mini|Lukas Vischer
Lukas Vischer (* 23. November 1926 in Basel; † 11. März 2008 in Genf) war ein Schweizer reformierter Theologe. Er war seit 1961 Forschungssekretär und von 1966 bis 1979 Direktor der Abteilung für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf. 1980 bis 1992 leitete er die Evangelische Arbeitsstelle Ökumene Schweiz und lehrte an der Theologischen Fakultät der Universität Bern ökumenische Theologie. 1982 bis 1989 war er Vorsitzender der Theologischen Abteilung des Reformierten Weltbundes und von 1982 bis 2008 Moderator der Programm-Kommission des Centre John Knox in Genf. Die ökologische Verantwortung der Kirchen wurde in diesen Jahren zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit.
Leben und Wirken Jugend in Basel 1926–1953 Lukas Vischer entstammte einer Familie, die väterlicher- wie mütterlicherseits im öffentlichen Leben der Schweiz eine Rolle spielte. Geboren am 23. November 1926, wuchs er als jüngstes von vier Geschwistern in Basel auf und besuchte dort das Humanistische Gymnasium. Nach einem Probesemester in Recht und Geschichte studierte er ab 1946 Theologie in Basel, Strassburg und Göttingen. Seine Studienzeit beendete er mit einem Semester in Oxford und einer Dissertation bei Oscar Cullmann über den Kirchenvater Basilius den Grossen (1953).Andreas Karrer: Lukas Vischer (* 1926), in: Stephan Leimgruber/Max Schoch (Hg.): Gegen die Gottvergessenheit. Schweizer Theologen im 19. und 20. Jahrhundert, Basel 1990, S. 522 ff.
Gemeindepfarramt in Herblingen/Schaffhausen 1953–1961 1953 heiratete er die promovierte Juristin Barbara Schmidt und trat die Pfarrstelle Herblingen bei Schaffhausen an. Dort kamen ihre vier Kinder zur Welt. Im Kanton Schaffhausen engagierte er sich für die innerevangelischen Anfänge der späteren Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und wurde in die ökumenische Kommission des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes delegiert.
Neben seinen pfarramtlichen Aufgaben habilitierte er sich 1955 über «Die Auslegungsgeschichte von 1. Kor. 6,1-11. Rechtsverzicht und Schlichtung». 1956 nahm er im Blick auf die Tagung des ÖRK-Zentralausschusses in Ungarn mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen Kontakt auf. Es ging ihm darum, auf die Repression gegenüber ungarischen Kirchenvertretern hinzuweisen. Der ÖRK engagierte ihn für die Tagung als Übersetzer. Bald darauf erhielt er eine erste offizielle Aufgabe als Tutor der Graduate School im Ökumenischen Institut Bossey bei Genf. 1960 wurde er auf Vorschlag des ÖRK-Generalsekretärs Willem Adolf Visser’t Hooft als Forschungssekretär in die Abteilung des Ökumenischen Rates der Kirchen für Glauben und Kirchenverfassung gewählt.Lukas Vischer: Ein Rückblick auf acht Jahrzehnte, 2006, 30-33 (unveröffentlicht)
Im Dienst des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Genf 1961–1979 Der Beginn von Lukas Vischers Arbeit fiel in die Zeit der 3. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in New Delhi 1961. Sie veränderte die ökumenische Bewegung beträchtlich: Der Internationale Missionsrat und der ÖRK vereinigten sich, die orthodoxen Kirchen von Russland, Bulgarien, Rumänien und Polen schufen mit ihrem Beitritt eine gewichtige orthodoxe Präsenz, mehrere «junge» Kirchen der südlichen Kontinente erweiterten das internationale Spektrum, und erstmals nahmen römisch-katholische Beobachter an einer Vollversammlung teil.
Der Grundauftrag der Kommission «Glauben und Kirchenverfassung», in der Lukas Vischer als Forschungssekretär und ab 1966 als Direktor tätig war, lautet folgendermassen: «Die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung ist integraler Bestandteil des Ökumenischen Rates der Kirchen. Ihr Ziel ist seit jeher, ‹die Einheit der Kirche Jesu Christi zu verkündigen und die Kirchen aufzurufen zu dem Ziel der sichtbaren Einheit›. Dieses Ziel wird vor allem mit Hilfe von Studienprogrammen verfolgt, die sich mit den theologischen Fragen beschäftigen, welche die Kirchen voneinander trennen.… Wichtigste Arbeitsmethode von Glauben und Kirchenverfassung ist die Einberufung von Konsultationen in aller Welt, auf denen kirchentrennende Fragen sondiert und untersucht werden… Für die Organisation dieser Konsultationen und die Veröffentlichung der Tagungsergebnisse ist das Sekretariat für Glauben und Kirchenverfassung am Sitz des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf zuständig.»
Ökumenische Beziehungen Leuenberger Konkordie – Kirchenunionen – Konfessionelle Weltbünde
Schon bald nach seiner Ankunft in Genf wurde Lukas Vischer aufgefordert, die seit 1955 geführten theologischen Gespräche zwischen Lutheranern und Reformierten auf europäischer Ebene zu begleiten. Die gegenseitigen Verurteilungen der Vergangenheit wurden als «den heutigen Stand der Lehre nicht mehr betreffend» erklärt. Nach zehn Jahren Arbeit wurde 1973 die Leuenberger Konkordie gutgeheissen und durch die Synoden der beteiligten Kirchen ratifiziert. 2003 entstand daraus die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).André Birmelé in: Karin Bredull Gerschwiler/Andreas Karrer/Christian Link/Jan Milic Lochman/Heinz Rüegger (Hg.): Ökumenische Theologie in den Herausforderungen der Gegenwart. Lukas Vischer zum 65. Geburtstag, Göttingen 1991, S. 225.
Auch die Beratung bei Kirchenunionsverhandlungen sowie die Beziehung zu den konfessionellen Weltbünden und ihren bilateralen Dialogen gehörten zum Aufgabenbereich von Glauben und Kirchenverfassung – die Beziehung zu den Weltbünden im Bestreben, ihre Aktivitäten in die ökumenische Bewegung zu integrieren.Willem A. Visser’t Hooft (Hg.): Neu-Delhi 1961. Dokumentarbericht über die dritte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Genf 1962, 145-148.
Beziehungen zu orthodoxen Kirchen
Im Auftrag des Ökumenischen Rates pflegte Lukas Vischer Kontakte zu den orthodoxen Kirchen von Russland, Serbien, Bulgarien, Polen und Armenien sowie zum Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. In späteren Jahren wurde ihm die Beziehung zu Patriarch Ilja II von Georgien besonders wichtig. Die Kontakte zum kommunistischen Osteuropa beinhalteten unter anderem ein beharrliches Eintreten für Menschenrechte und Religionsfreiheit.Emilio Castro in: Karin Bredull Gerschwiler/Andreas Karrer/Christian Link/Jan Milic Lochman/Heinz Rüegger (Hg.): Ökumenische Theologie in den Herausforderungen der Gegenwart. Lukas Vischer zum 65. Geburtstag, Göttingen 1991, S. 14–15. Im Blick auf Russland war hierfür die Zusammenarbeit mit dem Vertreter des Moskauer Patriarchats im ÖRK, dem russisch-orthodoxen Theologen Vitaly Borovoy, besonders wichtig. Mit ihm und anderen orthodoxen Kollegen organisierte Lukas Vischer 1964 einen Dialog zwischen Theologen der östlich- und orientalisch-orthodoxen Tradition, um auf die Überwindung der seit 1500 Jahren bestehenden Kirchenspaltung hinzuarbeiten.Minutes of the Meeting of the Working Committee 1966 Zagorsk, World Council of Churches (ed.), Geneva 1967, S. 17.
Das Zweite Vatikanische Konzil und die Beziehung zur Römisch-katholischen Kirche
Internationale Bekanntheit erlangte Lukas Vischer als offizieller Beobachter des Ökumenischen Rates der Kirchen am Zweiten Vatikanischen Konzil 1962–1965. Die Römisch-katholische Kirche öffnete sich damals mit dem «Ökumenismusdekret» für die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen. 1965 nahm eine «Gemeinsame Arbeitsgruppe» zwischen dem Ökumenischen Rat der Kirchen und dem Vatikan ihre Arbeit auf. Lukas Vischer war bis 1979 einer der beiden Sekretäre dieser Gruppe.„Vischer, Lukas“ in: Dictionary of the Ecumenical Movement, 2nd Edition, World Council of Churches (ed.), Geneva 2002, S. 1195. Sie befasste sich mit Fragen zur Beziehung von Einheit und Autorität sowie Katholizität und Apostolizität in der Kirche und erstellte jährlich Unterlagen für die Gebetswoche für die Einheit der Christen.Lukas Vischer in: New Directions in Faith and Order, Minutes of the Meeting of the Working Committee 1967 Bristol, World Council of Churches (ed.), Geneva 1967, S. 123–124.
Ökumenische Versammlungen und Studien zur Einheit der Kirche Einheit aller an jedem Ort
Besondere Bedeutung hatte die ÖRK-Vollversammlung von Neu-Delhi 1961 wegen ihrer Erklärung zur Einheit. Sie spricht von einer «völlig verpflichteten Gemeinschaft» «aller an jedem Ort», die verbunden sind durch die Taufe und das Brechen des einen Brotes, durch das Bekenntnis zu Christus und zum einen apostolischen Glauben, durch Evangelium und Gebet sowie durch ein gemeinsames Leben, «das sich in Zeugnis und Dienst an alle wendet». Zugleich sind sie «vereint mit der gesamten Christenheit an allen Orten und zu allen Zeiten in der Weise, dass Amt und Glieder von allen anerkannt werden und dass alle gemeinsam so handeln und sprechen können, wie es die gegebene Lage im Hinblick auf die Aufgaben erfordert, zu denen Gott sein Volk ruft.»W.A. Visser’t Hooft (Hg.): Neu - Delhi 1961. Dokumentarbericht über die dritte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Stuttgart 1962, S. 130. Offen blieb das Wie der Umsetzung.
In der Überzeugung, dass man für die Entwicklung einer «völlig verpflichteten Gemeinschaft» von der Arbeitsweise der altkirchlichen Konzile lernen könnte, regte Lukas Vischer noch in Neu-Delhi eine Forschungsarbeit zu den Konzilen an.W.A. Visser’t Hooft (Hg.): Neu - Delhi 1961. Dokumentarbericht über die dritte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Stuttgart 1962, S. 147Lukas Vischer: Ein Rückblick auf acht Jahrzehnte, 2006 (unveröffentlicht), S. 38.
1962 nahm eine Studiengruppe mit starker orthodoxer Beteiligung ihre Arbeit auf.Minutes of the Faith and Order Working Committee 1962 Paris, S. 8. Die Einheitsformel von Neu-Delhi wurde an der 4. Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung in Montreal 1963 und an der Kommissionstagung in Aarhus 1964 weiter entfaltet.
Taufe – Eucharistie/Abendmahl – Amt und weitere Studien
Die Arbeit an Amt und Sakramenten stand seit der ersten Weltkonferenz 1927 auf der Agenda von Glaube und Kirchenverfassung. Es gehörte zu Lukas Vischers Aufgaben, sie weiterzuführen. Die Grundhaltung der Kommission zur Trennung beim Abendmahl spiegelt sich im Bericht der Sektion Einheit 1961 in Neu-Delhi: «Wo auch immer die bestehenden Überzeugungen es erlauben, einen unmittelbaren Fortschritt auf dem Gebiet der Abendmahlsgemeinschaft zwischen Kirchen zu erzielen, sollte das getan werden, ohne auf einen Konsensus und gemeinsame Aktionen innerhalb der ökumenischen Bewegung zu warten.»Willem A. Visser’t Hooft (Hg.): Neu-Delhi 1961. Dokumentarbericht über die dritte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Genf 1962, 143. Auch in der Frage des Amtes lagen die kirchlichen Traditionen weit auseinander; und doch kam es im Lauf des Studienprozesses zu einer beachtlichen theologischen Annäherung. Um den Mitgliedskirchen die Rezeption zu erleichtern, war es Lukas Vischer wichtig, einen breit angelegten Prozess der Vernehmlassung durchzuführen. Kurz nach seinem Rücktritt vom ÖRK wurde die Konvergenzerklärung über Taufe, Abendmahl und Amt in Lima verabschiedet (1982).Lima-Erklärung
Weitere Studien in jenen Jahren betrafen Tradition und Traditionen, die Autorität der Bibel, das Konzil von Chalcedon und seine Bedeutung für die ökumenische Bewegung, Gottesdienst heute, Geist, Ordnung und Organisation sowie Gemeinsames Zeugnis und Proselytismus.Konrad Raiser (Hg.): Löwen 1971. Studienberichte und Dokumente der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, Beiheft zur Ökumenischen Rundschau 18/19, Stuttgart 1971, S. 3–4.
Einheit der Kirche – Einheit der Menschheit