mini|Wappen des „Domenego Flabenigo“, wie es den Vorstellungen derartiger Wappen im frühen 17. Jahrhundert entsprach. Bei den Wappen frühmittelalterlicher Dogen handelt es sich um bloße Rückprojektionen sehr viel jüngerer Familienwappen. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein. Später wurden auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte. Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert.„Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti.“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell’associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41). Domenico Flabiano, auch Flabiano, Flabanico oder Flabianico († 1043), war, folgt man der sogenannten Tradition, also der seit dem 14. Jahrhundert zunehmend staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, ihr 29. Doge. Er regierte von 1031/1032 bis 1043 und erzielte in mehrfacher Hinsicht einen Wendepunkt: Er stabilisierte die Herrschaft nach innen und beendete die Zeit der Versuche, eine Art Erbmonarchie in Venedig zu errichten, er griff in das Investiturrecht des Patriarchen von Grado ein, und er stärkte nach außen Venedigs Autonomie gegenüber den beiden Kaiserreichen.

Bevor Flabanico sein Amt antrat, herrschten in Venedig chaotische Zustände. Nach der Vertreibung seines Vorgängers Pietro Centranigo und dessen Flucht nach Konstantinopel, versuchten die abgesetzten Orseolo, die ihr Ziel der Installierung einer Erbmonarchie mit Beharrlichkeit verfolgten, sich wieder ihrer Ämter zu bemächtigen. Sie waren aber auf den Widerstand Konrads II. gestoßen, der die Opposition in Venedig unterstützte, mit dem Ziel, Venedig dem historisch gewachsenen Einfluss von Byzanz zu entziehen. Nach dem besagten Sturz seines Vorgängers war der Dogensitz ein Jahr lang verwaist.

1032 wurde Domenico Flabanico, der Führer der Oppositionspartei, gewählt. Mit ihm endete der dritte und letzte Versuch, eine Erblichkeit des Dogenamtes und damit eine Dynastie durchzusetzen. Denn im Jahr 1040 wurde allen Dogen untersagt, einen Mitdogen oder Nachfolger zu bestimmen, womit ein entscheidender Schritt getan war, zukünftige Dynastiebildungen zu unterbinden. Ein Konzil in der Markuskirche legte im selben Jahr ein Mindestalter für Kleriker fest, der jeweilige Metropolit musste erst seine Zustimmung geben. Im nächsten Jahr griff der Doge in das Investiturrecht des Patriarchats von Grado ein.

Das Verhältnis zu Byzanz kühlte sich wohl ab, doch war Flabanicos Herrschaft eine Zeit des äußeren Friedens. Konrad II. unterstützte allerdings den Patriarchen von Aquileia gegen seinen Amtskollegen aus Grado, wogegen sich Venedig wehrte. Dort erkannte man, dass eine solche Entscheidung die venezianischen Bistümer in ein Gehorsamsverhältnis zu einem Reichsfürsten gebracht hätte, eben dem Patriarchen. Konrads Nachfolger Heinrich III. erneuerte, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der Venedig als Reichsfeind betrachtet hatte, die traditionellen Privilegien der Lagunenstadt im Jahr 1040. Der feindlich gesinnte Patriarch Poppo von Aquileia starb 1042. 1044 wurde die besagte Entscheidung widerrufen, was Venedigs Autonomie stärkte.

Herkunft, gesellschaftlicher Aufstieg Der spätere Doge entstammte einer tribunizischen Familie. Flabanico war Landbesitzer, doch ist nicht sicher, ob er als Seidenhändler tätig war, wie einige vermuten.

Auch ist unbekannt, ob er verheiratet war oder Kinder hatte. Nur einige Angehörige seiner Familie des 10. und 11. Jahrhunderts sind bekannt, doch die verwandtschaftliche Beziehung zu diesen überlieferten Personen ist ungeklärt. So erscheinen 960 ein Domenico und ein Giovanni Flabiano, 982 zwei weitere Männer namens Giovanni sowie zwischen 998 und 1024 ein anderer Domenico. Im Umkreis des Dogen erscheint zwischen Juni 1037 und 1041 ein Stefano als Zeuge in Urkunden des Dogen, der 1084 bereits verstorben gewesen sein muss. Aus dem Jahr 1064 stammt ein Hinweis auf einen iudex Pietro Flabiano. Er sprach Recht in einer Auseinandersetzung mit dem Abt des Klosters Brondolo auf dem oberitalienischen Festland nahe der Lagune von Venedig.

Im Zuge der Machtkämpfe zwischen den einflussreichsten Familien Venedigs wurde Flabanico zum Wortführer der Opposition gegen den Dogen Ottone Orseolo, der 1024 erstmals Venedig räumen musste, um nach Istrien zu fliehen. Doch kehrte er nach kurzer Zeit in sein Amt zurück. 1026 gelang seine Absetzung und er wurde ins Exil nach Konstantinopel geschickt. An seiner Stelle wurde Pietro Centranico zum Dogen erhoben, auch Barbolano genannt. Dieser wiederum wurde vier Jahre später von den Anhängern der Orseolo gestürzt, der Doge zurückgerufen. An seine Stelle trat jedoch zunächst für eine Übergangszeit der Patriarch von Grado Orso Orseolo. Nun musste Flabanico aus Venedig fliehen. Als die Delegation in Konstantinopel eintraf, die den verbannten Dogen zurückholen sollte, war dieser bereits gestorben. In Venedig trat daher nach 14 Monaten der Patriarch vom Amt des Dogen zurück. Ein weiterer Orseolo, Domenico, versuchte den Dogenstuhl zu erlangen, doch wurde er nach nur einem Tag und einer Nacht vertrieben. Er floh nach Ravenna. An seiner Stelle nun wurde Flabanico zum Dogen gewählt, während er noch an einem nicht überlieferten Ort im Exil war. Unklar ist, ob die Wahl in den ersten Monaten des Jahres 1031 stattfand, oder, wie traditionell überliefert, im Jahr 1032.

Das Dogenamt mini|Karte der Inseln Venedigs im 11./12. Jahrhundert Unter Flabanico, der vom arengho, der Vollversammlung venezianischer Bürger, unterstützt wurde, wurden die Weichen für Venedigs Verfassung gestellt, die einer geschlossenen Gruppe adliger Familien die Herrschaft sicherte und Venedig selbst eine in Europa einzigartige Stabilität. Dem Dogen wurden zwei Berater, die consiglieri zur Seite gestellt, eines der ersten Indizien für die Einleitung eines Prozesses, der schließlich in der vollständigen Entmachtung des Dogen endete, als er – nach der Verfassung – nur noch eine machtlose, wenn auch glanzvolle Repräsentationsfigur war. Es bildete sich neben dem arengho der consiglio minore, Keimzelle des späteren Gremiums der pregadi bzw. des Senats.

Unter Flabanicos geschickter Politik – die Situation vor seiner Herrschaft wurde als ‚chaotisch‘ charakterisiert, denn der Doge Ottone Orseolo war in Konstantinopel gestorben, ein phantomgleicher Domenico Orseolo hatte für einen Tag das Dogenamt okkupiertClaudio Rendina: I Dogi. Storia e segreti, Newton Compton, 1984, S. 91. – ließen die sozialen Spannungen und die Machtkämpfe unter den Parteien nach, was ihm die Benennung als „prudentissimus vir“ eintrug.Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. 140. Außenpolitisch erlebte die Stadt, abgesehen von der Abkühlung des Verhältnisses zu Byzanz, eine Zeit des Friedens.

Zwar wird er in der Origo als Haupt des venezianischen Volkes bezeichnet, doch ist nicht klar, was dies bedeutete. Von einer Umwälzung der Machtverhältnisse kann jedenfalls nicht die Rede sein, er war keinesfalls ein Gegner der traditionell führenden Familien. Allerdings erreichte er im Jahr 1040 einen bedeutenden Schritt, die Macht des Dogen einzudämmen, indem ihm untersagt wurde, während seiner Amtszeit einen Mitdogen zu bestimmen oder einen Nachfolger, noch gestattete man fortan dies einem anderen, dies an Stelle des Dogen zu tun. Der Chronist Andrea Dandolo, selbst Doge, nennt dies im 14. Jahrhundert ein „salutare provvedimento“ (S. 209).

Die Chronik, die Piero Giustinian zugewiesen wurde, nennt unter dem neuen Dogen die Eröffnung von Prozessen gegen die Orseolo, und eine Verbannung der gesamten Familie, doch handelt es sich dabei um einen offenkundigen Irrtum. Die Orseolo blieben auch weiterhin Inhaber bedeutender Posten. Im Jahr 1036 war ein Pietro Orseolo, vielleicht ein Sohn des Dogen Domenico, auf Rialto weiterhin im Besitz des väterlichen Erbes. Ein Teil davon wurde legal in den Besitz der Familie Flabiano übertragen, wie ein Dokument vom Mai 1084 erweist.

Im Jahr 1040 fand in der Markuskirche ein Konzil der Bischöfe Venetiens statt. Dort wurde festgesetzt, dass ein Priester mindestens 30 Jahre alt sein musste, ein Diakon 25. Ausnahmen sollte es fortan nur noch mit der Zustimmung des Metropoliten geben. Damit reagierte die Versammlung auf die Amtseinsetzungen von Vitale Orseolo und Domenico Gradenigo, die mit 16, bzw. 18 Jahren ihr Amt angetreten hatten. 1041 intervenierte der Doge im Streit zwischen dem Patriarchen Orso und dem Bischof von Olivolo um die Rechtsprechung an der Kirche San Trovaso. Er erkannte beiden das Investiturrecht zu. mini|Italien Mitte des 11. Jahrhunderts Außenpolitisch setzten sich die Konflikte mit dem Römisch-deutschen Reich fort. Kaiser Heinrich II. hatte Wolfgang von Treffen 1019 als Poppo von Aquileia zum Patriarchen erhoben. Als die Orseolo zum ersten Mal vertrieben wurden, bemächtigte sich Poppo der Stadt Grado, doch der dortige Patriarch erreichte beim Papst die Wiederherstellung des Status quo und die Verdammung von Poppos Untaten.

Doch mit Heinrichs Nachfolger Konrad II. änderte sich die außenpolitische Situation im Nordosten Italiens. Der König weigerte sich Anfang 1026, die seit langem bestehenden Verträge mit Venedig zu erneuern. Eine von Konrad im nächsten Jahr in Rom einberufene Kirchenversammlung erkannte Poppos Ansprüche auf Grado an, während die Stadt zu einer einfachen Kirchengemeinde degradiert werden sollte. Wohl mit Unterstützung des byzantinischen Kaisers wehrten sich die Venezianer gegen diesen Angriff auf ihre Rechte, denn in dieser Form durchgesetzt lief dieser Beschluss auf die Vernichtung der Selbstständigkeit der Kirche Venedigs hinaus, denn die dortigen Bistümer unterstanden dem Patriarchen von Grado. Dies wiederum wäre zu Lasten der politischen Autonomie der Stadt gegangen, die seit langem darauf hinarbeitete, dass seine Bistümer keinem nicht-venezianischen Patriarchen unterstanden. Mit Venedig trat Konrad nicht einmal in Verhandlungen ein. Noch Jahre später hielt er sie für Reichsfeinde und Rebellen.Herwig Wolfram: Konrad II. 990–1039. Kaiser dreier Reiche, München 2000, S. 127. 1034 räumte Konrad in einer Urkunde dem Patriarchen von Aquileia das Territorium zwischen den Flüssen Piave und Livenza ein. Erst mit dem Tod des Kaisers im Jahr 1039 ließ der massive Druck auf Venedig nach.

Sein Nachfolger Heinrich III. erneuerte bereits 1040 die Privilegien des bedeutenden Klosters San Zaccaria. Einen Besuch des Kaisers als Pilger in Venedig hat es allerdings nie gegeben, wenn dies auch für die Zeit um 1036/37 lange vermutet worden ist.Roman Deutinger: Vom toten Winkel auf die Bühne: Heinrich IV. in Venedig, in: Romedio Schmitz-Esser, Knut Görich, Jochen Johrendt (Hrsg.): Venedig als Bühne. Organisation, Inszenierung und Wahrnehmung europäischer Herrscherbesuche, Regensburg 2017, S. 67–78, hier: S. 77 f. (online, PDF). Damit endete auch die feindselige Politik Poppos, der im neuen König keinen Rückhalt fand. Ende September 1042 starb der Patriarch. Außerdem wurde 1044 der besagte Beschluss widerrufen.

Über die Beziehungen zum östlichen Kaiserreich ist nichts bekannt. Die Überlieferung, dem Dogen sei der Titel eines Protospatharios verliehen worden, ist unsicher.