Werner Elert (* 19. August 1885 in Heldrungen; † 21. November 1954 in Erlangen) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe.
Leben mini|Elert wurde in der Golgatha-Kirche in Heldrungen getauft. Werner Elert war der Sohn des Kaufmanns August Elert, wurde in der preußischen Provinz Sachsen geboren und wuchs in Norddeutschland auf. Seine Großeltern waren Bauern. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Harburg und des Gymnasiums in Husum studierte er Theologie, Philosophie, Geschichte, deutsche Literaturgeschichte, Psychologie und Rechtswissenschaft in Breslau, Erlangen und Leipzig. Er wurde in Erlangen zunächst in Philosophie, dann auch in Theologie promoviert.Als Quelle zu Jugend- und Studienzeit vgl. Elerts Eintrag in das Goldene Buch der Universität Erlangen vom 5. Januar 1927, publiziert in: Thomas Kaufmann: Werner Elert als Kirchenhistoriker. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche (ZThK) 93 (1996), S. 236–238. Während seiner Zeit in Erlangen und Leipzig wurde er Mitglied der dortigen Evangelisch-lutherischen Studentenvereine Philadelphia im Leuchtenburg-Verband (LV).
Nach einer kurzen Zeit als Hauslehrer im Baltikum (Livland) war er von 1912 bis 1919 Pastor in der evangelisch-lutherischen (altlutherischen) Parochie Seefeld (altlutherische Diözese Pommern), zu der neben Seefeld auch die Ortschaften Kolberg und Zuchen gehörten. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Feldprediger an verschiedenen Fronten.
1919 wurde Elert Direktor des altlutherischen theologischen Seminars in Breslau. 1923 erfolgte die Berufung auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Seit 1932 vertrat er die Systematischen Theologie. Im akademischen Jahr 1926/27 war er Rektor der Universität, 1928/29 und von 1935 bis 1943 Dekan der Theologischen Fakultät.
1933 trat er dem NSLB, dem der Parteigliederung der NSDAP angeschlossener Lehrerverband bei.Bundesarchiv, R 4901/13262 (Hochschullehrerkartei)
1953 wurde Elert emeritiert. Er starb während des darauffolgenden Jahres im 69. Lebensjahr überraschend an den Folgen einer Operation.
Werner Elert war verheiratet mit Annemarie Froböß (* 1892), einer Tochter des Breslauer Kirchenrates Georg Froböß. Sein Urenkel, Sönke Gerhold, ist Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht, Medienstrafrecht und Strafvollzugsrecht an der Universität Bremen.
Sein ehemaliges Wohnhaus in Erlangen, Hindenburgstraße 44, ist heute als Theologisches Studienhaus „Werner-Elert-Heim“ im Besitz der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Werk Christentum und allgemeines Denken Elerts Wirken fällt hauptsächlich in den Umbruch und Neuaufbruch der evangelischen Theologie nach dem Ersten Weltkrieg, durch den die liberale Theologie in eine Krise geraten war. Diese bestand darin, dass das Christentum nach den Erfahrungen des Krieges und dem Zusammenbruch der alten Ordnung nicht mehr als Bestandteil der allgemeinen Kultur und Bildung verstanden werden konnte. Vielmehr musste menschliche Kultur und Bildung als unzureichend und unter Gottes Gericht stehend begriffen werden, die christliche Botschaft demgemäß als Diastase gegenüber der allgemeinen Kultur.
Das Buch Der Kampf um das Christentum ist von der Grundauffassung bestimmt, dass, nachdem die Theologie des 19. Jahrhunderts um eine „Synthese“ mit der Umwelt bemüht war, nun die „Diastase“ bewusst gemacht werden müsse: „Theologie nicht als Appendix zur allgemeinen Geistesgeschichte, sondern als ihr selbständiges Gegenüber und Bezugspunkt“.Beyschlag: Erlanger Theologie, S. 154. Elerts Deutung der gegenwärtigen Kultur ist dabei stark von Oswald Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes. Eine Morphologie der Weltgeschichte“ bestimmt,Vgl. dazu auch Kaufmann, ZThK 93 (1996), S. 207ff. dessen Einfluss später auch in der „Morphologie des Luthertums“ bestimmend sein sollte. Stellt sich schon bei der Betrachtung der Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts heraus, „dass der Protestantismus überall da an den Rand des Untergangs geführt wurde, wo man ihn mit der nichtchristlichen Umwelt zu einer Synthese verschmelzen wollte“,Elert: Kampf um das Christentum, S. 3. so gilt das erst recht in der dekadenten Kultur der Gegenwart, die nach Spenglers Analyse aus dem „Untergang des Abendlandes“ schon im Stadium des Niedergangs begriffen ist: „Kann man nach allem, was die Weltgeschichte lehrt, nicht zweifeln, dass auch für unsere Kultur einmal der letzte Tag kommt, so werden die Christen, die aus unserer Mitte dann übrig sind, gleich jenen Pilgervätern nichts anderes mit hinübernehmen in eine neue Welt als die Bibel unter dem Arm“.Elert: Kampf um das Christentum, S. 490. „Dann gibt es in diesem Augenblick für diejenigen, die von der Christenheit zu ihren Wortführern bestellt sind, nur ein einziges großes Gebot: Das Christentum aus den Verschlingungen einer untergehenden Kultur zu lösen, damit es nicht mit in den Strudel hinabgerissen werde“.Elert: Kampf um das Christentum, S. 489.
Die Forderung nach einer „Diastase“ des Christentums zum allgemeinen Denken wird sich auch in späteren Arbeiten Elerts auswirken, so wenn er in der „Morphologie des Luthertums“ von einer konfessionellen „Dynamis“ des Luthertums ausgeht, „die als strukturelle Grundgegebenheit den historischen Veränderungen selbst vorgegeben ist“,Kaufmann, ZThK 93 (1996), S. 216. bzw. wenn er in seinen dogmengeschichtlichen Arbeiten entgegen dem Ansatz von Harnack und anderen die Bezogenheit des altkirchlichen Dogmas auf das biblische Christusbild herausarbeitet, um so zu zeigen, dass im Dogma keine Verfremdung des ursprünglichen Evangeliums vorliegt, sondern eine notwendige überzeitliche Vorgabe des Glaubens.
Zum theologischen Ansatz: Realdialektik von Gesetz und Evangelium Kennzeichen der betont lutherisch-konfessionellen Theologie Elerts,Diese profilierte konfessionelle Position zeigt sich beispielhaft darin, dass seine Dogmatik den Titel „Der christliche Glaube“ trägt, der durch den Untertitel „Grundlinien der lutherischen Dogmatik“ präzisiert ist. den man den „Lutheranissimus“ unter den Theologen genannt hat,Nach Walther von Loewenich: Erlebte Theologie. Begegnungen, Erfahrungen, Erwägungen. München 1979, S. 118 stammt diese Bezeichnung von „einem zeitgenössischen Theologen“ (ohne Namensnennung). ist die (Real-)Dialektik von „Gesetz“ als dem richtenden Schuldspruch Gottes über den Menschen und „Evangelium“ als dem Freispruch in Christus:Zum theologiegeschichtlichen Hintergrund der Gegenüberstellung von Gesetz und Evangelium vgl. Christoph Schwöbel: Gesetz und Evangelium. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Bd. 3, Sp. 862–867. „Die schroffe Antithetik der Verhältnisbestimmung von Gesetz und Evangelium, Deus absconditus und Deus revelatus, kann als Spezifikum der Theologie Elerts und als organisierendes Zentrum seiner Dogmatik und Ethik gelten“.Kaufmann: In: RGG4 2, Sp. 1198. Elerts Theologie ist somit von einer „Grundspannung“ geprägt.Oswald Bayer, in: Handbuch Systematischer Theologie I, S. 306. Gesetz und Evangelium sind keine abstrakten Lehren oder Botschaften, sondern Urteile Gottes, unter die sich der Mensch gestellt weiß. Die Spannung von Gesetz und Evangelium hat zwar Konsequenzen für Wissen und Tun des Menschen; es geht aber um ein „Pathos“, das in der Erfahrung der Sünde und der Erfahrung der Gnade besteht.
Die Erfahrung des Gesetzes schließt in sich das Erschrecken des Menschen vor dem Gott, dessen Ansprüchen er nicht gerecht werden kann, und den er so als vernichtend erlebt. Dieses „Urerlebnis“ beschreibt Elert wiederum in ähnlich eigenwilliger Form wie schon die Erfahrung der „Heimsuchung“ in dem oben zitierten Erlanger Vortrag: „Aber über all dieser Vernünftigkeit der Welt und Verständlichkeit des Sollens fährt der Mensch plötzlich zusammen. Ihn packt das Grauen. Wovor? Mit einem Grauen fängt vielleicht jede Religion an. Aber hier ist es nicht ein bloßes Gefühl weltlichen Unbehagens, das Gefühl für die Unheimlichkeit, Rätselhaftigkeit, Irrationalität der Umwelt. Auch nicht die bloße Furcht vor der eigenen Unzulänglichkeit, vor Altern und Sterbenmüssen. Und auch nicht nur das Gefühl vom Unendlichen erdrückt zu werden. Es ist vielmehr das Grauen, das einer empfindet, wenn ihn in der Nacht plötzlich zwei dämonische Augen anstarren, die ihn zur Unbeweglichkeit lähmen und mit der Gewissheit erfüllen: es sind die Augen dessen, der dich in dieser Stunde töten wird. (…) Gott ist plötzlich aus einem Gegenstande des Nachdenkens, aus einem Paragraphen der Dogmatik, zu einer Person geworden, die mich persönlich anruft.“Elert: Morphologie des Luthertums I, verb. Nachdruck der 1. Auflage, München 1958, S. 18.
In der Anrede im Gesetz ist Gott zwar gegenwärtig, aber als der verborgene Gott, der „Deus absconditus“. Gott offenbart sich zwar im Gesetz, sein Anliegen ist aber nicht, den Sünder tatsächlich zu vernichten, sondern ihn zum Glauben an das Evangelium zu bringen: „Das Urerlebnis ist nicht nur das Gegenteil von dem, was er [=Gott] erreichen will. Es ist zugleich das Mittel dazu. Der Zweck, den er erreichen will, ist der Glaube, und was dieser empfängt: Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit. Diese Güter sollen von ihm empfangen werden. Deshalb bedürfen sie des Glaubens, und deshalb muss der Mensch in die Lage kommen, in der ihn das Urerlebnis vorfindet.“Elert: Kampf um das Christentum, S. 63.
An dieser Stelle wird also in abstrakterer Form das ausgedrückt, was Elert in dem oben zitierten Vortrag vor der Erlanger Studentengemeinde damit umschrieb, dass Christus in wunderlichen Verkleidungen zu uns kommt. Im Evangelium, der Botschaft vom Freispruch des Sünders auf Grund des stellvertretenden Opfers Christi, tritt Gott dagegen aus seiner Heimlichkeit heraus.Elert: Kampf um das Christentum, S. 64: „Christus ist der Inhalt derjenigen Offenbarung, mit der es der Glaube als Glaube zu tun hat. In ihm tritt Gott aus seiner Heimlichkeit heraus.“ Er wird – mit Luther gesagt – zum „Deus revelatus“, zu offenbaren Gott, an den sich der Glaube halten kann. „Aus der furchtbaren Verfinsterung, des ‚verborgenen Gottes‘, dessen Urteil nach dem ‚Gesetz‘ mich als Sünder vernichtet, tritt 'Gott selbst' hervor als Mensch in der Gestalt Jesu Christi (…), aus dem Gericht das Evangelium: ‚Ich lebe, und ihr sollt auch leben‘ – ‚realdialektisch‘ verschränkt – diese allerengste und doch zugleich gewaltigste Engführung lutherischen Glaubens, das ist der erfahrungstheologische Kern von Elerts Theologie“.Beyschlag: Werner Elert in memoriam, S. 34. Beyschlag beruft sich auf Kollegerfahrung bei Elert sowie auf Elerts Aufsatz Gesetz und Evangelium, in: Elert: Zwischen Gnade und Ungnade, S. 132ff.
Da der richtende Gott nach Elert auch im Schicksal erfahren wird, wie etwa seine Deutung der Kriegserlebnisse als „Heimsuchung“ zeigt, bewährt sich der Glaube darin, dass er in den Widrigkeiten des Lebens nicht verzweifelt, sondern sich im Wissen darum, dass hier der verborgene Gott begegnet, an das Evangelium hält und an die Begnadigung des Menschen in Christus appelliert. Dies bildet die höchste Form der dialektischen Gotteserfahrung; es geht darum, gegen Gott an Gott zu glauben. Elert beruft sich in diesem Zusammenhang auf Luthers Auslegung der Geschichte von Jakobs Kampf am Jabbok in :