mini|Zweier-Mannschaftsfahren beim Sechstagerennen mini|Zürcher Sechstagerennen (2007) Ein Sechstagerennen ist eine Veranstaltung im Bahnradsport, die heutzutage – im Unterschied zu seinem Ursprung – aus mehreren Radrennen und einem unterhaltenden Rahmenprogramm besteht. Dabei finden über den Zeitraum von sechs Tagen verschiedene Wettbewerbe zwischen Mannschaften aus zwei (in Ausnahmen drei) männlichen Fahrern statt, unter anderem als Hauptwettbewerb das Zweier-Mannschaftsfahren.
Im Jahr 1875 fand das erste Sechstagerennen im britischen Birmingham statt, vier Jahre später erstmals eines in den USA. Diese waren wortwörtlich einzelne Sechstagerennen mit zurückgelegten Distanzen von teils mehreren tausend Kilometern und wurden von einzelnen Fahrern an sechs Tagen rund um die Uhr bestritten. In den USA wurden die Fahrtzeiten auf 18 Stunden am Tag beschränkt. Ab 1899 wurde im New Yorker Madison Square Garden eingeführt, dass zwei Fahrer eine Mannschaft bilden konnten und sich abwechseln durften. Daraus entwickelte sich die Bahnradsportdisziplin Zweier-Mannschaftsfahren (international auch „Madison“ oder „Américaine“ genannt), die seit 1995 Teil des Weltmeisterschaftsprogramms ist. 1909 fand in Berlin das erste Sechstagerennen in Kontinentaleuropa statt.
Den Höhepunkt ihrer Popularität hatten Sechstagerennen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Ab 1934 wurden in Deutschland keine Wettbewerbe mehr ausgetragen, weil die Nationalsozialisten die Regeln aus ideologischen Gründen derart veränderten, dass sowohl Fahrer als auch Publikum das Interesse verloren und schließlich kein Rennen mehr veranstaltet wurde. Ab 1949 fanden wieder Sechstagerennen in Deutschland statt, 1954 gab es die erste Schweizer Veranstaltung in Zürich. Das Sechstagerennen entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer Radsportveranstaltung aus mehreren Teilwettkämpfen mit einer Gesamtwertung – ähnlich dem Omnium.
In den englischsprachigen Ländern, wo das Sechstagerennen erfunden worden war, wurden die Austragungen nach und nach eingestellt. Erst 2015 fand nach über 50 Jahren in London wieder ein Rennen statt. Auch an vielen anderen Orten gibt es heute keine Sechstagerennen mehr. Im deutschsprachigen Raum werden heute (2021) nur noch in Bremen und Berlin Sechstagerennen veranstaltet. Insgesamt wurden seit 1899 weltweit rund 1.500 Rennen organisiert.
Geschichte Die Anfänge Einzel-Rennen für Männer mini|hochkant=1.2|Gezeichnetes Ergebnis des Rennens 1879 in London in der Penny Illustrated mini|hochkant=1.2|Der Madison Square Garden (1908) Die frühe Geschichte der Sechstagerennen ist zum Teil lückenhaft oder widersprüchlich dokumentiert. Das erste wird auf das Jahr 1875 datiert und fand in Birmingham statt. Das Rennen war ursprünglich als Produkttest für Hochräder gedacht. Zunächst waren nur Einzelfahrer am Start, hauptsächlich männliche Berufsfahrer, die montags bis samstags zwölf Stunden täglich um eine Radrennbahn fuhren. Wegen der Sonntagsruhe waren die Rennen auf sechs Tage beschränkt. Wer in dieser Zeit die meisten Meilen absolviert hatte, war der Sieger.P. J. Nye: The Six-Day Bicycle Races. 2006, S. 24. Die Geldprämien für diese Siege waren in der Regel äußerst lukrativ. Laut Memoire du Cyclisme soll der Gewinner dieses ersten Rennens der Franzose Charles Terront gewesen sein. Diese Information ist jedoch umstritten, da laut anderer Informationen Terront erst im Jahr darauf mit dem Radsport begonnen haben soll. Die Sechstagerennen mit dem Rad überlappten mit den Sechstagerennen zu Fuß, die ebenfalls in den 1870er Jahren ihren Höhepunkt und Weltmeisterschaften und Rekorde erlebten. Als die Leistungen jedoch nicht mehr verbessert wurden, wanderten die Zuschauer zu den Sechstagerennen mit dem Rad ab.Arnd Krüger: Die sieben Arten in Vergessenheit zu geraten. In: Arnd Krüger, Bernd Wedemeyer-Kolwe (Hrsg.): Vergessen, Verdrängt, Abgelehnt. Zur Geschichte der Ausgrenzung im Sport (= Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya. Band 21). LIT-Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-643-10338-3, S. 4–16.
Das zweite Einzel-Sechstagerennen fand 1878 in der Londoner Royal Agricultural Hall in Islington statt, das sich als „long-distance championship of the world“ bezeichnete. Ein Teilnehmer dieses Rennen war der Journalist Harry Etherington, der Sechstagerennen auch deshalb propagierte, weil sie den Zeitungen Gelegenheit gaben, mehrere Tage hintereinander über dieses sportliche Event ausführlich zu berichten. Gewinner war William Cann aus Sheffield, der 1060 Meilen und fünf Runden bewältigte. Nach anderen Quellen fand bereits ab dem 1. September 1876 an eben jenem Ort das erste Londoner Sechstagerennen statt, das vom Briten Stanton gewonnen wurde, der dabei 1000 Meilen absolvierte.
Bis Anfang der 1890er Jahre wurden die Rennen auf Hochrädern gefahren. 1879 wurde die Idee des Sechstagerennens in die USA exportiert und fand auch dort zunächst als Einmann-Veranstaltung statt, variierend über 12 oder 18 Stunden, später rund um die Uhr. Jeder Fahrer fuhr für sich und konnte entscheiden, wann er fahren oder ruhen wollte. Am Ende des sechsten Tages gewann der Fahrer mit den meisten zurückgelegten Kilometern. Häufig waren die Rennen schon nach wenigen Tagen entschieden, da die Fahrer 100 Kilometer und mehr auseinander lagen. 1881 wurde in Melbourne das erste Ein-Mann-Sechstagerennen in Australien ausgetragen.
Bis 1891 sind bis zu 90 Sechstagerennen für Einzelfahrer erwähnt, unter anderem in New York, London, Chicago, Boston, Edinburgh und Melbourne. Manche dieser Rennen bewarben die Organisatoren als „long-distance cycle races“, so dass ihr eigentlicher Charakter nicht immer klar ist.
1890 wurde in New York der neu erbaute, zweite Madison Square Garden eröffnet, der unter anderem von William Henry Vanderbilt und William Waldorf Astor finanziert worden war. Im Jahr darauf fand dort erstmals ein Sechstagerennen statt; der Veranstaltungsort eines Sechstagerennens in New York, das vier Jahre zuvor stattgefunden hatte, ist nicht bekannt. Sieger des ersten Rennens im „Garden“ war der US-Amerikaner Bill „Plugger“ Martin, der in 142 Stunden 2360 Kilometer fuhr.
1893 konnten sich die Fahrer in New York entscheiden, ob sie das Rennen wie bisher auf Hochrädern oder auf einem gerade auf den Markt gekommenen „Safety“ bestreiten wollten. Nach der Hälfte des Rennens stiegen die Fahrer der Hochräder alle auf Safetys um, da sie erkannten, dass diese wesentlich schneller waren, wenn es auch Bedenken angesichts der gebückten Haltung über dem Fahrradlenker gab. Es war das letzte Mal, dass Hochräder bei Sechstagerennen zum Einsatz kamen, was in den folgenden Jahren auch Folgen für die Konstruktion der Bahnen hatte, deren Kurven immer steiler wurden.
Mit der Zeit wurde auch ein zuverlässiges System zum Zählen der Runden und zur Anzeige der gefahrenen Kilometer entwickelt: Ein Elektriker erfand eine Einrichtung, bei der nach jeder gefahrenen Runde ein Ring auf einen stählernen Stab gesteckt wurde, wodurch eine von zehn Glühbirnen zum Leuchten gebracht wurde. Wenn alle zehn Birnen brannten, war der Fahrer eine Meile gefahren (die Radrennbahnen waren das Zehntel einer Meile lang). Jeder Fahrer hatte einen eigenen „Zähler“ mit einer großen Tafel; wenn der Zähler sah, dass zehn Birnen brannten, trug er auf dieser Tafel den neuen Meilenstand ein.
Thema in der Öffentlichkeit war immer wieder die Auswirkung der großen körperlichen Beanspruchung auf die Fahrer: 1894 soll Albert Schock das Rennen in einem so schlechten körperlichen Zustand beendet haben, dass im Jahr darauf kein Veranstalter es wagte, ein Sechstagerennen zu veranstalten. 1896 startete der US-Amerikaner Teddy Hale beim Solo-Sechstagerennen im Madison Square Garden und gewann mit 1910 Meilen und acht Runden vor 30 Konkurrenten. Über seine Verfassung nach Ende des Rennens hieß es: „He looked like a ghost. His face was like the white face of a corpse and he stared in front of himself, his eyes terribly fixed […] His mind was no longer there on the track, he had lost all signs of life and self possession.“ („Er sah aus wie ein Geist. Sein Gesicht war so weiß wie das Gesicht einer Leiche, und er starrte vor sich hin, mit furchtbar fixiertem Blick. […] Sein Geist war nicht mehr auf der Bahn, er hatte alle Lebenszeichen und Selbstbeherrschung verloren.“)Andrew Ritchie: Major Taylor. JHU Press, 1996, ISBN 0-8018-5303-6, S. 66 (). Er selbst sagte später dazu: „Ich habe gewonnen, aber ich habe 10 Jahre meines Lebens für einige Tausend Dollar hingegeben.“ Das New York Journal bezeichnete diese Form eines Radrennens als „verderblich für den vernünftigen Umgang mit dem Rad“ und der New York Herald schrieb von einer „Unmenschlichkeit im Namen des Sports“.W. Joseph Campbell: The Year That Defined American Journalism. Routledge, 2013, ISBN 978-1-135-20505-8 ().
Im Jahr darauf versuchte der Präsident der New Yorker Gesundheitsbehörde, Michael C. Murphy, das Rennen zu verhindern, da es sich dabei um „eine tierische Veranstaltung handle, die sich kein weißer Mann anschauen sollte“ und bei der die Sportler unmenschlichen Anstrengungen unterworfen seien. Der Arzt, der den als Karl Müller in Deutschland geborenen Fahrer Charles Miller nach dessen Sieg im Vorjahr untersucht hatte, versicherte hingegen, dieser habe sich in guter körperlicher Verfassung befunden.Andrew M. Homan: Life in the Slipstream. Potomac Books, Inc., 2011, ISBN 978-1-59797-768-5 () Allerdings soll sein Vorsprung vor den anderen Fahrern so groß gewesen sein, dass er sich zwischendurch mehrere Stunden Schlaf gönnen konnte.Ruttkus, Schoppe: Rundenkreisel & Berliner Luft. Auf den Spuren des Berliner Sechstagerennens. S. 58. Das Rennen im Jahr 1898 fand wie geplant statt, und Miller gewann erneut.
Sieger von Einzel-Sechstagerennen (Auswahl) +Jahr Ort Name Meilen/Distanz 1875 Birmingham Charles Terront (?) 6 × 12 Stunden 1875 London ? 6 × 18 Stunden 1878 London William Cann 1060 + 5 Rd. 1879 London George Waller 1172 1879 Chicago William Cann 1879 Chicago Charles Terront 1879 Boston Charles Terront 1879 Hull George Waller 950 1880 London Charles Terront 1272 1880 Hull Charles Terront 860 + 5 Rd. 1880 Edinburgh Charles Terront 1880 Newcastle William Cann 1881 Melbourne Jack Rolfe 1881 Adelaide Jack Rolfe 1882 Sydney Jack Rolfe 1882 Melbourne W. J. Press 1883 Newcastle Tom Battensby 1883 Aberdeen George Waller 1883 Sydney Jack Rolfe 1884 London J. Birt 1885 Memphis Morgan 1885 Chicago Albert Schock 1886 Minneapolis Albert Schock 1009 + 3 Rd. 1886 Minneapolis Jack Prince
+ Jahr Ort Name Meilen/Distanz 1886 Saint Paul, Minnesota Albert Schock 923 1886 Minneapolis W. J. Morgan 1887 Newcastle Tom Battensby 1887 Minneapolis Albert Schock 1409 1887 Edinburgh John Dunlop Lumsden 1887 New York Albert Schock 1888 Newcastle Tom Battensby 1888 Philadelphia I. Dingley 900 1890 Minneapolis Bill Martin 6 × 20 Stunden 1890 Wolverhampton H. Higham 1890 Newcastle English 1890 Melbourne Sam Clark 1890 London Charles Terront 1891 New York Bill Martin 1466,7 1891 Minneapolis Bill Martin 1891 Edinburgh John Dunlop Lumsden 1891 Boston Charles Ashinger 752 1892 Edinburgh W. Parkes 1892 New York Charles Ashinger 1022 + 7 Rd. 1892 Minneapolis Bill Martin 1892 Chicago Charles Ashinger 727 + 1 Rd. 1893 Glasgow John Dunlop Lumsden 1893 New York Albert Schock