miniatur|Jean Soubeyran als „Harlekin“ (Pantomime) Jean Soubeyran (* 3. Januar 1921 in Paris; † 3. September 2000 in Hannover) war ein französischer Pantomime, Schauspieler, Regisseur, Choreograf, Professor und Autor. Den größten Teil seines Lebens verbrachte und wirkte er in Deutschland, daher ist Soubeyran vor allem dort und nicht in Frankreich als Vertreter der modernen Pantomime bekannt geworden, die er auch in das Schauspielertheater integrierte und wieder aus der Vergessenheit hob.
Leben Soubeyran studierte zunächst zwei Jahre Schauspiel bei Charles Dullin und Pantomime bei Decroux, bevor er 1945/46 an der Comédie-Française unter der Regie von Barrault in einem Mimodrama auftrat.Selbstauskunft in Jean Soubeyran und sein Pantomimen-Ensemble. Faltblatt, Düsseldorf o. J. Er spielte jahrelang im Ensemble Marceaus, unter anderem in Der Mantel, bevor er als Solopantomime auf der Bühne stand.Theaterlexikon. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin (DDR) 1978 Er ging „auf Wanderschaft“ durch Frankreich, die Schweiz und Deutschland (dort zuerst in der französischen Besatzungszone)Selbstauskunft, wie oben, und Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3. Januar 1991, S. 10 und ließ sich danach zunächst in Dortmund nieder, „weil damals der Boden für Pantomime in Deutschland fruchtbarer war.“Soubeyran in Essener Tageblatt, nachträglich undatierbar, da Zeitung nicht mehr existent Einer seiner Schüler dort war bereits Günter Titt.Essener Tageblatt, siehe zu Titt auch weiter unten im Artikel
Schon seit Mitte der 1940er-Jahre begann er selbst zu unterrichten (PDF) In: Theaterlexikon, Universität Bern und ab den 1950er-Jahren Vorträge über „modernes Theater und die Pantomime“ zu halten.Vortragsverzeichnis der Universität Stuttgart Seit dieser Zeit bestand auch sein bis 1957 existierendes, in Dortmund gegründetes und später in Düsseldorf residierendes Ensemble, das bald Fernsehauftritte in DeutschlandSelbstauskunft und Programmarchiv Deutsches Fernsehen und 1955 beim niederländischen TV-Sender VPRO eine eigene Sendung hatte. 1956 folgte eine ausgedehnte Gastspielreise unter anderem durch die DDR.Ellen Soubeyrand, mündliche und schriftliche Mitteilungen Im selben Jahr gab Soubeyran auf Einladung der Folkwang Hochschule in Essen erstmals an einer Schauspielschule Unterricht in Pantomime (die dort 1962 durch Günter Titt zu einem festen Bestandteil der Schauspielausbildung und 1965 ein eigenes Studienfach wurde).Folkwang Hochschule
miniatur|Jean Soubeyran als „Harlekin“ (Pantomime)
1957 ging er nach Ost-Berlin, da er ein Jahr vorher von Brecht durch seine Bekanntschaft mit ihm noch in dessen Exil in der Schweiz beauftragt wurde, die Fastnachtsszene in Leben des GalileiKapitel 10 der Berliner Fassung am Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm zu choreografieren. Zusätzlich war er für das Schauspielertraining zuständig. Nach dem Tod Brechts wurde die Inszenierung von Erich Engel fertiggestellt und 1957 aufgeführt.Ellen Soubeyrand; vergleiche dazu auch den Abschnitt „20. Jahrhundert“ in Pantomime Dort blieb er zwei Jahre. Dann übernahm er die Titelrolle im Film Der junge Engländer vergleiche dazu auch die Datenbank der DEFA-Stiftung und wurde von Walter Felsenstein an die Komische Oper geholt, wo er auch zwei Jahre blieb.Essener Tageblatt
Als 1961 die Berliner Mauer errichtet wurde, beschloss er wieder in die BRD zu gehen, wo er als Schauspieler und Pantomime Rollen übernahm, so zunächst am Neuen Theater Hannover,Hannoversche Allgemeine Zeitung später auch am Theater Bonn.Gilles Soubeyrand, mündliche und schriftliche Mitteilungen Außerdem erhielt er als Choreograf oder Regisseur Engagements an Theatern, z. B. am Schauspielhaus Hamburg, am Schillertheater Berlin und am Niedersächsischen Staatstheater Hannover.Gilles Soubeyrand Ebenso 1961 gründete er mit zum Teil früheren Mitgliedern in Essen ein neues eigenes Ensemble, das auch Gastspiele gab.Ellen Soubeyrand und Theaterlexikon
1966 veranstaltete er in Essen die „Tage der Pantomime“, das (nach 1962 in Berlin und 1965 in Zürich) dritte internationale Pantomimenfestival, an dem René Quellet und das Duo Albert le Vice/Dominique Thommy (Le cabaret mimique) aus der Schweiz, Pierre Byland aus Frankreich, José Luis Gómez aus Spanien sowie Karl-Heinz Thyssen, Helfried Foron, Peter Siefert, Ellen Dorn, eine der damals wenigen weiblichen Pantomimen, die Pantomimenklasse der Folkwang Hochschule unter der Leitung von Günter Titt und Studierende der Westfälischen Schauspielschule Bochum unter der Leitung von Klaus Boltze teilnahmen.Handzettel „Tage der Pantomime“ und Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 25. Oktober 1966
Ab 1968 wurde er als Pantomimeregisseur und Choreograf fest an die Wuppertaler Bühnen geholt, nachdem er dort vorher schon einzelne Regiearbeiten ausführte.Ellen Soubeyrand und Theaterlexikon 1972 wurde er als Professor in der Abteilung Schauspiel an die Hochschule für Musik und Theater Hannover gerufen, wo er früher auch schon Gastdozent war.Westdeutsche Allgemeine Zeitung, und Gilles Soubeyrand Zu seinen Schülern gehörten etwa die späteren Schauspieler und Regisseure Ulrike Folkerts, der Brandt-Sohn Matthias Brandt,Ellen Soubeyrand Renan Demirkan,„Mein Vater ist auch immer ganz stolz gewesen, wenn er sie im Fernsehen gesehen hatte: ‚Sie war meine Schülerin‘.“ Gilles Soubeyran Peter HenzeTheater Henze und Werner Müller, der zunächst vor allem als Pantomime und Clown bekannt wurdeWerner Müllers Website; zu den vormaligen Mitgliedern seiner Pantomimegruppe die Schauspieler und Regisseure Gudrun Orsky, Peter SiefertEllen Soubeyrand; siehe auch die Folkwang Hochschule, wie oben und der Schauspieler, Regieassistent und Autor Günter LanserBuchpräsentation des . Pantomimeunterricht bei Soubeyran erhielt auch der Schauspieler Pit Krüger. 1983 arbeitete er mit Anton Plate am Text zu dessen Oper Lisabella und Lorenzo.
Nach seiner Pensionierung 1986 wirkte er bis zu seinem Tod immer noch an zahlreichen freien Theaterprojekten sowie im Film Flüchtig mit.
Wirkung Jean Soubeyrans Verdienst war es, die Ideen von Decroux, der die Pantomime als eine „Sprache“ mit einer eigenen „Grammatik“ etablierte, kongenial umgesetzt und in das Schauspielertheater integriertJean Soubeyran: Die wortlose Sprache (die Neuauflage zusätzlich Lehrbuch der Pantomime). Friedrich, Velber bei Hannover 1963; Orell Füssli, Zürich und Schwäbisch Hall 1984 und damit diese fast vergessene Kunst in Deutschland, aber auch in den Niederlanden und in Österreich, wohin er Gastspielreisen unternahm,Selbstauskunft wieder populär und zudem zu einem eigenen anerkannten Unterrichtsfach im Bereich „Schauspiel“ gemacht zu haben. Außerdem lässt sich feststellen, dass alle deutschen Pantomimen direkt oder indirekt Schüler von ihm sind, sofern sie nicht an anderen Schulen wie etwa der École Jacques Lecoq ausgebildet wurden. Damit leistete er Pionierarbeit auf dem Gebiet der deutschen Pantomime.Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Einzig die Verwirklichung seines Traums, ein eigenes deutsches Pantomimentheater nach den Vorbildern der Gruppen von Fialka und Tomaszewski zu gründen, scheiterte an geeigneter Unterstützung.
miniatur|Jean Soubeyran bei einem Vortrag über „Die Kunst der Pantomime“ im NWDR
Zitat „Die Pantomime ist keine Scharade. Wenn das Publikum sie nicht versteht, liegt der Fehler nicht beim Publikum, sondern beim Mimen. Das Publikum soll nicht nachher, sondern gleichzeitig verstehen, ich möchte fast sagen vorher. Der Mime erfüllt die Erwartungen des Publikums. Das Publikum des Mimen ist nicht passiv, sondern aktiv.“
„Pantomime ist Handlung. Es gibt in der Pantomime keine Bewegung an sich wie im Tanz. Bewegung, Haltung und Gestik ergeben sich aus der Wirklichkeit. Die Pantomime vereinfacht, komprimiert reale Vorgänge. Sie stellt das Besondere am Gewöhnlichen dar.“
„Die Pantomime will nicht die Schönheit, sondern die Wahrheit.“
Aufführungen (Auswahl) 1950: Bilder unserer Zeit, eigenes Ensemble, DortmundSoubeyran: Die wortlose Sprache, Seite 36 1951: Der Mantel nach Gogol, mit der Compagnie de Mime Marcel Marceau 1957: Leben des Galilei von Brecht, Choreografie am Berliner Ensemble 1964: Reise um die Erde in 80 Tagen von Pavel Kohout nach Jules Verne, Regiearbeit an den Wuppertaler Bühnen 1982: Die Maske des Roten Todes nach Edgar Allan Poe mit seinen Schülern in Hannover 1985: Zufällig eine Frau: Elisabeth (Quasi per caso una donna: Elisabetta) von Dario Fo und Dario Fo Spektakel – Stücke, Szenen, Monologe, Regiearbeit mit Carlos Trafic und Rolf Johannsmeier am Staatstheater KasselSiehe dazu auch das im Internet Archive 1992: Tod dem Mondschein oder Gelbe Ohrfeigen? Eine Futurismus-Collage, Regie: Peter Ries, Sprengel Museum Hannover 1994: Violett, Farb-Oper von Wassily Kandinsky, Regie: Franz-Josef Heumannskämper, UA 1994 Sprengel Museum Hannover, Gastspiele u. a. Stadsschouwburg Amsterdam, Southbank Centre London, Piccolo Teatro di Milano, Kunsthalle WienDer Spiegel: „Rhythmisch an der Rampe“ vom 12. September 1994
Filmografie Die blaue Blume, Jean Soubeyran und sein Ensemble, SDR 1955Programmarchiv Deutsches Fernsehen Spielfilm, Das Stacheltier: Der junge Engländer (auch Der Affe als Mensch, The Young Englishman, nach Wilhelm Hauff), Regie: Gottfried Kolditz, Musik: Hans-Dieter Hosalla, DEFA 1958 Peter und der Wolf von Prokofjew, Jean Soubeyran und sein Ensemble, SDR 1963 Flüchtig, Regie: Marc Ottiker, Deutschland/Schweiz 1993
miniatur|Jean und Brigitte Soubeyran in Im Zirkus (Pantomime)
Familiäres Kompendium Seine erste Ehefrau Brigitte Soubeyran, eine bekannte und erfolgreiche Theaterregisseurin in der DDR, war in den 1950er- und 1960er-Jahren als Pantomimelehrerin, Choreografin und Bewegungsregisseurin am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater Berlin beschäftigt, bevor sie ihre eigene Inszenierungstätigkeit an der Volksbühne Berlin begann,Theaterlexikon die sie dort von 1970 bis 1979 ausübte.Siehe die Ergebnisse der Suchfunktion auf Volksbühne Berlin Danach setzte sie diese Tätigkeit am Theater Chemnitz fort.Siehe hierzu etwa Mike Hahne bei
Ihr gemeinsamer Sohn Manuel SoubeyrandDie unterschiedliche Schreibweise erklärt sich mit einem Fehler in der Geburtsurkunde von Jean Soubeyran. Gilles Soubeyrand: „Die richtige Schreibweise ist ‚Soubeyran’. Beim Ausstellen der Geburtsurkunde meines Vaters hatte sich der Beamte in Paris verschrieben und aus Versehen ein ‚d’ drangehängt. Dies wurde zu spät bemerkt, so dass der Name seitdem immer ‚falsch’ geschrieben werden muss. Die richtige Schreibweise hat dann mein Vater als Künstlernamen benutzt.“ war Regisseur u. a. am Volkstheater Rostock und bis Mitte 2014 Intendant der Württembergischen Landesbühne Esslingen. Von Mitte 2014 bis 2022 war er Intendant der Neuen Bühne Senftenberg.
Seine zweite Frau Ellen Soubeyrand war zeitweilig Mitglied seines Ensembles und übersetzte sein Buch Die wortlose Sprache unter ihrem Geburtsnamen Dorn ins Deutsche.
Literatur Jean Soubeyran: Die wortlose Sprache (die Neuauflage zusätzlich Lehrbuch der Pantomime). Friedrich, Velber bei Hannover 1963; Orell Füssli, Zürich und Schwäbisch Hall 1984, ISBN 3-280-01549-9. Hella Buchwald, Hans-Ulrich Buchwald (Hrsg.): Keltenvisionen. Ein Maskenspiel. Puppen und Masken, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-922220-55-X. (Bildband zu einer Inszenierung von Soubeyran am Scharniertheater Hannover) Jürgen Sieckmeyer (Fotos) und Norbert Nobis (Einführung): Tod dem Mondschein oder Gelbe Ohrfeigen? Eine Futurismus-Collage. Sprengel Museum Hannover. Wienand, Köln 1992, ISBN 3-87909-305-9 (Bildband zu einer Inszenierung von Soubeyran im Museum)
Einzelnachweise
Kategorie:Pantomime (Darsteller) Kategorie:Theaterschauspieler Kategorie:Theaterregisseur Kategorie:Schauspiellehrer Kategorie:Hochschullehrer (Folkwang Universität, Standort Essen) Kategorie:Hochschullehrer (HMTM Hannover) Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1921 Kategorie:Gestorben 2000 Kategorie:Mann