Die Schieferindustrie in Wales geht auf die Zeit der Herrschaft des Römischen Reiches über Britannien zurück. Dachschindeln aus Schiefer wurden bereits beim Bau eines römischen Lagers in der Nähe des heutigen Caernarfon verwendet. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts hatte dieser Industriezweig nur geringe Bedeutung für die walisische Wirtschaft. In der Zeit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts jedoch wurden Abbau und Verarbeitung von Schiefer neben dem Steinkohlenbergbau zum wichtigsten Industriezweig in Wales. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lagen die wichtigsten Abbauregionen im nordwestlichen Wales. Der Penrhyn- und der Dinorwic-Steinbruch in der Nähe von Llanberis waren zu diesem Zeitpunkt die beiden größten Schiefersteinbrüche der Welt. Die Oakeley-Mine von Blaenau Ffestiniog, in der der Schiefer unterirdisch abgebaut wurde, war weltweit das größte Schieferbergwerk. Schiefer wurde und wird überwiegend zum Decken von Dächern, außerdem als Fußbodenbelag sowie für Arbeitsplatten und Grabsteine genutzt.

mini|hochkant=1.5|Schiefer mit Hammer und Meißel in Schindeln zu spalten, erfordert große Geschicklichkeit und Erfahrung. Der Herstellungsprozess wurde erst während des 20. Jahrhunderts mechanisiert. Das Foto aus dem Jahr 1910 zeigt Arbeiter des Dinorwic-Steinbruchs, Wales

Im Juli 2021 nahm die UNESCO die „Schieferlandschaft von Nordwestwales“ in die Liste der Welterbestätten auf. Die Stätte besteht aus den sechs stellvertretend ausgewählten Komponenten „Penrhyn Slate Quarry and Bethesda, and the Ogwen Valley to Port Penrhyn“, „Dinorwig Slate Quarry Mountain Landscape“, „Nantlle Valley Slate Quarry Landscape“, „Gorseddau and Prince of Wales Slate Quarries, Railways and Mill“, „Ffestiniog: its Slate Mines and Quarries, ‘city of slates’ and Railway to Porthmadog“ und „Bryneglwys Slate Quarry, Abergynolwyn Village and the Talyllyn Railway“. Bereits 2018 hatte die International Union of Geological Sciences den walisischen Schiefer als Global Heritage Stone Resource ausgewiesen.

Übersicht Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde Schiefer üblicherweise in kleinen Mengen durch Gruppen von selbständigen Steinbrucharbeitern gewonnen. Diese zahlten für das Abbaurecht eine Gebühr an den Landbesitzer und transportierten den Schiefer mit Pferdekarren zu den Häfen. Von dort wurde der Schiefer mit Schiffen nach England, Irland und gelegentlich auch nach Frankreich transportiert. Nachdem die britische Regierung 1831 den Zoll auf Schiefer aufgehoben und der Bau von Schmalspurbahnen den Transport des Schiefers zu den Häfen erleichtert hatte, setzte eine rapide Expansion dieser Industrie ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Steinbrüche üblicherweise durch die Landbesitzer direkt betrieben.

Der Schieferabbau dominierte die Wirtschaft des nordwestlichen Wales insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im übrigen Wales hatte dieser Industriezweig eine weit geringere Bedeutung. Im Jahre 1898 waren etwa 17.000 Arbeiter mit dem Abbau von Schiefer beschäftigt. Die Produktionsmengen lagen zu diesem Zeitpunkt bei jährlich 500.000 Tonnen Schiefer. Ein Streik im Penrhyn-Steinbruch von 1900 bis 1903 markiert den Wendepunkt in der Bedeutung dieses Industriezweiges. Bereits während des Ersten Weltkrieges nahm die Zahl der in diesem Industriezweig beschäftigten Personen deutlich ab. Die Weltwirtschaftskrise in den späten 1920er und 1930er Jahren sowie der Zweite Weltkrieg führten zur Schließung der meisten kleineren Steinbrüche. Als andere Materialien wie etwa Tonziegel Schieferschindeln als Baumaterial beim Dachdecken zunehmend ablösten, folgte in den 1960er und 1970er Jahren auch die Schließung der meisten großen Schiefersteinbrüche. Schieferschindeln werden heute nur noch in einem geringen Umfang hergestellt.

Lagerstätten mini|Südlich von Bangor und Caernarfon liegen die wichtigsten Schieferlagerstätten. Sie entstanden während des Kambriums

Die Schieferlagerstätten von Wales sind während dreier erdgeschichtlicher Perioden entstanden: Kambrium, Ordovizium und Silur. Die Lagerstätten, die sich während des Kambriums gebildet haben, verlaufen in südwestlicher Richtung von Conwy bis in die Nähe von Criccieth. Dieser Schiefer wurde in den Steinbrüchen von Penrhyn und Dinorwig sowie im Nantlle Valley abgebaut. Kleinere Ausläufer des Vorkommens dieser Zeitperiode befinden sich auch an anderen Stellen, beispielsweise in der Nähe von Anglesey. Die Lagerstätten, die während des Ordovizium entstanden sind, verlaufen in südwestlicher Richtung von Betws-y-Coed bis nach Porthmadog; sie wurden in Blaenau Ffestiniog abgebaut. Ein weiteres Band von Ordovizium-Schiefer verläuft weiter südlich und reicht von Llangynnog bis nach Aberdyfi. Abgebaut wurde dieser Schiefer vor allem in der Region von Corris sowie an einigen Orten im Südwesten von Wales, vor allem in Pembrokeshire. Die Lagerstätten des Silurs liegen weiter östlich im Tal des Flusses Dee und im Gebiet von Machynlleth.

Beginn des Schieferabbaus Die Verwendung von Schiefer zum Bauen und Decken von Dächern geht auf die römische Zeit zurück. Bei der Errichtung des Römerlagers bei Caernarfon wurden zunächst Tonziegel verwendet, in späteren Bauphasen wurde jedoch zunehmend Schiefer für Dächer und Fußböden genutzt. Da der nächste Schiefersteinbruch etwa acht Kilometer vom Lager entfernt lag, ist die Verwendung wohl nicht darauf zurückzuführen, dass dieses Baumaterial vor Ort verfügbar war. Während des Mittelalters wurde Schiefer an mehreren Orten in Wales in kleinerem Umfang abgebaut. Der Cilgwyn-Steinbruch im Nantlle-Tal geht auf das 12. Jahrhundert zurück und gilt als der älteste in Wales. Erste Belege für Schieferabbau in der Nähe des späteren Penrhyn-Steinbruchs liegen für das Jahr 1413 vor: Die Haushaltsbücher eines dort ansässigen Landbesitzers halten fest, dass mehreren seiner Pächter zehn Pence für die Produktion von jeweils 5.000 Schieferschindeln ausgezahlt wurden. Der Steinbruch Aberllefenni Slate könnte auf das 14. Jahrhundert zurückgehen. Die ersten schriftlichen Belege für seine Existenz stammen aus den frühen Jahren des 16. Jahrhunderts und belegen, dass ein Landsitz der Gegend mit Schindeln aus diesem Steinbruch gedeckt wurde.

Die durch das hohe Gewicht des Schiefers bedingten Transportprobleme hatten zur Folge, dass man den Schiefer normalerweise in der Nähe der Steinbrüche verwendete. Schon sehr früh wurde er allerdings mit dem Schiff transportiert. Das belegt unter anderem ein Gedicht des Dichters Guto'r Glyn aus dem 15. Jahrhundert. Darin bittet er einen Kleriker, ihm aus dem nahe Bangor liegenden Aberogwen eine Schiffsladung Schiefer nach Rhuddlan zu senden, damit er sein in Henllan bei Denbigh befindliches Haus decken könne. Das vermutlich aus dem 16. Jahrhundert stammende Wrack eines Schiffes, das als Ladung fertige Schieferschindeln trug, wurde in der Menai-Straße gefunden. Für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts ist ein kleiner Exporthandel von Schieferschindeln nach Irland belegt. Die Schindeln wurden von Beaumaris und Caernarfon aus verschifft. Von Penrhyn aus wurden 1713 in 14 Schiffsladungen insgesamt 415.000 Schindeln nach Dublin verschickt. Die Schindeln wurden zunächst mit Packpferden und später mit Karren in die Häfen transportiert. Als Fuhrleute arbeiteten häufig Frauen in diesem ansonsten ausschließlich von Männern dominierten Wirtschaftszweig. Die Packpferde, die zum Beispiel Penrhyn-Schindeln zu den Häfen trugen, wurden gewöhnlich von Mädchen geführt.

Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde der Schiefer gewöhnlich in einer Vielzahl kleiner Steinbrüche von Arbeitsgemeinschaften abgebaut, die jeweils aus nur wenigen ortsansässigen Männern bestanden. Dafür zahlten sie gewöhnlich eine Miete oder Gebühr an den Landbesitzer. Die Steinbrucharbeiter von Cilgwyn, eines auf einer Krondomäne befindlichen Steinbruchs, waren dagegen von dieser Zahlung befreit. In einem Brief aus dem Jahre 1738 beschwert sich John Paynter, der den Penrhyn-Steinbruch vertrat, dass Cilgwyn-Schindeln deswegen preisgünstiger angeboten werden könnten und sich dies auf den Verkauf der Penrhyn-Schindeln auswirke. Penrhyn führte zwischen 1730 und 1740 größere Schieferschindeln ein und vergab für die in diesem Steinbruch üblichen Schindelgrößen Namen, die sich wie die damit bezeichneten Formate allmählich als Standard durchsetzten. Duchesses waren mit 24 × 12 Zoll (60,96 × 30,48 Zentimeter) die größten Schindeln, Countesses, Ladies und Doubles die jeweils nächsten Größen. Singles waren die handelsüblichen Schindeln mit dem kleinsten Maß.

Wachstumsphase 1760–1830 mini|Der Cilgwyn-Steinbruch ist der älteste in Wales und zählte im 18. Jahrhundert zu den wirtschaftlich bedeutsamsten. Der Steinbruch befand sich auf einer Krondomäne und die Steinbrucharbeiter mussten bis 1745 für ihren Abbau keinerlei Pacht entrichten – ein unzulässiger Wettbewerbsvorteil, wie die Betreiber anderer Steinbrüche meinten

Die Großlandbesitzer verlangten von den Arbeitern, die aus den Steinbrüchen ihrer Ländereien Schiefer gewannen, anfangs nur eine jährliche Miete von einigen wenigen Schillingen sowie eine Beteiligung an dem Erlös aus den verkauften Schindeln. Der erste Landbesitzer, der den Schieferabbau auf seinen Ländereien selbst organisierte, war der später in den Adelsstand erhobene Richard Pennant, der Besitzer des Landgutes Penrhyn. 1782 wurde den Männern, die in den Steinbrüchen seines Landbesitzes arbeiteten, entweder ihr Recht abgekauft oder sie wurden vertrieben. Noch im selben Jahr eröffnete Pennant einen neuen Steinbruch in Caebraichycafn nahe Bethesda. Dieser entwickelte sich zum größten Schieferbruch der Welt. Im Jahr 1792 waren in dem Steinbruch bereits 500 Arbeiter beschäftigt, die jährlich 15.000 Tonnen Schiefer abbauten. Den Steinbruch in Dinorwig übernahm 1787 zunächst eine einzelne große Arbeitsgemeinschaft, ab 1809 begann der Landbesitzer Thomas Assheton Smith aus Vaynol, die Leitung dieses Steinbruches selbst in die Hand zu nehmen. Die Steinbrüche von Cilgwyn wurden im Jahr 1800 von einem Unternehmen übernommen. Dieses konzentrierte die bisher verstreuten drei Abbaustellen in einem einzigen, großen Steinbruch.M.J.T. Lewis, M.C. Williams: Pioneers of Ffestiniog slate. Snowdonia National Park Study Centre, Plas Tan y Bwlch 1987, ISBN 0-9512373-1-4. S. 5. Die erste im Schieferabbau eingesetzte Dampfmaschine war eine Pumpe, die 1807 im Hafodlas-Steinbruch im Nantlletal installiert wurde. Die meisten der Steinbrüche nutzten jedoch Wasserkraft, um ihre Maschinen anzutreiben.