mini|Der Sonderling als Attraktion. Diogenes von John William Waterhouse, 1882. Schmuckeremiten oder Ziereremiten (, auch garden hermits, das heißt Garteneremiten) waren Einsiedler, die während des 18. und 19. Jahrhunderts englische Landschaftsparks bewohnten und dabei ein Anstellungsverhältnis eingingen. Schmuckeremiten lebten während einer vertraglich festgelegten Dauer in eigens eingerichteten Eremitagen und hatten sich zu bestimmten Tageszeiten sehen zu lassen, um die Eigentümer der Parks und deren Gäste mit ihrem Anblick zu unterhalten.Die bekannteste Beschreibung des Phänomens findet sich in dem Buch English Eccentrics von Edith Sitwell aus dem Jahr 1933, welches das 1866 im Eigenverlag herausgegebene English Eccentrics and Eccentricities von John Timbs und dessen Auswertungen alter Zeitungen und Zeitschriften nutzt. Die Untersuchungen von Isabel Colegate aus dem Jahr 2002 stützen sich auf andere Sekundärquellen und kommen zu vergleichbaren Ergebnissen.

Das Leben als Schmuckeremit Die Anforderungen an das Leben als Schmuckeremit sind aus Zeitungsannoncen bekannt. Das bekannteste Beispiel für die Anstellung eines Schmuckeremiten findet sich für Painshill Park, ein Anwesen des Landadeligen Charles Hamilton (1704–1786), das unter großen Kosten zum Landschaftsgarten mit dafür typischer Grotte, neugotischer und chinesischer Architektur, Serpentinenwegen und einem Baumhaus als Eremitage umgebaut wurde.Horace Walpole, der die Entwicklung des englischen Landschaftsparks maßgeblich beeinflusste, rühmte die Anlage. Bemerkenswert ist, dass Daniel Defoe, der später in Robinson Crusoe einen unfreiwilligen Einsiedler erfand, Painshill Park ebenfalls in seinen Schriften erwähnte. Hamilton setzte angeblich eine Annonce aus, dass £700 verdienen würde, wer bereit war, Sitwell, S. 40.

Die lange Vertragsdauer und die eigenartigen Bedingungen der Körperpflege waren kein Einzelfall. Wie die Lebensweise eines Schmuckeremiten auszusehen hatte, wurde wahrscheinlich von den Erdhäusern beeinflusst. Diese waren noch bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts in ländlichen Gegenden verbreitet und wurden in Großbritannien erst durch ein Gesetz aus dem Jahr 1915 verboten. So schrieb ein Grundbesitzer in der Nähe von Preston die Stelle eines Schmuckeremiten für jemanden aus, . In neueren Studien wurde jedoch nachgewiesen, dass diese Annonce mit den angeblichen Arbeitsbedingungen eine Konstruktion der Medien ohne konkreten Quellennachweis war, der sich als sensationalistischer Topos durch die Literatur verbreitete und mit der Zeit durch fortgesetztes Zitieren zu einer Art vorgeblicher „Wahrheit“ gerann.Claus Heinrich Bill: O beata solitudo o sola beatitudo? Ziereremiten als kultureller Phänotyp im XVIII. Säkulum, in: Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Folge Nr. 80, Jahrgang XVII., Sønderborg på øen Als 2014, S. 42.

Offensichtlich wurden Interessenten nicht nur gesucht, sondern boten sich auch selbst an. In einer Anzeige aus dem Jahr 1810 ließ ein junger Mann (Schmuckeremiten hatten in der Regel ein bereits fortgeschrittenes Alter aufzuweisen) verlauten, dass er sich und bereit sei, sich . In Hawkstone Park, einem im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert von mehr als zehntausend Besuchern besichtigten Landschaftsgarten, übernahm hingegen eine mechanische Puppe den Platz des Schmuckeremiten. Diese befand sich in einer mit Stundenglas, Schädel und Brille auf einem Tisch ausgestatteten Einsiedelei und wurde von einem Angestellten bedient, der zu ihren Mundbewegungen sprach.

Schmuckeremiten in Deutschland 1795 ist ein Schmuckeremit im Flottbecker Garten des Hamburger Bürgers Caspar Voght (1752–1839) bekannt, des Weiteren im nach 1766 entstandenen Hinüberschen Garten in Hannover. mini|Eremit in Flotbek. Sepiazeichnung von Johann B. Th. Schmitt, 1795. Hamburger Kunsthalle

Kulturgeschichtliche Aspekte mini|Eremitage mit Memento mori über der Tür, Universal Architecture, 1755. Der englische Landschaftsgarten als begehbares Landschaftsgemälde löste im Verlaufe des 18. Jahrhunderts den geometrisch geordneten Barockgarten ab. Diese Entwicklung stand im Zusammenhang mit der seit dem 17. Jahrhundert andauernden Diskussion in Europa über den Naturzustand des Menschen als Gegenposition zur Zivilisation und zum gemeinschaftlichen Leben. Das Interesse am Schmuckeremiten entsprach in dieser Konstellation demjenigen am „edlen Wilden“, der die durch keine Zwänge des gemeinschaftlichen Lebens zerstörte Unverdorbenheit verkörperte. Überhaupt verbanden sich im Schmuckeremiten Elemente verschiedener Traditionen der Zivilisationsabkehr und deren Faszination für die Gesellschaft. Die Ausstattung der Eremitage mit einer Bibel verwies auf das christliche Eremitentum, die Brille auf den Gelehrten. Dahinter stand eine lange Tradition, die bereits bei den Überlieferungen zum griechischen Philosophen Diogenes von Sinope (der als Verächter der Zivilisation in einer Tonne gelebt haben soll) anfing und bis zu Jonathan Swifts Gulliver reichte (in der dritten Reise nach Laputa, wo völlig weltvergessene und verdreckte Wissenschaftler erscheinen).

Das Phänomen der Schmuckeremiten begleitete im 18. Jahrhundert ein vermehrtes Interesse der englischen Literatur an Einsiedlern. Als wesentliche Inspirationsquelle dafür gilt das Werk John Miltons, insbesondere sein höchst einflussreiches Gedicht Il Penseroso (Der Nachdenkliche), worin ein Waldgänger seine Tage mit einsamen Studien verbringt und die abschließenden Worte spricht:

In zahlreichen Eremitagen, die bereits für Barockgärten als Orte der weltlichen Besinnung gestaltet waren, tauchten die Schlusszeilen aus Miltons Gedicht auf, und ebenso häufig erschien das arkadische Motiv der Vergänglichkeit durch die Verwendung von Knochen und Schädeln als Memento mori. Die Ausstattung des Schmuckeremiten mit einem Stundenglas (abgesehen von der Nützlichkeit bei der Einhaltung des Zeitplans für die regelmäßigen Auftritte im Gelände) verwies ebenfalls auf diesen Aspekt seiner Darstellungsaufgabe. Das Bild des Schmuckeremiten, das nicht bloß durch das Ablegen typisch zivilisatorischer Merkmale wie verfeinerter Kleidung und Körperpflege grundlegende Fragen zur Haltung des Einzelnen gegenüber Gesellschaft und Leben aufwarf, schwankte zwischen Ernst und Witz. Diese Ambivalenz kam auch oft in den Follies (d. h. „architektonische Narreteien“) der Landschaftsgärten zum Ausdruck, die im England des 18. Jahrhunderts wie die Schmuckeremiten weit verbreitet waren.

Die Anstellung von Schmuckeremiten hörte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, die koloniale Ausdehnung der europäischen Nationalstaaten verschob in der Folge die Interessenlage. Völkerschauen übernahmen die Aufgabe, Bilder von Menschen fernab der eigenen Zivilisation zu zeichnen. Als Begriff blieb Ornamental Hermit im englischen Sprachraum aber bis heute präsent und muss auch nicht mehr im eigentlichen Sinn verstanden werden, sondern kann generell für einen exzentrischen Lebenswandel stehen.So beispielsweise in Robert Murray Davis: The Ornamental Hermit: People and Places of the New West, 2004. Die jüngste Zeit zeigt zudem eine vermehrte künstlerische Behandlung des Themas in verschiedenen Medien (Literatur, Film und Foto, Performance).Künstlerisches Reenactment eines Ornamental Hermit in Shugborough Hall im Jahr 2002, . Künstlerisches Reenactment eines Ornamental Hermit in Painshill Park im Jahr 2004, Weblink.

Literatur Sachtexte Gordon Campbell: The Hermit in the Garden. From Imperial Rome to Ornamental Gnome. Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-969699-4. Isabel Colegate: A Pelican in the Wilderness. Hermits, Solitaries, and Recluses. Harper-Collins, London 2002, ISBN 0-00-257142-0. Charlotte Schoell-Glass: Inszenierte Einsamkeit. Ein Ziereremit in Flottbek bei Hamburg. Zu einem Blatt des Johann Baptist Theobald Schmitt im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle. In: Idea. Jahrbuch der Hamburger Kunsthalle. Band 10, 1991, , S. 197–206. Edith Sitwell: Englische Exzentriker. Eine Galerie höchst merkwürdiger und bemerkenswerter Damen und Herren. („English eccentrics“). Neuauflage. Wagenbach, Berlin 2000, ISBN 3-8031-1192-7, S. 38–43. Hans Ost: Einsiedler und Mönche in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts. Düsseldorf 1971. Jürgen Overhoff: Der Schmuckeremit. Jean-Jacques Rousseau und die exzentrische Betrachtung der Einsamkeit. In: Sinn und Form 4/2021, S. 437–452 Claus Heinrich Bill: O beata solitudo o sola beatitudo? Ziereremiten als kultureller Phänotyp im XVIII. Säkulum (Teil 1/3), in: Nobilitas. Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Folge Nr. 79, Jahrgang XVI., Sonderburg 2013, Seite 45–52; Teil 2/3 in Folge Nr. 80, Jahrgang XVII., Sonderburg 2014, Seite 2–52; Teil 3/3 in Folge Nr. 81, Jahrgang XVII., Sonderburg 2014, Seite 2–40 (mit einer Liste historisch ermittelbarer Eremiten im deutschsprachigen Raum) Belletristik Dieter Bachmann: Der kürzere Atem. Roman. Residenz-Verlag, Salzburg 1998, ISBN 3-7017-1113-5. Matthew Francis: (Gewinner des ersten Preises in dem Gedichtwettbewerb des Times Literary Supplement und der Blackwell’s-Buchhandelskette 2000)

Weblinks Ornamental Hermits of Eccentric Modern England Kirk Johnson: Garden Hermits Anthony Sinclair und Keith J. Matthews: The English Hermit, 1999 Patrick Spät: Schmuckeremiten – die lebendigen Gartenzwerge, 2016

Anmerkungen

Kategorie:Eremitentum Kategorie:Kultur (England) Kategorie:Kultur (18. Jahrhundert) Kategorie:Historischer Beruf Kategorie:Beruf (Darstellende Kunst)