Die Ch-22 Burja (, dt. Sturm) ist ein flugzeuggestützter Seezielflugkörper und Marschflugkörper aus sowjetischer Produktion. Der Systemindex der Sowjetarmee für den Raketenkomplex lautet K-22, im GRAU-Index wird der Raketenkomplex als D-2 bezeichnet, und der NATO-Codename lautet AS-4 Kitchen.

Entwicklung Am 17. Juni 1958 erteilten das Zentralkomitee der KPdSU sowie der Ministerrat der UdSSR den Auftrag zur Entwicklung eines neuen flugzeuggestützten Seezielflugkörpers.Militaryrussia.ru: Х-32 / 9-А-2362 Der neue Seezielflugkörper sollte in großer Höhe mit Überschallgeschwindigkeit fliegen und gegen Flottenverbände mit starker Flugabwehr eingesetzt werden. Als Startplattform sollte der Bomber Tu-22K „Blinder-B“ verwendet werden. Der Entwicklungsauftrag wurde dem OKB-155 (Mikojan-Gurewitsch) zugesprochen, aus welchem später das OKB-155-2 (Raduga) ausgegliedert wurde. Weiter war auch das OKB-156 (Tupolew) bei der Entwicklung involviert. Von Anfang an entwickelte man zwei Ausführungen der Ch-22: einen Marschflugkörper gegen stationäre Landziele sowie einen Seezielflugkörper. Später kam auch eine Ausführung mit einem passiven Radarsuchkopf zur Bekämpfung von Radaranlagen hinzu. Die Flugtests an einer umgebauten Tu-16 „Badger“ begannen im Juli 1961.Dzen.ru: Авиационно-ракетные комплексы с крылатыми ракетами Х-22 «Буря» I поколения Der erste Teststart einer Ch-22 ab diesem Flugzeug erfolgte 1962. Im selben Jahr begannen die Flugtests an den beiden Tu-22K-Prototypen. Technische Probleme sowie der Absturz einer der beiden Tu-22K führten zu Verzögerungen und der Ch-22-Entwurf musste mehrfach nachgebessert werden. Im Jahr 1967 waren die staatlichen Abnahmetests abgeschlossen und die Ch-22 wurde bei den Sowjetischen Seefliegerkräften in Dienst gestellt. Bei den Sowjetischen Fernfliegerkräften wurde die Ch-22 im Jahr 1971 eingeführt.Jefim Gordon: Soviet/Russian Aircraft Weapons: Since World War Two. Crecy Publishing, 2005, S. 101–107. Insgesamt wurden knapp 3.000 Ch-22 produziert. Davon waren im Jahr 1997 noch 300 bei der Truppe und eine unbekannte Anzahl war eingelagert. In den späten 1980er-Jahren begann die Entwicklung der verbesserten Ausführung Ch-32. Nach einigen Verzögerungen wurde die Ch-32 im Jahr 2016 bei den Streitkräften Russlands eingeführt.Militaryrussia.ru: Комплекс K-22, ракета Х-22 - AS-4 KITCHEN

Varianten Die Ch-22-Lenkflugkörper wurden in verschiedenen Varianten an die aktuelle Bedrohungslage angepasst und modernisiert. Neben Neukonstruktionen wurden auch ältere Flugkörper bis in die 1980er-Jahre auf einen neuen Stand nachgerüstet.Duncan Lennox: Jane’s Air launched Weapon 1997. Jane’s Information Group, 1997, S. 150. Von allen Varianten existiert jeweils eine Ausführung mit einem Penetrations-Gefechtskopf, einem Splittergefechtskopf oder einem Nukleargefechtskopf. Es wurden die folgenden Ch-22-Varianten hergestellt:Nikolay Svertilov: Russia’s Arms and Technologies. The XXI Century Encyclopedia. Vol. 10 - Aircraft Armament & Avionics. Russland, 2004, S. 71–74.Nikolay Spasskiy: Russia's Arms & Technologies The XXI Century Encyclopedia Vol. 1 – Strategic Nuclear Forces. Russland, 2000, S. 250–252. Ch-22PG: Seezielflugkörper mit aktiver Radarzielsuche sowie R201-300-(S5.33)-Raketentriebwerk. Eingeführt 1967. Fluggeschwindigkeit Mach 3,4. Reichweite 400 km. Ch-22P: Ausführung der Ch-22PG mit passivem Radarsuchkopf zur Bekämpfung von Radaranlagen. Eingeführt 1972. Ch-22PSI: Ausführung der Ch-22PG als Marschflugkörper mit Trägheitsnavigationsteuerung. Eingeführt 1971. Reichweite 400 km. Ch-22M: Seezielflugkörper für den Einsatz ab der Tu-22M2 „Backfire-B“ und Tu-95K-22 „Bear-G“. Mit aktiver Radarzielsuche, verbesserter Elektronik und verbessertem S5.33M-Raketentriebwerk. Zwischen 1967 und 1975 entwickelt. Fluggeschwindigkeit über Mach 4,5. Reichweite 450 km. Ch-22MP: Ausführung der Ch-22M mit passivem Radarsuchkopf zur Bekämpfung von Radaranlagen. Eingeführt 1975. Ch-22MA: Ausführung der Ch-22M als Marschflugkörper mit verbesserter Trägheitsnavigationsteuerung. Eingeführt 1975. Reichweite 570 km. Ch-22N: Seezielflugkörper mit aktiver oder passiver Radarzielsuche. Für den Einsatz im Tiefflug mit einer minimalen Starthöhe von 1.000 m. Mit neuem S5.44-Raketentriebwerk. Eingeführt 1976. Fluggeschwindigkeit Mach 4,0. Reichweite 400 km. Ch-22NA: Ausführung der Ch-22N als Marschflugkörper mit Trägheitsnavigationsteuerung und radarbasiertem TERCOM-Suchkopf (Gelände-Kontur-Abgleich). Eingeführt 1976. Reichweite 460 km. Ch-22B: Experimental-Lenkflugkörper mit einer aeroballistischen Flugbahn. Flughöhe 70 km mit Mach 6,0. Ch-32: Neue Version eingeführt 2016.Mihajlo S Mihajlović: Rockets and Missiles Over Ukraine: The Changing Face of Battle. Frontline Books, 2023, S. 156–162. Mit komplett neuer Elektronik, U501M-Radarsuchkopf, neuem Raketentriebwerk, GLONASS / GPS-Satelliten-Navigationssystem, 2-Weg Datenlink und 500 kg schwerem TK-56-Gefechtskopf.United Press International: New Russian cruise missiles to hit targets from 130,000 feet Fluggeschwindigkeit über Mach 4. Flughöhe über 40 km. Reichweite 600–1.000 km. Russland plante um 2018 die Nachrüstung älterer Ch-22 auf den Stand der Ch-32.

Technik mini|Ch-22 unter einer Tu-22KD Die Ch-22 gehört mit einem Gewicht von über 5,5 Tonnen und einer Länge von über 11 m zu den weltweit größten und schwersten Luft-Boden-Raketen. Der Lenkflugkörper dient primär zur Bekämpfung von Flugzeugträgerkampfgruppen und Seekriegsverbänden und wurde dafür konzipiert, ein großes Kriegsschiff mit einem Treffer zu versenken oder zumindest operationsunfähig zu machen. Mit der nuklearen Variante kann ein ganzer Flottenverband mit einem Schlag vernichtet werden. Die große Reichweite des Lenkflugkörpers ermöglicht es, ihn außerhalb der Reichweite von Luftverteidigungssystemen zu starten.Duncan Lennox: Jane’s Strategic Weapon Systems 2003. Jane’s Information Group, 2003, S. 189–190. Als Startplattformen wurden ursprünglich die Bomber Tu-22K „Blinder-B“ und später die Tu-22M2 „Backfire-B“ und Tu-95K-22 „Bear-G“. verwendet.David Donald: Tupolev Bombers. AIRtime Publishing, 2003, ISBN 978-1-880588-62-8. S. 90–92 & 114–115.Ausairpower.net: Soviet Maritime Reconnaissance, Targeting, Strike and Electronic Combat Aircraft (englisch) Die Tu-22 konnte einen Ch-22-Lenkflugkörper halbversenkt im Waffenschacht transportieren. Die Tu-22M und Tu-95 können jeweils einen Lenkflugkörper halbversenkt im Waffenschacht sowie zwei weitere an Außenlaststationen mitführen.Ausairpower.net: MARITIME STRIKE The Soviet Perspective (englisch) Mit der Außerdienststellung der Tu-22 und der Tu-95 verbliebe einzig die Tu-22M als Startplattform für die Ch-22.Ausairpower.net: Tupolev Tu-95 and Tu-142 Bear (englisch)

Der Lenkflugkörper besteht aus einem stromlinienförmigen Rumpf mit zwei Tragflächen, zwei Höhenrudern und zwei Leitwerken. Alle Flächen und Ruder haben eine trapezoidförmig Geometrie. Die Tragflächen haben eine Pfeilung von 75°. Das untere Leitwerk ist während dem Transport am Flugzeug auf die Seite gefaltet. Der Rumpf ist aus Stahl sowie aus Titan- und Magnesiumlegierungen gefertigt. Die Lenkflugkörperspitze ist aus Stahl gefertigt und hat unten eine rechteckige Fläche aus nichtleitendem GFK für den Radarsuchkopf. Hinter der Flugkörperspitze befindet sich der aktive PG-Radarsuchkopf gefolgt von dem APK-22-Autopiloten mit einer Trägheitsnavigationsplattform. Dahinter folgt ein Fach mit Trockenbatterien sowie der Gefechtskopf. Dieser kann aus einem 950 kg wiegenden Penetrations-Gefechtskopf, einem 630 kg schwerem Splittergefechtskopf der rund 1.200 Splitter erzeugt oder einem Nukleargefechtskopf mit 200 bis 350 kT bestehen. Dahinter folgt der Treibstofftank mit 3.049 kg TG-02 sowie der Tank für den Oxidator mit 1.015 kg AK-27. Der Flugkörper muss unmittelbar vor ihrem Einsatz auf dem Stützpunkt mit den toxischen Flüssigkeiten betankt werden. Hinter den Tanks folgen die Turbogeneratoren mit dem Stromwender für die Elektrizitätsversorgung. Für die Treibstoffförderung zu dem Triebwerk sind Druckluftspeicher mit nachgeschalteten Treibstoffpumpen verbaut. Weiter gibt es Turbopumpen für die Hydraulik-Aktoren der Steuerflächen. Zuhinterst im Rumpf ist das R-201-300-Raketentriebwerk verbaut. Dieses ist ein Flüssigkeitsraketentriebwerk mit zwei Brennkammern und kann in drei Schubstufen zwischen 9 kN und 83 kN betrieben werden.

Um den Lenkflugkörper gegen ein Seeziel zu starten, müssen dem Bordcomputer des Lenkflugkörpers die ungefähren Koordinaten sowie der Kurs des Zieles übermittelt werden. Diese werden mittels Radar an Bord das Startflugzeuges ermittelt. Dazu kommt das Radar PNA Rubin (NATO-Codename „Down Beat“) von Leninez zur Anwendung. Dieses arbeitet im I-Band und kann, je nach Version Kriegsschiffe auf Distanzen von 350 bis 500 km erfassen. Die Daten werden an den Autopiloten des Lenkflugkörpers weitergegeben und danach kann der Start in einem Höhenbereich von 1.000 bis 16.000 m erfolgen. Nach dem Abwurf vom Flugzeug folgt zunächst eine drei Sekunden dauernde antriebslose Phase. Dann zündet das Raketentriebwerk. Die Ch-22 beschleunigt nun im Steigflug innerhalb von rund 11 Sekunden auf eine Geschwindigkeit von Mach 3,44. Dabei entwickelt das Raketentriebwerk einen Schub von 83 kN. Der Marschflug erfolgt in einer Flughöhe von 18,5 bis 27 km, mit Weiterbeschleunigung auf eine Geschwindigkeit von Mach 4,6 (ca. 4.900 km/h).Scribd, Anti Shipping Missile Survey, Scribd, S. 37 In: studylib.net. (englisch). Während des Marschfluges entwickelt das Raketentriebwerk einen Schub 5,9 kN. Die Ch-22 ist eine Fire-and-Forget-Lenkwaffe und der Flug ins Zielgebiet erfolgt autonom mit Hilfe des Autopiloten. Aktualisierte Zieldaten können mit einem Datenlink von dem Startflugzeug zum Lenkflugkörper gesendet werden.Phillip E. Pace: Detecting and Classifying Low Probability of Intercept Radar. Artech House Publishers, 2003. S. 580. Ein Radar-Altimeter sorgt für den nötigen Sicherheitsabstand zwischen dem Lenkflugkörper und der Meeresoberfläche. Für den Zielanflug kommt der bordeigene – entweder aktive oder passive – Radarsuchkopf zum Einsatz. Wurde das Ziel erfasst, wird es in einem steilen Sturzflug von 30 bis 60° angeflogen. Beim Aufschlag im Ziel wird der konventionelle Gefechtskopf mit dem Aufschlagzünder zur Detonation gebracht. Der Nukleargefechtskopf wird durch einen Näherungszünder über dem Ziel gezündet. Wird die Ch-22 in einer Flughöhe von 16.000 m gestartet, beträgt die maximale Reichweite je nach Version 500 bis 570 km. Beim Start in einer Höhe von 1.000 m liegt die maximale Reichweite bei 250 bis 360 km. Die maximale Geschwindigkeit im Tiefflug beträgt 2.200 km/h.