Bertolt Brecht verfasste das Theaterstück Leben des Galilei, das er selbst meist als episches Stück und nicht als Drama bezeichnete, 1939 im dänischen Exil. Am 9. September 1943 wurde es unter der Regie von Leonard Steckel am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die Musik schrieb Hanns Eisler. Diese Fassung wird als Urfassung bezeichnet und enthält 13 Szenen, später wurde noch eine 14. Szene hinzugefügt.
Brecht fertigte zwischen 1944 und 1947 im amerikanischen Santa Monica mit dem Schauspieler Charles Laughton eine zweite, englischsprachige Fassung an.Bertolt Brecht: „arbeite mit laughton nun systematisch an der übersetzung und bühnenversion des LEBEN DES PHYSIKERS GALILEI.“ In: Arbeitsjournal 1938–1955, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973, darin der Eintrag vom 10. Dezember 1944 sowie mehrere weitere Einträge zur Zusammenarbeit mit Charles Laughton. Dabei stellte er die Verantwortung der Wissenschaft in den Vordergrund, indem er das vorletzte Bild des Stückes, vor dem Hintergrund der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, veränderte. Während es ihm in der ursprünglichen Fassung vor allem um die Darstellung des Umgangs mit der Macht (der Kirche) ging, rückte er in dieser Fassung die Frage nach dem Wert und der Verwertbarkeit von Wissen sowie die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen von Wissenschaft als zentralen Aspekt des Stückes in den Vordergrund.
mini|Szenenbild Wolfgang Heinz als Galilei mit Andrea 1971 am Berliner Ensemble Die 3. Fassung entstand 1955/56 in Berlin. Die Forschung erkennt drei verschiedene Texte als Berliner Fassung an. Zwischen diesen bestehen jedoch nur leichte Unterschiede. Die Berliner Fassung hat 15 Szenen und zeigt denselben Umfang wie die dänische Fassung. Im Vergleich zu dieser Urfassung weist die Berliner Fassung jedoch größere Unterschiede auf als zur amerikanischen Fassung, da Brecht viele thematische und szenische Veränderungen aus der amerikanischen Fassung in die Berliner übernahm. Auf der anderen Seite machte Brecht zahlreiche Streichungen aus der 2. Fassung wieder rückgängig. So werden u. a. die Pest- und die Schlussszene sowie die Figuren der Dogen, Mucius und Cosmos wieder eingeführt, ebenso wie der Eisengießer Matti, welcher sich aber jetzt Vanni nennt. Des Weiteren werden an einigen Stellen die Handlungsmotive verändert, so will Galilei seine Forschungen in der Landessprache veröffentlichen, statt in Latein, da er sich dadurch eine revolutionäre Reaktion erhofft. Auch hat Galilei selbst Vorkehrungen für seine Flucht vor der Inquisition getroffen und kann so das Angebot des Eisengießers ablehnen. Hinzu kommt, dass auch die negativen Tendenzen aus der amerikanischen Fassung verstärkt werden, z. B. Galileis Genusssucht, seine Rücksichtslosigkeit und seine Unterwürfigkeit, wie auch sein Interesse an der Physik und Technik. Vor allem wird der Gegensatz in den Wissenschaftsauffassungen verdeutlicht. Eine erste Aufführung fand im Kölner Schauspielhaus im April 1955 statt, die von Brecht angestrebte Aufführung des Berliner Ensembles folgte erst im Januar 1957.
Inhalt mini|Das Leben des Galilei in der Ausgabe der edition suhrkamp.
Das Stück spielt im Italien des 17. Jahrhunderts, in einer Epoche des Umbruchs und der Erneuerung, und erstreckt sich über einen Zeitraum von 28 Jahren.
Der geniale Physiker Galileo Galilei, notorisch unter Geldmangel leidend, verbessert ein in Holland konstruiertes Fernrohr, gibt es als seine eigene Erfindung aus und lässt sich dafür von der Stadt Padua mit 500 Scudi Gehaltsaufbesserung pro Monat belohnen. Er belegt mit Hilfe seines Teleskops das heliozentrische kopernikanische Weltbild und widerlegt die Vorstellung des alten geozentrischen Weltbildes nach Ptolemäus, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums sei.
Dies führt zum Konflikt mit der katholischen Kirche, die ihm die Verbreitung seiner Lehren untersagt, denn der Umsturz des alten Weltbilds löst bei den Mächtigen in Kirche und Politik die Besorgnis aus, dass damit möglicherweise auch ein gesellschaftlicher Umsturz eingeleitet werden könne. Nach einer innerkirchlichen Kontroverse wird Galilei schließlich verhaftet, und es wird von ihm verlangt, dass er seine neue Lehre widerruft. Entgegen den Erwartungen seiner Freunde und Mitarbeiter tut er dies auch, als die Inquisition ihm Folter androht. Aufgrund seiner langen Beobachtung der Sonne fast völlig erblindet, zieht sich Galilei in den folgenden Jahren in ein Landhaus zurück, das er nicht mehr verlassen darf und das von der Kirche streng bewacht wird. Als ihn sein ehemaliger Schüler Andrea Sarti besuchen kommt, eröffnet ihm Galilei, dass er ein Exemplar seiner verbotenen Schrift, die Discorsi, außer Landes schmuggeln lassen, aber keine Verantwortung dafür übernehmen wolle. Andrea ist darüber hocherfreut, erklärt sich bereit, die Papiere über die Grenze zu schaffen, und vermutet hinter Galileis Absicht dessen Plan, die alten Studien erneut aufgreifen zu wollen. Doch Galilei muss ihn enttäuschen: Er bezichtigt, da er seine Lehre aus Angst vor körperlichem Schmerz widerrufen habe, sich selbst des Verrats an der Wissenschaft.
Charakterisierung Galileis mini|Galileo Galilei mini|Wolfgang Heinz als Galilei 1971 am Berliner Ensemble
Galilei, zu Beginn des Dramas 46 Jahre alt, lebt mit seiner Tochter Virginia, seiner Haushälterin Frau Sarti und deren Sohn Andrea Sarti in Padua. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Mathematiklehrer, und durch nützliche Erfindungen, zum Beispiel einer Wasserpumpe und eines Fernrohres, das er kopiert und verbessert. Dennoch leidet er unter notorischem Geldmangel, sodass er auf Druck seiner Haushälterin Privatschüler annehmen muss – allerdings widerwillig, weil er dadurch Zeit für seine Forschungen verliert. Besonders deutlich wird dies, als der reiche Ludovico auf Wunsch seiner Mutter um Unterricht bittet: Weil Ludovico sich eher für Pferde als für die Wissenschaft interessiert, verlangt Galilei von ihm ein Honorar von fünfzehn statt der üblichen zehn Skudi pro Monat (1. Bild).
Über Galileis Aussehen erfährt man nicht viel. Angesichts der Tatsache, dass er gerne und viel isst, kann aber vermutet werden, dass er nicht gerade schmächtig ist.Eine Aussage Galileis aus dem 7. Bild stützt diese Vermutung: „Es heißt, es sei leicht, im römischen Frühling schön auszusehen. Selbst ich muß einem beleibteren Adonis gleichen“. Sein Lebensstil als Genießer ist nicht billig und trägt ebenfalls zu seiner Geldnot bei, die selbst durch sein mittlerweile gewachsenes, hohes Ansehen in aller Welt – man kennt seinen Namen sogar in Nordeuropa – nicht beseitigt werden kann.
Galilei forscht hauptsächlich im Bereich der Physik und der Astronomie. Mit seinem neuen Fernrohr schafft er es anhand von Beobachtungen des Mondes und der Jupitermonde, das zeitgenössische Weltbild zu revolutionieren. Er beweist, dass nicht die Erde, sondern die Sonne der Mittelpunkt des Universums ist, und widerspricht damit dem von der Kirche vertretenen Standpunkt. Auf den daraus entstehenden Konflikt mit der Kirche reagiert Galilei empört. Obwohl der päpstliche Astronom in Rom zunächst Galileis Entdeckungen bestätigt, werden seine Schriften auf den Index gesetzt. Erst als nach acht Jahren ein wissenschaftsfreundlicher Papst den Thron besteigt, nimmt Galilei seine Forschungen wieder auf und veröffentlicht seine Ergebnisse zum Ärger des Inquisitors auf Italienisch, dem „Idiom der Fischweiber und Wollhändler“, statt auf Latein.
Jedoch widerruft Galileo, bedroht von der Folter der Inquisition, schließlich seine Erkenntnisse, forscht aber unter Hausarrest heimlich weiter. Während die Pest in Florenz wütet, denkt er nicht an seine Gesundheit und bleibt dort, um weiter mit seinen Instrumenten zu experimentieren (5. Bild). Dennoch fürchtet er sich beim Anblick der Folterinstrumente der Inquisition und gibt dem Verlangen der Kirche nach. Später wiederum riskiert er sein Augenlicht, als er rücksichtslos weiter die Sonne erforscht, und am Ende setzt er sogar sein Leben aufs Spiel, als er eine eigenhändige Abschrift seiner „Discorsi“ anfertigt, obwohl er unter Bewachung der Inquisition steht. Allerdings darf seine fromme Tochter Virginia nichts davon wissen, da sie um das Seelenheil ihres Vaters fürchtet und ihn an die Kirche verraten könnte, auch wenn sie ihn damit ans Messer liefern würde.
Beständig verfolgt Galilei sein Ziel, seine Forschung und die darin liegende Wahrheit der Welt zu offenbaren. Dabei nimmt er wenig Rücksicht auf wirtschaftliche oder gesellschaftspolitische Bedingungen. In seinem wissenschaftlichen Eifer glaubt er unerschütterlich, ja bisweilen naiv, an den Sieg der Vernunft. Auf die Nachricht hin, dass der Mathematiker Barberini Papst wird, beginnt er, seine Forschungsergebnisse dem ganzen Volk in der Landessprache zu verkünden: „Barberini im Aufstieg! Das Wissen wird eine Leidenschaft sein und die Forschung eine Wollust.“ (9. Bild). Bis zum Ende gibt Galilei die Hoffnung und seinen Glauben an die Vernunft der Menschen nicht auf. So schafft er es, seinem Schüler Andrea die „Discorsi“ mitzugeben, ohne dass es jemand bemerkt. Aber als er selbst in Gefahr ist und ihm geraten wird zu fliehen (11. Bild), schätzt er seine Situation falsch ein und gerät wieder in die Fänge der Inquisition. So genau er also im Bereich der Wissenschaften ist und so misstrauisch er dort agiert, so fehleinschätzend ist er in politischen Dingen. Symbolisches Indiz dafür ist, dass im Verlauf des Stückes Galilei immer mehr erblindet – aber die Zusammenhänge in der Welt wesentlich besser erkennt.
Galileis Beziehung zu anderen Menschen ist sehr unterschiedlich. Während er Andrea, den Sohn seiner Haushälterin, fast wie ein Vater umsorgt und erzieht, scheint er sich um seine eigene Tochter recht wenig zu kümmern. Denn Andrea zeigt Interesse an der Wissenschaft, während Virginia sich eher für Kirche und Haushalt interessiert und von ihrem Vater deswegen gering geschätzt wird (3. Bild).
Galileis Vorstellung vom Wissenschaftler beschränkt sich nicht allein auf die Forschung, sondern auch auf deren Ursprung und Nutzen. Mit seinen wissenschaftlichen Kollegen kooperiert er, solange sie bereit sind, nur der Wissenschaft zu dienen. Diejenigen aber, die die Wahrheit zum Wohl der Kirche verschweigen, sind in seinen Augen „Verbrecher“, wie an seinem Zusammentreffen mit dem kleinen Mönch Fulganzio (8. Bild) und mit dem Gelehrten Mucius (9. Bild) deutlich wird. Wer aber seine Begeisterung für die Forschung teilt, dem begegnet Galilei vorurteilsfrei. Sein Linsenschleifer Federzoni zum Beispiel ist für ihn kein schlechterer Wissenschaftler, nur weil er des Lateins nicht mächtig ist. Dieselbe Vorurteilsfreiheit zeigt sich auch darin, dass er Andrea, den Sohn seiner Wirtschafterin, schon im Alter von zehn Jahren ermuntert und für würdig befindet, die große Physik zu verstehen. Galilei macht sich damit zum Anwalt des kleinen Mannes, der nicht die Interessen der Obrigkeit vertritt, sondern sich aktiv für das Volk einsetzt. Er revolutioniert die Wissenschaft, indem er auf die unverständliche lateinische Fachsprache verzichtet und seine Forschungen jedermann zugänglich macht.
Im 14. Bild des Stückes wird klar, dass Galilei die einzigartige weltgeschichtliche Chance für die Naturwissenschaft verpasst hat, ein Gelöbnis abzulegen, das sie dazu verpflichtet, nur dem Wohle der Menschheit zu dienen. Sein großer Bekanntheitsgrad und die Tatsache, dass er mit dem Papst ursprünglich befreundet und dieser ebenfalls Naturwissenschaftler war, hätte ein solches Gelöbnis, das bis heute nicht existiert, damals vielleicht ermöglicht. Stattdessen bekennt sich Galilei am Schluss zu seinen menschlichen Schwächen, seiner Angst vor „dem körperlichen Schmerz“, der Folter, und seiner Vorliebe für „weltliche Genüsse“. Es ist kein Zufall, dass seine letzten Sätze dem Essen gelten: „Ich muß jetzt essen. Ich esse immer noch gern.“
Die Bedeutung von Ort und Handlung