mini|Klio, die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, mit ihren Attributen (Buch/Papyrusrolle, Trompete/Griffel, Lorbeerkranz); Gemälde von Pierre Mignard, Öl auf Leinwand, 1689 Die antike griechische Geschichtsschreibung entwickelte sich aus den Gattungen der Mythographie und Genealogie in der klassischen Zeit Griechenlands. Den Beginn der „eigentlichen“ griechischsprachigen Geschichtsschreibung im Sinne einer Sammlung und Aufbereitung von Informationen, die tatsächlich geschehene Ereignisse des menschlichen Lebens behandelt, setzt die Geschichtswissenschaft traditionell mit Herodot Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. an, der von Marcus Tullius Cicero (De legibus 1,5) zugleich als „Vater der Geschichtsschreibung“ (lateinisch pater historiae) und als Erzähler „zahlloser Geschichten“ (lateinisch innumerabiles fabulae) bezeichnet wird. Einen Vorläufer der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung im engeren Sinne eines nüchternen Tatsachenberichts sehen auch viele heutige Historiker in Thukydides (um 400 v. Chr.). Als der letzte spätantike griechische Geschichtsschreiber gilt gemeinhin Theophylaktos Simokates (um 630 n. Chr.).
Vorbemerkungen Im Folgenden ist Vorsicht bei Einordnungen wie „Strategos“ (General), „Politiker“, „Geograph“, „Lokalhistoriker“ oder anderen geboten, die den entsprechenden Personen aus heutiger Sicht gegeben werden und dazu gedacht sind, einen schnelleren Überblick zu ermöglichen. Die Mehrheit der Verfasser selbst hätten sich zuerst als Angehörige der führenden Schicht (wenn sie dieser entstammten) ihrer jeweiligen Herkunftsgebiete, -städte oder -länder begriffen, die auf bestimmten Gebieten größere Fähigkeiten hatten als andere. Sie hätten aber wohl die Ansicht von sich gewiesen, lediglich „Historiker“, „Soldat“ bzw. „Politiker“ zu sein. Großen Einfluss hat in dieser Hinsicht die Tatsache, dass es für einen antiken Gelehrten tendenziell (speziell wenn man die Philosophie Platons in Betracht zieht) als Ziel galt, eben nicht nur auf einem Gebiet, sondern ganz im Gegenteil auf möglichst vielen Gebieten Leistungen zu erbringen. Auch auf dem politischen, militärischen oder kulturellen (Musik, Poesie, Architektur) Gebiet können mehrere der in dieser Liste der „Historiker“ aufgeführten Personen teilweise bedeutendere Leistungen vorweisen wie auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung.
Die antike hochsprachliche Geschichtsschreibung selbst stellte ein äußerst vielfältiges literarisches Genre dar (Universalgeschichte, zeitgeschichtliche Werke, spezielle Monographien zu einzelnen Themen, biographische Darstellungen etc.),Ausführlicher Überblick auch in den entsprechenden Passagen bei Bernhard Zimmermann u. a. (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. München 2011; Die Literatur der klassischen und hellenistischen Zeit. München 2014; Die pagane Literatur der Kaiserzeit und Spätantike. München 2022. das bei allem Anspruch auf Schilderung der beschriebenen Ereignisse oft zudem von hoher prosaischer Qualität war. Es gilt für die antike Geschichtsschreibung zudem die Grundregel der Literaturwissenschaft, dass man stets zwischen Verfasser und Erzähler zu unterscheiden hat.
Die Zuordnungen zu den einzelnen Abschnitten folgen normalerweise den in den Überschriften angegebenen Zeiträumen, geordnet nach Geburtsangaben. Insbesondere bei der Zuordnung zu den größeren Abschnitten „Vorläufer: Logographen“ und „Hellenismus“ sind allerdings in Einzelfällen auch stilistische Merkmale entscheidend. Die Werke mancher Geschichtsschreiber sind trotz von der Überschrift abweichender Lebensdaten stilistisch („Logograph“ und „Hellenismus“ sind auch teilweise problematische stilistische Zuordnungen, vgl. Artikel Logograph bzw. Hellenismus) einer anderen Epoche zuzuordnen, z. B. im Fall Philons von Alexandria, der eigentlich zeitlich unter den Abschnitt „Römisches Reich (30 v. Chr.–300 n. Chr.)“ fallen würde, aber einer der berühmtesten Vertreter der hellenistischen jüdischen Philosophie und Theologie ist.
Insbesondere bei Geschichtsschreibern, deren genaue Lebensdaten unbekannt sind, sollten auch die mitunter großen Zeiträume (mit „Vermutungen:“ oder Ähnlichem bezeichnet) beachtet werden, die für die Zuordnung ihres Lebens und Wirkens veranschlagt werden müssen. Durch diese Unsicherheiten könnten sie durchaus auch unter eine andere der hier verwendeten Überschriften fallen, weshalb sie normalerweise nach dem Beginn des maximalen Zeitraums gereiht werden. Wenn dieser weit in einen anderen Abschnitt hineinreicht, sollten sie an das Ende der jeweiligen Liste gerückt werden, wie z. B. im Fall von Zenodotos von Troizen geschehen.
Von den meisten griechischen Geschichtswerken sind allerdings nur Fragmente erhalten. Diese sind gesammelt in Die Fragmente der griechischen Historiker sowie den neueren Fortsetzungen Die Fragmente der griechischen Historiker. Continued und Brill’s New Jacoby.
Vorläufer: „Logographen“ Bild Name geboren gestorben Kurzbeschreibung (vgl. Vorbemerkungen) Kadmos von Milet 6. Jahrhundert v. Chr. (600–500 v. Chr.) laut einigen Texten erster Logograph, Leben und Werk unklar, vielleicht ahistorisch Hekataios von Milet ca.560 v. Chr. ca.480 v. Chr. zahlreiche Reisen, darüber erste bekannte Periegesis, Versuch rational durchforsteter Mythografie und Genealogie in einem der ersten Prosa-Geschichtswerke: genealogiai (4 Bücher, in Fragmenten erhalten) Akusilaos von Argos 2. Hälfte 6. Jh. v. Chr.(550–500 v. Chr.) 1. Hälfte 5. Jh. v. Chr.(500–450 v. Chr.) Mythograph; göttliche, heroische, menschliche Genealogie in streng hierarchischen genealogiai (3 Bücher, in Fragmenten erhalten) Dionysios von Milet 2. Hälfte 6. Jh. v. Chr.(550–400 v. Chr.) 1. Hälfte 5. Jh. v. Chr.(500–450 v. Chr.) Lebensdetails unbekannt; Geschichte nach Dareios (5 Bücher), Über den trojanischen Krieg (3 Bücher), Persika, alle Werke O-Titel und genauer Aufbau unbekannt, sehr wenige Fragmente erhalten Pherekydes von Athen 2. Hälfte 6. Jh. v. Chr.(550–500 v. Chr.) 1. Hälfte 5. Jh. v. Chr.(500–450 v. Chr.) Mythograph; attische Genealogie (entstanden 508 v. Chr., 10 Bände, in Fragmenten erhalten) Antiochos von Syrakus 5. Jahrhundert v. Chr.(500–400 v. Chr.) Lokalhistoriker; Sikeliká (Siedlungsgeschichte Siziliens bis 424/425 v. Chr., 9 Bände, Fragmente erhalten), Über Italien (Geschichte Süditaliens, 1 Band, Fragmente erhalten), scheint mündliche Überlieferung verarbeitet zu haben Xanthos der Lyder(Xanthos von Sardes) 5. Jahrhundert v. Chr.(500–400 v. Chr.) Lokalhistoriker; Lydiaká (Lokalgeschichte, auch mit naturkundlichen und sprachlichen Untersuchungen, 4 Bände, in Fragmenten erhalten) Stesimbrotos von Thasos 5. Jahrhundert v. Chr.(500–400 v. Chr.) Sophist und Schriftsteller; Schrift über berühmte attische Persönlichkeiten (Originaltitel unbekannt, um 430 erschienen, in Fragmenten erhalten)
Griechische Klassik (500–336 v. Chr.)