mini|300px|Die drei oudlers der französischen Tarot Nouveau, ca. 1910 Französisches Tarock bzw. (Französisches) Tarot ist ein französisches Kartenspiel, das meist zu viert – manchmal aber auch zu dritt oder zu fünft gespielt wird. Es gehört zur Familie der Tarock-Kartenspiele, die in weiten Teilen Europas gespielt werden.

Frankreich war neben der Schweiz eines der ersten beiden Länder außerhalb Italiens, in denen mit dem Tarockspiel begonnen wurde. Während in Frankreich seit dem 16. Jahrhundert verschiedene Arten von Tarock gespielt wurden, ist die heute vorherrschende Form das Regelwerk aus dem 19. Jahrhundert aus der Bourgogne-Franche-Comté.Dummett & McLeod (2004), S. 195–244. Historisch wurden Tarockspiele in Frankreich mit dem Tarot de Marseille mit italienischen Farben gespielt, das auf den Atouts allegorische Bilder aus der Renaissance hatteRockefeller (2016)., aber keine doppelbildförmigen Bildkarten und Trümpfe und Eckindizes hatte. Um das Spiel zu vereinfachen, wurde das Marseille-Tarock im späten 19. Jahrhundert durch das Tarot Nouveau (ein Art des Bourgeois Tarots) mit französischen Farben ersetzt, das typische Genreszenen des Fin de Siècle Stils hat, die das französische Leben und Freizeitbeschäftigung darstellte.

Geschichte Spielkarten tauchten gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Europa auf und wurden möglicherweise zuerst in Italien oder Katalonien eingeführt.Depaulis (2004), S. 33. Tarockkarten werden erstmals Mitte des 15. Jahrhunderts in Italien erwähnt. Ursprünglich hießen sie „trionfi“, was „Triumph“ bedeutet, woher der englische Name Trump („Trumpf“) stammt. Später umbenannten die Italiener sie „tarocchi“, da sich die Idee des Trumpfs auf andere Kartenspiele ausbreitete. Sowohl das italienische Wort „tarocchi“ als auch das französische Wort „tarot“ tauchen ab dem frühen 16. Jahrhundert auf, wobei unklar ist, ob sich das eine vom anderen ableitet.Depaulis (1984), S. 6.Auf Seite 6 gibt Depaulis das Jahr 1516 in Ferrara als erstes Vorkommen an. Seitdem hat derselbe Autor 1505 in Avignon ein früheres Beispiel des Wortes Tarot entdeckt.

Tarock wurde im frühen 16. Jahrhundert infolge des Ersten und Zweiten Italienischen Krieges (1494–1522) in Frankreich eingeführt und ist in der französischen Literatur dieses Jahrhunderts weit verbreitet. Die früheste Erwähnung findet sich 1534 bei Rabelais in Gargantua.Daynes (2000), S. 64. Um 1622 war es in Frankreich beliebter als Schach; die erste Spielregeln erschien um 1637 in Nevers. Diese beschreiben ein 66-Karten-Spiel für drei Spieler, das mit einem italienischen Blatt gespielt wird, wobei der Narr als Entschuldigungskarte („Excuse“) fungiert und die Farben in ihrer „ursprünglichen“ Reihenfolge gewertet werden, d. h. mit Zahlenkarten in den Farben Kelche und Münzen, deren Rangfolge vom Ass (hoch) bis zur Zehn (niedrig) ist. Diese Rangfolge wird heute in allen Tarockspielen außer in Frankreich und Sizilien beibehalten.Dummett & McLeod (2004), S. 4, 17-19. In Frankreich blieb Tarock bis 1650 in Mode,Depaulis (2004), S. 33. doch dann nahm seine Popularität stetig ab, bis es im Frankreich des 18. Jahrhunderts außerhalb der Provence kaum noch gespielt wurde.1781 schrieb Antoine Court de Gébelin in seinem Werk Monde primitif analysé et comparé avec le monde moderne, dass Tarot „in Paris zwar unbekannt, in Italien, Deutschland und sogar in der Provence jedoch sehr bekannt“ sei.

Im Laufe des späten 18. und 19. Jahrhunderts erlebte das Spiel eine Wiederbelebung. Die ursprünglichen Karten mit italienischen Farben, wie sie im Tarot de Marseille üblich waren, galten als italienisch und wurden durch französische Varianten, insbesondere das Tarot Nouveau, das trotzdem aus Deutschland kam, ersetzt.Daynes (2000), S. 6.

mini|Französische Tarockspieler auf dem Flohmarkt von Saint-Ouen Es gibt Hinweise darauf, dass Napoleons Truppen das Tarock in Form des Droggns – eines Tarockspiels mit Ähnlichkeiten zum alten französischen Tarot – im österreichischen Tirol einführten. Es ist auch belegt, dass französische Soldaten während des Deutsch-Französischen Krieges (1870), des Ersten Weltkrieges (1914–18) und des Algerienkrieges (1954–1962) mit Tarockkarten ausgestattet wurden, was laut Dummett und Berloquin jeweils zur Verbreitung des Tarockspiels in ganz Frankreich führte.McLeod & Geiser (1999), S. 273–274. 1973 wurde den Französischen Tarock-Verband (Fédération Française de Tarot) gegründet, und bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war Tarock nach Belote das zweitbeliebteste Kartenspiel in Frankreich.Daynes (2000), S. 6. Ein Grund für die Beständigkeit des französischen Tarock ist die Tatsache, dass die Regeln überall dort, wo das Spiel gespielt wird, sehr einheitlich sind.Parlett (1996), S. 300. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Spieldetails außerhalb offiziell genehmigter Turniere von Kreis zu Kreis variieren können, so dass die bekannten Regeln und Terminologien eher typisch als endgültig sind.Parlett (2008), S. 362.

Im späten 18. Jahrhundert wurden Tarockkarten in Frankreich erstmals mit Wahrsagerei in Verbindung gebracht, eine Praxis, die sich schließlich in weiten Teilen der westlichen Welt verbreitete. Die für die Wahrsagerei bevorzugten Karten sind jedoch die älteren italienischen Kartenspiele oder maßgeschneiderte moderne Designs mit okkulter Symbolik, anstatt Spiele mit Szenen aus dem alltäglichen Leben wie das französische Tarot Nouveau, das deutsche Cego und das österreichisch-ungarische „Industrie und Glück“-Tarock.

Spielmaterial Allgemeinen Als Spielmaterial brauchte man ein Tarockblatt mit 78 Karten und französischen Farben sowie eine Menge Jetons. Heute gibt es nur ein vorhandenes Muster: das Tarot Nouveau, das ursprünglich von C. L. Wüst entworfen und nach Frankreich exportiert wurde. Heute wird solche Tarockkarten unter anderem von France Cartes sowie Piatnik (Wien) hergestellt.

Das Blatt besteht aus den vier Standardfarben: Herz, Karo, Pik und Kreuz mit Figuren- und Zahlwertkarten in jeder Farbe. Es gibt jedoch eine zusätzliche Figurenkarte, den Kavalier (Cavall oder Reiter), so dass es in jeder Farbe 14 Karten gibt. Zusätzlich zu den vier Standardfarben gibt es 21 separate und verschieden hohe Trümpfe (atouts); 21 ist der höchste und 1 (Le Petit) der niedrigste Trumpf. Eine besondere Karte ist die Excuse. Die Trumpf 1, die Trumpf 21 und die Excuse sind im Spiel wichtig und werden Spitzen genannt. (In Frankreich heißen sie: Les Bouts oder weniger gebräuchlich Oudlers.) Die Spitzen zählen nicht nur besonders viele Punkte; hat man sie in seinen Stichen, verringert dies auch die zum Gewinn des Spiels erforderliche Punktzahl.

Besondere Karten Excuse Als Excuse bezeichnet man eine Karte, auf der sich eine Abbildung von einem Gaukler befindet. Die Excuse ist weder Trumpf noch Farbe, kann aber sowohl anstelle von Trumpf als auch anstelle einer Farbe gespielt werden. Die Excuse kann niemals einen Stich gewinnen. Der Stich geht also wie sonst auch an denjenigen mit dem höchsten Trumpf oder an die höchste Farbkarte. Die Excuse selbst geht jedoch nicht verloren, sondern kommt zum eigenen Stichstapel. Geht der Stich an die Gegenpartei, wären im Stich also nur drei Karten. Um dies auszugleichen, bekommt die Gegenpartei eine beliebige Karte nach Wunsch des Excuse-Ausspielers (normalerweise eine „leere Karte“) aus dem eigenen Stichstapel. Hat die betroffene Partei noch keinen Stich, wird dies zum nächstmöglichen Zeitpunkt nachgeholt. Die Excuse darf auch als erste Karte im Stich ausgespielt werden. In diesem Fall bestimmt der nachfolgende Spieler die Farbe oder Trumpf für diesen Stich. Wird die Excuse jedoch im letzten Stich gespielt, geht sie an die Partei, die den Stich gewinnt, und kann somit auch verloren gehen. Die einzige und sehr seltene Ausnahme, bei der die Excuse einen Stich für sich entscheiden kann, ist beim sogenannten Durchmarsch.

Le Petit Le Petit ist der niedrigste Trumpf und trägt die Nummer 1. Wird er im letzten Stich ausgespielt, erhält derjenige, der diesen gewinnt, 10 Punkte multipliziert mit der Spielstufe (siehe weiter unten) zusätzlich. Diese Punkte haben allerdings keinen Einfluss darauf, ob der Alleinspieler sein Spiel gewinnt oder nicht.

Kavalier In den vier Farben gibt es jeweils einen Kavalier (Reiter). Diese Karte zeigt eine Abbildung mit einem Reiter und wird gewöhnlich in der linken oberen Ecke mit dem Buchstaben C ausgezeichnet. Beim Stechen ist der Kavalier zwischen Dame und Bube eingeordnet.

Austeilen Es wird ausgelost, wer als Erster austeilt. Gespielt wird wie bei allen Tarot- und Tarock-Spielen gegen den Uhrzeigersinn. Demzufolge werden die Karten ebenfalls so herum ausgeteilt. Regional üblich ist es, dass niemals gemischt wird. Derjenige, der links vom Geber sitzt, hebt vorerst ab. Dann wird gegeben. Bei einer 4-Spieler-Partie bekommt jeder Spieler 18 Karten in Dreierlagen. Während des Gebens werden 6 Karten verdeckt in die Mitte gelegt. Diese Karten werden Talon (Stock) genannt. Die Karten des Talons werden jeweils einzeln gelegt, jedoch weder als erste noch als letzte Karte. (Bsp.: 3, 3, 3, 3, 1 – 3, 3, 3, 3, 1 – 3, 3, 3, 3, 1 – 3, 3, 3, 3, 1 – 3, 3, 3, 3, 1 – 3, 3, 3, 1, 3) Hat ein Spieler die blanke Trumpf 1, d. h. ohne einen weiteren Trumpf auf der Hand zu haben (hier zählt die Excuse auch als Trumpf), muss er dies unverzüglich mitteilen. Die Karten werden zusammengeworfen und der nächste Spieler gibt neue Karten.

Reizen Jeder Spieler, beginnend mit dem rechts vom Geber Sitzenden und weiter gegen den Uhrzeigersinn, kann nur jeweils ein Reizgebot abgeben oder passen. Man muss sich also stets sehr gut überlegen, welches Reizgebot man abgibt, denn es könnte von den nachfolgenden Mitbietern überboten werden. Wenn jemand reizt, haben die nachfolgenden Spieler die Wahl ein höheres Angebot abzugeben oder zu passen. Wenn alle vier Spieler passen, und das geschieht einigermaßen häufig, werden die Karten zusammengeworfen und der Nächste gibt. In aufsteigender Reihenfolge sind die vier möglichen Reizgebote folgende:

Einfach (Petite oder Prise) Man sagt jedoch: „Ich spiele“. Hierbei darf man den Stock aufnehmen um sein Blatt aufzubessern (siehe unten). Daumen (Pousse) Man sagt jedoch: „Ich spiele eineinhalb“, ansonsten ist das Spiel dasselbe wie das Einfache, außer dass es ein höheres Reizgebot darstellt. Doppelt (Garde) Man sagt jedoch: „Ich spiele Doppelt“, ansonsten ist das Spiel dasselbe wie das Einfache, außer dass es das höhere Reizgebot darstellt. Hand (Garde sans le chien) Man sagt jedoch: „Ich spiele Hand“. Der Stock wird nicht aufgedeckt, zählt jedoch am Ende des Spiels zu den Stichen des Alleinspielers. Hand, gegen den Stock (Garde contre le chien) Man sagt jedoch: „Ich spiele Hand, gegen den Stock“. Der Stock wird nicht aufgedeckt. Hier zählen die Karten am Ende des Spiels zu den Stichen der Gegenpartei.

Derjenige, der das höchste Reizgebot abgibt ist der Alleinspieler. Die restlichen drei Spieler sind für die Dauer des Spiels in der Gegenpartei und versuchen zu verhindern, dass der Alleinspieler die benötigte Punktzahl in seinen Stichen bekommt.

Talon legen Bei Einfach oder Doppelt dreht der Alleinspieler die Karten des Stocks um, so dass alle die Karten des Stocks sehen können. Wenn alle den Stock gesehen haben nimmt der Alleinspieler die sechs Karten des Stocks auf und „drückt“ verdeckt sechs Karten. Diese gedrückten Karten werden als Talon bezeichnet. Der Talon zählt am Ende des Spiels zu den Stichen des Alleinspielers. Man darf jedoch nie eine der Spitzen (1, 21 oder Excuse) oder Könige in den Talon legen. Trümpfe dürfen nur dann gedrückt werden, wenn dies nicht anders möglich ist. In diesem Fall müssen die gedrückten Trümpfe den anderen Spielern gezeigt werden.