mini|Rudolf Erich Raspe Rudolf Erich Raspe oder Rudolph Erich Raspe (* März 1736 in Hannover, getauft am 28. März 1736 ebenda; † 16. November 1794 in Muckross bei Killarney, Grafschaft Kerry, Königreich Irland) war ein deutscher Bibliothekar, Schriftsteller, Übersetzer, Rezensent und Herausgeber sowie insbesondere auf den Gebieten der Altertums-, Kunst- und Geschichtswissenschaft, Geologie und Mineralogie tätiger Universalgelehrter in der Zeit der Aufklärung. Bekannt wurde er ab 1785 vor allem mit seinen satirischen und damals durchaus politischen Münchhausen-Geschichten Baron Munchausen’s Narrative of his Marvellous Travels and Campaigns in Russia.
Abstammung, Jugend und Studium Rudolf Erich Raspe war der am 28. März 1736 geborene Sohn des sich auch als Mineralien- und Fossiliensammler betätigenden hannoveranischen Bergbaubeamten (Erster Buchhalter am Königlichen Berghandlungscomptoir) Christian Theophil(us) Raspe (* 1700, getauft am 12. September in Glaucha als Sohn des Schkeuditzer Bürgermeisters Theophil Raspe; † als Witwer am 10. März 1781), der am 5. Juli 1710 ins Waisenhaus der Franckeschen Stiftung in Halle aufgenommen worden war,Axel Wellner: Der verkannte Münchhausen-Autor Rudolf Erich Raspe (1736–1794) und seine Flucht aus Clausthal 1775. 2017/2018, S. 65. und dessen aus preußischem Landadel stammender Gemahlin Louise oder Luise Catharina von Einem (* 20. Oktober 1715, Tochter des Sessener Bürgermeisters Viet Erich von Einem), die dieser am 16. Juni 1733 geheiratet hatte. Rudolf Erich Raspe hatte einen jung verstorbenen Bruder (Johann Christian, getauft am 31. Januar 1739, gestorben am 17. Mai 1741) sowie zwei Schwestern namens Dorothea Friederica (getauft am 11. Juli 1741; verheiratet mit Conrad Eberhard Wiedemann, Schwiegermutter von Louise Michaelis, der mit Rudolf Wiedemann verheirateten Schwester von Caroline Schelling, gestorben 1804) und Catharina Maria Sophia (getauft am 29. August 1734; gestorben 1802), von denen die letztere am 28. Mai 1765 Otto Johann Völger, Amtsvogt in Uetze heiratete. Mit seiner Familie verbrachte er seine Jugend in Clausthal und Goslar. In dieser Bergbauregion im Harz eignete er sich erste, später in England für ihn sehr nützliche Kenntnisse über das Bergwerkswesen an.Dennis R. Dean: Raspe, Rudolf Erich. In: Oxford Dictionary of National Biography (ODNB). Band 46: Randolph – Rippingille. Oxford University Press, Oxford, 2004, ISBN 0-19-861396-2, S. 75.Axel Wellner: Christian Theophil Raspe (1700–1781), Vater des Münchhausen-Autors Rudolf Erich Raspe und seine Familie. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 53–64; auch in: Zeitschrift für Niederdeutsche Familienkunde. Band 94, 2019, S. 27–37.
Nach dem Schulbesuch begann Raspe 1755 ein Jura-Studium in Göttingen, wurde zwischenzeitlich Privatlehrer eines jungen, reichen Preußen namens von LüdenDennis R. Dean: Raspe, Rudolf Erich. In: ODNB. Band 46, S. 76. und wechselte 1756 nach Leipzig, kehrte 1758/1759 nach Göttingen zurück und legte dort 1760 sein Examen ab. In Göttingen wurde er 1759 Bibliotheksschreiber.
Jahre in Hannover
An der königlichen Bibliothek in Hannover arbeitete Raspe ab 1761 als Schreiber (dritter Bibliotheksschreiber) und wurde ein Jahr später in demselben Institut Bibliothekssekretär. Das verheerende Erdbeben von Lissabon (1755), das bis zu 100 000 Tote forderte, veranlasste Raspe zur Wiederentdeckung der in Vergessenheit geratenen Schrift Lectures and Discourses of Earthquakes (1668, herausgegeben postum 1705) des englischen Physikers und Naturforschers Robert Hooke und zur Verfassung seiner auf Latein niedergeschriebenen ersten Abhandlung zu geologischen Themen, die 1763 unter dem Titel Specimen historiae naturalis globi terraquei (Einführung in die Naturgeschichte des Erdballs) erschien. Darin stimmte er im Wesentlichen Hookes Ansichten zu, die er durch Fossilienfunde erhärtete, führte vor historisch fassbarer Zeit neu entstandene Inseln und Berge an sowie eine Reihe von Hypothesen zu ihrer Entstehung und widmete das Buch der Londoner Royal Society.
Während seiner Tätigkeit an der Bibliothek in Hannover entdeckte Raspe unbekannte Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz, die er 1765 als Oeuvres philosophiques … du feu Mr. de Leibnitz publizierte. Damit leitete er eine Renaissance des großen deutschen Philosophen ein. Er vermittelte deutschen Lesern auch zwei Beispiele englischer Literatur. Erstens besprach er 1763 in einem Essay die vom schottischen Schriftsteller James Macpherson „entdeckten“, angeblich antiken Gedichte eines gälischen Poeten Ossian – die Macpherson allerdings frei erfunden hatte –, und zweitens 1766 echte alte Balladen, die der englische Dichter und Bischof Thomas Percy ein Jahr zuvor als Reliques of Ancient English Poetry veröffentlicht hatte. 1764 versuchte sich Raspe mit dem umfangreichen Gedicht Frühlingsgedanken auf die Hochzeit seiner Schwester auch selbst als Dichter. Zwei Jahre später gelang ihm auf diesem Gebiet eine bedeutendere Leistung mit seiner allegorischen, ein mittelalterliches Thema aufgreifenden, 89-strophigen Ritter-Romanze Hermin und Gunilde, die Heinrich Christian Boie als erste Romanze der Deutschen bezeichnete und die den deutschen Dichter Gottfried August Bürger 1774 zur Abfassung der Ballade Lenore veranlasste.
Raspe war ca. 1766 Mitglied der Freimaurerloge Friedrich in Hannover geworden und wurde 1766 Secretarius perpetuus der Loge Zum weißen Pferde ebendort. Unter dem Namen a Papilione war er Mitglied der Strikten Observanz; er war mit Johann Joachim Christoph Bode bekannt. 1779 und 1782 bemühte er sich bei der Loge in Hannover um eine ehrenhafte „Deckung“, wurde aber unehrenhaft entlassen („civiliter mortuus“).Hans G. Bressler: Das merkwürdige Curriculum des Bruders Raspe. In: Die Bruderschaft. 1967, Heft 6, S. 138–141; Allg. Handbuch der Freimaurerei 1863. Band 3, S. 17; Herm. Schüttler: Johann Joachim Christoph Bode… Neuwied 1994, S. 323 Fußn. 892.
Für den von Raspe geführten aufwendigen Lebensstil reichte sein Bibliothekssalär nicht aus, so dass er ständig in Geldverlegenheit war. Da erhielt er die Patronage des später zum Reichsgrafen aufgestiegenen Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn, dessen Sammlung antiker Plastiken er 1767 katalogisierte und in dessen Kreis er Bekanntschaft mit bedeutenden Politikern und Gelehrten wie Benjamin Franklin schloss. Er unterhielt auch Kontakte etwa zu Johann Joachim Winckelmann und Johann Gottfried Herder.
Museumskurator und Professor in Kassel Der Kunstsammler Wallmoden-Gimborn verschaffte Raspe 1767 einen Posten als Kurator am „Kunsthaus“ (im Ottoneum) in Kassel. Hier wurde er im selben Jahr auch Professor für Altertumswissenschaften am Collegium Carolinum. Raspe organisierte die landgräfliche Sammlung von „Altertümern“, welche vor allem aus mathematischen und physikalischen sowie chirurgischen Instrumenten, Mineralien, Skulpturen und Bildhauerarbeiten, präparierten Tieren und Menschen, Waffen, Musikinstrumenten und Münzen bestand, vorbildlich, ließ ein Besucherbuch anlegenBesucherbuch und katalogisierte in einem zwölfbändigen Katalog die ca. 14.000 Objekte umfassende Münzen- und Medaillensammlung des hessischen Landgrafen Friedrich II von Hessen-Kassel. In einen immer tieferen Schuldenstrudel geraten, vergriff er sich jedoch gerade an diesen ihm anvertrauten Münzen. Für die landgräfliche Bibliothek erstand Raspe in den folgenden Jahren aber gleichwohl außerordentlich wertvolle mittelalterliche Manuskripte (u. a. das Hardehäuser Evangeliar) und legte eine umfangreiche Quellensammlung zur mittelalterlichen Geschichte an. Auch mit seinem Entwurf für ein „gothisches oder alt-Teutsches Antiquitaeten-Cabinett“ (1767) gilt er, gemeinsam mit Johann Christoph Gatterer, als Pionier einer Neubewertung des bislang gering geschätzten Mittelalters.Andrea Linnebach: Das „Mittelalter“ im Blick zweier deutscher Historiker der Aufklärungszeit: Johann Christoph Gatterer und Rudolf Erich Raspe im Austausch über ein missachtetes Zeitalter. In: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde. Band 119, 2014, S. 105–124. Zugleich findet sich hier erstmals die Idee eines kulturhistorischen Museums artikuliert.
Bei einem Aufenthalt in Berlin ging Raspe am 9. April 1771 die Ehe mit Elisabeth Lange, der Tochter eines in Berlin tätigen Chirurgen, ein. Ihre Mitgift konnte aber nur einen Teil seiner Schulden abdecken. Das Paar bekam einen Sohn Friederich und eine Tochter Philippine Caroline, ließ sich aber nach 1782 wieder scheiden.
Auf den Gebieten der Geologie und Erdgeschichte trieb Raspe weitere Forschungen voran. 1769 veröffentlichte er im 59. Band der Philosophical Transactions eine Abhandlung, in der er für die Existenz von in vorgeschichtlicher Zeit die nördlichen Erdregionen bewohnenden Elefanten, den Mammuts, eintrat. Diese Schrift sicherte Raspe die Aufnahme in die britische Royal Society. Er veröffentlichte in den nächsten beiden Jahren noch zwei weitere Beiträge in den Philosophical Transactions und meinte unter anderem, dass der hessische Basalt auf vulkanische Aktivitäten zurückzuführen sei, eine Theorie, die in Deutschland zunächst von dem Erfolg der Neptunisten unter Abraham Gottlob Werner überschattet wurde (Basaltstreit), dann aber Anerkennung fand.Vgl. auch Bernhard Wiebel, Ursula Gfeller: Rudolf Erich Raspe als Geologe – Vom „vulkanischen Mordbrenner“ zum Zweifler am Vulkanismus. In: Philippa. Abhandlungen und Berichte aus dem Naturkundemuseum im Ottoneum zu Kassel. Heft 14, Nr. 1, Kassel 2009, S. 9–56. Auf dem Weg nach Italien traf Raspe in Gotha den Schauspieler Johann Christian Brandes. 1769 übersetzte er ein Werk des italienischen Schriftstellers Francesco Algarotti als Versuche ueber die Architectur, Mahlerey und musicalische Opera ins Deutsche. Er gab 1772 auch eine am Vorbild englischer Zeitschriften orientierte Wochenzeitschrift heraus, den Casselschen Zuschauer, in dem er etwa zur Opernreform, aber auch zu strafrechtlichen Problemen der Hochstapelei Stellung nahm. Daneben rezensierte er in zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften zu Themen der Kunst, Archäologie, Musik und Literatur.
Nachdem Raspe im September 1774 nach Berlin gereist war, wurden seine Diebstähle bei der Verwaltung des Münzkabinetts entdeckt. Der daraufhin erfolgten Rückkehraufforderung nach Kassel leistete er zögernd erst Anfang Februar 1775 Folge, wurde sofort mit seinen Verfehlungen konfrontiert und konnte nur knapp der Verhaftung entkommen. Er floh am 15. März 1775 aus Kassel über Clausthal, wo er sich in einer Posthalterei aufhielt, wo er festgehalten wurde, aber fliehen konnte, zuerst nach Holland und schiffte im August 1775 nach England über.Vgl. Axel Wellner: Der verkannte Münchhausen-Autor Rudolf Erich Raspe (1736–1794) und seine Flucht aus Clausthal 1775. 2017/2018. Dort lebte er zunächst in London, wo er am 27. September 1775 auch mit Georg Christoph Lichtenberg zusammentraf.Axel Wellner: Der verkannte Münchhausen-Autor Rudolf Erich Raspe (1736–1794) und seine Flucht aus Clausthal 1775. 2017/2018, S. 70. Laut dem zur Fahndung am 17. März 1775 ausgeschriebenen Steckbrief war er ein rothaariger Mann mittlerer Größe und sollte Münzen im Wert von über 3000 Talern unterschlagen haben. Seither galt er als notorischer Schwindler. Im Dezember 1775 erfolgte sein Ausschluss aus der Royal Society. (Später wurde er in die 1786 gegründete Societät für Bergbaukunde aufgenommen, in der er 1789 als außerordentliches Mitglied geführt wurde.Axel Wellner: Der verkannte Münchhausen-Autor Rudolf Erich Raspe (1736–1794) und seine Flucht aus Clausthal 1775. 2017/2018, S. 71.)
Leben in Großbritannien