preis eines massiven Pestizideinsatzes erfolgte. Kleinbauern wurden von den industriell bewirtschafteten Flächen verdrängt und mussten Randlagen mit geringer Produktivität neu erschließen. Auch die Grundwasservorräte wurden übermäßig genutzt. Die Aufstände wegen der Lebensmittelknappheit in vielen Ländern der Erde seit ca. 2010 machen die begrenzte Nachhaltigkeit der Grünen Revolution deutlich.
Geschichte Die Grüne Revolution beruhte auf der in den frühen 1940er Jahren begonnenen Zusammenarbeit der Rockefeller Foundation und der mexikanischen Regierung mit dem Ziel, die Produktion von Weizen, Mais und Bohnen zu steigern. Mexiko importierte Mitte der 1940er Jahre fast die Hälfte seines Weizenbedarfs. Innerhalb von zehn Jahren entwickelte das Programm unter Leitung von Norman Borlaug ertragreiche Halbzwergweizensorten, welche die Selbstversorgung Mexikos ermöglichten. 1963 wuchsen diese neuen Sorten auf 95 % der mexikanischen Weizenfläche, und der Ertrag war sechsmal höher als 1944. Aus dem Weizenprogramm wurde 1963 das Internationale Mais- und Weizenforschungsinstitut (CIMMYT) und dieses begann mit der Ausweitung des Programms auf andere Länder.Robert Zeigler & Samarendu Mohanty: Support for international agricultural research: current status and future challenges. New Biotechnology, Band 27, Nr. 5, 30. November 2010, S. 565–572.
In Asien und Afrika kam es in den 1950er und 1960er Jahren wiederholt zu akuten Nahrungsmittelknappheiten. Die Ernährung der schnell wachsenden Bevölkerung wurde durch häufige Hungersnöte und Dürren erschwert. Pro Einwohner wurden in Asien 1961 194 kg Getreide produziert; in den Vereinigten Staaten 868 kg. Dies spiegelte sich im Ernährungsstatus der Bevölkerung wieder. Die Kalorienaufnahme betrug 1891 kcal pro Tag und Einwohner in Asien und 2882 kcal in den USA. Die Lebenserwartung erreichte in Asien keine 50 Jahre und die Kindersterblichkeit war mit 125 bis 150 Toden pro 1000 Geburten sehr hoch. In Afrika lag die durchschnittliche Kalorienaufnahme bei 2089 kcal und die Kindersterblichkeit bei 100–300.
Die indische Regierung lud Borlaug Anfang der 1960er Jahre ein, um die mexikanische Erfolgsgeschichte zu wiederholen. Mit Unterstützung der Ford Foundation wurden kurz danach die ersten verbesserten Weizensorten im Punjab eingeführt. Von dort aus kamen sie auch nach Pakistan. 1960 wurde das International Rice Research Institute (IRRI) gegründet mit dem Ziel, die Züchtungserfolge für Reis zu replizieren. 1980 bedeckten Hochertragssorten von Weizen und Reis große Bereiche des indischen Subkontinents. Die schnelle Übernahme wurde durch aktive Unterstützung der Regierung ermöglicht, die für Garantiepreise, kostenlose Bewässerung und stark subventionierte Betriebsmittel sorgte.
1971 wurde die Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR) gegründet, um die globale Agrarforschung zu koordinieren und zu verbreiten. Die Weltbank, die FAO und das UNDP unterstützten die Gründung. Zum Zeitpunkt der Gründung der CGIAR entstanden neben CIMMYT und IRRI noch das Centro Internacional de Agricultura Tropical und das International Institute of Tropical Agriculture. Über die Jahre entstanden elf weitere Forschungszentren, welche jeweils andere Schwerpunkte hatten (andere Nahrungspflanzen, Vieh, Fisch, Wassermanagement, Agroforstwirtschaft und Ernährungspolitik).
In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden mit steigenden Raten weitere Hochleistungssorten entwickelt und weiter verbreitet, auch in zuvor vernachlässigten Regionen wie dem Nahen Osten, Nordafrika und Subsahara-Afrika. Bis zum Jahr 2000 wurden durch über 400 öffentliche Forschungsprogramme in über 100 Ländern ca. 8000 Sorten der Kulturpflanzen Reis, Weizen, Mais, Sorghumhirsen, Perlhirse, Gerste, Bohnen, Linsen, Erdnüsse, Kartoffeln und Maniok zugelassen.Evenson, R. & Gollin, D. (2003): Assessing the Impact of the Green Revolution, 1960 to 2000. Science, Vol. 300, Mai 2003, S. 758–762.
Hochertragssorten Das Rockefeller-Programm in Mexiko entwickelte zunächst Weizensorten konventioneller Wuchshöhe, die jedoch bei starker Düngung umknickten. Dasselbe galt für Reissorten. Das Augenmerk richtete sich daher auf Zwergwuchs. Halbzwergsorten knicken nicht nur weniger um, sie sind auch früher reif und unempfindlicher gegenüber Lichteinwirkung. Zusätzlich konnten Resistenzen gegen Schädlinge und Krankheiten eingekreuzt werden. Die kurze Wuchshöhe war die Voraussetzung für Ertragssteigerungen.Dana G. Dalrymple (1985): The Development and Adoption of High-Yielding Varieties of Wheat and Rice in Developing Countries. American Journal of Agricultural Economics 67 (5), S. 1067–1073.
Zwergsorten wurden erstmals in den 1870er Jahren in Japan entdeckt. Als sich die Verfügbarkeit von Mineraldünger Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erhöhte, verbreiteten sich diese Zwergsorten weiter. Nur wenige dieser Zwergsorten waren jedoch die späteren Halbzwergsorten, die ein oder zwei Gene für reduziertes Höhenwachstum tragen.
Weizensorten mit Zwerggenen verbreiteten sich in Japan Anfang des 20. Jahrhunderts. Eine dieser Sorten war ein Vorfahr einiger italienischer Halbzwergsorten, welche später wiederum im Nahen Osten und in China als Eltern verwendet wurde. Eine andere japanische Halbzwergsorte war die Grundlage für die Sorte Norin 10, die in den 1930er Jahren in Japan entwickelt wurde. Norin 10 wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten eingeführt, wo sie an der Washington State University mit der Sorte Brevin gekreuzt wurde. Ergebnisse dieser Kreuzungen wurden zu Borlaug nach Mexiko geschickt. Borlaug entwickelte mit deren Hilfe eine Reihe von Halbzwergsorten, die sich in den 1960er Jahren stark verbreiteten.
Reissorten mit Zwerggenen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts in China angebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in China erstmals eine Halbzwergsorte durch Züchtung entwickelt, Taichung Native 1. Eine Sorte aus Südchina, Dee-geo-woo-gen, war einer der Eltern für die erste von IRRI gezüchtete Sorte, IR8.
Folgen Die Grüne Revolution hat die landwirtschaftlichen Erträge erhöht, wovon Bauern und Konsumenten weltweit profitierten. Es wird geschätzt, dass die Grüne Revolution die Mangelernährungs- und Kindersterblichkeitsraten signifikant gesenkt hat. Kritiker weisen auf umweltschädigende Folgen der Grünen Revolution durch die Intensivierung des Anbaus hin, z. B. Bodendegradierung (z. B. durch Versalzung), chemische Verunreinigung, stärkere Beanspruchung von Grundwasserleitern und Verdrängung ursprünglicher Pflanzenarten, also Einschränkung der Artenvielfalt, welche auftraten, obwohl die Forschungszentren neben der Bekämpfung von Armut und Hunger auch zum Ziel hatten, umweltfreundliche Anbaumethoden zu entwickeln und zu verbreiten.
Produktion Vor dem Beginn der Grünen Revolution Ende der 1960er Jahre betrug der durchschnittliche Reisertrag in Indien 1,5–1,6 Tonnen pro Hektar. Seitdem wurden über 1000 moderne Sorten entwickelt (über die Hälfte durch das IRRI und seine Partner), was zu einem schnellen Anstieg der weltweiten Reisproduktion führte. 1980 lag der Nassreisertrag bei 2 Tonnen, 1990 bei 2,6 und 2000 bei 3 Tonnen. Zudem ermöglichten frühreife Sorten eine Verkürzung der Anbauperiode und eine zweite Aussaat und Ernte. Die Sorte IR36 wurde beispielsweise nach 105 Tagen geerntet, während die traditionellen Sorten 170 Tage benötigten. Die indische Produktion stieg von 60 Millionen Tonnen (1970) auf 135 im Jahr 2000 an. Die Philippinen verdoppelten ihre Reisproduktion zwei Jahrzehnte nach der Einführung der Sorte IR8. Ähnliche Effekte ergaben sich in anderen südostasiatischen Ländern. Indonesien wandelte sich vom Nettoimporteur (1960) zu einem ernährungsautarken Land (1984). Vietnam produzierte in den 1980ern Nahrungsmittelüberschüsse, während es in den 1960ern Defizite aufgewiesen hatte.
Auch die südasiatische Weizenproduktion erhöhte sich zwischen 1965 und 1995 von 66 Millionen Tonnen ausgehend um mehr als das Fünffache. Insgesamt wurden in den vier Jahrzehnten über 3000 Hochertragssorten entwickelt.
Ohne die grüne Revolution wäre die landwirtschaftliche Nutzfläche in Entwicklungsländern um schätzungsweise 3–5 % höher, als sie es heute ist.
Hungerbekämpfung Die Getreideproduktion Asiens insgesamt erhöhte sich von 385 Millionen Tonnen im Jahr 1965 auf über eine Milliarde Tonnen (2005). Diese wurde durch die schnelle Adoption der neuen Sorten ermöglicht. Die Adoptionsrate in den asiatischen Entwicklungsländern stieg von 20 % bei Weizen und 30 % bei Reis im Jahr 1970 auf etwa 70 % bei beiden Nutzpflanzen im Jahr 1990 an. Die Verdopplung der Bevölkerungszahl wurde durch den Produktionszuwachs übertroffen: Pro Kopf wurden 1965 207 kg Getreide produziert, 2005 waren es 275 kg. Die Kalorienaufnahme steigerte sich zwischen 1981 und 2003 um über 40 % (von 1891 auf 2695 kcal pro Kopf und Tag). Auch waren Fortschritte bei Lebenserwartung und Kindersterblichkeit zu verzeichnen. Das Ausmaß der Unterernährung sank deutlich. Am stärksten war der Rückgang in Ost- und Südostasien (43 % auf 13 % zwischen den Zeiträumen 1969-1971 und 1996–1998); in Südasien immerhin von 38 % auf 23 %. In Afrika sank der Anteil hingegen kaum.
Ohne die Grüne Revolution würden sich für Entwicklungsländer heute um 22 % niedrigere Erträge, um 29 % höhere Nahrungsmittelimporte, um 14 % niedrigerer Pro-Kopf-Kalorienkonsum sowie zusätzliche 187 Millionen hungernde Menschen ergeben.
Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung Die Zuwächse der Getreideproduktion führten – allerdings nur bis etwa zur Jahrtausendwende – zu einem Rückgang der Lebensmittelpreise. So blieben die Löhne niedrig, was das Wachstum in den asiatischen Volkswirtschaften stärkte. Der zunehmende Selbstversorgungsgrad ermöglichte es zudem, Devisen zum Ausbau der Infrastruktur und anderen Entwicklungsprojekten zu verwenden, anstatt Nahrungsmittel zu importieren.