mini|Schneetälchen in einer Doline, Totes Gebirge mini|Kraut-Weide (Salix herbacea) in der Tatra mini|Zwerg-Soldanelle (Soldanella pusilla) in den Schweizer Alpen mini|Safranflechte (Solorina crocea) mini|Netz-Weide (Salix reticulata) in der Tatra mini|Blaue Gänsekresse (Arabis cearulea) in der Steiermark mini|Alpen-Hahnenfuß (Ranunculus alpestris) in der Steiermark mini|Braune Hainsimse (Luzula alpinopilosa) im Orjen-Gebirge

Schneetälchen ist ein Begriff der Geobotanik und Ökologie, der eine Pflanzengesellschaft schneereicher Lagen in ozeanisch bis subkontinentalen Hochgebirgen oberhalb der Waldgrenze bezeichnet, die je nach Kleintopographie und -relief in der Regel zwischen (1600–) 2400 und 3000 Metern NN (alpine und subnivale Höhenstufe) liegen und durch eigene Charakter- und Kennarten die pflanzensoziologischen Verbände der Schneetälchen-Vegetation (Chionophyten) bilden.

Geobotanische Besonderheiten Die Schneetälchen apern durch die Reliefbezüge auch im Sommer nur langsam aus, daher verkürzt sich die schneefreie Vegetationsperiode auf maximal 4 Monate. Durch die über große Teile der Wachstumsperiode andauernden Schmelzwässer werden Nährstoffe in Form von löslichen Mineralien eingebracht, die großteils von Staubverwehungen (äolischer Transport) herrühren und sich im Winter auf der Schneedecke akkumulieren. Die Pflanzengesellschaften sind eine an die extremen Bedingungen angepasste Flora und Vegetation mit der Fähigkeit, vor allem mit der kurzen schneefreien Zeit und der stets kühlen Umgebung zurechtzukommen. Allgemein sind die Standorte durch die lange Schneebedeckung und die Schmelzwässer gut durchfeuchtet, können aber bei Kalkunterlage durch die Durchlässigkeit des Karbonatgesteins im Sommer austrocknen.Thorsten Englisch: Multivariate Analysen zur Synsystematik und Standortsökologie der Schneebodenvegetation (Arabidetalia caerulea) in den Nördlichen Kalkalpen. In: Stapfia. Band 59, Linz 1999, S. 9, ISSN 0252-192X, Neben der Unterscheidung von Schneetälchen auf Silikat- und Kalkunterlage werden die Schneetälchen in alpinen Gebirgen der temperaten und subarktischen Nordhalbkugel von den Pyrenäen bis in den Ural und von Skandinavien, der Balkanhalbinsel und dem Kaukasus durch Kriechweiden (Salix) gekennzeichnet, die in den arktischen Gebieten mit zahlreichen Gesellschaften in mehreren Verbänden durch die charakteristische silicole Kraut-Weide ihre größte Mannigfaltigkeit erreichen.Thorsten Englisch 1999: S. 12 Selbst die Schneetälchen in den Colorado Rocky Mountains werden noch zu dieser als eigene Ordnung zugewiesen. Erst in den Hochgebirgen Kleinasiens und Ostasiens wurden Andere Verbände ausgeschieden. Die auf Kalksubstraten angetroffenen Schneetälchen gehören durch Arten- und Endemitenreichtum oft vikariierenden Einheiten und in Europa zwei Verbänden an, während die Silikatschneetälchen keine Unterteilung haben und überall durch gleichförmige Artenkombination geprägt sind.Thorsten Englisch 1999: S. 13

Etymologie Der Begriff Schneetälchen geht auf den Botaniker Oswald Heer zurück der den Namen aus der volkstümlichen Bezeichnung von lange schneebedeckten Mulden in seiner Heimat im Kanton Glarus übernommen hat.Thorsten Englisch 1999: S. 17

Standortverhältnisse Allgemein versteht man unter Schneetälchen nach Thorsten Englisch "von Schmelzwasser durchtränkte, schwach geneigte, ebene oder muldenförmige Stellen, die sich vor allem an Nordhängen oder sonst schattigen Stellen oder auch auf den sandigen Feldern am Fuß der Schutthalden und auf Gletscherböden in der hochalpinen Stufe finden".Thorsten Englisch 1999: S. 16–17

Schneetälchen sind im Silikatgebirge sowie Kalk in stark reliefierten Hochgebirgen in Mulden, Senken und ebenen bis flach geneigten Hängen bis in die mittlere Arktis weit verbreitet. Sie sind relativ feucht und kühl mit vergleichsweise geringen Temperaturschwankungen.Heinz Ellenberg, Christoph Leuschner: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen in ökologischer, dynamischer und historischer Sicht. 6. vollständig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage von Christoph Leuschner. Eugen Ulmer, Stuttgart. S. 715 Schneetälchen-Gesellschaften haben daher ein ozeanisches Gepräge und werden überwiegend von hygrophilen Arten aufgebaut. Die Vegetationsperioden (auch Aperzeit ohne Schneebedeckung) dauern nur wenige Wochen – ein bis maximal vier Monate im Jahr. In der kurzen Aperzeit sind die Pflanzen jedoch der vollen Einstrahlung ausgesetzt. Im Silikatgebirge ist die Bodenfeuchte durch die geringe Porosität des Untergrundes und Ansammlung von Schmelzwasser ganzjährig sehr hoch, Kalkunterlagen führen im Hochsommer dagegen zum Austrocknen. Durch die Staunässe bilden sich auf Silikat Pseudogley-Böden, die pH-Werte zwischen 4,5 und 6,5 aufweisen. Prägende Standortfaktoren sind die Dauer der Schneebedeckung, merklicher Schmelzwassereinfluss und neben der langanhaltenden Wassersättigung der Böden vielfach auch Kryoturbation und Solifluktion. Diese Standortfaktoren begünstigen Bryophyten stärker als Phanerogamen oder Flechten, die Gesellschaften sind von der südlichen und mittleren Arktis sowie Skandinavien bis Mitteleuropa und den südeuropäischen Hochgebirgen gleichförmig. Während im Norden Schneeböden landschaftsformend sind, werden diese im Süden zunehmend seltener und sind in Südeuropa nur noch kleinflächig entwickelte "Schneetälchen".

Im Kalkgebirge bilden sich Schneetälchengesellschaften häufig am Fuß von Grobschutthalden und sind daher schwerer besiedelbar.Reisigl Herbert, Richard Keller 1994: Alpenpflanzen in ihrem Lebensraum. 2. Aufl., Gustav Fischer, Stuttgart. ISBN 3-437-20516-1 Hier S. 72 Wo zwischen den groben Steinen Feinerde eingetragen wird, fassen Pflanzen im Schutt Fuß. Da der Kalkschutt deutlich durchlässiger als der Boden über Silikatgestein ist, wird er im Sommer wesentlich trockener. Daneben bleibt der Schnee in Mulden, Hangdellen sowie Hohlformen im Glaziokarst sowie Karren länger als durchschnittlich liegen. Insbesondere ist dies am Fuß von Schutthalden der Fall.Heinz Ellenberg, Christoph Leuschner: S. 718 Ein Übergang von Schuttfluren zu Schneeboden-Krautfluren ist hier möglich und beide werden meist systematisch als Verband Arabidion caeruleae in der Klasse Thlaspietea rotundifolii vereint. Allgemein sind Schneeböden über Kalkgesteinen durch größere Bodenbeweglichkeit als an vergleichbaren Standorten über Silikatgesteinen gekennzeichnet, was zu höherer Standortvielfalt führt. Der Untergrund ist oft schuttreich, Schmelzwasser versickert in den Spalten rasch. Felsen- und Schutthalden herrschen im Hauptverbreitungsgebiet der Kalkschneetälchen, die denen in Silikatgebirgen fehlen.

Die pH-Werte liegen durch den Kalkgehalt hier mit 6,5 bis 7 deutlich höher. Die Kalkschneetälchen zeigen allgemein Übergänge zu Rasengesellschaften (Festuca pumila, Carex curvula), Mulden mit zusammengeschwämmter mineralischer Feinerde sind Standorte der Blaukressen-Flur, auf Grobschuttböden ist die Spalierweide Salix retusa Charakterart.Reisigl Herbert, Richard Keller 1994: S. 72

Flora und Vegetation Schneeböden werden von charakteristischer Vegetation der alpinen (seltener der oberen subalpinen bzw. subnivalen) Stufe geprägt. Ihr Aufbau ist einschichtig (bei reinen Moosschneeböden) oder zweischichtig. In den Alpen werden die pflanzensoziologischen Einheiten des Arabidion caeruleae und Salicion herbaceae, mit Ausstrahlungen in das Thlaspion rotundifolii, Androsacion alpinae und Drabion hoppeanae (Schuttfluren über Kalk, Silikat bzw. basenreichen Schiefergesteinen), Nardion (hier vor allem die natürlich waldfreien Borstgrasrasen der oberen subalpinen und unteren alpinen Stufe), Poion alpinae und Alchemillo-Poion supinae (Milchkrauweiden, "Faxrasen") hinzugezählt.Thorsten Englisch 1999: S. 18–19

Schneetälchen der Silikatböden Die Pflanzengesellschaften (Assoziation) der Schneetälchen über Silikat gehören zur pflanzensoziologischen Klasse der Salicetea herbacea Br.-Bl. et al. 47. Es handelt sich dabei um Moos-, Zwergrasen- und Kriechstrauchgesellschaften, die sieben bis zehn Monate im Jahr schneebedeckt sind. Jahrweise apern sie auch gar nicht aus, d. h., sie werden nicht schneefrei. Wird die schneefreie Zeit zu kurz, so entwickeln sich nur noch Moose. Blütenpflanzen benötigen eine Schneefreiheit von mindestens acht Wochen.

Die Krautweidenflur (Salicetum herbacea Rübel 12) ist eine bodensaure Schneeboden-Gesellschaft insbesondere der alpinen Stufe mit durchschnittlich acht- bis neunmonatiger Schneebedeckung. Die artenarme Gesellschaft beinhaltet Pflanzen mit sehr kleinem Wuchs. Floristisch und ökologisch zeigen die Ausprägungen dieser Gesellschaft in den Alpen große Ähnlichkeit mit den Schneeboden-Gesellschaften in Nordeuropa und der Arktis. Kennart dieser Assoziation ist die Kraut-Weide (Salix herbacea). Weitere Arten sind der Alpen-Gelbling (Sibbaldia procumbens) und das Zwerg-Ruhrkraut (Gnaphalium supinum). Die Zwerg-Soldanelle (Soldanella pusilla) kommt hier als Frühjahrsaspekt rasenartig vor. Sie ist in der Lage, die letzte dünne Eisschicht zu durchwachsen, um an die Oberfläche zu gelangen. Die Braune Hainsimse (Luzula alpinopilosa) ist als schuttstauende Grasart auch in stärker geneigten Grobblockhalden verbreitet. Sie wächst in feuchten, jedoch nicht staunassen Bereichen. Mit ihr kommt häufig als einziges weiteres Gras der Violett-Schwingel (Festuca violacea) vor.

Die Hornkraut-Schneeboden-Gesellschaft (Poo supinae-Cerastium cerastioides (Söyr. 54) Oberd. 57) ist eine Gesellschaft flacher, sehr nasser Schwemmböden und Schneemulden und steht oft in Kontakt mit dem Salicetum herbaceae. Durch eingeschwemmte Feinerde und Humus erfolgt eine Nährstoffanreicherung und ein weicher, sumpfiger Boden. Kennzeichnende Art dieser Gesellschaft ist das Dreigriffelige Hornkraut (Cerastium cerastoides). Ferner wachsen hier das Alpen-Rispengras (Poa alpina) und das Läger-Rispengras (Poa supina) als Nährstoffzeiger. Die Gesellschaft kommt in den Alpen vor.

Die Widertonmoos-Gesellschaft (Polytrichetum sexangularis Frey 22) kennzeichnet eine initiale, moosreiche Schneeboden-Besiedlungsphase sehr langer, neun bis zehn Monate schneebedeckter Mulden. Kennart der fast nur aus Moos bestehenden Assoziation ist das Widertonmoos (Polytrichum sexangulare). Die Gesellschaft kommt außer in den Zentralalpen auch in den skandinavischen Gebirgen vor.

Der Lebermoos-Schneeboden (Anthelietum juratzkanae Rübel 11) besiedelt Standorte, die fast das ganze Jahr, mindestens aber 10 Monate schneebedeckt sind. Die Gesellschaft besteht meist nur aus feuchteliebenden Moosen wie Widertonmoos (Polytrichum sexangulare) und Flechten wie der Safranflechte (Solorina crocea). An Blütenpflanzen kommen die Zwerg-Soldanelle (Soldanella pusilla) und das Zwerg-Ruhrkraut (Gnaphalium supinum) vor. Auf Gletschervorfeldern bildet die Assoziation erste Pionierstadien. Die Gesellschaft findet sich in den Zentralalpen, den Karpaten, den Pyrenäen und auch in Skandinavien.

Schneetälchen der Kalkböden mini|Stumpfblättrige Weide (Salix retusa) in Österreich Anders als die Schneetälchen auf Silikat zerfallen die pflanzensoziologischen Verbände auf Kalk in regionale Einheiten.H. Kürschner, G. Parolly, E. v. Raab-Straube 1998: Phytsociological studies on high mountain plant commun ities of the Taurus Mountains (Turkey). 3. Snow-pat ch and meltwater communities. Feddes Repertorium 109, 7-8, 581-616 Allgemein werden Kalkschneeböden aufgrund ihrer andersartigen landschaftsökologischen Ausstattungsmerkmale und der anders gerichteten Rangordnung un Signifikanz einzelner Prozesse im Landschaftshaushalt und deren räumlicher Verbreitung ausgegliedert. Sie sind rangstufig in ihren ökosystemaren Prozessen durch Durchsickerungsregime geprägt, die durch den wasserdurchlässigen Kalkuntergrund keine Haftspeicherung von Bodenwasser über tonig-lehmige Substrate zulassen, wie sie über Böden auf silikatischen Untergrund vorkommen.

Kalkschneetälchen der Alpen