mini|A-O; ein bisweilen verwendetes Symbol Als christlicher Anarchismus werden verschiedene Versuche bezeichnet, den christlichen Glauben mit anarchistischen Denk- und Handlungsweisen zu verbinden. Die Bibel sowie das Leben und Wirken Jesu dienen als Grundlage für einen Entwurf einer herrschaftslosen und egalitären Gesellschaftsordnung, die mit jenem des Anarchismus identisch ist bzw. sehr große Ähnlichkeit hat. Christliche Anarchisten gehen davon aus, dass „die Prämisse des Anarchismus dem Christentum und der Botschaft des Evangeliums inhärent“Ciaron O’Reilly (1982): The Anarchist Implications of Christian Discipleship. In: Social Alternatives Vol. 2, No. 3, S. 9–12, hier S. 9. sei. Je nach konfessionellem Ausgangspunkt und Interpretation diverser Bibelstellen kann sich die konkrete Ausgestaltung voneinander unterscheiden.
Definition und zentrale Aspekte Eine bekannte Definition des christlichen Anarchismus stammt aus der Autobiografie des US-amerikanischen Aktivisten und christlichen Anarchisten Ammon Hennacy:
Sebastian Kalicha beschreibt den christlichen Anarchismus folgendermaßen:
Bestimmend ist eine libertäre Lesart und Interpretation der Bibel – also eine anarchistische Exegese. Oft wird hier ausführlich auf die Bergpredigt Bezug genommen, wobei dieser Fokus auf die Bergpredigt vor allem für den christlichen Anarchismus Tolstoischer Prägung charakteristisch ist. Tolstoi entwarf folglich eine „soziale Utopie“, die er „mit der Bergpredigt begründet“.Ulrich Klemm (2012): Leo Tolstoi – Dichter, Christ und Anarchist. In: Leo Tolstoi: Kirche und Gesellschaft. Religionskritische Schriften, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Hrsg. v. Ulrich Klemm, Alibri, Aschaffenburg 2012, S. 7–23, hier S. 14. Seine daraus resultierenden gesellschaftspolitischen Vorstellungen waren demnach „radikal gewaltfrei, solidarisch, egalitär und auch antiklerikal […]. Er wandte sich gegen die ‚Versklavung‘ durch die ausbeuterischen ökonomischen Verhältnisse, gegen die mit den weltlichen Herrschern kollaborierende und ein in seinen Augen verfälschtes Christentum lehrende Kirche, gegen Militär, Krieg, Patriotismus und folglich gegen den modernen Staat selbst, der alle diese Missstände hervorgebracht und aufrecht erhalten hätte.“ Insofern weist die Ideenlehre Tolstois mit jener des Anarchismus „eine recht große Schnittmenge“ auf.Renate Brucker/Sebastian Kalicha (2016): Vorwort zur deutschen Ausgabe. In: Dennis de Lange: Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2016, S. 7–13, hier S. 8.
Manche christliche Anarchisten beziehen sich nicht nur auf die Bibel, um ihre anarchistischen Schlussfolgerungen zu ziehen, sondern haben auch Referenzpunkte im „klassischen“ Anarchismus, revolutionären Sozialismus oder (Anarcho)Syndikalismus und verbinden diese mit ihrem christlichen Glauben. Der französische Soziologe und christliche Anarchist Jacques Ellul beispielsweise verortete seinen Anarchismus „nahe bei Bakunin“Jacques Ellul (2011; Orig. 1988): Anarchy and Christianity. Eugene/Oregon, Wipf and Stock Publishers. S. 13. und hatte u. a. große Sympathien für den spanischen Anarchosyndikalismus. Ein weiteres Beispiel ist die Gründerin der Catholic-Worker-Bewegung Dorothy Day, die stark von den Schriften des Anarchokommunisten Peter Kropotkin und der unionistischen Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) beeinflusst war. Sie pflegte auch zeit ihres Lebens freundschaftliche Kontakte zu Kommunisten wie Mike Gold und der IWW-Aktivistin und Feministin Elizabeth Gurley Flynn.Dorothy Day (2006; Orig. 1938): From Union Square to Rome. Maryknoll/New York, Orbis Books.
Im christlichen Anarchismus ist die Überzeugung zentral, dass Gott – verkörpert durch die Lehren Jesu – die einzige Autorität sei, die für die Gläubigen verantwortlich ist, und die Person daher allein ihrem Gewissen verpflichtet ist. Daher übte auch der Individualanarchismus von Henry David Thoreau eine große Anziehungskraft auf christliche Anarchisten aus.
Die meisten christlichen Anarchisten sind der Auffassung, dass Regierungen und Kirchen keine Macht über sie oder andere Menschen haben sollten. Viele meinen, dass nur Anarchismus in Form der Verweigerung gegenüber jeder institutionellen Interpretation von Glaubensregeln mit Jesu Verkündigung vereinbar sei. Sie gehen davon aus, direkt mit Gott in Kontakt treten zu können und dafür kein Priestertum zu benötigen. Vielfach äußert sich die anarchistische Kritik daher auch in einem latenten oder offenen Antiklerikalismus. Der christliche Anarchismus beruft sich auf das Urchristentum mit der Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde und seiner Forderung nach einfachem Leben.
Christliche Anarchisten kritisieren die Entwicklung der christlichen Kirchen. Vielfach wird Paulus für die Abkehr von den urchristlichen Prinzipien der Gewaltlosigkeit, des einfachen Lebens und der Freiheit verantwortlich gemacht. Besonders abgelehnt wird die konstantinische Wende als Verbindung von Staat und Religion. An diesem Punkt überschneiden sich christlich-anarchistische und nicht-religiös anarchistische Kritik häufig.
Der größte Teil der christlichen Anarchisten ist strikt pazifistisch bzw. gewaltfrei – zum Beispiel Tolstoi, Ellul, Ortt, Day, Hennacy, und viele andere. Radikale Gewaltfreiheit ist oftmals gerade das ausschlaggebende Fundament für die Ablehnung von Herrschaft und Ausbeutung im gewaltfreien und christlichen Anarchismus. Inhaltliche Überschneidungen gibt es daher mit religiös-pazifistischen Strömungen und dem nicht-religiösen Anarchopazifismus/gewaltfreien Anarchismus, aber zudem auch, abseits der Gewaltfrage, mit befreiungstheologischen, religiös-sozialistischen und christlich-mystischen Ansätzen. So hatte beispielsweise die für ihre christliche Mystik bekannte Philosophin Simone Weil einen anarchistischen BackgroundCharles Jacquier (Hg.) (2006): Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus. Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim. und bekannte religiöse Sozialisten rund um die Zeitschrift Neue Wege wie Leonhard Ragaz oder Jean Matthieu, aber auch der religiöse Sozialist Eberhard Arnold, waren von Tolstois christlichem Anarchismus, sowie von anderen anarchistischen Denkern wie Peter Kropotkin und Gustav Landauer beeinflusst.Sebastian Kalicha (2019): Anarchismus, Glaube, Befreiung. In: Neue Wege, Nr. 9.2019, S. 6–10.
Geschichte des christlichen Anarchismus Es gibt einige historische Gruppierungen und Persönlichkeiten, die traditionell als Inspiration und Impulsgeber für den christlichen Anarchismus betrachtet werden. Hierzu zählt beispielsweise die im späten 12. Jahrhundert gegründete und durch die Inquisition verfolgte Bewegung der Waldenser sowie im 15. Jahrhundert der (vermutlich waldensisch inspirierte)Wojciech Iwanczak (1997): Between pacifism and anarchy. Peter Chelčický’s teaching about society. In: Journal of Medieval History, Vol. 23, No. 3, S. 272. Laientheologe Petr Chelčický. Auf dessen Lehren und Ideen bezog sich wiederum Leo Tolstoi positiv, aber auch beispielsweise der Anarchist Gustav Landauer. Landauer schrieb in seinem Werk Die Revolution über Chelčický, dieser habe versucht, „das Christentum als Geist zu retten“ und er habe erkannt, dass „Kirche und Staat die Todfeinde des christlichen Lebens“ seien.Gustav Landauer (2003; Orig. 1907): Die Revolution. Unrast Verlag, Münster, S. 67. Aber auch Franz von Assisi und seine Armutsbewegung gilt vielen christlichen Anarchisten des 20. Jahrhunderts als Vorläufer des christlichen Anarchismus. Nicht zufällig wird zum Beispiel der Mitbegründer der Catholic-Worker-Bewegung, Peter Maurin, immer wieder mit Franz von Assisi verglichen.Tripp York (2009): Living on Hope while living in Babylon. The Christian Anarchists of the 20th Century. Wipf & Stock, Eugene/Oregon, S. 54. Auch die englischen Diggers, die 1649 von Gerrard Winstanley gegründet wurden, haben eine klar erkennbare christlich-anarchistische Dimension.Peter Marshall (2008): Demanding the Impossible. A History of Anarchism. Harper Perennial, London, New York, Toronto, Sydney, S. 74–86, S. 96–108.George Woodcock (2009): Anarchism. A History of Libertarian Ideas and Movements. University of Toronto Press, Toronto, S. 41ff. Der Abolitionist, Sozialist und Tolstojaner Adin Ballou, der 1842 die christliche, egalitär-sozialistische Hopedale Community im US-Bundesstaat Massachusetts gründete, gilt ebenso als ein früher Vertreter des christlichen Anarchismus.Alexandre Christoyannopoulos (2010): Christian Anarchism: A Political Commentary on the Gospel, Imprint Academic, Exeter, S. 202f.
Ein einflussreiches Buch war und ist Lew Nikolajewitsch Tolstois Das Himmelreich in euch,Alexandre Christoyannopoulos (2010): Christian Anarchism: A Political Commentary on the Gospel, Imprint Academic, Exeter, S. 19 und 208. welches maßgeblich für die Entstehung des sog. Tolstojanismus war. Die Christen unter den Tolstojanern versuchten, dessen Ideen im Sinne eines christlichen Anarchismus weiterzuentwickeln. Tolstojaner versuchten in unterschiedlichsten Teilen der Welt beispielsweise mit Siedlungsgründungen, dem Aufbau von Schulen oder mit Zeitschriften Tolstois Ideen zu leben und zu verbreiten. In Österreich gab es z. B. die tolstojanisch beeinflusste Zeitschrift Der G’rode Michl des christlichen Anarchisten Franz Prisching.Reinhard Müller (2006): Franz Prisching. G’roder Michl, Pazifist und Selberaner. Verlag Graswurzelrevolution/Verlag Gemeinde Hart bei Graz, Nettersheim/Hart bei Graz.Karl Lammerhuber (1993): Der „G’rode Michl“. Portrait einer anarchistischen Zeitschrift. Verlag Monte Verita, Wien. In den Niederlanden gründeten christliche Anarchisten wie Felix Ortt und Lodewijk van Mierop die tolstojanische Zeitschrift Vrede.Dennis de Lange (2016): Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg, S. 77–106. Seine Hochphase hatte der Tolstojanismus in etwa zwischen 1890 und 1930.
In den Niederlanden engagierten sich, nachdem der Tolstojanismus als Bewegung sukzessive an Bedeutung verlor, viele Tolstojaner und christliche Anarchisten im Bund religiöser Anarcho-Kommunisten (Bond van Religieuze Anarco-Communisten; BRAC), der zwischen 1920 und 1932 aktiv war und auch nicht-religiöse Mitglieder hatte. Der christlich-anarchistische Pfarrer Année Rinzes de Jong war Vorsitzender des BRAC. Die Organisation galt als „ein ganzes Stück radikaler […] als die alte Vrede-Bewegung der TolstojanerInnen“.Dennis de Lange (2016): Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg, S. 139.