Pietro Badoer, auch Pietro Particiaco, selten Pietro Badoer-Partecipazio, in den zeitlich nächsten Quellen Petrus Badovarius († 942 in Venedig), war nach der staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig deren 20. Doge. Er regierte von 939 bis 942 als letzter Doge aus der Particiaco-Familie. Pietro Particiaco war der Sohn des 18. Dogen Ursus II. Sowohl sein Vorgänger als auch sein Nachfolger gehörten der Familie der überaus einflussreichen Candiano an.

Die zeitlich am nächsten liegende Quelle, die Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus, weiß nichts zu seiner Amtszeit zu berichten, nur, dass er fast drei Jahrzehnte zuvor in die Gefangenschaft des Bulgarenzaren Simeon geraten sei. Aufgrund dieses Schweigens der Quellen wurde früh angenommen, er habe friedlich regiert. Die „Ereignislosigkeit“ in den venezianischen Quellen setzt allerdings schon 933 ein und umfasst beinahe ein ganzes Jahrzehnt. Begraben wurde Petrus, folgt man Quellen des 14. Jahrhunderts, in der Kirche des Klosters San Felice zu Ammiana. Sein Grab ist nicht erhalten. Die Frage, mit welchem Status und in welcher Funktion die Reise des Dogensohnes an den Hof in Konstantinopel erfolgte, und wie unabhängig Venedig bereits zu dieser Zeit von Byzanz war, wird noch immer diskutiert.

Familie Die Particiaco gehörten zu den mächtigsten und einflussreichsten tribunizischen Familien Venedigs. Zusammen mit den Candiano und den Orseolo war es die Familie Particiaco-Partecipazio, die nach traditioneller Betrachtung von 810 bis zur Verfassungsreform von 1172 die meisten Dogen Venedigs stellte. Der erste Doge eines von Byzanz verhältnismäßig unabhängig agierenden Venedig war Agnello Particiaco (810–827), ihm folgten seine Söhne Giustiniano und Giovanni (829–836). Nach der fast dreißigjährigen Regierung des Pietro Tradonico kehrten die Particiaco 864 mit Orso I. auf den Dogenstuhl zurück (der erst seit Pietro I. Candiano überliefert ist, also seit 887). Ihm folgte sein Sohn Giovanni II. Als letzter „Partecipazio“, so die spätere Geschichtsschreibung, kam sieben Jahre nach dem Tod Orsos II. dessen Sohn Pietro Badoer aus einem Seitenzweig der Familie Particiaco, den Badoer, im Jahr 939 auf den Dogenthron.

Die Zugehörigkeit zu den Particiaco wird in der Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus behauptet, der etwa 80 Jahre nach dem Tod des Dogen schrieb.La cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime (= Fonti per la storia d’Italia [Medio Evo], IX), Rom 1890, S. 132 (Digitalisat). Das Chronicon Altinate gibt ihm den Beinamen Paureta.Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. 118. Johannes Diaconus nennt Ursus als Vater des Petrus Badovarius, der von 939 bis 942 herrschte,La cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime (= Fonti per la storia d’Italia [Medio Evo], IX), Rom 1890, S. 133. das Chronicon Altinate identifiziert die Badoer mit den Particiaco.Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. 157. Als eher schwacher Hinweis auf eine Gleichsetzung gilt Badoer einer der Brüder Johannes II. Particiaco, der vor 886 starb. Unter der Annahme, dass dieser Badoer der Vater Ursus’ II. war, könnte, so Marco Pozza, dessen Sohn als Cognomen den Taufnamen des Großvaters übernommen haben.Zu den Badoer/Particiaco vgl. Marco Pozza: I Badoer. Una famiglia veneziana dal X al XIII secolo, Francisci, Padua 1982.

Diplomatische Aufgaben, Gefangenschaft, Dogat Kurz nachdem Ursus, Petrus’ Vater, von der Volksversammlung zum Dogen gewählt worden war, schickte er seinen Sohn nach Konstantinopel zu Kaiser Leo VI. Dieser verlieh dem Dogensohn, wie seit geraumer Zeit üblich, den Titel eines Protospatharios.

Auf der Rückreise fiel Petrus – vielleicht 911 oder 912 – in die Hände des Herrschers von Zahumlje (Herzegovina) Michael, eigentlich Mihailo Višević, der ihn an den bulgarischen Zaren Simeon auslieferte, mit dem er gegen Byzanz verbündet war. Dieser ließ den Dogensohn gegen Lösegeld wieder frei. Dieses unrühmliche Ereignis wird zuerst von Johannes Diaconus in seiner Istoria Veneticorum erwähnt, die jüngeren Chroniken des 12. und 13. Jahrhunderts ignorieren den Vorfall. Erst im 14. Jahrhundert erwähnen ihn wieder die meisten Chroniken, aber nur wenige nennen ein Datum, nämlich das Jahr 915. Wann sein Vater Doge wurde, unterliegt gleichfalls stark abweichenden Datierungsversuchen. Als sicher kann nur gelten, dass die beiden Beteiligten, der Doge und der Zar, nur zwischen 912 und 927 zur gleichen Zeit herrschten. Die Dauer der Gefangenschaft wird meist sehr vage angegeben, reicht allerdings auch bis zu 18 Jahren. Einige machen wiederum Angaben zu zwei Gefangenschaften, nämlich bei Mihailo Višević und danach beim Zaren. Manche Chronisten machen aus dem Sohn des Dogen dessen Bruder, auch wer gerade Kaiser in Konstantinopel war, ist offenbar unklar, bzw. es werden sehr widersprüchliche Angaben gemacht. Dennoch erscheint der Vorgang in der Istoria Veneticorum glaubhaft, da er Venedig in keinem guten Licht darstellt.Șerban Marin: The Adventures of a Doge’s Son in the Balkans in the 10th Century. The Case of Pietro Badoaro (revisited), in: Plovdivski Istoricheski Forum 7 (2023) 25–61. Die Verhandlungen um die Freilassung fanden nach der Istoria Veneticorum unter Führung Domenicos, des zukünftigen Bischofs von Metamaucum statt. Während diese Chronik keinen Zusammenhang zwischen der Befreiung des Dogensohnes herstellt, behauptet Andrea Dandolo im 14. Jahrhundert, der Archidiakon sei wegen seiner Verdienste in dieser Sache zum Bischof erhoben worden. Die Überlieferung ist ansonsten sehr dürftig, so ist über die drei Jahre der Amtszeit Pietros als Doge nichts überliefert.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig des 14. Jahrhunderts war die Deutung, die man der Herrschaft des zweiten Pietro Badoer gab, trotz ihrer Kürze und Ereignislosigkeit, in mehrerlei Hinsicht von symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Chronik des Dogen Andrea Dandolo repräsentiert in vollendeter Form die Auffassungen der längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit diesem Dogen die Geschichtsschreibung steuerten. Sein Werk wurde von späteren Chronisten und Historikern immer wieder als Vorlage benutzt. Dabei standen die Fragen nach der politischen Unabhängigkeit zwischen den sich zersetzenden Kaiserreichen, des relativen Friedens in einer als chaotisch gedeuteten Epoche, dann des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen und Seeherrschafts-Anspruches, stets im Mittelpunkt. Denn Venedig war in dieser Zeit gezwungen, ausgesprochen eigenständig in einer politisch zersplitterten Umgebung zu agieren. Dabei spielte die Candiano-Familie, die vor und nach dem letzten Badoer herrschte und Venedig einen starken Expansionsschub verlieh, eine wesentliche Rolle. Pietro Badoer repräsentiert in besagter Geschichtsschreibung, ähnlich wie andere Dogen auch, eine Ruhephase vor dem nächsten Machtzuwachs Venedigs. Dabei sorgte er für Frieden und florierenden Handel. mini|Italien und der Adriaraum um 1000 Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge ebenso wie Andrea Dandolo auf einer von Einzelpersonen, vor allem den Dogen beherrschten Ebene dar. Jedoch bleiben die tatsächlichen Entscheidungsfindungsprozesse im Dunkeln.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 42. Nach dieser Chronik, die nur lakonisch über den Dogen berichtet, war seine Zeit von freiem Handel vor allem in der Lombardei geprägt. Dieser freie Handel wurde durch Privilegien ermöglicht, die Pietro Badoer, der nach dieser Chronik von 938 bis 941 herrschte, mit König Berengar ausgehandelt hatte (unklar ist, welchen Berengar die Chronik meint, denn Berengar I. war nur bis 924 König, Berengar II. hingegen erst ab 950). Dabei zahlten die venezianischen Händler nur eine „piçola gabella“, was ihnen gegenüber anderen Händlern einen erheblichen Vorteil verschaffte. Unter dem Dogen wurden angeblich erstmals eigene Münzen geprägt, und zwar „cum grande trionpho“. Ansonsten herrschte bis zu seinem Ableben „grandissima paxe et tranquilitade“, ‚größter Frieden und Ruhe‘.

In Pietro Marcellos Zählung ist Pietro Badoer der 19. Doge. Er führte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de’prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Dogen im Abschnitt „Pietro Badoero Doge XIX.“Pietro Marcellos: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 33 (Digitalisat). Manche glauben, so Marcello, dass sich die Entführung der Verlobten, die von den meisten Autoren der Herrschaftszeit seines Vorgängers zugewiesen wurde, samt deren gewaltsamer Befreiung bei Caorle, unter diesem Dogen ereignete. Nichts weiteres, das der Erinnerung wert wäre, habe sich unter diesem Dogen ereignet, der zwei Jahre herrschte. mini|links|Domenico Tintoretto: Darstellung des Dogen im Dogenpalast aus dem späten 16. Jahrhundert, die in einem Spruchband seine Amtszeit umreißt, wie sie sich den Auftraggebern darstellte, nämlich: ‚Berengar gewährte mir zahlreiche Privilegien. Er veranlasste zudem, dass ich Münzen prägen konnte.‘: „MULTA BERENGARIUS MIHI PRIVILEGIA FECIT. IS QUOQUE MONETAM CUDERE POSSE DEDIT“. Das Bildnis ist eines der 38 Doppel-Dogenporträts im Saal des Großen Rates. Die Historie venete dal principio della città fino all’anno 1382 des Gian Giacomo Caroldo wissen vom 20. Dogen nur, dass er auf der Rückkehr von Konstantinopel einst in die Gefangenschaft der Slawen geraten war, jedoch hatte ihn sein Vater daraus befreit. Nun herrschte er selbst als Doge drei Jahre lang „con pace e tranquillità“, ‚mit Frieden und Ruhe‘ also auch bei Caroldo.Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 69 (online).

In der 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben des Frankfurter Juristen Heinrich Kellner, die auf Pietro Marcello aufbauend die venezianische Chronistik im deutschen Sprachraum bekannt machte, ist „Peter Badoer der Neuntzehende Hertzog“.Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 13r (Digitalisat, S. 13r). Kellner nennt, nachdem er eingefügt hat, der zukünftige Doge sei „auß Grecia“ (aus Griechenland) zurückgekehrt, und habe, nachdem er in „Sclavonia gefangen war“, sein Amt im Jahr 939 übernommen. Der Autor meint, dass „etliche“ seien, „die da sagen/daß bey dieses zeiten die Jstrianer oder Jllyricaner bey Caorle seyen geschlagen worden“, nachdem sie eine Hochzeitsgesellschaft in Castello überfallen und die Frauen geraubt hatten – dieses Ereignis wird vielfach der Amtszeit seines Vorgängers zugeschrieben. Dann setzt der Autor fort: „Weiter wirdt nichts gemeldt/gedächtniß oder schreibens wird/so sich bey im zugetragen hab.“ Zwei Jahre habe er die „Gemein“ „mit grosser Gütigkeit regieret/also/daß man in für einen hochrühmlichen Fürsten achtet.“ mini|Leone Matina: Phantasieporträt des Dogen in der wohl ersten gedruckten Porträtserie aller bis dahin anerkannten Dogen, dem Ducalis regiae lararium von 1659