mini|hochkant=0.8|Hans Scharoun (1966) mini|Philharmonie Berlin (erbaut 1956–1963) (Foto: 2018) Hans Scharoun (vollständiger Name: Bernhard Hans Henry Scharoun; * 20. September 1893 in Bremen; † 25. November 1972 in West-Berlin) war ein deutscher Architekt, Politiker, Hochschullehrer und einer der bedeutendsten Vertreter der organischen Architektur. Er orientierte sich stark an den Gedanken des Architekten Hugo Häring, der den Ansatz entwickelte, die Baugestalt aus dem Wesen der Bauaufgabe abzuleiten. Von 1945 bis 1946 war er als Stadtbaurat Teil des Magistrats von Groß-Berlin.

Leben 1893 bis 1924 mini|hochkant|Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus, in Berlin-Siemensstadt (Foto: 2022) Hans Scharoun war der Sohn eines Kaufmanns, der 1894 nach Bremerhaven zog. Er besuchte das Gymnasium und machte 1912 das Abitur. Sein erstes Interesse für Architektur zeigte er bereits während seiner Schulzeit. Mit sechzehn Jahren entstanden erste Entwürfe, mit achtzehn nahm er erstmals an einem Architektenwettbewerb für die Modernisierung einer Kirche in Bremerhaven teil. Scharoun studierte bis 1914 Architektur an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg, schloss dieses Studium aber nie ab. 1914 meldete er sich freiwillig zum Dienst im Ersten Weltkrieg. Paul Kruchen, sein Mentor aus Berliner Zeiten, brachte ihn bei der Beratungsstelle Insterburg der Ostpreußenhilfe in einem Wiederaufbau-Programm für Ostpreußen unter. Nach dem Krieg übernahm er 1919 dessen Büro als Freier Architekt in Breslau. Dort und in Insterburg, wo er bereits 1918 ein Büro eröffnet hatte,Nils Aschenbeck: Lasst Farben sprechen. Graues Erbe: In Tschernjachowsk, einst Insterburg, verfallen Bauten Hans Scharouns. In: FAZ, 6. Juli 2013, S. 34. realisierte er zahlreiche Projekte und organisierte Kunstausstellungen wie die erste Ausstellung der expressionistischen Künstlergruppe Brücke in Ostpreußen.

1925 bis 1932 An der Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe erhielt er 1925 eine Professur und unterrichtete bis zu deren Schließung 1932. Bereits 1919 hatte er sich dem expressionistischen Architektenkreis Gläserne Kette von Bruno Taut angeschlossen, 1926 trat er der Architektenvereinigung Der Ring bei. 1927 baute Scharoun ein Wohnhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung und Musterhäuser auf der Deutsche Gartenbau- und Schlesische Gewerbe-Ausstellung (Liegnitz). Ende der 1920er Jahre war er für den Bebauungsplan der Großsiedlung Siemensstadt in Berlin verantwortlich und errichtete in Breslau ein Ledigenheim. Ausgehend von Hugo Härings Theorie des neuen Bauens vertrat Scharoun einen Architekturbegriff, der sich vom Rationalismus und von vorgefertigten Formschemata löste, um das Gebäude jeweils aus einem besonderen Funktionscharakter heraus zu entwickeln. Dabei spielte die Gestaltung des sozialen Lebensraums eine zentrale Rolle.

1933 bis 1945 mini|Haus Schminke von 1933 in Löbau, Sachsen (Foto: 2020) 1932 zog Scharoun endgültig nach Berlin. Während der Zeit des Nationalsozialismus blieb er in Deutschland, während viele seiner Freunde und Kollegen aus der Gläsernen Kette oder dem Ring ins Ausland gingen. Von 1932 bis zu seiner Ausbombung 1943 hatte er sein Büro in der Passauer Straße, nahe der Tauentzienstraße.Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers, Dieter Rausch: Hans Scharoun. Chronik zu Leben und Werk. Akademie der Künste (Berlin), Berlin 1993, ISBN 3-88331-974-0, S. 84, S. 148. In dieser Zeit baute er nur einige Einfamilienhäuser, darunter 1933 das bemerkenswerte Haus Schminke im sächsischen Löbau.Stiftung Haus Schminke. Fotos und Text

Die folgenden Häuser musste er nach außen den politisch bestimmten Bauvorschriften anpassen. Im Inneren zeigen sie aber die typisch scharounschen Raumfolgen. Während des Krieges war er mit der Beseitigung von Fliegerschäden beschäftigt. Seine architektonischen Ideen und Visionen hielt er heimlich auf zahlreichen Aquarellen fest. Mit diesen imaginären Architekturen bereitete er sich geistig auf eine Zeit nach dem Nationalsozialismus vor.

Stadtbaurat in Berlin (1945–1946) Nach der Kapitulation der Wehrmacht und damit dem Kriegsende in Europa setzte die Sowjetische Militäradministration bereits am 19. Mai 1945 einen antifaschistischen Magistrat für das gesamte Stadtgebiet von Groß-Berlin ein. Im Magistrat Werner war Scharoun als Stadtbaurat Leiter der Abteilung Bau- und Wohnungswesen und in diesem Amt für die Ausarbeitung eines Wiederaufbaukonzepts für die stark zerstörte Stadt verantwortlich. In der Ruine des Berliner Stadtschlosses stellte er Mitte 1946 in einer Ausstellung unter dem Titel „Berlin plant — Erster Bericht“ seine Vorstellungen für den Wiederaufbau der Stadt vor. Sein sogenannter Kollektivplan orientierte sich an der Charta von Athen und sah einen nahezu vollständigen Abriss der vorhandenen Restbebauung und einen Neuaufbau in einer Art Gitterstruktur von Hauptverkehrsstraßen vor, um durch eine gleichmäßige Wohndichte und strikte Funktionstrennung eine soziale Angleichung zu ermöglichen. Die Zwischenräume sollten als „Stadtlandschaft“ ein Gegenbild zur Mietskasernenstadt des vorigen Jahrhunderts darstellen. Als Grundeinheiten waren dabei sogenannte Wohnzellen vorgesehen, die Wohnraum für jeweils rund 5.000 Einwohner und entsprechende öffentliche Einrichtungen vorsahen. Der Plan führte zu einer äußerst kontroversen Diskussion und stieß auf viel Unverständnis. Planungen der Nachkriegszeit bis 1989

Alsbald geriet Scharoun zwischen die politischen Fronten der sich abzeichnenden Teilung der Stadt. Nach den ersten freien Wahlen in Berlin am 20. Oktober 1946 trat der Magistrat Ostrowski am 5. Dezember 1946 seine Arbeit an. Scharouns Nachfolger als Stadtbaurat wurde der konservative Architekt Karl Bonatz, und Scharoun wurde 1947 auf eine Professur für Städtebau an der Fakultät für Architektur an der Technischen Universität Berlin berufen.

Am 30. November 1948 konstituierte sich im sowjetischen Sektor (Ost-Berlin) ein „Demokratischer Magistrat“, dem bis 1967 Oberbürgermeister Friedrich Ebert junior vorstand. Obwohl dieser den Kollektivplan Scharouns unterstützte und er 1949 sogar als Generalbebauungsplan für das „Demokratische Berlin“, später „Berlin, Hauptstadt der DDR“ umgesetzt werden sollte, kam es schließlich nicht so weit: Scharoun baute mit Ludmilla Herzenstein, Karl Brockschmidt und Helmut Riedel 1949 bis 1951 die heute denkmalgeschützten fünfstöckigen Laubenganghäuser (Berlin-Friedrichshain) in der Berliner Stalinallee (heutige Karl-Marx-Allee, Hausnummern 102/104 und 126/128) und blieb dem Neuen Bauen verpflichtet, dessen strenge und funktionalistische Architektur von der SED als bourgeois, dekadent und formalistisch abgelehnt wurde. Die politische Führung der DDR forderte entsprechend den 16 Grundsätzen des Städtebaus eine Antikultur zum Internationalen Stil des Kapitalismus. Die Stalinallee wurde schließlich in neoklassizistischen Formen (mit Anleihen beim sozialistischen Zuckerbäckerstil und beim Schinkel’schen Klassizismus) gebaut; hauptverantwortlich hierfür zeichnete Hermann Henselmann, der ursprünglich ebenfalls in der Tradition des Neuen Bauens stand.Ingrid Nowel: Berlin – Die neue Hauptstadt. DuMont, Ostfildern 2005, S. 161 f.

Noch bis 1950 leitete Scharoun das Institut für Bauwesen der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin-Ost, wo im Rahmen der Neugestaltung des Stadtteils Friedrichshain eine der Wohnzellen (gedacht als städtebauliche Grundeinheit ohne Fahrstraßen) ausgearbeitet wurde.Eberhard Syring, Jörg C. Kirschenmann: Hans Scharoun: Außenseiter der Moderne. Taschen, Köln 2007, S. 15 f. Von seinen Entwürfen wurden allerdings nur die zwei oben genannten Gebäude realisiert. Die locker gegliederte Wohnzelle mit Wochenmarkt sowie Ein- und Zweifamilienhäusern fiel den oben genannten geänderten städtebaulichen Leitbildern der SED-Führung zum Opfer. Ende 1950 wurden das Institut für Bauwesen der DAW und das Institut für Städtebau und Hochbau des Ministeriums für Aufbau zur Deutschen Bauakademie vereinigt, deren Präsidentschaft der stalinistische Architekturfunktionär Kurt Liebknecht übernahm. Damit endete Scharouns Tätigkeit in Berlin-Ost.

Nachkriegszeit und Spätwerk (1947–1972) mini|Ehemalige Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR mit aufgesetztem Scharoun-Atelier, Berlin-Mitte, Hannoversche Straße 28–30 (2006) Außerhalb seiner Pläne zur Stadtplanung Berlins war Scharoun erfolgreicher, wenngleich sich dieser Erfolg zunächst nur sehr schleppend einstellte. Aus historischen Gründen hervorzuheben ist sein Projekt Berlin-Mitte, Hannoversche Straße 28–30. Das Grundstück war seit dem 18. Jahrhundert Kasernenstandort, 1948 übergab die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) das im Krieg leicht beschädigte Haus der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW). 1949 baute Scharoun ein aufgekoffertes Dachgeschoss als Atelier; es diente dem Institut für Bauwesen der DAW, das von Scharoun geleitet wurde. Die Bauarbeiten standen unter der Verantwortung von Oberbauleiter Wagner, der hierbei von dem damaligen Praktikanten und späteren Architekten Claus-Peter Werner unterstützt wurde. Mit ihrer Gründung bezog die Deutsche Bauakademie hier ihren Sitz. 1973 räumte die Bauakademie der DDR das Haus, das dann zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR umgebaut wurde.

In Wettbewerben gewann Scharoun bis 1955 fünfmal den ersten Preis, allerdings wurde kein einziger dieser Entwürfe jemals realisiert. Dazu gehören die Liederhalle in Stuttgart 1949, das Theater in Kassel 1952 und die Stadthalle in Bremen 1955. Erst der Neubau der berühmten Philharmonie in Berlin, an dessen Wettbewerb er sich im Sommer 1956 beteiligte, sollte Scharouns erster Wettbewerbserfolg werden, der auch tatsächlich umgesetzt wurde (Bauzeit: 1956–1963). Ein terrassenartig angelegter Zuschauerraum mit insgesamt 2200 Sitzplätzen umgibt die in der Mitte des Raumes sechseckig angelegte Bühne. Die außergewöhnliche Gestalt gewährleistet eine optimale Akustik und soll, so Hans Scharoun, „die Beziehung: Mensch, Raum, Musik“ realisieren. Dabei verglich er die Anordnung der Sitzreihen mit „Weinbergen an den Hängen eines breiten Tales“.

Auch in anderen exemplarischen Bauten konnte er sein Architekturverständnis verwirklichen, z. B. in der Stuttgarter Hochhausgruppe Romeo und Julia (1954–1959), in Böblingen in den sieben Gebäuden der Wohnsiedlung Rauher Kapf (1963–1966) und dem Orplid-Hochhaus (1967–1971), in der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen (1956–1962) und in der Volksschule in Marl (1960–1968), die im Mai 2008 in Scharoun-Schule Marl umbenannt wurde. Allen Gebäuden ist der neuartige Zugang zu einer überaus phantasievollen und sozial differenzierten Raumorganisation gemeinsam. Die Schule ist wie eine kleine kind- und jugendgerechte Stadt geplant, die Hochhausgruppe zeigt eine vielgestaltige Raum- und Funktionsaufteilung. Die Berliner Philharmonie schließlich, die international als einer der gelungensten Bauten ihrer Art gilt, ist Scharouns Hauptwerk. Um das Zentrum des Musikpodiums steigen terrassenförmig und unregelmäßig die Ränge der Zuschauer an, die Decke schichtet sich wie ein zeltartiges Firmament über die architektonische Landschaft.

Das Gebäude der Deutschen Botschaft in Brasília (1963–1969) blieb das einzige Gebäude, das Scharoun außerhalb Deutschlands baute.