mini|hochkant|Cover der Buchausgabe (2007) Die Bibel in gerechter Sprache ist eine Bibelübersetzung mit dem Fokus, die biblischen Schriften (einschließlich der Deuterokanonischen Schriften) aus den Ausgangssprachen so in die deutsche Gegenwartssprache zu übersetzen, dass sie der Bedeutung von Frauen in der Bibel gerecht wird und gegenüber dem Judentum sensibel ist.
Vorarbeiten für diese Übersetzung waren in den 1990er Jahren einerseits Texte für Kirchentags-Bibelarbeiten und andererseits gottesdienstliche Texte in inklusiver Sprache. Dabei wurden die Kriterien einer gerechten Bibelübersetzung entwickelt. Das Übersetzungskollektiv der Bibel in gerechter Sprache, mehrheitlich evangelisch und mehrheitlich Frauen, war größtenteils bereits bei diesen Vorarbeiten beteiligt. Gefördert durch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und unterstützt durch eine Spendenkampagne, wurde die neue Übersetzung in fünf Jahren erarbeitet und im Oktober 2006 der Öffentlichkeit vorgestellt.
Name und Zielsetzung In der Einleitung legt die Bibel in gerechter Sprache ihren Blickwinkel offen. Sie stellt das biblische Grundthema Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. Der Name soll nicht bedeuten, dass die Übersetzung gerecht ist und andere Übersetzungen ungerecht.
Neben der aktuellen sprachwissenschaftlichen Diskussion berücksichtigt sie auch die Anliegen der feministischen Theologie, des jüdisch-christlichen Dialogs, der Sozialethik und der Befreiungstheologie. Die Übersetzung will nicht an die Stelle herkömmlicher Bibelübersetzungen treten, sondern versteht sich als Ergänzung. Sie ist einerseits für den privaten Gebrauch konzipiert und soll Gespräche anregen. Andererseits stellt sie sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Die Übersetzungsarbeit ist nicht abgeschlossen, sondern ein Zwischenstand.Ulrike Bail, Frank Crüsemann, Marlene Crüsemann, Erhard Domay, Jürgen Ebach, Claudia Janssen, Hanne Köhler, Helga Kuhlmann, Martin Leutzsch, Luise Schottroff (Hrsg.): Bibel in gerechter Sprache, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006, ISBN 3-579-05500-3.
Frauen werden überall dort, wo sozialgeschichtliche Forschungsergebnisse nahelegen, dass sie mitgemeint sind, ausdrücklich benannt. So spricht die Neuübersetzung von „Jüngerinnen und Jüngern“ oder von „Pharisäerinnen und Pharisäern“, weil entweder das Neue Testament selbst Frauen erwähnt (Mt 8,2–3 BigS) oder weil sozialgeschichtliche Forschungen ergaben, dass diese Gruppierungen Frauen einschlossen.
Die Übersetzung soll verdeutlichen, dass Jesus und seine Jünger sich als Teil der jüdischen Gemeinschaft verstanden. Sie setzten darin zwar kritische Akzente, grenzten sich jedoch nicht grundsätzlich davon ab, wie es die spätere Kirche tat. Beispielsweise wird die in der Bergpredigt wiederkehrende Formulierung nicht wörtlich „Ich aber sage euch“ übersetzt, weil das abgrenzend klingt, sondern im Sinne rabbinischer Auslegungspraxis paraphrasiert: „Ich lege euch das heute so aus“ (Mt 5,21-48 BigS).
Soziale Realitäten wie etwa die Sklaverei oder die Gewaltstrukturen des Römischen Reichs, die der Text benennt, sollen klar erkennbar sein und nicht, wie häufig in früheren Übersetzungen, verharmlost oder spiritualisiert werden. Die „Magd“ aus der Übersetzung Martin Luthers wird als „Sklavin“ bezeichnet, weil dieser Begriff die Lebensbedingungen präziser benenne.
Lesemöglichkeiten des Gottesnamens mini|Für den Gottesnamen (grau unterlegt) werden verschiedene Umschreibungen benutzt. Bei vielen hebräischen und griechischen Worten wird auf ein Glossar im Anhang verwiesen. Der Gottesname JHWH kommt in der Hebräischen Bibel fast 7.000 Mal vor. Er wird in vielen christlichen Bibeln als „Herr“ übersetzt, nicht aber in der Bibel in gerechter Sprache, da Gott die menschliche Erkenntnis- und Benennungsmöglichkeiten übersteige. Aufgrund der jüdischen Tradition, den Namen Gottes nicht auszusprechen, bietet die Bibel in gerechter Sprache dort, wo im Grundtext der Eigenname Gottes steht oder gemeint ist, folgende Lesemöglichkeiten an: der Ewige, die Ewige, Schechina, Adonaj, ha-Schem, der Name, GOTT, die Lebendige, der Lebendige, Ich-bin-da (), ha-Makom, DU, ER SIE, SIE ER, die Eine, der Eine, die Heilige, der Heilige.Ein Einblick in die Übersetzungswerksatt der »Bibel in gerechter Sprache« anhand ihrer vier Kriterien, Detlef Dieckmann-von Bünau, Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe: 7 / 2007 (PDF) Diese Lesemöglichkeiten sind „einer Auswahl von Übersetzungen entnommen, die in der religiösen und kultischen Praxis des Judentums und des Christentums eingeübt wurden“, ergänzt um weibliche Formen, die das Missverständnis verhindern sollen, Gott wäre männlich.Helga Kuhlmann: Gottes Namen nennen in der „Bibel in gerechter Sprache“. In: Evangelische Theologie, Band 68 (2008), S. 5−21, hier S. 7.
Paratexte Die Bibel in gerechter Sprache enthält eine ausführliche Einleitung, die das Profil dieser Übersetzung erläutert, sowie Einleitungen zu den drei Teilen Altes Testament, Deuterokanonische Schriften, Neues Testament und zu den einzelnen biblischen Büchern. Sie unterscheidet sich von den meisten anderen Übersetzungen dadurch, dass sie den Text nicht durch Hinzufügung von Zwischenüberschriften gliedert und interpretiert.
Zentrale griechische und hebräische Wörter werden in einem Glossar erklärt, das unter den deutschen Bibelübersetzungen einzigartig ist. Diese hebräischen oder griechischen Zentralbegriffe werden im Text durch ° markiert, am Innenrand aufgeführt und können im Anhang nachgeschlagen werden. „Die Übersetzungsentscheidungen sind vielfach eigenwillig, werden dadurch aber nachvollziehbar und überprüfbar“, so Ute Eisen.Ute Eisen: „Quasi dasselbe?“ Vom schwierigen und unendlichen Geschäft des Bibelübersetzens – Neuere deutsche Bibelübersetzungen. In: Zeitschrift für Neues Testament, Band 26 (2010), S. 3−15, hier S. 9.
Entstehung Vorgeschichte Die Bestrebungen um eine Bibel mit dem angestrebten Profil gehen in die 1980er Jahre zurück, als theologische Debatten um die biblische Befreiungsbotschaft, die Frage der Geschlechtergerechtigkeit und in größerem Stil das christlich-jüdische Gespräch einsetzten.Hanne Köhler: Gerechte Sprache als Kriterium von Bibelübersetzungen, Gütersloh 2012, S. 32.
Vorbildhaft wirkten Entwicklungen im US-amerikanischen Raum: mini|New Revised Standard Version (ca. 2004) Die 1990 erschienene, ökumenische New Revised Standard Version (NRSV) der Bibel blieb bei den Gottesbezeichnungen in patriarchaler Sprache, verwendete aber bezogen auf Menschen eine inklusive Sprache. Sie wurde gleichwohl von konservativen Kreisen kritisiert. Zunächst war sie für den Gebrauch in römisch-katholischen Gottesdiensten zugelassen; die vatikanische Glaubenskongregation hob dies aber Ende 1994 auf. Victor Roland Gold, Jr. Thomas L. Hoyt, Sharon H. Ringe, Susan Brooks Thistlethwaite, Jr. Burton H. Throckmorton und Barbara A. Withers gaben 1995 ein Neues Testament mit Psalmen heraus, das auf der NRSV beruhte, aber inklusive Metaphern für Gott gebrauchte (The New Testament and Psalms: An Inclusive Version). Einige Mitglieder dieser Übersetzergruppe hatten bereits in den 1980er Jahren Lektionare in inklusiver Sprache erarbeitet. Die ökumenische Reformbewegung Priests für Equality erarbeitete eine inklusive Bibelübersetzung, die in mehreren Bänden 1994 bis 2007 veröffentlicht wurde (The Inclusive Bible: The First Egalitarian Translation). Der Gottesname wurde in diesem Übersetzungswerk anfangs mit Adonai wiedergegeben, ab 2004 YHWH transkribiert mit der Empfehlung, an dieser Stelle ein frei gewähltes Ersatzwort zu lesen.Claudia Janssen, Hanne Köhler: Eine lange Geschichte des Säens, damit dann und wann Blumen wachsen: Bibelübersetzungen in gerechte Sprache, Stuttgart 2015, S. 346–348.
Kirchentagsübersetzungen Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1987 in Frankfurt am Main verteilten Aktive der Evangelischen Frauenarbeit, darunter Hanne Köhler, eine Broschüre, die eine inklusive Sprache der verwendeten Bibeltexte forderte. mini|Bibelarbeit auf einem Kirchentag (2019) Im Jahr 1989 konstituierte sich eine Exegetische Arbeitsgruppe, um für Bibelarbeiten auf künftigen Kirchentagen Übersetzungen in einer „frauengerechten, inklusiven, sachgerechten Sprache“ bereitzustellen. Außerdem sollten antijüdische Übersetzungen traditioneller Bibeln vermieden werden. Von Anfang an gehörten Frank Crüsemann, Jürgen Ebach und Luise Schottroff zu diesem Kreis.Luise Metzler: Die Bibel in gerechter Sprache: Einblicke in das Projekt, seine Ziele und Methodik. In: Christos Karvounis (Hrsg.): Bibelübersetzung zwischen Tradition und Moderne – Pluralität, Skepsis, Perspektiven. Frank & Timme, 2024, S. 121−137, hier S. 123. Diese Arbeitsgruppe war, so Crüsemann, „das Laboratorium, in dem wir alle Übersetzungsprinzipien miteinander entdeckt und erarbeitet haben. Und diese Gruppe hatte in ihrer Zusammensetzung eine Eigenart, die auch die Übersetzung prägt […], [weil] hier Linien zusammenkamen, die sonst oft genug gegeneinander standen und stehen. Da waren feministisch geprägte Frauen, Exegetinnen, die begonnen hatten, die Bibel neu aus der Perspektive von Frauen zu lesen, und da waren andere, die durch den christlich-jüdischen Dialog geprägt waren und von hier aus ein neues verändertes Verständnis vieler Texte erarbeitet hatten. Dazu kam, dass viele von uns sozialgeschichtlich arbeiteten und sich in einem Zusammenhang mit der Befreiungstheologie und deren neuer Exegese bewegten.“
So wurden folgende Kriterien erarbeitet: Die Übersetzung soll dem hebräischen oder griechischen Wortlaut der Bibeltexte gerecht werden. Sie soll die in den Texten ausdrücklich genannten oder mitgemeinten Frauen sichtbar machen und heutige Frauen ansprechen. Sie soll dem Gespräch mit Jüdinnen und Juden gerecht werden, „bzw. – bescheidener – Respekt vor ihrem Lesen der Bibel erweisen.“ Sie soll heute verständlich sein. Aber wo der zu übersetzende Text sperrig oder mehrdeutig ist, kann die Übersetzung das kenntlich machen.Jürgen Ebach: Gerechte Bibelübersetzung – ein Projekt, Gütersloh 2003, S. 21. In den Dokumentationsbänden der Kirchentage ab 1991 wurden die kirchentags-üblichen Bibelarbeiten abgedruckt, dazu der Bibeltext in zwei Fassungen: die revidierte Lutherübersetzung und „eine für diesen Kirchentag erarbeitete Textfassung. Diese bemüht sich um größtmögliche Texttreue der ursprünglichen Überlieferung gegenüber, versucht die sozialen und historischen Bedingungen der Entstehungszeit zu berücksichtigen, will die Hör- und Sprachgewohnheiten heutiger Leser und besonders Leserinnen berücksichtigen und nimmt Rücksicht auf die im Judentum heute noch lebendige Tradition und Verpflichtung, den Gottesnamen nicht auszusprechen.“ (Hier zitiert nach: Konrad von Bonin (Hrsg.): Deutscher Evangelischer Kirchentag Ruhrgebiet 1991. Chr. Kaiser, München 1991, S. 33.) Diese Übersetzungsprinzipien wurden seit Anfang der 1990er Jahre von den Mitgliedern der Exegetischen Arbeitsgruppe öffentlich vertreten, blieben aber, so Crüsemann, „nahezu unbeachtet“, bis mit der Bibel in gerechter Sprache eine Gesamtübersetzung der Bibel vorgelegt wurde, die diesen Prinzipien entsprach.Sebastian Grätz, Bernd U. Schipper (Hrsg.): Alttestamentliche Wissenschaft in Selbstdarstellungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 245.
Unterdessen schlug die Evangelische Frauenarbeit der Deutschen Bibelgesellschaft als Rechteinhaberin seit 1989 Textänderungen bei der anstehenden Revision der nur von Männern übersetzten Gute Nachricht Bibel vor, die teilweise umgesetzt wurden. Die Gute Nachricht Bibel wurde bei ihrem Erscheinen 1997 als erste deutschsprachige Bibel in (gemäßigt) „frauengerechter Sprache“ beworben.
Liturgische Texte in gerechter Sprache