mini|Nihâl Atsız im Jahr 1933 Hüseyin Nihâl Atsız (* 12. Januar 1905 in Istanbul als ; † 11. Dezember 1975 ebenda) war ein antiislamischer,Ömer Faruk Akün: ATSIZ, Hüseyin Nihal. In: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi, Bd. 4 (1991), S. 87–91 (online, PDF, 4,26 MB). rassistisch-nationalistischer und antisemitischer Autor, Historiker, Dichter und Vordenker der panturkistischen Bewegung in der Türkei.
Herkunft und Ausbildung Nihâl Atsız wurde im Jahre 1905 im Istanbuler Stadtteil Kadıköy geboren. Sein Vater war Nail Bey, ein Marineoffizier aus Gümüşhane, seine Mutter war Fatma Zehra Hanım und stammte aus Trabzon. Er besuchte die Französisch-Deutsche Grundschule in Kadıköy, die Cezayirli-Gazi-Hasan-Paşa-Grundschule in Kasımpaşa und eine Privatschule in Haydarpaşa. Die Mittelschule besuchte er in Kadıköy.
Nach seiner schulischen Ausbildung schrieb er sich als Student der militärisch-medizinischen Fakultät ein, wurde aber 1925 in der dritten Klasse ausgeschlossen, weil er sich geweigert hatte, einen arabischen Unteroffizier zu grüßen. Atsız leistete danach seinen Militärdienst. 1926 schrieb er sich an der Literarischen Fakultät des Darülfünun in Istanbul ein und studierte Turkologie bei Mehmet Fuat Köprülü, dessen Assistent er nach dem Abschluss seines Studiums wurde.Ilker Aytürk: The Racist Critics of Atatürk and Kemalism from the 1930s to the 1960s. S. 314 1931 heiratete er zum ersten Mal; die Ehe wurde aber 1935 wieder geschieden. 1936 heiratete Atsız ein zweites Mal; aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, darunter der spätere Journalist und Schriftsteller Yağmur Atsız. Im Jahre 1975, neun Monate vor seinem Tod, trennte Nihâl Atsız sich auch von seiner zweiten Ehefrau.
Herausgeber der Zeitschrift Atsız Mecmua Von 1931 bis 1932 gab Atsız die Zeitschrift Atsız Mecmua heraus, in der er sich gegen weit verbreitete Rassentheorien abgrenzte, die davon ausgingen, die Türken stammten, wie etwa Kurden und Roma auch, von weißen Ariern ab, und bekannte sich zu mongolischen Wurzeln, da diese über militärische Begabung verfügt hätten wie eben auch die Türken selber. Kinder sollten in dem Wissen aufgezogen werden, dass ihre Vorfahren perfekte Soldaten einer Rasse namens Turan-Altay waren.Murat Altun: Extracting Nation out from History. S. 34. In einem weiteren Schwerpunkt setzte er sich mit seiner Zeitschrift über die offizielle Regierungspolitik in Bezug auf die Turkvölker in der Sowjetunion hinweg. Ilker Aytürk geht davon aus, dass ihn diese Haltung seine akademische Laufbahn gekostet hat. Umut Uzer erwähnt allerdings noch einen weiteren Zwischenfall, der aber ebenfalls mit Atsız’ Haltung zu der Frage der Türken in der Sowjetunion zusammenhängt. Während des ersten türkischen Historikerkongresses am 2. Juli 1932 gab es eine Debatte über diese Frage, in deren Verlauf sich der bald danach zum Bildungsminister der Türkei berufene Reşit Galip von dem Historiker Zeki Velidi Togan distanzierte, in dem er bekannte, stolz darauf zu sein, nicht Togans Student gewesen zu sein. Der Hintergrund des Streits war Togans Unterstützung der Forderung nach einer territorialen Autonomie für die in Russland lebenden Turkvölker, während die Gegenseite lediglich die Forderung nach einer kulturellen Autonomie unterstützte. Atsız, der Togans Position nahestand, sandte Galip anschließend ein Telegramm, in dem er sich dazu bekannte, stolz darauf zu sein, Student von Togan gewesen zu sein. Dies, so Uzer, sei ihm kurze Zeit später zum Verhängnis geworden, denn im September 1932 wurde Galip Bildungsminister und sorgte bald danach für Atsiz’ Rauswurf aus der Universität und für das Verbot von Atsız Mecmua.Murat Altun: Extracting Nation out from History. S. 35. Nachdem Atsız 1933 als Lehrer habe arbeiten wollen, habe Galip dafür gesorgt, dass er zuerst an eine Mittelschule in Malatya, und noch im gleichen Jahr an ein Gymnasium in Edirne versetzt worden sei.Umut Uzer: Racism in Turkey: The Case of Huseyin Nihal Atsiz. S. 121. Ab 1934 unterrichtete er dann als Türkischlehrer im Istanbuler Stadtteil Kasımpaşa.
Die Zeitschrift Orhun und Thrakien-Pogrom 1934 Es war also nur eine sehr kurze Zeit, die Atsız 1933/1934 (vom 11. September bis zum 28. Dezember)Rıfat Bali: The 1934 Thrace events. Anmerkung 9. in Edirne verbrachte, doch nutzte er sie, um eine neue Zeitschrift, die Orhun, herauszugeben und mit ihr erst recht seinen Ruf als Rassist zu festigen. Benannt war sie „nach einer zentralasiatischen Fundstätte, in der sich die monumentalen Inschriften der Göktürken befinden – der ‚Himmlischen Türken‘, einer türkischen Dynastie aus dem 6. bis 8. Jahrhundert“.Diana Mishkova, Marius Turda, Balazs Trencsenyi: Hüseyin Ni̇hal Atsiz: Turkish Unity
Neben seinen rassentheoretischen Überlegungen publizierte Atsız in der Orhun „zahlreiche antisemitische Hetzartikel“.Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust. S. 185. „Die erste Ausgabe von Orhun erschien im November 1933. Das Journal enthielt viele antisemitische Abhandlungen, die die Juden angriffen. So bezeichnete Atsiz am 21. März 1934 die Juden und Kommunisten als die beiden Feinde der Türken. Am 25. Mai warnte er die Juden: ‚Deutschland ist das erste Land, das die Judenfrage gelöst hat‘, sagte Atsiz. Wenn sich die Juden nicht anständig verhalten, ‚Und wenn wir dann wütend werden, werden wir die Juden nicht nur wie die Deutschen vernichten, sondern wir werden sie einschüchtern‘, fügte er hinzu. Dann schloss er: ›Wie das Sprichwort sagt, ist es besser, den Juden einzuschüchtern, als ihn zu töten.‹“Soner Çağaptay: Islam, Secularism and Nationalism in Modern Turkey: Who is a Turk? Routledge, New York and London, 2006, ISBN 0-415-38458-3 ().
Dass diese Hetzartikel aber – zusammen mit einer Hetzschrift von Cevat Rıfat Atilhan – die Auslöser für die antisemitischen Ausschreitungen in Ostthrakien gewesen sein sollen, ist eine die wahren Ursachen verdeckende Behauptung. Atsız’ Artikel waren lediglich die ideologische Begleitmusik zu Ereignissen, die auf Maßnahmen der türkischen Regierung beruhten und von dieser gefördert und geduldet wurden.Es muss an dieser Stelle auch darauf hingewiesen werden, dass in den bereits zitierten Arbeiten von Umut Uzer, Murat Altun und Ilker Aytürk, die sich ja alle ausführlich mit Atsız’ Rassismus befassen, das Thrakien-Pogrom keine Erwähnung findet.
Unter Bezug auf einen Bericht für das türkische Innenministerium von İbrahim Tali, dem damaligen Generalinspekteur für Thrakien, benennt Rıfat Bali drei Gründe für die Exzesse gegen die jüdische Bevölkerung.
Bali wertet dies Gründe unterschiedlich. An erster Stelle stehen für ihn die Anforderungen des Generalstabs, an zweiter die jüdischen Händler und ihre ökonomische Dominanz, und an letzter Stelle steht für ihn die Turkisierung der Juden, von der glaubt, sie sei nur ein Vorwand gewesen. Er erweitert diese Gründe im Verlauf des Interviews um Insbesondere Cevat Rıfat Atilhan spricht er aber eine Schlüsselrolle ab, während er Atsız einen gewissen Einfluss attestiert, da er viele Bewunderer unter seinen Schülern gehabt habe. Dennoch: Und aus Rıfat Balis Sicht ist das Thrakien-Pogrom auch kein singuläres Ereignis in der türkischen Geschichte, sondern reiht sich ein in die Politik des Staates und der republikanischen Eliten gegenüber den drei nicht-muslimischen Gemeinschaften (armenisch, jüdisch und griechisch). Und so kommt auch Corry Guttstadt trotz der vielen ideologischen Anleihen, die Cevat Rıfat Atilhan und Nihal Atsız bei der NS-Propaganda genommen haben, zu dem Schluss:
Nach Thrakien Nach seinem Gastspiel in Edirne unterrichtete Atsiz von 1934 bis 1944 an einem Gymnasium in Istanbul. Die Orhun wurde 1935 verboten. 1944 wurde er wegen seiner turanistischen Ideen angeklagt und arrestiert. Hintergrund war, dass Atsiz in seiner reaktivierten Zeitschrift Orhun führende Mitglieder des Staatsapparates und Prominente als Kommunisten diffamiert und den Bildungsminister Hasan Âli Yücel zum Rücktritt aufgefordert hatte, was einen der Beschuldigten, den Schriftsteller Sabahattin Ali, veranlasste, eine Beleidigungsklage gegen Atsiz einzureichen. Das Verfahren wurde bald erweitert um eine Anklage gegen weitere führende Nationalisten, darunter auch Alparslan Türkeş, denen im Rassismus-Turanismus-Verfahren vorgeworfen wurde, einen Putsch gegen die Regierung geplant zu haben. Am 29. März 1945 wurden der oben schon erwähnte Zeki Velidi Togan und Atsiz zu zehn Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach anderthalb Jahren wurden alle Angeklagten freigesprochen, weil das Militärberufungsgericht das Urteil aufgehoben hatte. Für den Turanisten Atsiz muss es besonders verwerflich gewesen sein, dass ihn der Staatsanwalt vor dem Gericht beschuldigt hatte, griechischer Herkunft zu sein.Umut Uzer: Racism in Turkey: The Case of Huseyin Nihal Atsiz. S. 123.
Zwischen 1947 und 1949 war Atsiz ohne Anstellung. 1949 wurde er dann Mitarbeiter der Suleymaniye-Bibliothek,Süleymaniye Library (Süleymaniye Kütüphanesi), the largest manuscript library in Turkey und blieb dies bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1969. Er machte weiterhin durch Artikel in den Zeitschriften Orhun und Ötüken von sich reden und musste 1973 noch einmal ins Gefängnis, da er mehrere Parlamentarier beschuldigt hatte Kurden zu sein. Diesmal wurde er vom Staatspräsidenten Fahri Korutürk begnadigt; er starb am 11. Dezember 1975 an den Folgen eines Herzinfarkts.Umut Uzer: Racism in Turkey: The Case of Huseyin Nihal Atsiz. S. 123–124. mini|Atsız’ Grab mit dem Banner “Heil der türkischen Rasse”
Ideologie Hüseyin Nihâl Atsız hatte mit seinen Schriften großen Einfluss auf die turanistische Bewegung in der Türkei. Er glaubte an die Überlegenheit der türkischen „Rasse“. Der Türkismus war seiner Ansicht nach das Ideal der Überlegenheit des Türkentums über alle anderen Nationen. Er bezeichnete sich dabei offen als Rassisten. In seiner Verteidigungsrede beim sog. „Rassismus- und Turanismusverfahren“ im Jahre 1945 äußerte er sich folgendermaßen zum Vorwurf des Rassismus:
Kurden charakterisierte Atsız polemisierend als „räuberische Ziegentreiber“. Atsız schrieb über die Kurden:
In dem „Testament“ an seinen Sohn Yağmur benennt Nihal Atsız 1941 seine Feinde:
Die Ideologie Atsız’ war antiislamisch ausgerichtet, daher berief er sich auf den alttürkischen Tengrismus/Schamanismus.Jacob M. Landau: Exploring Ottoman and Turkish history. London 2004, S. 60. Insbesondere in seinen letzten Lebensjahren leugnete er die Offenbarung Mohammeds und bezeichnete koranische Überlieferungen als „sumerische Märchen“. Trotzdem hielt er den Islam für eine sumerische und damit – so seine Sicht – originär alt-türkische Religion. Den Propheten verhöhnte er wegen dessen Heirat mit der minderjährigen Aischa.
Parteipolitisch war Atsız kaum aktiv. Zu einem offenen Bruch mit dem 1945 mitangeklagten rechtsextremen Politiker Alparslan Türkeş kam es, als dieser das islamische Element der Partei der Nationalistischen Bewegung stärker betonte. Nihâl Atsız genießt aber immer noch hohes Ansehen innerhalb der Partei. Sein Andenken wird auch in Rundschreiben der heutigen Parteiführung geehrt.
Werke Zu Atsız’ bekanntesten Werken gehören die vier Romane Bozkurtların Ölümü. Istanbul 1946 („Der Tod der Grauen Wölfe“) Bozkurtlar Diriliyor. Istanbul 1949 („Die Wiedererweckung der Grauen Wölfe“) Deli Kurt. Istanbul 1958. („Der verrückte Wolf“) Ruh Adam. Istanbul 1972. („Seelen Mann“)
Nihâl Atsız schrieb mit Z Vitamini („Vitamin Z“) zudem eine politische Satire auf İsmet İnönü über ein Vitamin, das einem Diktator Unsterblichkeit verleiht. Dalkavuklar Gecesi („Nacht der Schmeichler“) ist Atsız’ politische Satire gegen die „Schmeichler“ die sich an Atatürk nähern wollen. Ferner war er Autor zahlreicher Gedichte.
Literatur Güven Bakırezer: „Nihal Atsız“ Tanıl Bora (Hrsg.): Milliyetçilik. İstanbul: 2002 (Modern Türkiye’de siyasi düşünce; 4) S. 352–357.