Ein Schlaganfall (umgangssprachlich auch Gehirnschlag, Apoplex,Vgl. hierzu kurz für lateinisch Apoplexia cerebri, seltener für Apoplexia cerebelli) ist eine plötzlich einsetzende, von einem Herd ausgehende Ausfallerscheinung einer neurologischen Funktion infolge einer Durchblutungsstörung im Gehirn (ischämischer Schlaganfall) oder einer Gehirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall). Die Symptome sind abhängig vom betroffenen Gehirnareal und variieren stark. Beispiele sind: Ausfall oder Störung von Sinneseindrücken, Sprachstörungen, Verwirrtheit, Schwindel, Kopfschmerzen oder halbseitige Muskellähmungen. Der Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall und sollte ohne jeden Zeitverlust in einem geeigneten Krankenhaus behandelt werden. Typische Therapieverfahren des ischämischen Schlaganfalls sind Thrombolyse oder eine kathetergeführte mechanische Rekanalisation der betroffenen Gehirngefäße. Einige Formen der Gehirnblutung können einen neurochirurgischen Eingriff erfordern.

Der Schlaganfall ist weltweit die zweithäufigste Todesursache und der zweithäufigste Grund für Behinderung.Global, regional, and national burden of neurological disorders, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. In: The Lancet. Neurology, Band 18, Nummer 5, 05 2019, S. 459–480; doi:10.1016/S1474-4422(18)30499-X. PMID 30879893, .

Begriff Die Terminologie des Schlaganfalls wurdeIrmgard Hort, Axel Karenberg: Überlegungen salernitanischer Magistri zur Apoplexie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 18, 1999, S. 87–92. und wird nicht einheitlich benutzt. Gleichbedeutend zum Begriff Schlaganfall sind auch die englischen Termini Stroke, Cerebrovascular accident (CVA) und Cerebrovascular Insult (CVI).Gerhard F. Hamann, Mario Siebler, Wolfgang von Scheidt: Schlaganfall: Klinik, Diagnostik, Therapie, Interdisziplinäres Handbuch. ecomed Verlagsgesellschaft, 2002, ISBN 3-609-51990-8. Diese Bezeichnungen werden häufig als Oberbegriff für unterschiedliche neurologische Krankheitsbilder benutzt, deren wichtigste Gemeinsamkeit plötzliche Symptome nach einer auf das Gehirn begrenzten Durchblutungsstörung sind, wobei der Funktionsverlust definitionsgemäßDefinition der WHO nicht auf primäre Störungen der Erregbarkeit von Nervenzellen zurückzuführen sein darf (konvulsive Störung, siehe Epilepsie).

Synonyme Es existieren viele veraltete Synonyme. Die Begriffe Apoplex, Apoplexia cerebri und apoplektischer Insult sind veraltet. Gelegentlich und vor allem in der Schweiz wird das Synonym Hirnschlag verwendet. Zerebraler Insult Insult Apoplexia cerebri (veraltet) Apoplexie (veraltet) Apoplektischer Insult(veraltet) Gehirninfarkt Gehirnschlag Hirnschlagduden.de Schlag Ictus apoplecticus (veraltet, von „Schlagfluss“) Gutta (veraltet, von mittelhochdeutsch gutt, „Tropfen“)Lorenz Diefenbach: Glossarium latino-germanicum mediae et infimae aetatis. Baer, Frankfurt am Main 1857, S. 271.Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 475 (tropffe: Übersetzung von mittellateinisch gutta für Schlag, Apoplexie, Gicht, Rheumatismus und Arthritis).

Epidemiologie Geschätzt gibt es in Deutschland jährlich etwa 270.000 Schlaganfallneuerkrankungen.Manio von Maravic: Neurologische Notfälle. In: Jörg Braun, Roland Preuss (Hrsg.): Klinikleitfaden Intensivmedizin. 9. Auflage. Elsevier, München 2016, ISBN 978-3-437-23763-8, S. 311–356, hier S. 312–316 (Akute zerebrovaskuläre Erkrankungen). Jährliche Häufigkeiten in Deutschland: durch Minderdurchblutung primär ischämische Hirninfarkte (Inzidenz 160–240 Ereignisse/100.000 Einwohner) Hirnblutungen (24/100.000) Einblutungen in den das Gehirn umgebenden Liquorraum, sogenannte Subarachnoidalblutungen (6/100.000) Schlaganfälle ungeklärter Ursache (8/100.000)

Der Schlaganfall gehört zu den häufigsten schweren Erkrankungen in Deutschland, hat eine 1-Jahres-Mortalität von 20 bis 30 % und ist auch eine häufige Todesursache in Deutschland: 2015 stellte das Statistische Bundesamt 56.982 Todesfälle durch zerebrovaskuläre Krankheiten fest, was einem Anteil von 6,2 % entspricht.Tabelle "Todesursachenstatistik". Auf: genesis-destatis.de, abgerufen am 1. Juni 2018.

Darüber hinaus ist der Schlaganfall mit einer Invaliditätsrate von 30 bis 35 % die häufigste Ursache für mittlere und schwere Behinderung.

51 % aller Schlaganfälle betrafen bis 2010 die Altersgruppe der über 75-Jährigen. Mit zunehmendem Alter steigt das Schlaganfallrisiko überproportional.E. Rupp: Fortschritte in Behandlung und Diagnostik zentraler neurogener Sprachstörungen. (PDF; 9,0 MB) Dissertation. Ludwig-Maximilians-Universität München, 2. Juli 2010.

In den USA sind Schlaganfälle die fünfthäufigste Todesursache. Weltweit ist der Schlaganfall eine der häufigsten Ursachen für eine Behinderung. In der GBD 2016 (Global Burden of Disease 2016 Lifetime Risk of Stroke) wurde weltweit ein Lebenszeitrisiko für Schlaganfall von 24,9 % ermittelt. Männer hatten mit 24,9 % ein geringfügig geringeres Risiko als Frauen mit 25,1 %. Das Risiko eines ischämischen Schlaganfalls betrug weltweit 18,3 %, das eines hämorrhagischen Apoplex 8,2 %. Das höchste Lebenszeitrisiko bestand in Ostasien (38,8 %), Zentraleuropa (31,7 %) und Osteuropa (31,6 %). Das geringste Risiko bestand im östlichen Subsahara-Afrika (11,8 %).

Formen eines Schlaganfalls – Minderdurchblutung oder Blutung

mini|Aktivitätsmuster bei Gesunden und Schlaganfall-Patienten, gemessen mit fMRT

Dem ischämischen Schlaganfall liegt ein plötzlicher Mangel an Sauerstoff und anderen Substraten für die Nervenzellen zugrunde. Er entsteht meist in Folge von Thrombose, Embolie oder SpasmusImmo von Hattingberg: Schlaganfall (Apoplexie). In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1317–1320. einer hirnversorgenden Arterie und führt zum Hirninfarkt.

Die akute Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) verursacht durch den Volumeneffekt des Hämatoms und des Ödems eine umschriebene Hirnschädigung. Sekundär kann es aufgrund der raumfordernden Wirkung ebenfalls zu einer Ischämie kommen. Umgekehrt kann es bei primär ischämischen Infarkten zu sekundären Blutungen im Infarktgebiet (hämorrhagische Infarzierung) kommen.P. L. Kolominsky-Rabas u. a.: A prospective community-based study of stroke in Germany--the Erlangen Stroke Project (ESPro): incidence and case fatality at 1, 3, and 12 months. In: Stroke. Band 29, 1998, S. 2501–2506. PMID 9836758

Die Unterscheidung zwischen Minderdurchblutung und Blutung ist erst durch bildgebende Verfahren wie der Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT, englisch MRI) sicher möglich, wobei in den ersten Stunden beide Bildgebungsmethoden noch unauffällig sein können, dies insbesondere beim primär ischämischen Hirninfarkt. Die Verdachtsdiagnose einer Subarachnoidalblutung, welche infolge einer geplatzten Arterie (zum Beispiel aufgrund eines Aneurysmas) entsteht, kann – insbesondere bei nur milder Symptomatik (zum Beispiel alleinige Kopfschmerzen) – durch den Nachweis von Blutbestandteilen im Nervenwasser bei der Lumbalpunktion bestätigt werden.

Minderdurchblutungen, die kürzer als 24 Stunden andauern und von bloßem Auge ohne sichtbare Folgen bleiben, wurden früher als transitorische ischämische Attacke (TIA) bezeichnet. In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie von 2005 wird darauf hingewiesen, dass die klassische Differenzierung von transitorisch ischämischen Attacken (TIA) und vollendeten ischämischen Schlaganfällen als überholt gilt. Gleichwohl wird der Unterschied in manchen Lehrbüchern noch erwähnt. Zwei Gründe dafür sind, dass bei vielen Patienten mit einer sogenannten TIA morphologische Hirnverletzungen nachweisbar sind und dass das Risiko für einen Re-Infarkt nach TIA und vollendetem Schlaganfall etwa gleichermaßen erhöht ist. Abgesehen von der Frage der Lyse sollen sowohl vollendete Schlaganfälle als auch früher als TIA bezeichnete Zustände gleich behandelt werden. Der Begriff (prolongiertes) reversibles ischämisches neurologisches Defizit (RIND/PRIND) für länger als 24 Stunden, aber kürzer als drei Wochen anhaltende Befunde soll ebenfalls nicht mehr angewendet werden, da dies bereits einem manifesten Schlaganfall entspricht.Clearingbericht „Deutsche Leitlinien zum Schlaganfall“, 2005. Gleiches gilt für die Beschreibung eines partiell reversiblen ischämischen neurologischen Syndroms (PRINS).

Symptome Als Zeichen eines Schlaganfalls können zum Beispiel folgende neurologische Symptome einzeln oder gleichzeitig auftreten:Symptome. schlaganfall-hilfe.de; abgerufen am 29. Mai 2016. Bewusstseinsstörungen (Bewusstseinstrübung, Somnolenz, Koma) Verwirrtheit Missempfindungen (z.B. Parästhesie, Hypästhesie) an Körperteilen oder einer ganzen Körperhälfte Lähmung oder Schwäche einer Körperhälfte einschließlich einer Gesichtshälfte, seltener nur in einem Arm, Bein oder in allen vier Extremitäten Aphasie, Dysarthrie Schluckstörungen (Dysphagie, vier Grade der NOD = neurogene oropharyngeale Dysphagie) schmerzlose Sehstörung auf einem oder beiden Augen, einseitige Pupillenerweiterung, Gesichtsfeldausfall, Doppelbilder, Blickdeviation Schwindel, Gangstörung, Gleichgewichts- oder Koordinationsstörung (Ataxie) stärkster Kopfschmerz ohne erkennbare Ursache bei evtl. entgleistem (überhöhtem) Blutdruck, Übelkeit, Erbrechen fehlende Wahrnehmung eines Teils der Umwelt oder des eigenen Körpers (Neglect)

Ursachen Ischämischer Schlaganfall: Verschluss einer hirnversorgenden Arterie durch ein Blutgerinnsel in Folge von arterieller Embolie oder Thrombose Kritische Minderperfusion in Folge von Gefäßverengungen (hämodynamischer Infarkt) oder Gefäßverkrampfungen (vasospastischer Infarkt) Hirnblutungen: Austritt von Blut in das Hirngewebe nach Riss eines Gefäßes, zum Beispiel infolge hohen Blutdrucks, vorbestehender Gefäßerkrankungen (zum Beispiel Aneurysma oder Angiom) oder Blutgerinnungsstörungen Subarachnoidalblutung, sub- oder epidurale Hämatome Sinusthrombose oder Hirnvenenthrombose: Verschluss der venösen Abflussgefäße als Komplikation können Hirnblutungen (Stauungsblutung) oder Infarkte auftreten

Risikofaktoren Eine an tierischen Fetten reiche Ernährung erhöht das Schlaganfallrisiko. 2021 wertete eine Studie 27 Jahre Daten von 117.000 Probanden aus. Die Studie kam zu dem Schluss, dass Fette aus tierischen Lebensmitteln das Schlaganfallrisiko erhöhen, während solche aus pflanzlichen Lebensmitteln es senken.F. Wang, M. Y. Baden, K. M. Rexrode, F. B. Hu: RF160 - Dietary Fat Intake and the Risk of Stroke: Results from Two Prospective Cohort Studies. Abstract presented at: American Heart Association’s Scientific Sessions 2021; November 13-15, 2021; virtual meeting.

Früherkennung eines erhöhten Schlaganfallrisikos