Sexualhygiene bezeichnet die Lehre von den gesundheitlichen Aspekten der menschlichen Sexualität, von der Erhaltung und Festigung der Gesundheit und der Verhütung sexuell übertragbarer Krankheiten, in einem engeren Sinne die Hygiene der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, die auch als Genitalhygiene oder Intimhygiene bezeichnet wird. Letztere wird häufig mit Intimpflege verwechselt, die an den äußeren Genitalien vorgenommen wird, die aber keinesfalls ausreicht, um sexuell übertragbare Krankheiten zu verhindern oder zu behandeln. Allgemein wird die Sexualhygiene zum Fachgebiet Hygiene gerechnet, sie spielt aber auch in anderen Fachbereichen, beispielsweise in der Gynäkologie, der Urologie und der klinischen Infektionslehre eine wichtige Rolle.

Die Sexualhygiene beschäftigt sich unter anderem mit Themen wie der Körperpflege, Empfängnisverhütung, Schwangerschaft, dem Schwangerschaftsabbruch, den sexuell übertragbaren Krankheiten, Infektionen des Genitals und der ableitenden Harnwege, dem Geschlechtsverkehr und Safer Sex.

Geschichte der Sexualhygiene In vielen Ländern wurden hygienische Maßnahmen, beispielsweise Waschungen oder der Umgang mit der Monatsblutung, in einem rituellen Zusammenhang betrachtet. So können in hinduistischen Texten, wie dem Manusmriti und dem Vishnu-Purana, verschiedene Vorschriften hierzu gefunden werden. Baden ist eine der fünf täglichen Pflichten (Nitya karma) im Sikhismus; sich nicht zu baden, wird in manchen Schriften als Sünde bezeichnet. Solche Vorschriften dienten vornehmlich einer rituellen Reinheit, da die Übertragung von Krankheiten im Zusammenhang mit unreinlichem Verhalten noch nicht bekannt war. Allerdings führten diese Maßnahmen zu einer Tradition der Körperpflege, die auch dazu beitrug, Infektionskrankheiten vorzubeugen.

mini|Latrine in Ostia Antica, Rom

Im antiken Rom war die persönliche Hygiene ein wichtiges gesellschaftliches Element. In den städtischen (urbanen) Siedlungsgebieten waren öffentlich zugängliche Badehäuser üblich und wurden von der Bevölkerung auch verlangt. Typisch waren neben dem regelmäßigen Austausch des Wassers auch Einrichtungen und Personal zur Massage, Depilation, zum Frisieren, Schminken und für Ölungen, wie Ovid es im dritten Buch der Ars amatoria festhielt.Ovid: Liebeskunst (= Ars amatoria.; Übersetzung von Heinrich Lindemann). Für die Einwohner Roms waren öffentliche und private Latrinen eine Selbstverständlichkeit, Waschungen mit Schwämmen nach der Benutzung der Toilette üblich. Abwässer wurden gezielt aus der Stadt geleitet, wodurch eine grundlegende Hygiene gewährleistet wurde. In der römischen Kultur wurden Unreinlichkeiten im Bezug auf Sexualität verabscheut; viele Bordelle hatten eigene Wasseranschlüsse, und Reinlichkeit war unter den römischen Prostituierten offenbar üblich. Prostituierte, die sich nicht pflegten, verloren schnell ihre Kunden. Vor allem Prostituierten, die Praktiken wie Fellatio oder Analverkehr ausübten, wurde eine gewisse Unsauberkeit nachgesagt.

Im Islam wird seit seiner Entstehung im 7. Jahrhundert großer Wert auf die persönliche Hygiene gelegt. Neben der Vorschrift, sich vor Gebeten rituell zu reinigen, gibt es Vorschriften für die Benutzung der Toilette, für die Reinigung nach dem Geschlechtsverkehr, über die Entfernung von Körperhaaren, insbesondere der Schamhaare, und die rituelle Beschneidung (Zirkumzision) männlicher Kinder.Layla Beicht: Untersuchung zur Sexualhygiene bei arabischen und deutschen Patientinnen. Dissertation 2006, S. 5 - Einleitung. (Volltext als PDF-Datei; 498 kB (PDF; 486 kB) ). Grundsätzlich wird im Qur’an empfohlen, ein hohes Maß persönlicher Hygiene und ritueller Reinheit aufrechtzuerhalten.

Entgegen allgemeinen AnnahmenMelissa Snell: Auf: historymedren.about.com update 28. Juni 2015; zuletzt abgerufen am 11. Februar 2016. und der negierenden Einstellung der Kirchenväter zur Körperlichkeit und zur Hygiene, die sich mit dem Christentum verbreitete,Ablutions or Bathing, Historical Perspectives. Auf: wordinfo.info; zuletzt abgerufen am 11. Februar 2016. kam das Waschen mit Wasser und das Baden in Europa erst kurz nach der Renaissance aus der Mode. Damals gingen zeitgenössische Wissenschaftler davon aus, dass Wasser durch den Kontakt mit der Haut Krankheiten übertrage. Dies führte zur Vernachlässigung der Körperpflege zugunsten der reichlichen Verwendung von Parfüm, anstelle des im Mittelalter verbreiteten Gebrauches von Wasser und Seife.Middle Ages Hygiene. Auf: middle-ages.org.uk vom März 2015; zuletzt abgerufen am 11. Februar 2016. Geschlechtskrankheiten, vor allem Syphilis, grassierten trotz des schon erfundenen Kondoms, das ausschließlich der Empfängnisverhütung diente. Mangelhafte Aufklärung und die ablehnende Haltung der Kirche zur Sexualität führten vielfach zu illegalen und lebensbedrohlichen Schwangerschaftsabbrüchen durch die sogenannten Engelmacherinnen.

mini|Kondom mit lateinischer Anleitung, 1813

Bis in das späte 19. Jahrhundert war der Zugang zu einer privaten Toilette und Bädern der Oberschicht vorbehalten. Die Historikerin Lynn Thorndike geht davon aus, dass sich die Menschen im mittelalterlichen Europa häufiger wuschen als die des 19. Jahrhunderts.Tales of the Middle Ages - Daily Life. (James L. Matterer 1997–2004) Auf: godecookery.com; zuletzt abgerufen am 11. Februar 2016. Die heutige Verbreitung und Bedeutung sanitärer Einrichtungen setzte sich erst im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durch, unter anderem durch die Forschungen John Snows, der entdeckte, dass Cholera sich durch mit Faeces kontaminiertes Wasser übertrug. Gleichzeitig förderte die Entwicklung restriktiver sittlicher Vorstellungen, dass die Benutzung der Toilette und die Reinigung der Genitalien so privat wie möglich stattfinden sollte.Dave Praeger: Poop Culture: How America is Shaped by its Grossest National Product. Feral House, Los Angeles 2007, ISBN 1-932595-21-X. In den 1920er Jahren entwickelten sich in Deutschland auf Initiative von Ärzten und anderen Personen Vereine und Organisationen, die sich um Aufklärung im Bereich der Sexualhygiene über die Pflege des Genitalbereiches hinaus bemühten (z. B. die Sexpol). Sie setzten sich unter anderem für den freieren Zugang zu Empfängnisverhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen ein, vertraten teilweise sexualreformerische Ideen in Anlehnung an psychoanalytische und sexualwissenschaftliche Erkenntnisse, verfolgten teilweise aber auch rassenhygienische und bevölkerungspolitische Ziele.Marc Rackelmann: Was war die Sexpol? ( )Salla Luoma: Sexualwissenschaften bis 1933: Magnus Hirschfeld und sein Berliner Institut für Sexualforschung. Seminararbeit von 2003 Auf: hausarbeiten.de; zuletzt abgerufen am 11. Februar 2016.

Empfehlungen zur Sexualhygiene gründen heute weitgehend auf Kenntnissen aus Medizin, da besonders aus dem zuständigen Fachbereich Hygiene.

Grundlagen und Bereiche Schon die arabisch-islamische Medizin hatte erkannt, dass es sexuell übertragbare Krankheiten gibt. Erste Erkenntnisse darüber werden Mohammed im 7. Jahrhundert zugeschrieben,A Ninth-Century Muslim Scholar’s Discussion. In: Lawrence I. Conrad, Dominik Wujastyk: Contagion: Perspectives from Pre-Modern Societies. Ashgate, Burlington VT 2000, ISBN 0-7546-0258-3. ein erweitertes und umfassendes Verständnis der Zusammenhänge werden in Avicennas Liber Canonis (1025) deutlich.George Sarton In: Introduction to the History of Science. Band I-IV, Carnegie Institute of Washington, Baltimore 1927–31. cyberistan.org; abgerufen am 11. Februar 2016. Die Frauenheilkunde, die sich sowohl in der arabischen als auch in der sich weiterentwickelnden Medizin des Mittelalters mit Empfängnisverhütung, Schwangerschaft und Geburt beschäftigte, kannte eine Vielzahl von Rezepten und Heilmitteln für die verschiedenen Frauenleiden.Britta-Juliane Kruse: "Die Arznei ist Goldes Wert": Mittelalterliche Frauenrezepte. Sexualität, Schwangerschaft und Geburt im Mittelalter. de Gruyter, Berlin / New York 1999, ISBN 3-11-014703-3. Mit den neuzeitlichen Entdeckungen auf dem Gebiet der Bakteriologie, der Übertragungswege und der Prävention insbesondere von Geschlechtskrankheiten wurde Sexualhygiene systematisiert, und es entwickelte sich ein öffentliches Interesse an dem Thema.

Die anatomischen Verhältnisse des Körpers, vor allem die Nähe des Anus zu den Genitalien, bedingen die Notwendigkeit einer konsequenten Reinigung des Anogenitalbereiches, da Bakterien aus dem Darm, wie E. coli, durch unsachgemäße oder fehlende Hygiene, durch Schmierinfektionen oder durch Geschlechtsverkehr in andere Körperöffnungen eingebracht werden können und dort zu Entzündungen führen können. Pilze, Viren und Parasiten können ebenfalls durch sexuellen Kontakt übertragen werden. Durch sie bedingten Erkrankungen kann durch einfache Maßnahmen, wie eine regelmäßige Reinigung der äußeren Geschlechtsorgane vorgebeugt werden. Frauen sind wegen ihrer im Vergleich zu Männern kürzeren Harnröhre in diesem Zusammenhang besonders gefährdet. Aufsteigende Harnwegsinfekte können zu einer Harnblasenentzündung führen, meist durch die Kontamination mit Darmbakterien.

mini|Elektronenmikroskopische Aufnahme von HP-Viren

Bei unbeschnittenen Jungen und Männern bildet sich zwischen Penisvorhaut und Eichel regelmäßig eine weiße bis hellgelbe Substanz, das Smegma. Wird dieses nicht im Rahmen der täglichen Intimpflege abgewaschen, kann es beim Mann zu Geruchsbildung und in schlimmeren Fällen zu Entzündungen teils mit Vernarbungen zwischen Eichel und Vorhaut kommen.

Auch bei Frauen wird zwischen Klitorisvorhaut und Klitoriseichel ein Sekret abgegeben, aus dem sich Smegma bilden und das zu Entzündungen und zu einer Klitorisadhäsion führen kann, wenn der Zwischenraum zwischen Eichel und Vorhaut nicht regelmäßig ausgespült wird.L. Aerts, R. S. Rubin, M. Randazzo, S. W. Goldstein, I. Goldstein: Retrospective Study of the Prevalence and Risk Factors of Clitoral Adhesions: Women's Health Providers Should Routinely Examine the Glans Clitoris. In: Sexual medicine. Band 6, Nummer 2, Juni 2018, S. 115–122, , PMID 29559206, .

Mangelnde Hygiene in diesem Bereich kann Menschen jedes Geschlechts und ihre Sexualpartner verstärkt durch Ansteckungen mit Papilloma-Viren gefährden, einem der auslösenden Faktoren für Gebärmutterhalskrebs und Peniskarzinome.

Einige Krankheiten werden durch Körperflüssigkeiten übertragen und können den nicht infizierten Partner beim Geschlechtsverkehr sowohl durch das Sperma, die Vaginalflüssigkeit oder durch Blut und Speichel anstecken. Die bedeutendsten dieser Erkrankungen aus dem viralen Spektrum sind AIDS sowie Hepatitis B, Hepatitis C und Herpes genitalis. Die bekannten durch Bakterien verursachten übertragbaren Geschlechtskrankheiten sind Gonorrhoe (Tripper), Syphilis (Lues), Ulcus molle und das Lymphogranuloma venereum.