Die Industriegeschichte ist ein Teilgebiet der Wirtschaftsgeschichte und befasst sich mit historischer Untersuchung, Vergleich und Darstellung der industriellen Entwicklungen und ihrer beeinflussenden Faktoren von der Industrialisierung bis hin zum Strukturwandel. Sie ist daher eng verbunden mit weiteren Brückendisziplinen wie Technikgeschichte, Verkehrsgeschichte, Unternehmensgeschichte, Sozialgeschichte und Kulturgeschichte und Architekturgeschichte und Kunstgeschichte. Eine praktische, meist regionalgeschichtliche Darstellung anhand von Industriedenkmälern erfährt sie mit Hilfe der Industriekultur.
Darstellung der industriellen Entwicklung Am 14. April 1365 belehnte Kaiser Karl IV. Graf Ulrich von Helfenstein mit dem Recht, in der Herrschaft Heidenheim an der Brenz nach Erz zu graben sowie Schmelzöfen und Hammerwerke zu errichten.W. Kohlhammer, Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, Band 53, 1994, S. 343 Das Datum gilt als die Geburtsstunde der ersten industriell ausgerichteten Fabrik in Europa, die sich Schwäbische Hüttenwerke nannte.
Die Industriegeschichte unterscheidet die Phasen der vorindustriellen Epoche (vor 1770), der ersten modernen Industrie (1770–1820), Frühindustrialisierung (1820–1860), Spätindustrialisierung (1860–1890) und Hochindustrialisierung (seit 1890).Reinhold Sellien (Hrsg.), Dr. Gablers Wirtschafts-Lexikon, Bd. 2, 1977, Sp. 2110 Die Jahresangaben gelten nicht als feststehende Zeitabschnitte. Seit 1969 gibt es den Zeitabschnitt der digitalen Revolution. Als Hauptursachen der Industrialisierung gelten wichtige technische Erfindungen und eine Rationalisierung der Arbeitsorganisation.
Vorindustrielle Epoche Erste industrielle Ansätze zeigten sich bereits im 16. Jahrhundert im Verlagssystem, das sich durch dezentrale Produktion von Textilien auszeichnete, die von den so genannten Verlegten in Heimarbeit hergestellt und vom Verleger zentral vermarktet wurden.Karl-Werner Hansmann, Industrielles Management, 2006, S. 17 Als Verleger fungierten Kaufleute, die die Produktion koordinierten, das Kapital „vorlegten“ (Vorfinanzierung) und deshalb zunächst „Vorleger“, dann „Verleger“ hießen. Sie trugen das Marktrisiko. Als nächste Betriebsform entstand die Manufaktur (, „mit der Hand machen“) mit in Werkstätten zentralisierten Lohnarbeitern bei überwiegender Handarbeit. Sie stellten meist Luxusgüter wie Seide, Porzellan, Tapisserien, Lederwaren oder Uhren her. Die ersten Manufakturen entstanden wohl in Frankreich, nachdem König Heinrich IV. 1602 jede Gemeinde anwies, eine Maulbeerbaumplantage sowie eine Seidenraupenzucht einzurichten.
mini|Industriemuseum Kupfermühle, Blick auf das Wasserrad und Halle mit dem Hammerwerk Um 1600 ließ der dänische König und Herzog von Schleswig Christian 4. dicht bei Flensburg an der Krusau ein Hammerwerk zur Metallverarbeitung errichten. Die seinerzeit wichtigsten Grundvoraussetzungen, zollfreie Verkehrswege, Energie und Rohstoffzufuhr waren gegeben. Flensburg war der zweitwichtigste Hafen des großen Königreiches Dänemark, und über Trondheim wurde Rohkupfer und Metallerze zollfrei aus Roros (Norwegen) mit dem auch heute noch effektivsten Verkehrsmittel – Schiff – angeliefert. Bis 1800 hat sich das Kupfer- und Messingwerk in die größte Industrieanlage des Herzogtums Schleswig entwickelt und galt als eine der größten im Dänischen Königreich. Die Region geht 1864 an Preußen und 1871 werden in der Crusauer Kupfer- und Messingfabrik neben der Wasserkraft eine Anlage zur Nutzung der Dampfkraft errichtet.
Mit der Erfindung des Verkokungsprozesses in England durch Abraham Darby II im Jahre 1735 konnte die Holzkohle in der bisherigen Roheisenherstellung ersetzt und der Bergbau und die Hüttenindustrie intensiviert werden.Wolfgang Kilger, Industriebetriebslehre, Band 1, 1986, S. 11 Benjamin Huntsman entwickelte 1740 ein Verfahren, den damaligen Zementstahl in einem Tiegelofen umzuschmelzen (Tiegel-Gussstahl) und ihn so von seinen Schlackeresten zu befreien. Beide Verfahren trugen erheblich zur industriellen Entwicklung zunächst in England bei. Schließlich kam nach 1769 die Fabrik (, „Werkstätte“) auf, bei der die Arbeiter vorwiegend maschinelle Arbeitsmittel einsetzten. Das traf vor allem auf die erste Spinnmaschine Waterframe zu, die im Jahre 1771 zur Gründung der ersten industriellen Baumwollspinnerei der Welt durch ihren Erfinder Richard Arkwright in Cromford führte. England galt als führendes Land der industriellen Entwicklung, das ab 1775 neben Frankreich, Belgien und Holland zu den wohlhabendsten Nationen Europas gehörte.
Im Rheinland entstand 1783 bei Ratingen die erste mechanische Spinnerei, es folgte 1799 Chemnitz.Hans Pohl, Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme, Teil 1, 2005, S. 249 f. Die von Johann Gottfried Brügelmann bei Ratingen gegründete mechanische Baumwollspinnerei benannte er nach seinem Vorbild „Cromford Mill“ Textilfabrik Cromford. Sie erwarb sich den Ruf, die erste moderne Fabrik auf dem europäischen Festland zu sein.Kurt Dröge/Detlef Hoffmann (Hrsg.), Museum revisited: Transdisziplinäre Perspektiven auf eine Institution im Wandel, 2010, S. 40 Der mechanische Webstuhl von Edmond Cartwright erreichte nach 1785 die 20-fache Produktivität eines manuellen Webstuhls.Karl-Werner Hansmann, Industrielles Management, 1997, S. 10
Erste moderne Industrie Eine weitere Erfindung löste die Entstehung der ersten modernen Industrie aus. James Watt erhielt für seine Erfindung der Dampfmaschine im Januar 1769 ein Patent, das zunächst die Textilindustrie zum Antrieb von Textilmaschinen nutzte. Ihre vielseitige Verwendbarkeit sorgte im Juni 1783 für den Einsatz in Dampfschiffen (Claude François Jouffroy d’Abbans), im Bergbau erstmals im August 1785 in Hettstedt (Carl Friedrich Bückling) und im Februar 1804 in schienengebundenen Dampflokomotiven (Richard Trevithick). Hierdurch industrialisierten sich der Schiffbau, Eisenbahnbau, die Montanindustrie und die Stahlindustrie. Diese Entwicklung gilt als der Beginn des Zeitalters der ersten industriellen Revolution,Reinhold Sellien/Helmut Sellien (Hrsg.), Gablers Wirtschafts-Lexikon, 1980, Sp. 2061 f. die durch eine zunehmende Industrialisierung einige Agrarstaaten in Industriestaaten verwandelte.
Um 1800 galt Deutschland noch als Agrarstaat, weil etwa 62 % der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig waren, nur 21 % arbeiteten im Gewerbe. Hier dominierte das Handwerk (50 %), gefolgt vom Verlagssystem (45 %) und Manufakturen (5 %).Toni Pierenkemper, Gewerbe und Industrie im 19. und 20. Jahrhundert, 2007, S. 5
Frühindustrialisierung Der maschinelle Spinnprozess erreichte um 1820 die 200-fache Produktivität des manuellen Spinnrads.Reinhard Haupt, Industriebetriebslehre, 2000, S. 17 In England gab es im Jahre 1821 bereits 1500 Dampfmaschinen für die industrielle Fertigung, wodurch England seinen Status als erster Industriestaat Europas festigte.
Nach dem Ende des Wiener Kongresses im Juni 1815 setzte in Deutschland der Prozess der Frühindustrialisierung ein. Hauptursachen waren unter anderem die Gründung der „Preußisch-Rheinischen Dampfschifffahrtsgesellschaft“ (Vorläuferin der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt) im Oktober 1825,Gabriele Oepen-Domschky, Kölner Wirtschaftsbürger im deutschen Kaiserreich, 2003, S. 150 im Juni 1837 folgte die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft, im Oktober 1843 die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft. Hiervon profitierten der Schiff- und Eisenbahnbau. An der Spitze des Eisenbahnbaus stand unbestritten die Firma Borsig, die 1841 ihre erste und 1858 bereits die tausendste Lokomotive herstellte und mit 1100 Beschäftigten zur drittgrößten Lokomotivfabrik der Welt aufstieg.
Die Deutsche Revolution 1848/1849 markierte den Übergang von der Frühindustrialisierung zur zweiten industriellen Revolution. Johann von Zimmermann gründete im Jahr 1848 in Chemnitz die erste Werkzeugmaschinenfabrik Deutschlands. Wichtigster Industriezweig blieb jedoch 1850 in Deutschland mit 45,5 % der Beschäftigten immer noch die Textilindustrie, deren Anteil 1959 nur noch 15,2 % betrug. Demgegenüber wuchs die Metallindustrie von 10,8 % (1850) auf 33,4 % (1959).Walther G. Hoffmann, Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts, 1965, S. 68 f. Einen zweiten Schub bekam die Textilindustrie ab etwa 1860 durch die Mechanisierung der Baumwollweberei.Hans Pohl, Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme, Teil 1, 2005, S. 250
Spätindustrialisierung und Hochindustrialisierung (ab 1860) In den USA setzte die industrielle Revolution vergleichsweise spät ein, seit 1850 zügigPeter Lösche (Hrsg.), Länderbericht USA, 2004, S. 81 f. und nach dem Sezessionskrieg ab 1865 deutlich erkennbar. Als Schrittmacher erwiesen sich auch hier die Eisenbahn und auch die Grundstoffindustrie. Eisenbahnen sorgten für die industrielle Infrastruktur, Energie verschaffte der Industrie die Produktionsgrundlagen. Die 3069 Kilometer lange transkontinentale Eisenbahnverbindung zwischen New York City und San Francisco konnte am 10. Mai 1869 vollendet werden, seit 1887 brachten Tiefkühlwaggons das Frischfleisch aus Chicago nach New York. John D. Rockefeller gründete 1870 die Standard Oil Company, um den enormen Ölbedarf decken zu können. Die 1879 von Thomas Alva Edison erfundene Glühlampe ermöglichte auch die Beleuchtung von Fabrikhallen.Willi Paul Adams, Die USA vor 1900, 2009, S. 100 ff.
Werner von Siemens erfand inzwischen 1866 einen leistungsstarken Dynamo zur Stromerzeugung, 1862 erfand Nicolaus Otto den Verbrennungsmotor, 1876 standen Elektromotoren als Antriebsaggregate zur Verfügung.Wolfgang Kilger, Industriebetriebslehre, Band 1, 1986, S. 12 Allmählich konnte der Industriesektor in Deutschland eine Führungsrolle in der Wirtschaft übernehmen. Weitere technische Fortschritte sorgten für eine zunehmende Mechanisierung. Die ersten einsetzbaren Dampfturbinen entwickelten der Schwede Carl Gustav Patrik de Laval (1883; Aktionsprinzip) und der Engländer Charles Parsons (1884; Reaktionsprinzip). Oskar von Miller gelang 1891 durch die Fernübertragung von Drehstrom der Anschluss von Industriebetrieben an fernliegende Stromquellen, so dass die Wahl für Industriestandorte unabhängiger von vorhandenen Energiequellen erfolgen konnte.
Nachdem Carl Benz 1885 das Automobil erfand, verstärkte sich die Industrialisierung wesentlich durch die 1897 in den USA beginnende Automobilindustrie, die 1913 in Henry Fords Unternehmen das erste permanente Fließband () einsetzte. Dadurch steigerte Ford die Produktion auf das Achtfache, so dass er zugleich den Preis seines Modells Tin Lizzy enorm verringern und die Löhne erhöhen konnte.Henry Ford, Erfolg im Leben, 1952, S. 94 ff. Bereits im Oktober 1912 ließ die Firma Friedrich Krupp AG ihren Mitarbeiter Benno Strauß als Erfinder des Edelstahls patentieren, auch wenn erst im August 1913 in Sheffield Harry Brearley als Erfinder des rostfreien Stahls gefeiert wurde.
Die Frage nach dem Anteil der Großindustrie am Aufstieg der NSDAP ist in der Geschichtswissenschaft ein zentraler Gegenstand in der politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Endphase der Weimarer Republik. Umstritten ist dabei vor allem, ob und wie weit die Großindustrie die NSDAP die entscheidenden Jahre nach der Reichstagswahl von 1930 bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 förderte.