mini|Wladimir Schuchow, 1919–22. Schuchow-Radioturm, Moskau. Ansicht der Konstruktion von Innen Der Konstruktivismus im weiteren Sinne beschreibt verschiedene architektonische Strömungen in der Sowjetunion ab etwa 1917 bis Mitte der 1930er Jahre. Ebenso wird der Begriff als Internationaler Konstruktivismus für architektonisch verwandte Strömungen außerhalb der Sowjetunion benutzt.
Während der Begriff Konstruktivismus im weiteren Sinne für die gesamte moderne Architektur in der Sowjetunion zwischen 1917 und Anfang der 1930er-Jahre steht, bezeichnet er im engeren Sinne nur einen Teil der sowjetischen Avantgarde-Architektur. Die sowjetischen Architekten waren in mehrere Gruppen zersplittert, die sich gegenseitig ablehnend gegenüberstanden. Die bedeutendsten waren dabei die Gruppe der Konstruktivisten (OSA) und die der Rationalisten (ASNOWA), sowie der Klassizisten. Anfang der 1930er-Jahre konnten sich die Klassizisten in der Ausprägung des sozialistischen Klassizismus durchsetzen. Im Städtebau teilte sich die sowjetische Moderne in Urbanisten und Desurbanisten, wobei es unter Konstruktivisten wie unter Rationalisten Vertreter beider Strömungen gab.
Grundlage für diesen Artikel ist der Begriff im engeren Sinne, er grenzt den Konstruktivismus also vom Rationalismus ab. Im Gegensatz zum Rationalismus, der die Form und dessen Wahrnehmung durch den Betrachter betonte, hatten die Konstruktivisten einen radikal funktionalen und technizistischen Architekturbegriff. Die Unterschiede treten insbesondere im theoretischen Programm und in Entwürfen, oft utopischer Art, besonders hervor, in den realisierten Bauten sind sich beide Strömungen recht ähnlich.
Geschichte
Entstehung einer neuen Architektur mini|W. Tatlin. 1919–20. Monument für die III. Internationale (Entwurfsmodell) Einige Künstler wie Wladimir Tatlin, Alexander Rodtschenko, Naum Gabo und Antoine Pewsner wandten sich in den 1910er-Jahren der Erforschung verschiedener Materialien und deren Texturen zu. Bekannte Werke dieser Experimente sind Tatlins Wandreliefs sowie Pewsners Korkreliefs. Diese Künstler begannen mit zweidimensionalen Werken, die in der Folgezeit dreidimensionalen Skulpturen wichen. Im Gegensatz zu Kasimir Malewitsch und El Lissitzky ging es ihnen weniger um die Möglichkeiten einfacher Formen als um die Möglichkeiten verschiedener Materialien. Diese werkstoffbezogenen Experimente wurden zunehmend räumlicher. Zu diesen räumlichen Werken gehören Tatlins Winkelreliefs, Rodtschenkos Raumkonstruktionen, sowie später die Drahtskulpturen der Brüder Stenberg und Karl Iogansons. Dabei wich das Material immer mehr der konstruktiven Erforschung des Raumes. Höhepunkt dieser Phase ist Tatlins Monument für die III. Internationale von 1919–20. Die gesamte Konstruktion hatte eine Neigung von 3,6°, dem Winkel der Erdachse. Mit seiner aufstrebenden Form sollte es die Kraft und Dynamik der Revolution verkörpern. Im Inneren sollten sich drei Glaskörper befinden. Im untersten Bereich ein Würfel, der sich einmal im Jahr um sich selbst drehte, darüber eine Pyramide, die sich einmal im Monat dreht, und ein Zylinder, der sich einmal am Tag um sich selbst dreht. Die Glaskörper sollten als Verwaltungsräume genutzt werden. Auf die Kritik von Naum Gabo „Either build functional houses and bridges or create pure art or both [separately]. Don’t confuse one with the other.“, wandten sich einige Konstruktivisten, (organisiert in der „Ersten Arbeitsgruppe der Konstruktivisten“) wie Alexei Gan, Alexander Rodtschenko, Warwara Stepanowa und Wladimir Tatlin dem Industriedesign zu. Tatlin selbst war nicht Mitglied der Konstruktivisten und darf nicht ohne weiteres zu ihnen gezählt werden, er gehörte jedoch zum engen Kreis und zu ihren Vordenkern.
Rodtschenko schuf in dieser Zeit vor 1920 einige architektonische Studien, teilweise bei der Schiwskulptarch (Kommission zur Ausarbeitung von Fragen der Synthese von Bildhauerei und Architektur), verschiedene abstrakte Skulpturen und einige Entwürfe für einen Kiosk. Anders als bei Malewitschs zeitgleichen Architektonen ging es ihm nicht so sehr um die geometrische Ordnung der Formen im unendlichen Raum, sondern um die Durchdringung von Innen- und Außenraum. Jedoch ging Rodtschenko, wie Tatlin und Malewitsch auch, nicht von der konkreten Bauaufgabe, sondern vom kompositionellen Entwurf aus und von diesem zu mehr oder weniger konkreten Gebäuden über.
Alle bisher besprochenen Werke sind im Zeitraum bis 1920 entstanden.
Von der konstruktivistischen Kunst zur Architektur 1920 wurde das Moskauer „Institut für künstlerische Kultur“ (INChUK) gegründet. Seine Leitung unterlag Wassily Kandinsky. Schon bei der ersten Tagung im Mai 1920 entstand unter der Leitung von Alexander Rodtschenko eine eigene Arbeitsgruppe „Gruppe der Objektiven Analyse“. Im Gegensatz zu Kandinsky und seinen Anhängern, die eine neue Malerei durch die Wechselwirkung der Künste forderten, wollten Rodtschenko und seine Anhänger die Entstehung einer neuen Kunst, zu der die Malerei nur einen Beitrag leisten sollte. 1921 verließ Kandinsky das INChUK. Schon 1921 spaltete sich das INChUK in zwei weitere Arbeitsgruppen, die „Arbeitsgruppe der Architekten“ (später Rationalisten; Nikolai Ladowski, A. Jefimow, Wladimir Krinski, A. Petrow, Nikolai Dokutschajew), die besonders die Komposition in den Vordergrund stellte, und die „Erste Arbeitsgruppe der Konstruktivisten“ (Alexei Gan, Karl Ioganson, Konstantin Medunetzki, Alexander Rodtschenko, die Brüder Stenberg, Warwara Stepanowa), die die Gestaltung in der Konstruktion sahen. Diese Teilnahme im INChUK schloss für Ladowski direkt an seine Tätigkeit im Schiwskulptarch an. Im April desselben Monats wurde die „Arbeitsgruppe der Objektivisten“ gegründet, der Alexander Wesnin ab Mai 1921 angehörte. Wesnin war später einer der Hauptvertreter des Konstruktivismus.
Ab Herbst 1921 waren die verschiedenen Arbeitsgruppen durch den Einfluss der von außen kommenden Produktivisten (teilweise von der künstlerischen Vereinigung LEF) faktisch aufgelöst. Die Konzentration lag nun mehr auf Plenartagungen. In der Phase entstanden viele Bühnenbilder von späteren Konstruktivisten. 1924 wird mit Studenten der Architekturfakultät der Kunsthochschule „Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten“ (WChUTEMAS) die „Gruppe der Studenten der Architekturfakultät der WChUTEMAS“ im INChUK gegründet. Mitglied ist unter anderem Alexander Wesnin gewesen. Die Gruppe ist aus einer Synthese der frühen, zweiten Konstruktivisten, Objektivisten und Produktivisten entstanden.
Ausgehend von der „Arbeitsgruppe der Architekten“ bildete sich ab Mitte der 1920er-Jahre die Gruppe der Rationalisten. Aus der „Gruppe der Studenten der Architekturfakultät der WChUTEMAS“ geht später die „OSA“ hervor.
Konstruktivisten an der WChUTEMAS und die OSA Die verschiedenen Strömungen des INChUK zeichneten sich in der 1920 gegründeten Höheren künstlerisch-technischen Werkstätte, WChUTEMAS, ab. Die WChUTEMAS teilte sich in drei wesentliche Zentren, die akademische Werkstätte unter der Leitung von Alexei Schtschusew; die Vereinigten linken Werkstätten, OBMAS, unter der Leitung von Ladowski; und ab November 1922 die Abteilung „Experimentelle Architektur“ oder „Symbolische Romantik“ unter der Leitung von Konstantin Melnikow und Ilja Golosow, die Mitte der 1920er aufgelöst wurde.
1924 wurde aus einigen Studenten die oben genannte „Gruppe der Studenten der Architekturfakultät der WChUTEMAS“ gegründet. Diese bildete sich vor allem um die Werkstatt Alexander Wesnins. Auch Ilja Golosow schloss sich den Konstruktivisten an. Es ging den Architekten nicht primär um die funktional ungebundene Komposition, sondern um die Lehre anhand konkreter Bauaufgaben.
Ab 1924/1925 blieben zwei große Gruppen, die die sowjetische Architektur der nächsten Jahre prägen sollten: die Konstruktivisten unter Alexander Wesnin und Moissei Ginsburg und die Rationalisten unter Nikolai Ladowski. Nachdem die Rationalisten schon 1924 ihre Gruppe, die ASNOWA gegründet hatten, formierte sich 1925 die OSA, die Gruppe der Konstruktivisten.
Einer der ersten Entwürfe dieses funktional orientierten Konstruktivismus ist der Entwurf des Gebäudes der „Leningradskaja Prawda“ von 1924 der Brüder Wesnin.
Als bedeutende Vertreter der konstruktivistischen Architektur dürfen Alexander Wesnin (z. B. sein mit Wiktor Wesnin entworfenes Gebäude für die Prawda), Moissei Ginsburg (z. B. das Narkomfin-Kommunehaus), Iwan Leonidow, Michail Barschtsch sowie Gregori Barchin angesehen werden. Moissei Ginsburg verfasste auch ein wichtiges theoretisches Werk des Konstruktivismus „Stil und Epoche“ (1924) und war bis 1928 Herausgeber der Zeitschrift der OSA, „SA“ (Sowremenaja architektura, ), sein Nachfolger war Roman Chiger. Er verstand den Konstruktivismus (beziehungsweise seiner Meinung nach gute Architektur) vor allem als schöpferische Entwurfsmethode und sah die Organisation der Lebensprozesse als primäre Aufgabe des Architekten. Architektur geht dabei logisch aus dem Selbstverständnis einer Epoche hervor. Er zog einen Vergleich mit der altägyptischen Kunst, deren Profildarstellung keineswegs Ausdruck eines fehlenden perspektivischen Vermögens, als vielmehr Ausdruck einer gemeinsamen (Formen-)Sprache, die aus den grundsätzlichen Faktoren einer Epoche, wozu auch die technische Möglichkeit gehört, abgeleitet ist. Dies ist der wesentliche Unterschied zum Rationalismus und der stärkste Gegensatz beider Strömungen. Ginsburg forderte ganz klar „that the architect comprehend the laws of statics and mechanics in order to accomplish his objectives empirically, whether in an intuitive or strictly scientific manner. Doing so represents that fundamental constructive sensibility which must, without fail, be basic to the architect and which established a definite method in his work. […] This organizational method also conditions those rhythmic aspects by which architecture is distinguished.“ Die rhythmische Komposition ist Ausdruck der architektonischen Organisation. Architektur ist die Organisation der Lebenswelt des Menschen.
mini|Moissei Ginsburg, Ignatii Milinis. 1928–1930. Narkomfin-Kommunehaus, Moskau Diese architektonische Auffassung ist im Wesentlichen für die gesamte Gruppe der Konstruktivisten repräsentativ. Dabei kann dies besonders an zwei Projekten gezeigt werden. Ersteres ist einer der ersten bedeutenden Entwürfe der Konstruktivisten, ein Bürogebäude der Leningradskaja Prawda von den Brüdern Wesnin 1924. Das Gebäude blieb unausgeführt, zeigt aber eindeutig Ginsburgs Verständnis nach Organisation der Lebensprozesse. Das Gebäude ist klar funktional gegliedert, verfügt über zwei gläserne Aufzüge, besitzt zwei sehr große Tafeln für Mitteilungen (wobei die technische Umsetzung unklar bleibt), die in einem Winkel zum Lesen für Fußgänger angebracht sind. Die technische Ausstattung ist hierbei für die Zeit enorm. Das Gebäude verfügt über einen riesigen Lautsprecher auf dem Dach, eine Uhr (mit Ziffern, keine Zeiger), sowie die genannten Tafeln, die erwähnten Aufzüge und eine Dachantenne. Diese starke technizistische Ausrichtung ist häufig und typisch für den Konstruktivismus. Ebenso die mangelnde Umsetzbarkeit dieser technischen Ausstattung im frühsowjetischen Russland.