mini|Shintōistische und buddhistische Figuren als auch Architekturelemente beim Jōgyō-ji in Kamakura Shinbutsu-Shūgō () oder auch Shinbutsu-Konkō () ist die japanische Bezeichnung für den Shintō- bzw. Kami-buddhistischen Synkretismus, also die Wechselwirkung des Buddhismus in Japan mit den verschiedensten einheimischen religiösen Glaubensvorstellungen und deren Göttern.

Dieses Prinzip sorgte jahrhundertelang dafür, dass so gut wie keine strenge oder praktische Unterscheidung und Trennung der einheimischen Religion Japans bzw. Shintō und des in der Mitte des 6. Jahrhunderts von China bzw. Korea importierten Buddhismus gemacht wurde. In der Konsequenz wurde Shinbutsu-Shūgō zu einem wesentlichen Faktor für die u. a. vom Historiker Kuroda Toshio (1926–93) gestellte schwierige und bisher noch nicht entschiedene Frage, wann genau Shintō als eigenständige Religion in der Geschichte in Erscheinung getreten ist und welchen Anteil der Buddhismus bei diesem Prozess hatte.

Geschichte Vor der Einführung des Buddhismus (vor 552)

Da der Eintritt des Buddhismus in die japanische Kultur zeitgleich mit der Übernahme der chinesischen Schrift, der ersten in Japan verwendeten Schrift geschah, sind kaum geschichtliche Zeugnisse über japanische Glaubensriten vor der Begegnung Japans mit dem Buddhismus erhalten. Die wenigen Indizien aus dieser Zeit lassen sich lediglich aus einzelnen Passagen in Werken der chinesischen Historiografie wie dem Weizhi aus dem Jahr 297 ableiten.

Asuka-Zeit (552–710) In der Asuka-Zeit wandelten sich die politischen Herrschaftsverhältnisse in Japan von einem eher lose organisierten Verbund miteinander auch konkurrierender Klans zu einer zentralistischen Staatsform nach Vorbild des sui- bzw. tang-zeitlichen Kaiserreichs China, mit einer Hauptstadt als Sitz einer zentralen Verwaltung und einem einzelnen Machthaber an der Spitze (dem Tennō). Entsprechend wurden auch die in China gängigen und staatstragenden Religionen und Philosophien in den Prozess der Staatsgründung miteinbezogen, neben dem Buddhismus schloss das z. B. auch den Konfuzianismus mit ein.

So wurde die sukzessive Integration des Buddhismus in den neuen japanischen Staat auch von Seiten der weltlichen Herrscher in Japan gefördert, indem z. B. der Bau von jingūji (; „Schrein-Tempel“) finanziell unterstützt wurde. Diese Maßnahmen waren aber von Anfang an ambivalent, ersichtlich z. B. während der Herrschaft des Temmu-tennō, der den Buddhismus förderte und gleichzeitig den Ise-jingū zur zentralen Stätte des kaiserlichen Ahnenkults bestimmte, an dem eine starke Tabuisierung des Buddhismus herrschte. Es gab auch Herrscher, die den Buddhismus kategorisch ablehnten, was bis zur Regierungszeit des Shōmu-tennō in der Nara-Zeit durchaus noch vorkam. So ließ z. B. der Bidatsu-tennō buddhistische Tempel und Statuen verbrennen sowie buddhistische Nonnen auspeitschen.

Zugleich waren buddhistische von weltlichen Ämtern streng getrennt. Angehörige des Adels und auch der Tennō selbst mussten auf ihre Ämter und Privilegien verzichten (insei), wenn sie in den Mönchsstand eintreten wollten.

Zur Verbreitung der in Japan neuen Lehre passte sich der Buddhismus sehr rasch den bestehenden Glaubensvorstellungen an und subsumierte sie in seine eigenen. Begriffe wie Deva wurden sowohl mit dem japanischen ten () als auch kami () und jingi ( „Götter“) gleichgesetzt. Andererseits wurden die Buddhas und Bodhisattvas von den Priestern der einheimischen Religion als „ausländische Kami“ gedeutet.

mini|Statuen von Jizō, ein insbesondere im Zusammenhang mit japanischen Totenriten populärer Bodhisattva Eine religiöse Lücke konnte der Buddhismus insbesondere im Totenkult schließen. In den einheimischen Bräuchen in Japan war der Tod und alles damit zusammenhängende für viele Jahrhunderte lang eine unreine und daher zu meidende Angelegenheit gewesen. Der Buddhismus bot mit seinem komplexen System von Jenseits-bezogenen Theorien und Riten eine willkommene Ergänzung zum Ahnenkult der einzelnen Klans (uji). Ein diesbezüglich sehr populärer Kult war, tote Angehörige sowohl als Kami, wie auch als Buddhas zu verehren, da der Tod eines Menschen mit dessen Eintritt ins Nirwana gleichgesetzt wurde.

Nara-Zeit (710–794) mini|Der vom Shōmu-tennō im Jahr 745 erbaute Tōdai-ji war in der Nara-Zeit das spirituelle Zentrum des Buddhismus in Japan. In der Nara-Zeit waren zwei generelle Ansichten bezüglich des Verhältnisses des Buddhismus zu den Kami am verbreitetsten, eine eher verehrenden, eine eher bekehrenden Charakters:

Kami seien in Japan einheimische Dharmaschützer, womit sie ihren göttlichen Status auch im buddhistischen Verständnis ohne Widersprüche behalten und dennoch gleichzeitig mit Sutras verehrt werden konnten.

Kami seien leidende, da noch im Samsara verfangene Wesen (entsprechend der Vorstellung von den Devas in den sechs Daseinsbereichen), die nach Erlösung durch das buddhistische Konzept der Erleuchtung strebten, also durch die Lehren Buddhas bekehrt werden mussten.

Je nach lokaler Ausprägung der religiösen Überzeugungen, insbesondere im Zusammenhang mit den weltlichen Herrschaftsstrukturen (vgl. ujigami) wurde einer der beiden Aspekte betont. Obwohl beide in affirmativer Weise die einheimischen Traditionen in die buddhistische Glaubenswelt miteinbezogen, wurde den buddhistischen Prinzipien dennoch ein prinzipieller Vorrang eingeräumt. Da sich die Verbreitung des Buddhismus in der Asuka- und Nara-Zeit zumeist auf die aristokratischen Kreise der japanischen Gesellschaft beschränkte (die bekannteste Ausnahme hierin war das Wirken des Hossō-Mönchs Gyōgi (668–749; )), bestand mit dem, in dieser Unterordnung implizitem Widerspruch zur sonstigen Volksfrömmigkeit, kein praktisches Problem.

Besonders die Gottheit Hachiman stand im Zentrum der unterschiedlichsten theologischen Bewertungen und sollte bis in die Zeit des buddhistischen Reformers Nichiren eine Schlüsselrolle für das Verhältnis von Buddhismus und Shintō einerseits sowie Staat und Religion andererseits spielen.

Heian-Zeit (794–1185) In der Heian-Zeit wurde der Regierungssitz von Heijō-kyō (Nara) schließlich nach Heian-kyō (Kyōto) verlegt, wodurch sich die weltlichen Mächte räumlich von den einflussreichen Klöstern Naras trennten. Die Existenz buddhistischer Tempel war in Heian-kyō zunächst nur außerhalb der Stadtgrenzen erlaubt.

Wenige Jahre später traten zwei neue mahayanistische und aus den Lehren des tantrischen Buddhismus schöpfende, große buddhistische Schulen auf: die Tendai-shū, ca. 806 gegründet von Saichō auf Basis der Tiantai zong und besonders gefördert durch den Kammu-tennō; und die Shingon-shū, ca. 807 gegründet von Kūkai und besonders gefördert durch den Saga-tennō. Beide Schulen waren, im Unterschied zu den Schulen der Asuka- und Nara-Zeit, stark daran interessiert, ihre Lehren ebenfalls – wenn auch erst an zweiter Stelle nach dem Adel als primärer Zielgruppe – unter den Volksmassen zu verbreiten. Es ist eine deutliche Tendenz in dieser Zeit zu beobachten, buddhistische Lehrschriften meist mythologisch-märchenhaften Charakters (, setsuwa) nicht nur auf Chinesisch, der bis dato unumstrittenen Gelehrtensprache, sondern auch auf Japanisch zu verbreiten.

Diese Konzeption der Propagierung erforderte eine neue theoretische Auseinandersetzung mit allgemeinen religiösen Traditionen, um sie widerspruchsfreier als noch zuvor in die eigenen buddhistischen Konzeptionen zu integrieren, was darauf hinauslief, Kami und Buddhas oder Bodhisattvas auf eine gleiche Stufe zu stellen.

Dies wurde auch durch die erweiterten Möglichkeiten der religiösen Darstellungsformen befördert. Die ikonische buddhistische Kunst des durch Tendai- und Shingon-shū vertretenen Mikkyō-Buddhismus war in der Heian-Zeit ein beliebtes Mittel, um den bislang meist unsichtbar gebliebenen Kami erstmals (zumeist auch anthropomorphe) Gesichter und Gestalten zu geben, kam allerdings erst in der Kamakura-Zeit zu voller Blüte.

Kami als manifeste Buddhas und Bodhisattvas Die Gleichstellung von Kami mit Buddhas bzw. Bodhisattvas realisierte sich in der (im Vergleich mit dem bis dato theoretischen Stand komplexen) honji-suijaku setsu (; etwa: Theorie der ursprünglichen Formen und der manifesten Spuren). Diese erstmals in der Tendai-shū entwickelte Theorie besagte, dass manche Kami in Wirklichkeit Buddhas oder Bodhisattvas waren, die sich nur zum Zweck der Bekehrung und Erlösung der Menschen auf der Erde in ihrer manifesten Form (suijaku; (eines Buddha bzw. Bodhisattva als Kami im Unterschied zu dessen nur vorübergehenden Manifestationen, )) als Kami zeigen würden.

Ursprünglich entstammte die theoretische Unterscheidung im Buddhismus von hon () und ji bzw. japanisch shaku () dem Versuch des chinesischen Buddhisten Sengzhao (374–414; ) durch den Begriff běnjī (; jap. honjaku) neo-daoistische Ansichten von der strengen Unterscheidung der Welt und der Formen von Wahrheit in einen absoluten und höherwertigen sowie einen relativen und minderwertigen Bereich in den Buddhismus zu übertragen. Sengzhao hielt diese Unterscheidung für faktisch gegeben, sie sei aber im strengen Sinn selbstwidersprüchlich.

Diese Terminologie wurde vom Begründer der Tiantai zong, Zhiyi (538–597; ) übernommen und zum integralen Bestandteil der Theorie seiner Schule (z. B. auch zur Unterscheidung zwischen bzw. Identifizierung von dem metaphysischen Wesen Buddhas und der historischen Persönlichkeit Siddhartha Gautama sowie den absoluten Dharma und den Lehren des historischen Buddha; vgl. Trikaya und Upaya). Damit ging sie auch in die der Tendai-shū mit ein. Dabei entstand anscheinend ein Bedeutungswandel des Begriffes honshaku hin zu honji ().

Auch die Shingon-shū und viele Shintō-Schreine (die sich dadurch eine Besserstellung der von ihnen verehrten Kami versprachen) nahmen diese Begriffe schließlich auf und propagierten ebenso in vielen Fällen das honji-suijaku (), was vereinfacht gesagt so ausgelegt wurde, dass ein bestimmter Kami nur dem Anschein nach von einem Buddha oder Bodhisattva verschieden und in Wahrheit jedoch identisch mit ihm sei. Stellte man sich diese Identifizierung im Einzelfall als zu extrem vor, so konnte man dem betreffenden Kami immer noch den Titel gongen ( „Vorübergehende Manifestation“) verleihen, so geschehen z. B. für die Kami an den Kumano-Schreinen in den Kii-Bergen.

mini|Ōno Masafusa, Zeichnung von Kikuchi Yōsai (1788–1878) Ein anderer, ebenfalls beliebter Begriff, war die Metapher vom wakō dōjin (), ein ursprünglich aus dem vierten Kapitel des Daodejing stammende Redefigur, die bereits vor der Heian-Zeit im ostasiatischen Buddhismus weit verbreitet war und im Grunde das gleiche Konzept wie oben ausgeführt meinte: Da das Licht der Buddhas bzw. Bodhisattva zu hell für die im Samsara verhafteten Wesen sei, hätten sie es der staubhaften Struktur der Welt der Leidenden angepasst, um ihnen zu Hilfe kommen zu können. Einer der ersten Autoren, die explizit mit diesem Konzept operierten, war der Politiker und Gelehrte Ōno Masafusa (ca. 1041–1111; ).

Die verschiedenen Formen der Identifikation im honji-suijaku beschränkten sich jedoch nicht nur auf die Kami. So wurde der legendäre Prinz Shōtoku zunächst Ende der Nara-Zeit als gushin () des zweiten Patriarchen der Tiantai zong, Eshi (auch: Yeshi; 515–577; ), aufgefasst. In der Heian-Zeit erklärte man ihn dann zum suijaku von Dainichi Nyorai und Kannon. Zuletzt wurde er sogar für das gleichzeitige honji des Shōmu-tennō, Kūkais und des Shugendō-Führers Shōbō (832–909) gehalten.

Dem honji-suijaku setsu korrespondierte auch die Tendenz von Entscheidungen des Kaiserhauses, die Shintō-Schreine im Sinne des kaiserlichen Kultes immer stärker aufzuwerten (so geschehen z. B. in der Systematik der 22 Schreine, denen regelmäßig kaiserliche Opfergaben bereitet wurden).