Das Kloster Sainte-Marie de La Tourette in Éveux (neben L’Arbresle) bei Lyon wurde 1956 bis 1960 von dem Architekten Le Corbusier entworfen. Es gilt, wie seine Wallfahrtskapelle in Ronchamp, als einer der zentralen Bauten der Moderne und des Brutalismus, steht seit 2006 unter Denkmalschutz und ist seit 2016 als Teil des architektonischen Werks von Le Corbusier Weltkulturerbestätte der UNESCO.
Baugeschichte Entstehung mini|hochkant=0.8|Château de la Tourette bei Éveux, Postkarte von 1935 Das Kloster wurde für den Dominikanerorden errichtet, der 1215 als Predigergemeinschaft gegründet wurde. Als Ausbildungsstätte des gesamten Dominikanerordens in Frankreich entstand der Konvent von Éveux nach dem Zweiten Weltkrieg und war ursprünglich in einer zum Schloss ausgebauten Domäne einquartiert, die 1943 von der Gräfin von Villiers an die Immobiliengesellschaft Tourette (Orden von Saint-Dominique) verkauft wurde. Der ursprüngliche Besitzer der Anlage, im Jahre 1576, war „Alexandre Seigneur de la Tourette“.
Père Marie-Alain Couturier, der Initiator der „Art Sacré“-Bewegung in Frankreich, empfahl dem Konvent für die Durchführung eines Neubaus Le Corbusier, den er bereits für den Kirchenbau Notre Dame du Haut in Ronchamp vermittelt hatte. Am 14. März 1953 wurde der Architektenvertrag für den Bau des „Couvent d’études“ geschlossen.Brief im Archiv „La Fondation Le Corbusier“.
Im Dezember 1954 wurde den Auftraggebern das erste Modell vorgestellt. Aus den Fotodokumentationen lässt sich erkennen, dass während der Planungs- und Bauphase immer wieder Zusammenkünfte zwischen Le Corbusier und den Dominikanern stattfanden. Die Einweihung erfolgte am 19. Oktober 1960, die Bauarbeiten wurden aber erst am 1. Juni 1961 beendet. Die Baukosten beliefen sich im Oktober 1960 insgesamt auf 256,8 Millionen Francs (umgerechnet ca. 3,08 Millionen DM). Im Sommer 1969 wurde das Kloster als Priesterseminar aufgrund von Nachwuchsmangel aufgegeben. Ein aktiver Kern von Studenten, der vor Ort verblieben war … (half) bei der Umwandlung des Klosters von einem Priesterseminar in ein Forschungs- und Bildungsstätte. Das Generalkapitel von 1969 hatte den Wunsch geäußert, La Tourette möge ein „privilegierter Ort der Arbeit und der brüderlichen Begegnung“ werden, was 1970 zur Gründung von zwei verschiedenen Zentren innerhalb von La Tourette führte: dem Thomas-Morus-Zentrum und dem Centre Albert-le-Grand. Die Mönche, die blieben, nicht allein aus religiöser Überzeugung, sondern weil sie von der Bedeutung des Bauwerks überzeugt waren, übernahmen mit ihren Nachfolgern bis heute Besucherführungen und den Austausch mit Einzel- und Gruppenreisenden, die dort übernachten können. Außerdem finden Ausstellungen und Seminare statt. Seit seiner Entstehung hat der Konvent – abgesehen von Corbusiers eigenen Veröffentlichungen – eine Vielzahl von Autoren, Architekturtheoretikern und -historikern wie z. B. W. Boesiger/H. Girsberger, A. Henze, M. Holfelder, W.J.R. Curtis, sowie Architekten und Fotografen inspiriert. Im Laufe der Jahre hat sich das Kloster auch zu einem beliebten Exkursionsziel im Rahmen der Architektenausbildung entwickelt, dessen komplexer Aufbau Hunderte von Skizzenbücher füllt.
Denkmalschutz und Weltkulturerbe mini|hochkant=0.6|Welterbe-Logo, französisch La Tourette steht als Baudenkmal seit 2006 unter Denkmalschutz.
Im Januar 2008 ließ Frankreich vierzehn Gebäude und Anlagen von Le Corbusier in die Tentativliste der UNESCO eintragen, darunter auch Sainte-Marie de La Tourette. Ein solches Vorgehen ist Voraussetzung dafür, um zu einem späteren Zeitpunkt die Anerkennung als Welterbestätte zu beantragen. In diesem Falle aber geschah dies zeitgleich: unter Federführung Frankreichs und unter Beteiligung der Fondation Le Corbusier wurden diese vierzehn und zunächst neun Werke Le Corbusiers aus sechs weiteren Ländern unter dem Titel „Das urbanistische und architektonische Werk von Le Corbusier“ () für die Aufnahme als Weltkulturerbe nominiert. Trotz zwischenzeitlicher Überarbeitung und Reduzierung auf 19 Objekte fand diese Kandidatur nicht die Mehrheit des Welterbekomitees bei dessen Jahrestagung im Juni 2011.
Im Juli 2016 wurde das Bauwerk gemeinsam mit 16 anderen Bauten Le Corbusiers UNESCO-Welterbe.
Lage, Topographie und Vorbilder mini|Blick vom Kloster ins Tal und die Hügellandschaft der Monts du Lyonnais Das Kloster der Dominikaner wurde nahe Éveux bei Lyon auf einem abfallenden Hanggelände errichtet, das sich nach Südwesten zu einem Tal hin öffnet, das durch die Hügellandschaft der Monts du Lyonnais gebildet wird. Am 28. Juli 1953 besichtigte Le Corbusier vor Planungsbeginn auf Empfehlung von Père Couturier das romanische Zisterzienserkloster Le Thoronet. Der war der Meinung, dass "dort die Quintessenz mönchischer Ideale zum Ausdruck gekommen sei", vielleicht aber auch wegen seiner Lage an einem abfallenden Hang und des damit verbundenen Niveauunterschiedes des Kreuzganges, der Arkaden und des Kirchengebäudes. Diese Anregung war eigentlich nicht nötig, da sich Corbusier schon "früher leidenschaftlich für die Kartause Ema (Anm.: d.i. die Kartause San Lorenzo di Galluzzo), nahe Florenz (an der Ema), interessiert hatte, ein Bauwerk, das ihm die Harmonie deutlich machte, die sich aus der Wechselbeziehung individuellen und kollektiven Wohnens ergibt … Individualität und Kollektivität, als fundamentaler Dualismus verstanden". Seine Skizzen und Gedanken zeigen, dass dieser bautypologische Präzedenzfall, ebenfalls an einem Hang gelegen, mit seiner eindeutigen Reihung der Unterkünfte um den Innenhof dem Schwerpunkt "Wohnen" von Le Corbusier entgegenkam und zum Vorbild für La Tourette wurde. Hatte er doch selbst gesagt: Mon métier est de loger des hommes, je ne peux pas construire des églises pour des gens que je ne loge pas. („Mein Beruf ist die Unterbringung von Menschen. Ich kann keine Kirchen für Leute bauen, die ich nicht unterbringen kann.“). In seinen Skizzen hatte er diese Wohntypen als Vorbilder festgehalten, worauf bereits kurz nach der Einweihung des Klosters in Fachzeitschriften hingewiesen wurde.
Klosteranlage Disposition der Gebäude mini|Das Kloster von Westen, 1997 Das Grundschema der Anlage bildet ein Rechteck von 66,50 Meter × 47,50 Meter und ist von Wald und Wiesen umgeben. „Das Gebäude ist nach dem dreifachen Prinzip der Dominikaner-Ordensregel unterteilt: Studium (Zellen der Patres und Brüder), Gemeinschaft (Unterrichts-, Vortragssäle, Speisesaal, Bibliothek, getrennte Aufenthaltsräume für Professoren, Studenten und Laienbrüder) und Gebet (Kirche). In den beiden obersten Geschossen (Zellen) sind die Korridore gegen den Hof zu durch ein Lichtband auf Augenhöhe erhellt. Die unteren Geschosse weisen teilweise das gleiche Prinzip, nach außen angewendet, auf. Diese Anordnung ergibt bei den spartanisch eingerichteten Zellen, deren Loggien stark an die der Unité d’habitation in Marseille erinnern, nur den Kontakt nach innen, in den Unterrichts- und Gemeinschaftsräumen dagegen nach außen.“ Neben dem „geerdeten“ Kirchenbau, dessen Untergeschosse sich in den Boden hineingraben, erhebt sich auf freistehenden Pfeilern (Pilotis) der U-förmige Teil der ehemaligen Priesterschule über dem abschüssigen Terrain. Beide Hauptbaukörper sind voneinander abgesetzt und ergänzen sich so zu einer Vierflügelanlage, deren unterschiedliche Nutzung deutlich ablesbar ist. Im atriumähnlich umschlossenen Innenhof bilden sich kreuzende Rampen die Verbindung zum Kapitelsaal, zum Refektorium und zur Kirche mit ihren Anbauten, der Sakristei und der Krypta (Unterkirche).
Baukonstruktion La Tourette ist eine Stahlbetonskelettkonstruktion, bis auf die Kirche deren Wände aus Betonfertigteilen errichtet, dann von innen verschalt und mit Ortbeton ausgegossen wurden. Das Äußere der Zellengeschosse besteht aus vorgefertigten Stahlbetonelementen während die Gemeinschaftsräume und die Fassaden zum Innenhof überwiegend flächig verglast sind. Die Flachdächer (Toit Jardins) sind mit einer Erdschicht bedeckt und der natürlichen Begrünung überlassen worden.
Raumaufteilung und Geschossgliederung mini|Schnitt Ost-West, Grundriss Eingangsebene, Schnittaxonometrie (Santiago Carvajal, 2014) Der Vierflügelbau wurde zum Berg hin dreigeschossig und zum Tal fünfgeschossig mit unterschiedlichen Geschosshöhen konzipiert. Auf der Ostseite gelangt man über ein freistehendes Betonportal ins Innere des Klosters. In diesem Eingangsgeschoss (Ebene 3 in den Plänen) befinden sich die Portiersloge mit den organisch geformten Besuchszellen (= Parloirs, öffentlicher Empfangsraum, im Mittelalter ein Raum, in dem Mönche oder Nonnen mit der Außenwelt zusammentreffen konnten), die Aufenthaltsräume der Laienbrüder und Studenten, das Oratorium, die Bibliothek, drei Seminarräume, Aufenthaltsräume der Patres und der angehenden Priester. Das darunter befindliche Geschoss (Ebene 2) enthält im Westflügel den Kapitelsaal und das Refektorium mit Anrichte. Das Atrium mit Kreuzgang ist im Hof der Vierflügelanlage eingestellt und verbindet die Räume miteinander. Im Kirchenschiff befinden sich von Ost nach West: Beichtstuhl, Hochaltar, Chorgestühl und an der Westwand die Orgel. Südlich des Hochaltars an das längsrechteckige Kirchenschiff ist die Sakristei und auf der Nordseite die Krypta mit den Seitenaltären angebaut und bilden so, abgewandelt, im Grundriss das traditionelle Kirchenkreuz. Darunter teilweise höhengleich mit dem Terrain des Hanges ist die Ebene 1 mit Aufenthaltsräumen, Vorrats- und Kellerräumen, Küche, Heizung, sowie Zugänge zur Krypta und Sakristei. Über dem Eingangsgeschoss befinden sich die beiden identischen Zellengeschosse (Ebenen 4 und 5) mit je 50 Wohnzellen. Jeder Flügel eines Geschosses umfasst zwischen 15 und 21 Wohnzellen mit den dazugehörigen Sanitärräumen. Die mit rauen Spritzbetonwänden ausgestattete Klosterzelle mit einem Austritt zur Loggia ist äußerst karg eingerichtet. Die vertikale Erschließung der Geschosse erfolgt durch die jeweils mittig der Süd-, Ost- und Nordflügel angeordneten Treppenhäuser mit zweiläufigen Podesttreppen. Lediglich die westlichen Aufenthaltsräume haben einen gesonderten Zugang durch eine Wendeltreppe, die sich skulptural in den Innenhof schiebt. Entsprechend der Raumfunktion sind die Geschosshöhen gestaffelt. Die beiden Zellengeschosse weisen eine Raumhöhe von 2,46 m auf, die Lichte Raumhöhe der Wohnzellen beträgt somit 2,26 Meter. Die Geschosshöhe des Eingangsgeschosses mit Pforte (Ebene 3) beträgt 4,06 Meter und das darunter liegende Geschoss (Ebene 2) staffelt sich je nach Hanggefälle und Funktion von 4,52 bis 5,81 Meter Geschosshöhe.(Nachweis für den Abschnitt: Div. Quellen aus Literatur und Internet, da meistens nur das Eingangs- (0), das Refektoriums- (-1) und ein Wohngeschoss (+2) dargestellt werden.)
Fassaden mini|Goldene Spirale und Kachelanordnung aus Quadraten, deren Kantenlängen der Fibonacci-Folge entsprechen Die Geschosshöhen variieren entsprechend ihrer Funktion. Der massige Kirchenbau hat ohne den Dachreiter eine Höhe von ca. 14 Metern und schließt annähernd mit der Dachfläche der anderen Baukörper ab. Die Fassade wurde in Sichtbeton ausgeführt und in Teilen mit Kalk geweißt. Die Süd-, West- und Ostfassaden des Klostertraktes werden in den beiden oberen festungsartig anmutenden Geschossen durch die Loggien der Wohnzellen gebildet, während in den darunterliegenden eine Vertikalgliederung der raumhohen Fenster im Bereich der Gemeinschaftsräume nach dem Prinzip der "pans de verre ondulatoires" das Aussehen bestimmt. Individual- und Kollektivbereiche unterscheiden sich so eindeutig durch Material und Konstruktion. Diese rhythmische Fensterteilung basiert auf der Fibonacci-Folge und geht auf den Ingenieurarchitekten und Komponisten Iannis Xenakis zurück. Corbusier nannte diese Glaswände, die nicht selbst gekrümmt sind, sondern die Wellenbewegung als optischen Effekt entstehen lassen auch "verres musicaux".