Das Zwölftonspiel ist ein philosophisch-musikalisches Gesamtwerk, das von Josef Matthias Hauer ab den späten 1930er Jahren entwickelt wurde. Die letzte Schaffensperiode im Werk Hauers ist davon gekennzeichnet.
Definition Das „Zwölftonspiel“ ist ein spirituelles musikalisches Weltanschauungssystem, in dem sich alle Wissenschaften, Philosophien und Religionen um „die Zwölftonmusik“ schlechthin harmonisch ordnen. Der Begriff „die Zwölftonmusik“ erscheint hier im hohen Maß überhöht und wird gleichermaßen zur Metapher wie zur reinsten Erscheinungsform für kosmische harmonikale Gesetzmäßigkeiten (im Sinne des Pythagoreismus und Neuplatonismus), welche das Gefüge der Welt regeln. Gleichermaßen wird „die Zwölftonmusik“ auch als spirituelle Praxis des Menschen begriffen, die eigene innere Harmonie mit dem geordneten Weltengefüge wiederherzustellen. In diesem Sinne kann man das „Zwölftonspiel“ als eine moderne Form des boethianischen Modells einer Musica Mundana – Musica Humana – Musica Instrumentalis bezeichnen. Zwölftonmusik ist die größte Kunst, Musik höchste Wissenschaft, Mathematik. Zwölftonmusik ist die ewige, unveränderliche Schrift und Sprache des Universums. Zwölftonmusik ist die Offenbarung der Weltordnung, der Harmonie der Sphären Zwölftonmusik ist Wahrheit, Wirklichkeit, Vollendung.Josef Matthias Hauer: Manifest zu seinem op. 74 (1937) Als real erklingendes Abbild dieser philosophischen Anschauung von absoluter Musik erscheint das ebenfalls Zwölftonspiel genannte zwölftönige Musikstück, dessen strenge Konstruktionsregeln künstlerischen Gestaltungsideen keinen Raum geben, sondern lediglich bestimmte musikalische Entfaltungsimpulse zulassen. Der spirituelle Hintergrund für das Musikstück Zwölftonspiel liegt im Nachspüren der „kosmischen Gesetze“, die in ihm zur Geltung kommen können. Das Schreiben oder Spielen eines Zwölftonspiels wird somit idealerweise zu einer eminent meditativen, ja geradezu theurgischen Praxis.
Das Zwölftonspiel wurde ohne jeden Einfluss seitens der Theosophie und Anthroposophie entwickelt. Allerdings haben Schüler Hauers, so etwa Arnold Keyserling, nachträglich Bezüge hergestellt und die geistige Nähe des Zwölftonspiels zu diesen Disziplinen hervorgehoben.Keyserlings über Hauer in dessen Schule des Rades: „Musik ist das Philosophische Urwissen“ (extern) sowie „Geschichte der Denkstile“ (extern). Ähnlich frappierend ist die Nähe des Zwölftonspiels zur Idee des Glasperlenspiels von Hermann Hesse, so dass spekuliert wurde, ob nicht Hauer eine Vorlage für den Joculator Basiliensis in Hesses Roman hätte sein können.Joachim Diederichs: Das Glasperlenspiel – Mit offenen Karten. Universalismus aus „Kastalien“ oder aus Wien? In: Österreichische Musikzeitschrift, 6/2004, S. 26–29.
Historische Entwicklung Im Zuge seiner stark von der Philosophie des Taoismus geprägten philosophischen Entwicklung ging Hauer im Lauf seiner zweiten Schaffensperiode (1919–1940) zunehmend dazu über, die kompositorische Gestaltung von Musik durch einen Komponisten grundsätzlich abzulehnen, da er den von ihm als überpersönlich und kosmisch empfundenen musikalischen Gesetzmäßigkeiten einen höheren Wert beimaß als dem gestalterischen Willen jedes Komponisten. Nur die völlige Ausschaltung des „Wollens“ könne die heiligen Gesetze der Musik, welche – ganz im Sinne der pythagoreischen Harmonik – ebenso die Gesetzmäßigkeiten hinter dem physikalischen Bau der Welt und der gesamten Weltordnung offenbaren, in aller Klarheit darstellen und für den Hörer erfahrbar machen. Diese radikale Ablehnung jedes nur geringsten Ansatzes zum Expressionismus trug neben der Indizierung von Hauers Musik als „entartet“ durch den Nationalsozialismus sehr zur künstlerischen Isolation Hauers bei. Ab 1937 ging Hauer dazu über, seine philosophischen Ideen in Form von „Manifesten“ und „Kosmischen Testamenten“ in stark komprimierter Form niederzuschreiben. Bis heute sind diese teils nur schwer verständlichen Texte neben Schüleraufzeichnungen und weitgehend ungedruckten Briefen aus dem NachlassHauers Nachlass befindet sich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien die Hauptquelle für die Zwölftonspielphilosophie Hauers.
Das Zwölftonspiel versteht sich als wesentlich mehr denn als ein Musikstück, welches selbst nur ein äußeres Mittel darstellt.Hierin liegt auch der Grund dafür, weshalb Hauer seinen eigenen Zwölftonspiel-Musikstücken eine so geringe Rolle beimaß. Vielmehr entspricht es einem universellen Weltanschauungssystem und einer mystisch-metareligiösen Praxis. Man hat daher zwischen einem Zwölftonspiel als Musikstück und einem Zwölftonspiel als universalistisches System der Weltanschauung zu unterscheiden.Zur besseren Unterscheidbarkeit wird in diesem Artikel in weiterer Folge die verschiedene Schreibweise Zwölftonspiel (Gesamtwerk, Weltanschauungssystem) und Zwölftonspiel (Musikstück) konsequent durchgeführt. Hauer maß dem Zwölftonspiel eine derart große Bedeutung bei, dass in seinen Augen alle seine bisherigen Kompositionen dagegen bedeutungslos wurden:
„Ich lehne alle meine auf dem Weg zur Erkenntnis entstandenen modernen Musikanten-Ideen Kompositionen ab, weil ich nur die große, vollkommene, kosmische, ewig unveränderliche absolute Musik, die wirkliche Sphärenharmonie, das Heiligste, Geistigste, Wertvollste auf der Welt, die Herz und Verstand befriedigende Offenbarung der Weltordnung als Religion, die Ursprache, das unmittelbare, die Vernunft ansprechende, das Gemüt ergreifende Wort Gottes, die Kunst aller Künste, die Wissenschaft aller Wissenschaften, kurz gesagt, weil ich nur das Zwölftonspiel anerkenne.“Josef Matthias Hauer: Manifest vom 16. März 1947.
Im Gegensatz zur großen Bedeutung, die das Zwölftonspiel für Hauer hatte, steht die verhältnismäßige Gleichgültigkeit, mit der er seine Musikstücke Zwölftonspiel behandelte. Dementsprechend hat er sie anfangs nummeriert und später nur noch mit Datum versehen. Entgegen der verbreiteten Annahme, Hauer habe zwischen 1940 und 1959 mehrere tausend Zwölftonspiele geschrieben, sind nur rund 400 Zwölftonspiele erhalten.Nikolaus Fheodoroff u. a.: Josef Matthias Hauer: Schriften, Manifeste, Dokumente, DVD-ROM, Lafite, Wien 2007, S. 495. Nach Hauers Tod (1959) wurde das Zwölftonspiel von einigen Schülern weitergepflegt, etwa von Johannes Schwieger oder Nikolaus Fheodoroff. Vor allem aber bemühte sich Victor Sokolowski sein Leben lang, das Zwölftonspiel zwecks besserer Lehr- und Lernbarkeit verdienstvoll aufzuarbeiten. So errichtete er ein „Hauer-Studio“ und leitete von 1976 bis 1982 an der Musikhochschule Wien Lehrgänge zum Zwölftonspiel und zur Tropenlehre. Nach Sokolowskis Tod übernahm dessen Schüler Robert Michael Weiss die Leitung des „Hauer-Studios“.
Regeln
mini|Beispiel: Schematische Harmonisierung einer Zwölftonreihe Die Konstruktionsregeln für ein Musikstück Zwölftonspiel sind derart streng, dass, ausgehend von einer Zwölftonreihe, es nur bestimmte „Lösungsmöglichkeiten“ gibt. Der nach einem strengen Procedere zu einem „harmonischen Band“ erweiterten Reihe werden nur leichte Entfaltungs- und Bewegungsimpulse gegeben, nach denen sich das Musikstück quasi automatisch entwickelt. Dementsprechend spricht Hauer in diesem Kontext folgerichtig nicht mehr von „komponieren“, sondern von „spielen“ und „zusammenstellen“.„Ein Zwölftonspiel zusammenzustellen ist ein Kinderspaß.“ Josef Matthias Hauer: Manifest vom 25. März 1956.
Das im Grunde genommen recht einfache Konstruktionsschema im Zwölftonspiel geht von einer beliebigen Zwölftonreihe aus, die nach einem schematischen Verfahren ([3-3-3-3]) vierstimmig harmonisiert wird (siehe Beispiel). Die melodische Hauptlinie entsteht sodann durch ein gleichförmiges Ansteuern der Reihentöne nur über die einzelnen Akkordtöne und bei konstanten Zeitwerten für jeden Reihenakkord: Im Beispiel zur Melodielinie ist jedem Akkord ein halber Takt zugeordnet. Während dieser Zeit schreitet die Melodielinie in gleichmäßigen Notenwerten (Halbe, Viertel, Vierteltriolen oder Achtel) in jene Stimmlage, in welcher der nächste Reihenton steht. Dabei erklingen nur die im jeweils gegenwärtigen Akkord vorhandenen Töne. mini|Beispiel: Erstellen einer Melodielinie
Zu dieser Melodielinie kann nun etwa eine homophone Begleitung durch das gleichmäßige Spielen der Akkorde hinzutreten, oder es können polyphone Linien erzeugt werden, die sich an der Gestalt dieser ersten Melodie orientieren: beispielsweise durch die Umkehrung der Bewegungsrichtung oder durch ein „Ausfüllen“ des musikalischen Geschehens mit jenen Akkordtönen, welche die Hauptlinie bislang ausgelassen hat. Die Spielregeln sind grundsätzlich variierbar, doch bleibt das Gebot des Automatismus und der Ableitung des musikalischen Verlaufs aus dem bereits Vorhandenen, das selbst wiederum von der Reihengestalt abgeleitet ist, im Prinzip unumstürzlich.Tatsächlich ist selbst Hauer jedoch immer wieder bewusst von der Regelhaftigkeit abgewichen und hat punktuell „Fehler“ absichtlich gestreut.
Eine Vergrößerung des vorhandenen Materials kann dadurch erzielt werden, dass in Folge beispielsweise die jeweils untersten Töne der zwölf Akkorde nach oben oktaviert werden. Dadurch verändert sich auch die Melodiegestalt. Nach einer zweimaligen erneuten Oktavierung der untersten Töne wäre es andererseits etwa denkbar, die Akkordfolge umzudrehen. Der Akkordkrebs (auch: „Wendetonreihe“) resultiert seinerseits melodisch nicht in einer Krebsführung, sondern in einer gänzlich anderen Melodiegestalt. Sodann könnte man wiederum eine dreimalige Oktavierung vornehmen, diesmal vielleicht von oben nach unten. Schließlich könnte man das Stück im Anfangsklang, den von Hauer als stabil empfundenen großen Durseptakkord, ausklingen lassen.
Originalzitate
Literatur Nikolaus Fheodoroff u. a.: Josef Matthias Hauer: Schriften, Manifeste, Dokumente. DVD-ROM, Lafite, Wien 2007. Johann Sengstschmid: Zwischen Trope und Zwölftonspiel. J. M. Hauers Zwölftontechnik in ausgewählten Beispielen. Gustav Bosse, Regensburg 1980. Othmar Steinbauer: Josef Matthias Hauers Zwölftonspiel. In: Österreichische Musikzeitschrift, 3/1963. Robert Michael Weiß: Das Zwölftonspiel von Josef Matthias Hauer. Hausarbeit an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien, 1980. Robert Michael Weiß (Hrsg.): 80 Jahre Zwölftonmusik. Ausstellungskatalog. Wiener Neustadt 1999. Robert Michael Weiß: Vom Komponieren zum Spielen: Josef Matthias Hauer. In: Christian Meyer (Hrsg.): Arnold Schönbergs Schachzüge. Dodekaphonie und Spielekonstruktionen. In: Journal of the Arnold Schönberg Center, 7/2005, S. 231–262.
Siehe auch Österreichisches Seminar für Zwölftonmusik Tropenlehre Das Glasperlenspiel Sphärenharmonie Anthroposophie I Ging
Weblinks Film über Hauer und das Zwölftonspiel Youtube Datenbank von Tonreihen und Tropen
Einzelnachweise
Kategorie:Werk (Neue Musik) Kategorie:Neue Musik Kategorie:Zwölftontechnik