Philosophieren mit Kindern ist das Unterrichten von argumentativen und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten von Kindern und ist unter anderem Gegenstand der Didaktik der Philosophie. Es bezeichnet auch eine entsprechende Bewegung, die in den 1970er Jahren in den USA begann.Jonas Pfister: Fachdidaktik Philosophie. Haupt/UTB, Bern/Stuttgart 2010, S. 128. Die gleiche Bezeichnung verwendet das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern für das Schulfach, das als Ersatzfach für Religion von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet wird.Rahmenpläne für das Fach Philosophie Bildungsserver Mecklenburg-Vorpommern Philosophieren mit Kindern ist außerdem eine psychologische Methode, um Aufschluss über den kognitiven und moralischen Entwicklungsstand von Kindern oder Jugendlichen zu erhalten. Als Begründer dieser Methode ist Jean Piaget zu nennen, der mit Kindern aller Altersstufen „klinische Interviews“ durchführte.Jean Piaget: Le jugement moral chez l’enfant. Alcan, Paris 1932.

Geschichtliches Kant Immanuel Kant empfiehlt in seiner ethischen Didaktik am Schluss der Metaphysik der Sitten die sokratisch-dialogische Methode als Lehrmethode. „Eine Lehrart, bei denen die Kinder von selber, ohne durch den Lehrer angewiesen zu sein, (…) urteilen.“Ekkehard Martens: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in die Philosophie. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1999, S. 55. „Er lehnt eine Belehrung ‚durch abgezogene allgemeine Formeln‘ ab und schlägt stattdessen vor, auf die moralischen Erfahrungen der Kinder zurückzugreifen.“Ekkehard Martens: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in die Philosophie. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1999, S. 54. Er will, dass die Kinder selber denken, philosophieren.

Reformpädagogik Im wilhelminischen Gymnasium gab es keinen eigenen Philosophieunterricht. Erst seit 1900 gab es wieder Stimmen, wie Rudolf Lehmann und Alfred Rausch, die ein eigenes propädeutisches Fach vorschlugen. Durch die Sinnkrise des Ersten Weltkriegs vermehrten sich diese, so 1919 Ernst Hoffmann und August Messer.Gustav Lambeck: Philosophische Propädeutik im Anschluss an Probleme der Einzelwissenschaften. Leipzig/Berlin 1919. Auf der Reichsschulkonferenz 1920 fand die Forderung nach weltanschaulicher Erziehung zwar Beifall und später maßgebliche Unterstützer, wie den Schulpolitiker der DVP Hans Richert, doch waren vor allem die katholische Kirche und die Zentrumspartei dagegen, da sie eine Konkurrenz für den Religionsunterricht erkannten. So blieb es in Preußen anders als in z. B. Württemberg bei Arbeitsgemeinschaften in der Oberstufe.

Nun beschäftigten sich in Deutschland Reformpädagogen zum ersten Mal intensiver mit dem Philosophieren von Kindern. 1922 schrieb der Reformpädagoge Herman Nohl einen Aufsatz mit dem Titel Die Philosophie in der Schule. „Nohl stellt[e] bei den Kindern der ersten vier Grundschulklassen, aber auch bei bereits Vierjährigen, ein ‚metaphysisches Denken‘ oder ‚philosophisches Staunen‘ fest (...). Nohl war der Meinung, dass Philosophieren in der Grundschule am besten im Gesamtunterricht durch Behandlung von ‚Themenkreise[n] aus dem Erfahrungsbereich der Kinder‘ stattfinden sollte. In der Sekundarstufe dagegen empfahl er in Einzelfächer aufgegliederten Unterricht. Philosophiert werden sollte im Fach ‚Lebenskunde‘, vergleichbar dem heutigen Ethikunterricht.“Ekkehard Martens: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in die Philosophie. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1999, S. 16 ff. Er entwickelte didaktische Überlegungen, um dieses Denken zu fördern. An dieses Konzept knüpft das Philosophieren mit Kindern an.

Die Deutschnationalen Hans Leisegang und Rudolf Odebrecht gründeten eine Zeitschrift Philosophie und Schule (1929–1934), Arthur Liebert 1929 die Gesellschaft für philosophische Propädeutik. Die Ziele des Unterrichts sollten in einer vagen Idealisierung der Lernenden liegen.Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. 2 Bände, Berlin 2002, S. 422–426.

Matthew Lipman und Gareth Matthews Die erste Ausarbeitung eines Philosophie-Programmes fand in den USA statt. Ende der 1960er-Jahre betrieb Matthew Lipman intensive Studien zum Philosophieren mit Kindern. 1974 gründete er das Institute for the Advancement of Philosophy for Children (IAPC) an der Montclair State University (New Jersey).Douglas Martin 14. Jänner 2011: Matthew Lipman, Philosopher and Educator, Dies at 87 Das Institut erarbeitet bis heute philosophische Kinderbücher für den schulischen Unterricht. Für jede Altersstufe gibt es philosophisch-geordnete Geschichten mit Handbüchern für die Lehrkräfte.Rita Koppers-Kupzog, Wolfram Wenzel, Rudolf Aichner: Entdecken die Philosophen die Kinder? Systematische Betrachtungen zur Kinderphilosophie. auf: die-philosophen.de, 25. September 2011.Gareth B. Matthews (1929-2011)

Seit den 1970er Jahren gewinnt das Philosophieren mit Kindern in Deutschland „vor allem im Ethik- und Philosophieunterricht der Grundschule und Sekundarstufe I zunehmend an Bedeutung“.Ekkehard Martens: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in die Philosophie. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1999, S. 7. Seit 1999 wird die Bewegung auch von der UNESCO unterstützt.Jonas Pfister: Fachdidaktik Philosophie. Haupt/UTB, Bern/Stuttgart 2010, S. 129. Gemeinsam mit Kindern über ihre „Was-ist-das-Fragen“ nachzudenken ist laut UNESCO der Kern des Philosophierens mit Kindern.Deutsche UNESCO-Kommission: Philosophie – eine Schule der Freiheit. Philosophieren mit Kindern weltweit und in Deutschland. Bonn 2009.

Richtungen Es gibt einige leicht unterschiedliche Richtungen des Philosophierens mit Kindern.

Philosophieren für Kinder (Matthew Lipman: „P4C“; Daniela Camhy: „Kinderphilosophie“) Philosophieren mit Kindern (Ekkehard Martens, Barbara Brüning, Michael Siegmund) Philosophieren von Kindern (Gareth Matthews) Nachdenken mit Kindern (Kerstin Michalik, Helmut Schreier, Hans-Joachim Müller) Klinische Interviews bzw. Einzelinterviews mit Kindern (Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, Robert Selman und in Deutschland u. a. Monika Keller, Gertrud Nunner-Winkler sowie Renate Valtin u. a.).

Die Bezeichnungen der verschiedenen Ansätze deuten bereits bestimmte Richtungen an, können aber auch zu Missverständnissen führen. Lipmans Bezeichnung „Philosophy for Children“ (P4C, „Philosophie für Kinder“) macht den didaktischen Anspruch deutlich, ist jedoch nicht als bloße Reduzierung der „echten“ Philosophie zu verstehen. Matthews’ „Philosophische Gespräche mit Kindern“ sowie Martens’ Bezeichnung „Philosophieren mit Kindern“ (PmK) verweisen auf eine dialogisch-pragmatische Philosophiedidaktik.

Die weltweit verbreitetste Richtung der „Kinderphilosophie“ ist „Philosophy for children“ (P4C). Diese Philosophie für Kinder entwirft einen eigenen Wissenschaftskanon der zu vermittelnden philosophischen Inhalte. Dieser Kanon wird a priori gesetzt, wobei als wesentliches Merkmal des philosophischen Denkens das synthetische Denken betont wird, d. h. die Fähigkeit in logisch-diskursiven Begriffen zu denken. Das „Philosophieren mit Kindern“ (PmK) legt den Schwerpunkt neben die Einübung in das logisch-argumentative Denken auf das kreative Denken. Das kreative Denken in den philosophischen Kontext von Unterricht zu stellen, bedeutet eine Erweiterung des traditionellen Verständnisses von Philosophie als Begriffsklärung in diskursiven, eindeutigen Zeichen. Das kreative Denken produziert präsentative, mehrdeutige Zeichen, die dazu dienen, dem philosophischen Denken der Kinder eine weitere Ausdrucksmöglichkeit einzuräumen.

Keiner der Richtungen des Philosophierens mit Kindern, ob es die logisch-argumentative Schule des „Philosophie für Kinder“-Ansatzes oder die eher dialogisch-pragmatisch ausgerichtete Schule des „Philosophierens mit Kindern“ ist, kann und will Funktionswissen vermitteln. Der kreative Ansatz des PmK legt den Akzent innerhalb des Philosophierens mit Kindern auf die Suche und den Ausdruck von Deutungen. Auf der Suche nach Bedeutung bilden die Kinder Zeichen oder auch Symbole, die wiederum Anlass bieten, nach neuen Deutungen zu suchen. Dies sind so genannte präsentative Symbole, die neben den diskursiven Symbolen, Referenzpunkte sind für weiteres Nachdenken. Philosophieren mit Kindern ist im Wesentlichen ein Symbolisierungsprozess- ein Zeichenbildungsprozess. Die entwicklungspsychologischen Studien zeigen, dass die Konzepte der Kinder ihrem kognitiven Entwicklungsstand entsprechen.

Methodik Inhalt Anlass zum Philosophieren können die Fragen der Kinder selbst sein, philosophische Gespräche können aber auch von der Lehrkraft angeregt werden. Der Inhalt richtet sich nach der Erlebnis- und Ereigniswelt der Kinder. Diese kann man auch in die vier Kantischen Fragen unterteilen, in die der Gelehrte die Philosophie in seiner Vorlesung zur Logik 1804 unterteilte:

Was kann ich wissen? – Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie Was soll ich tun? – Ethik, Moral, Utopien, Lebenskunst Was darf ich hoffen? – Religion und Metaphysik Was ist der Mensch? – Anthropologie

Die Sachthemen für das Philosophieren in der Grundschule sollten mit der kindlichen Lebenswirklichkeit und den Interessen der Kinder übereinstimmen. Zum Philosophieren sollten Phänomene, die vielschichtige und mehrdeutige Aspekte sowie kontroverse Standpunkte zulassen, gewählt werden. Außerdem bieten sich Themen an, die der Spezifik der Klassensituation angemessen sind.Helmut Schreier: Nachdenken mit Kindern. Aus der Praxis der Kinderphilosophie in der Grundschule. Klinkhardt, 1999, S. 41.

Beliebte Fragen in der Grundschule sind beispielsweise „Was ist Glück?“, die Frage der Freundschaft und die Unendlichkeit.Thomas Ebers, Markus Melchers: Praktisches Philosophieren mit Kindern. Konzepte, Methoden, Beispiele. Lit-Verlag, 2006, S. 134 ff. In der Entwicklungspsychologie gibt es diverse Studien zu moralischen DilemmataGertrud Nunner-Winkler (Hrsg.): Weibliche Moral. Die Kontroverse um eine geschlechtsspezifische Ethik. Campus, Frankfurt am Main / New York 1991, ISBN 3-593-34338-X. bzw. zu sozialen und moralischen Konzepten, die für Kinder in ihrem Lebensalltag bedeutsam sind, wie Freundschaft, Lügen, Strafen.Renate Valtin u. a.: Mit den Augen der Kinder. Freundschaft, Geheimnisse, Lügen, Streit und Strafe. Rowohlt, Hamburg 1991, ISBN 3-499-19156-3.

Methodische Hilfsmittel Die Methoden des Philosophierens mit Kindern dienen zum einen der Anregung und Förderung des logisch-argumentativen Denkens und zum anderen der Anregung und Förderung des kreativen Denkens.

Bücher Zum Einsatz kommen unter anderem Bilderbücher, Kurzgeschichten (P. Jaspersen, Dänemark), Science Fiction (E. Matthews, GB), philosophische Texte (H.-L. Freese, Berlin) oder speziell für die Kinderphilosophie verfasste Bücher (v. a. von Lipman (Pixie, Harry Stottelmeiers Entdeckungen u. a.)).Rudolf Aichner, Rita Koppers-Kupzog, Wolfram Wenzel: Die Philosophie im Kinderzimmer – 1. Internationaler Kongress für Kinderphilosophie in Graz. 25. September 2011. Es existieren viele Kinderbücher mit philosophischem Gehalt. Einige Kinderbücher sind explizit darauf angelegt, philosophische Themen anzusprechen, doch auch Bilderbücher ohne explizit philosophisches Thema können zum Nachdenken und Philosophieren anregen. Im Gegensatz zu Philosophieromanen wie „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder, die die Philosophie direkt zum Gegenstand eines Kinder- und Jugendbuchs machen, können viele Bücher über konkrete Fragen und Probleme eines besonderen Themas ins eigene Philosophieren hineinführen. Bilderbücher bieten neben Inhalten und Sprache zusätzlich Bilder als Ebenen philosophischer Rezeption. Im Einbeziehen des Ästhetischen liegt nicht nur ein aus philosophischer Sicht besonderer Reiz, sondern auch die Herausforderung, sich stärker als über die Sprache auf die Möglichkeiten kindlicher Rezeption einzulassen.Hans-Bernhard Petermann: Kann ein Hering ertrinken? Philosophieren mit Bilderbüchern. 1. Auflage. Beltz Taschenbuch, 2007, S. 11.

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