Vitale Candiano (* um 940; † November 979 in Venedig) war nach der als Tradition bezeichneten, staatlich gesteuerten Historiographie der Republik Venedig ihr 24. Doge. Er regierte wenig mehr als ein Jahr, nämlich von September 978 bis November 979. Dabei bemühte er sich um Ausgleich mit dem Römisch-deutschen Reich, mit dem es nach der im Jahr 976 erfolgten Ermordung des Dogen Pietro IV. Candiano zu Konflikten gekommen war.
Das Dogenamt Vitale war der vorletzte der Candiano-Dogen, die seit 887, besonders aber von 942 bis 976 durchgehend dieses Amt ausfüllten. Vitale wurde im September 978 als Kandidat der Opposition gegen die Partei der Orseolo gewählt, die gleichfalls eine Reihe von Dogen stellte. Mit Kaiser Otto II. gelang Vitale, unter Vermittlung seines gleichnamigen Neffen, eine Erneuerung der alten Privilegien und der Abschluss eines, wenn auch fragilen Friedensvertrages. Dies gelang aber offenbar nur, weil besagter Neffe, der zugleich Patriarch von Grado war, in gutem Verhältnis zum Kaiser stand, den er selbst gegen das Venedig der Orseolo, die Pietro IV. Candiano, seinen Vater, gestürzt und ermordet hatten, aufgestachelt hatte. Vitale dankte, schwer erkrankt, nach nur vierzehn Monaten im Amt, im November 979 ab. Er zog sich als Mönch in das Kloster San Ilario bei Fusina zurück, wo sich eine Art Grablege der Candiano befand. Er starb bereits vier Tage nach seinem Eintritt ins Kloster, in dem er begraben wurde. Vitales Tochter Maria Candiano heiratete den von 991 bis 1009 herrschenden Dogen Pietro II. Orseolo.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig mini|links|Domenico Tintoretto: Darstellung des Dogen im Dogenpalast, die in einem Spruchband seine Verdienste um die Beilegung der Zwietracht zwischen den „cives“ hervorhebt, ebenso wie seinen Rückzug ins Kloster: „CIVES DISCORDES SEDO MORIOR MONACATUS“. Das Bildnis ist eines der 38 Doppel-Dogenporträts im Saal des Großen Rates. Trotz der Kürze seiner Regierung war diese für das Verhältnis zu den Ottonen von erheblicher Bedeutung. Für das Venedig des 14. Jahrhunderts war die Deutung, die man der kurzen Herrschaft des Candiano gab, dementsprechend von symbolischer Bedeutung im Kontinuum der inneren und äußeren Auseinandersetzungen. Das Augenmerk der Chronik des Dogen Andrea Dandolo repräsentiert dabei in vollendeter Form die Auffassungen der längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit diesem Dogen die Geschichtsschreibung steuerten. Sein Werk wurde von späteren Chronisten und Historikern immer wieder als Vorlage benutzt, daher wurde es überaus dominant für die Vorstellungen von der venezianischen Geschichte. Dabei standen bei ihm die Fragen nach der politischen Unabhängigkeit zwischen den Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, im Mittelpunkt. Daher war immer wieder die Anerkennung der „alten Verträge“ durch die westlichen Kaiser (und Könige) von Bedeutung. Die Frage der Erbmonarchie, die die Candiano durchzusetzen versuchten, und die durch Vitale trotz der Katastrophe von 976 virulent blieb, war zur Zeit Andrea Dandolos in keiner Weise mehr mit den Interessen der zu dieser Zeit herrschenden Familien, vor allem aber nicht mehr mit dem Stand der Verfassungsentwicklung in Übereinstimmung zu bringen – auch wenn sich einige Familien auf die Protagonisten, die Candiano und Orseolo, zurückführten. Zugleich blieb der Ausgleich zwischen diesen ehrgeizigen und dominierenden Familien eines der wichtigsten Ziele, die Herleitung der herausgehobenen Position der ‚nobili‘ im Staat von großer Bedeutung. Die Etappen der politischen Entwicklungen, die schließlich zur Entmachtung des Dogen, dem man zunehmend Repräsentationsaufgaben zuwies, aber keine eigenständigen Entscheidungen mehr zugestand, war ein weiteres Darstellungsziel. Dessen Verwirklichung war im 14. Jahrhundert vergleichsweise weit vorangeschritten. mini|Italien und der Adriaraum um 1000
Die älteste volkssprachliche Chronik Venedigs, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge ebenso wie Andrea Dandolo auf einer in dieser Zeit längst geläufigen, von Einzelpersonen, vor allem den Dogen beherrschten Ebene dar. Diese bilden sogar das zeitliche Gerüst für die gesamte Chronik.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 45 f. Die Chronik berichtet über „Vidal Candiam, ovvero Sanudo“, er sei vom gesamten Volk, „per tucto el povolo“, gewählt worden. Er habe dem gleichnamigen Patriarchen von Grado mit Zustimmung des Volkes – „cum voluntade del povolo“ – die Heimkehr erlaubt. Dieser hatte es aus Angst vor dem Volk nicht gewagt zurückzukehren. Durch den Dogen und das Volk wurde er nach „Alemangna“ geschickt, um eine Aussöhnung („reconciliare“) mit dem Kaiser zu erreichen. „Et aproximandosi a la morte“, als er sich also dem Tode näherte, zog er die Kleidung eines Mönches an, um vier Tage darauf im „monesterio de Sen Yllario“ zu sterben. Er wurde ehrenvoll begraben – „sepellido honorevolmente“ –, nachdem er ein Jahr als Doge geherrscht hatte („habiando ducado anno uno“). Für den Verfasser gingen die Sanudo auf die Candiano zurück.
Pietro Marcello ordnete 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Dogen Pietro Orseolo als „huomo molto da bene, & giusto“ ein.Pietro Marcello: Vite de'prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 38–40, zu seinem Dogat S. 41 (Digitalisat). Um dem Volk die Freiheit zurückzugeben, so Marcello, habe man 976 Pietro IV. Candiano überfallen und ermordet. Trotz der Erfolge des neuen Dogen „alcuni pochi tristi ministri, & autori di quel Candiano, turbarono grandemente il pacefico stato di quel reggimento“ – einige traurige Diener also, dazu Parteigänger jenes Candiano, brachten den Frieden des Staates erheblich in Gefahr. Verkleidet verließ der Orseolo, ohne jemandem etwas zu sagen, Venedig und ging „in Guascogna“ in ein Kloster. Nun kam es wieder zur Wahl eines Candiano, nämlich von „Vitale Candiano, doge XXIII.“ im Jahr „DCCCCLXXVIII“. Durch ihn kam es zu einer Gesandtschaft unter Führung des gleichnamigen Patriarchen zu Kaiser Otto II., der wegen des Todes des Pietro Candiano „voleva male à i Venetiani“ – er wollte den Venezianern Übles wegen des besagten Mordes. Doch gelang es, zu erwirken, dass er „ritornò nell’amore ch'egli havea prima co’ Venetiani“, dass er also wieder ‚wie zuvor zur Liebe zu den Venezianern zurückkehrte‘. Dies wurde „in gratia del Patriarca Vitale“, dem Sohn des toten Dogen, erreicht. Doch dann, nach kaum einem Jahr erkrankte der Doge, der, um der Republik keinen Schaden zuzufügen, zum Mönch wurde und sich in das besagte Kloster zurückzog.
Nach der Chronik des Gian Giacomo Caroldo, die er 1532 abschloss, wurde bei der Belagerung des Dogenpalasts im Jahr 976 auf Anraten des „Pietro Orsiolo“, der am „rio di palazzo“ sein Haus hatte, mittels Pech und anderer Materialien Feuer gelegt. Im Verlauf dieses Aufstandes wurden der Doge, also Vitales Bruder, nebst Vitales Neffe, sowie seine Soldaten niedergemacht. Besagter „Orsiolo“ wurde einen Tag später zum Dogen in einer stark durch Feuer zerstörten Stadt gewählt.Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 72–76, zum Dogat allerdings nur wenige Zeilen (online). Nach dieser Chronik reiste der Patriarch Vitale Candiano, der sich wegen des grausamen Todes seines Vaters grämte, nach Sachsen zu Kaiser Otto II., den dieser Tod gleichfalls schmerzte. Auch wenn ständig Anschläge auf den Orseolo geplant wurden, wie ihm zu Ohren kam, so blieb er zunächst im Amt, verließ aber dann heimlich („occultamente“) Venedig, „senza dir parola ad alcuno delli suoi“, ohne den Seinen auch nur ein Wort zu sagen. Seine letzten Jahre verbrachte er in einem katalanischen Kloster. Nun wurde Vital Candiano, hier fälschlicherweise „figliuolo di Pietro 3°“ zum Dogen akklamiert, der ja ein Sohn Pietros IV. Candiano war. Daraufhin kehrte der Patriarch gleichen Namens aus Verona „con molta allegrezza“ zurück, um bald vom Dogen zu „Otho Imperatore“ gesandt zu werden. Dieser war wegen des Todes des Pietro Candiano voller Hass gegen die Venezianer („havea in grande odio Venetiani“). Der Patriarch kehrte zurück, denn er „ottenne la pace et confederatione fra l’Imperatore et Venetiani“, es kam also zu Friedensschluss und einer nicht näher bestimmbaren „confederatione“ mit Kaiser Otto II.
In der 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben des Frankfurter Juristen Heinrich Kellner, die auf Pietro Marcello aufbauend die venezianische Chronistik im deutschen Sprachraum bekannt machte, ist „Vital Candian der drey und zwantzigste Hertzog“. Er amtierte ab 978.Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 16v (Digitalisat, S. 16v). Der neue Doge holte Vitale, den Patriarchen von Aquileia, aus der Verbannung zurück. Dieser wiederum ging als Gesandter an den Hof Ottos II., „welcher Peter Candians’ Todt halber den Venetianern gar ungnedig war.“ Durch Vitale wurde „Ottonis zorn gelindert“ und er versöhnte („versühnet“) sich mit den Venezianern. Entscheidend war dabei, dass der Gesandte ein Sohn des „erschlagenen“ Dogen war. Der Friede zwischen Venedig und dem Reich wurde jedenfalls erneuert. Doch „kaum ein jar hernach fiel Vitalis in ein grosse Schwachheit“. Um Schaden von der „Gemein“ abzuwenden, trat der Doge zurück, wurde Mönch und trat ins Kloster S. Hilario ein, wo er schließlich auch beigesetzt wurde. mini|Leone Matina: Phantasieporträt des Dogen in der wohl ersten gedruckten Porträtserie aller bis dahin anerkannten Dogen, dem Ducalis regiae lararium von 1659