Rituale (niederländisch Rituelen) ist der dritte Roman des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom. Er erschien 1980 und verhalf seinem Autor zum internationalen Durchbruch als Erzähler. Die existenzialistische Erzählung berichtet von dem Versuch ihrer Hauptfiguren, ihrem als sinnlos empfundenen Leben durch strikte Einhaltung verschiedener Rituale eine Form zu geben. Letztlich führen diese Rituale jedoch den Tod herbei. Der Roman erhielt 1981 den Bordewijkprijs sowie 1982 den Mobil-Pegasuspreis, der eine englische Übersetzung finanzierte. Es folgten Übersetzungen in weitere Sprachen, so erschien 1984 im Verlag Volk und Welt sowie 1985 im Suhrkamp Verlag auch eine deutsche Fassung von Hans Herrfurth. 1989 verwendete Herbert Curiel den Roman als Vorlage für seinen Film Rituelen. mini|Eine Raku-Teeschale, die für Teezeremonien benutzt wurde. Schale und Zeremonie spielen in dem Roman eine zentrale Rolle.

Entstehung Nach seinem Debüt Philip und die anderen, das 1955 bei seinem Erscheinen in den Niederlanden sofort zu einem Erfolg geworden war, und dem zweiten Roman Der Ritter ist gestorben, der 1963 zwiespältigere Reaktionen hervorgerufen hatte, legte Nooteboom siebzehn Jahre lang keinen neuen Roman mehr vor. Dem Schriftsteller Jan Brokken gegenüber begründete Nooteboom dies so: „Ich wusste, dass ich mit Leichtigkeit noch ein Buch wie ‚Philip und die anderen‘ schreiben konnte, aber eine innere Stimme warnte mich, dass das nicht der Sinn der Sache sei und dass ich folglich auf eine andere Art mein Brot verdienen müsse.“Zitiert nach: Daan Cartens: Cees Nooteboom, Der Augenmensch, Suhrkamp, 1995, Seiten 12/13. In der Übersetzung des Artikels durch Rotraut Keller ist ‚Philip en de anderen‘ noch mit ‚Das Paradies ist nebenan‘ wiedergegeben, dem Titel der ursprünglichen deutschen Übersetzung des Buchs. Die Neuübersetzung von 2003 heißt ‚Philip und die anderen‘.

Während dieser Zeit reiste Nooteboom viel, neben verschiedenen europäischen Zielen auch nach Afrika, Asien, Japan und Bolivien. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Journalist und Reiseschriftsteller, außerdem veröffentlichte er Gedichte. Nach Ablauf dieser Zeit bereitete es ihm dagegen nach eigener Aussage kaum Mühe, Rituale niederzuschreiben: „Ich schrieb das Buch, als würde ich mich daran erinnern; ich hatte es äußerst gründlich vorbereitet, weil ich im Laufe der Jahre Hunderte von Aufzeichnungen gemacht und viel gelesen hatte.“Zitiert nach: Daan Cartens: Cees Nooteboom, Der Augenmensch, Suhrkamp, 1995, Seite 14.

Das Buch erschien schließlich im 48. Lebensjahr seines Autors. Laut Rüdiger Safranski betrachtet Nooteboom es als sein Opus magnum, das ursprünglich wesentlich umfangreicher geplant war. Unter anderem erschien 1981 die Novelle Ein Lied von Schein und Sein, die ursprünglich als Teil des Romans angelegt war.Rüdiger Safranski: Die Welt des Cees Nooteboom. In: Daan Cartens (Hrsg.): Cees Nooteboom, Der Augenmensch, Suhrkamp, 1995, Seite 29.

Inhalt Der relativ kurze Roman (etwa 200 Seiten) erzählt in der dritten Person aus Sicht des Protagonisten Inni Wintrop die Geschichten zu drei Selbstmorden: Im ersten der drei nicht chronologisch geordneten Teile wird geschildert, wie der dreißigjährige Inni 1963 einen Selbstmordversuch überlebt, nachdem seine Frau Zita ihn verlassen hat. Der zweite Teil beschreibt, wie Inni 1953 Arnold Taads kennen lernt, einen Freund seiner Tante Thérèse, der ihm für einige Jahre den früh verstorbenen Vater ersetzt. 1960 kommt Taads jedoch bei einem Unfall in den Alpen ums Leben, dessen Umstände auf einen Selbstmord hindeuten. Schließlich begegnet Inni 1973 in Amsterdam Arnolds Sohn Philip Taads, der seinen Vater nie gekannt hat. Philip spart, vom Zen-Buddhismus fasziniert, sein ganzes Leben lang für eine kostbare Raku-Teeschale. Als er sie endlich besitzt, zertrümmert er sie und ertränkt sich in einer Gracht.

Intermezzo, 1963 Der erste, etwa 20 Seiten umfassende Abschnitt beginnt mit der Feststellung, dass Inni Wintrop, Aktien- und Gemäldehändler sowie Autor von Horoskopen, Selbstmord begangen hat. Es folgt eine Rückblende auf die achtjährige Beziehung zu seiner Frau Zita. Obwohl das Paar ein ausgeprägtes Sexualleben führt, hat Inni ständig wechselnde Affären, von denen Zita nichts wissen will. Erst als Inni darauf besteht, ein gemeinsames Kind abtreiben zu lassen, distanziert sie sich zunehmend von ihm und verlässt ihn schließlich wegen eines italienischen Fotografen. Sturzbetrunken erhängt Inni sich daraufhin im eigenen WC, erwacht jedoch am nächsten Morgen mit dem gerissenen Strick um den Hals.

Arnold Taads, 1953

Der zweite, knapp 80 Seiten lange Abschnitt berichtet aus einer 1978 angesiedelten Perspektive rückblickend auf das Jahr 1953 davon, wie Inni von seiner Tante Thérèse deren ehemaligem Liebhaber Arnold Taads vorgestellt wird. Auf der Fahrt nach Doorn, dem Wohnort Taads, erzählt Thérèse Inni von seiner Familie: Der Leser erfährt, dass Inni aus einer außerehelichen Beziehung seines Vaters hervorgegangen war, die von der Familie geächtet wurde und die er wegen einer dritten Frau beendete. Sein Vater war 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen, zu seiner Mutter und ihrem neuen Mann hat Inni kaum Kontakt.

Taads führt ein zurückgezogenes Leben und richtet seinen Tagesablauf streng nach der Uhr. Bei einem Spaziergang setzt er Inni auseinander, warum er nicht mehr an den christlichen Gott glaubt und erläutert ihm Aspekte des atheistischen Existentialismus, insbesondere der Philosophie Sartres. Auch Inni glaubt nicht mehr an Gott, nachdem er als Ministrant miterlebt hatte, wie ein alter Pater während der Wandlung tot zusammengebrochen war, er behält diese Geschichte jedoch für sich.

Eine Woche später besuchen Inni und Arnold Taads die Villa Thérèses in Goirle. Dieses Treffen verändert das Leben Innis, der keinen Schulabschluss besitzt und sich bisher mit einer unqualifizierten Bürostelle ein mageres Auskommen verdient hatte, in dreierlei Hinsicht: Zum einen überzeugt Taads Thérèse, ihrem Neffen den Teil ihres Vermögens zur Verfügung zu stellen, den ihre Familie Innis Vater vorenthalten hatte. Zum anderen erlebt Inni an diesem Wochenende ein erotisches Abenteuer mit dem Hausmädchen Petra. Da sie verlobt ist, bleibt es Episode, für Inni jedoch markiert es den Beginn einer ständigen Suche nach sexueller Begegnung mit immer neuen Frauen, die für ihn zum Lebensinhalt wird. Schließlich entwickelt sich eine jahrelange Freundschaft zu Taads, der beim Abendessen in ein erbittertes Streitgespräch mit einem anwesenden hohen katholischen Geistlichen verwickelt ist.

Wenige Jahre später kommt Thérèses Mann bei einem Autounfall ums Leben. Kurz nachdem Arnold Taads seinen kranken Hund erschießen musste, erfriert er 1960 bei seinem jährlichen Aufenthalt in einer einsamen Alpenhütte unter genau den Umständen, die er Inni einmal beschrieben hatte. Die Tante selbst stirbt schließlich infolge exzessiven Alkoholmissbrauchs, den Inni als schleichenden Selbstmord bewertet.

Philip Taads, 1973 Der letzte Teil des Romans beginnt damit, wie Inni zusammen mit einem Mädchen, das er zufällig auf der Straße trifft, eine Taube begräbt, die gerade gegen ein Auto geflogen war. Anschließend begleitet er die zwanzig Jahre jüngere Frau nach Hause und schläft mit ihr. Nun nimmt er seinen Termin mit Bernard Roozenboom wahr, einem befreundeten Kunsthändler, den er darum bittet, zwei kürzlich erstandene Bilder zu taxieren: Das erste ist eine Radierung von Baccio Baldini, die die Libysche Sibylle zeigt. Für das zweite, einen japanischen Stich, verweist der Händler Inni auf seinen Kollegen Riezenkamp, der Fachmann für fernöstliche Kunst ist. Dieser teilt Inni mit, dass der Stich das Porträt einer Geisha darstellt und geschaffen wurde, um für ihre Dienste zu werben.

Vor Riezenkamps Schaufenster steht ein asiatisch aussehender Mann, der fasziniert auf eine schwarze Teeschale starrt. Er betritt den Laden und hält Inni einen Vortrag über die Raku-Töpferdynastie, während der Händler einen japanischen Kunden betreut, der die Schale schließlich kauft. Innis neuer Bekannter stellt sich als Philip Taads vor, der Sohn von Arnold Taads und einer Indonesierin, die Arnold kurz nach der Geburt verlassen hatte, weil er seinen Sohn ablehnte. Auch Philip hätte die Schale kaufen wollen, besitzt jedoch nicht genug Geld dafür. Inni folgt Philip nach Hause, wo dieser in ähnlicher Abgeschiedenheit lebt wie sein Vater. Er macht Inni klar, dass es sein größter Wunsch ist, sich von der Welt und von sich selbst zu „erlösen“ und gibt ihm eine Geschichte von Kawabata Yasunari zu lesen. Es vergehen fünf Jahre, während der Inni sich mit Philip anfreundet.

1978 ersteigert Riezenkamp schließlich eine neue Raku-Schale, diesmal eine rote. Mittlerweile hat Philip genügend Geld gespart, um sie kaufen zu können. Daraufhin lädt er Inni und Riezenkamp zu einer traditionellen japanischen Teezeremonie ein. Drei Wochen später bittet Philip seine Vermieterin in einem Brief darum, Inni anzurufen. Als Riezenkamp und er die Wohnung betreten, finden sie nur unzählige Scherben der zerschmetterten Teeschale. Einige Tage darauf identifizieren sie Philips Leiche, die in einer Gracht entdeckt worden war und wohnen gemeinsam mit dem Händler Roozenboom der Kremation des Toten bei. Von nun an träumt Inni regelmäßig von den beiden Taads, ist jedoch froh, selbst noch unter den Lebenden zu sein.

Interpretation Väter und Söhne Ein wiederkehrendes Thema des Romans ist das Fehlen einer Vaterfigur: Philip Taads hat seinen Vater nie kennengelernt und lebt in dem Bewusstsein, von diesem abgelehnt worden zu sein. Dies wird wiederholt als Ursache seines Selbstmords dargestellt: „Arnold Taads hatte nie von einem Sohn gesprochen und diesen Sohn, so meinte Inni, dadurch zu einer merkwürdigen Form des Nichtbestehens verurteilt, die letztlich zur endgültigen Form des Nichtbestehens, zum Tode, führte.“ (Rituale, S. 31.)

Der Vater des Protagonisten Inni Wintrop ist früh verstorben und Inni hat kein enges Verhältnis zu seinem Stiefvater. Die Romanfigur Inni weist in dieser Hinsicht viele Züge des Autors auf, die nahelegen, dass Nooteboom hier eigene Erfahrungen verarbeitet, die er als prägend empfunden hat: Unter anderem ist Inni genauso alt wie Nooteboom, hat im gleichen Alter unter gleichen Umständen den Vater verloren, wurde ebenso unter dem Einfluss eines katholischen Stiefvaters auf Mönchsschulen geschickt, die er vorzeitig verlassen musste, so dass beide bis 1953 ihren Lebensunterhalt mit anspruchslosen Büroarbeiten verdienten. Schließlich bleiben Autor wie Romanfigur kinderlos.

In gebrochener Form taucht das Thema des fehlenden Vaters auch an weiteren Stellen auf: So scheitert Innis Ehe letztlich daran, dass er sein eigenes Kind ablehnt. Bei Lyda, einer von Innis Liebhaberinnen, hängt ein gerahmtes Bild ihres toten Vaters über dem Bett. Auch die Zurückweisung der Vormundschaft Innis durch seine Verwandtschaft und der Tod des Pater Romualdus gehören in diesen Zusammenhang; schließlich hat auch Arnold Taads mit seinem Glauben an Gott eine Vaterfigur verloren. In allen Fällen hat das Fehlen eines väterlichen Vorbilds eine weltanschauliche Orientierungslosigkeit zur Folge, die sich in der Sinnsuche der Figuren äußert. Maarten van Buuren deutet diesen Themenkreis als ödipales Verhaltensmuster, bei dem der Tod der Väter Schuldgefühle hervorrufe, die „zu Selbsthass und Selbstauslöschung führen“.Maarten van Buuren: „Und weinte bitterlich“ (s. o.) Seite 92

Sinnsuche und Ritual