mini|Klasse in einer Pekinger Mittelschule; 2014 Das Schulsystem in der Volksrepublik China umfasst Vorschulen, Grundschulen (小学, Pinyin: xiǎoxué) und Sekundarschulen (中学, zhōngxué), die insgesamt mindestens neun und höchstens zwölf Jahre lang besucht werden, sowie Universitäten. Neben den öffentlichen Schulen ist in der Volksrepublik China ein umfangreiches Netz von Privatschulen (私立学校, sīlì xuéxiào) entstanden.
Geschichte mini|Beamtenprüfung in der Song-Dynastie; Illustration aus dem 11. Jahrhundert mini|Mädchenschule in Che-foo im ehemaligen Kolonialgebiet Kiautschou; ca. 1902
China wird gemeinhin als eine der ältesten Zivilisationen und Hochkulturen der Menschheit bezeichnet. Bereits während der Shang-Dynastie (ca. 1600–1046 v. Chr.) bestand ein Bildungswesen. Die Erziehung war traditionell von der konfuzianischen Philosophie geprägt. Ab dem 9. Jahrhundert existierten nachweislich staatliche Akademien (Shuyuan), die Bildung auf universitärem Niveau anboten. Zudem fungierten daoistische und buddhistische Klöster als Bildungseinrichtungen. Die chinesische Beamtenprüfung diente im Kaiserreich China dazu, eine Bildungselite zu generieren, die den Status quo auf Basis konfuzianischer Vorstellungen erhalten konnte. Der soziale Aufstieg über Bildung stand im Prinzip jedem offen, eine Schulpflicht gab es hingegen nicht. Theoretisch konnte seit dem 11. Jahrhundert jeder Bauer zum höchsten Minister des Reiches aufsteigen, was dieses System zu einer Meritokratie machte. In der jahrhundertelang vorherrschenden Ständeordnung Europas sollte es bis ins späte 19. Jahrhundert hinein dauern, bis sich bei der Besetzung öffentlicher Ämter ähnliche Grundsätze durchsetzen konnten.Caroline Glöckner: Das Bildungswesen in China. In: Christel Adick (Hrsg.): Bildungsentwicklungen und Schulsysteme in Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik. Waxmann 2013, S. 191–212.
Im Zuge der Unterwerfung und Aufteilung Chinas in Einflusssphären europäischer Großmächte kam das Bildungswesen ab Mitte des 19. Jahrhunderts nahezu vollständig zum Erliegen. Gegen Ende des Kaiserreiches waren nach vorsichtigen Schätzungen 80 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Eine der wenigen Ausnahmen stellte das deutsche Kolonialgebiet auf der Shandong-Halbinsel (Kiautschou) mit bildungspolitisch aktiven Ambitionen dar. Mittels großzügiger Schulangebote wurde eine langfristige wirtschaftliche Prosperität der Kolonie und eine Akzeptanz unter der chinesischen Bevölkerung angestrebt, die indirekt zur Stabilisierung der Fremdherrschaft beitragen sollte.Klaus Mühlhahn: Herrschaft und Widerstand in der Musterkolonie Kiautschou. Oldenbourg Verlag, 2000, S. 240–242.
Erst nach der Wiedervereinigung Chinas (1928) konnte die Kuomintang mit einer landesweiten Schulreform beginnen. Bildung wurde ab diesem Zeitpunkt als ein Teil des Nationsbildungsprozesses und der wirtschaftlichen Entwicklung verstanden. Die Ziele konnten jedoch aufgrund des Chinesischen Bürgerkrieges nicht umgesetzt werden. Nach dem Sieg der Kommunisten und der Gründung der Volksrepublik China wurde eine allgemeine Schulpflicht nach dem Vorbild der Sowjetunion eingeführt, die zunächst nur die Grundschule betraf. Später halfen sowjetische Berater beim Aufbau eines Universitätswesens. Unterrichtsmaterialien wurde übersetzt aus der Sowjetunion importiert und der Fächerkanon sowohl an Schulen als auch an Universitäten an dem des sowjetischen Bildungswesens ausgerichtet.Caroline Glöckner: Das Bildungswesen in China. In: Christel Adick (Hrsg.): Bildungsentwicklungen und Schulsysteme in Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik. Waxmann 2013, S. 191–212.
Obwohl das Analphabetentum sich als Hindernis für die Verbreitung der Ideologie der Kommunistischen Partei Chinas erwies, konnte trotz großer Anstrengungen zunächst kein flächendeckendes Schulsystem etabliert werden. Es entstanden individuelle Bildungsprogramme, darunter unter anderem Winterschulen, in denen von 1949 bis 1951 mehr als 60 Millionen Bauern eingeschrieben waren. Mao Zedong förderte Bildung; sein Enthusiasmus, dem sowjetischen Vorbild zu folgen, hielt jedoch nur bis Mitte der 1950er Jahre an und endete mit dem chinesisch-sowjetischen Zerwürfnis.Insup Taylor, Martin M. Taylor: Writing and literacy in Chinese, Korean, and Japanese. John Benjamins Publishing, 1995, S. 43 f.
Während des „Großen Sprungs nach vorn“ wurden überall landwirtschaftliche Mittelschulen sowie sogenannte Arbeits- und Lernschulen eingerichtet, in denen jeder Schüler oder Student dazu angehalten war, nicht nur zu lernen, sondern auch zu arbeiten, beispielsweise in schuleigenen Gärten oder Fabriken. 1965 besuchten rund 85 Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Chinesen eine Grundschule. Bei dieser Entwicklung konnte die Lehrerausbildung nicht mit der gestiegenen Schülerzahl Schritt halten. Ein erhöhter Bildungszugang bedeutete gleichzeitig eine Verschlechterung der Bildungsstandards. Zudem akzeptierte die Bevölkerung die neu eingeführten landwirtschaftlichen Mittelschulen kaum. Auf Hochschulebene nahmen die Neugründungen und die Studierendenzahlen zu. Beides erwies sich als nicht dauerhaft.Caroline Glöckner: Das Bildungswesen in China. In: Christel Adick (Hrsg.): Bildungsentwicklungen und Schulsysteme in Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik. Waxmann 2013, S. 191–212.
Die zehn folgenden Jahre der Kulturrevolution bedeutete für die Bildung einen massiven Rückschritt. Zwischen 1966 und 1969 waren praktisch alle Schulen des Landes geschlossen. Die dadurch beschäftigungslos gewordenen Schüler und Studenten wurden zu einem großen Teil in politische Programme eingebunden. Universitäten öffneten erst wieder zwischen 1970 und 1972. Sie führten zunächst keine normalen Eingangsprüfungen durch, sondern nahmen vorzugsweise solche Bewerber auf, die sich politisch empfohlen hatten. Damit sollte eine Elitenbildung verhindert werden. Die bis dahin vier- oder fünfjährige Hochschulausbildung wurde auf drei Jahre verkürzt, wobei die Studenten einen Teil dieser Zeit mit körperlicher Arbeit verbringen mussten. Bewerbungsvoraussetzung war für die meisten Hochschulbesucher ein zweijähriger Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft.Emily Hannum, Albert Park: Education and Reform in China. Routledge, 2007 S. 282 f. (Seitenzahl falsch, bestrifft Index)
Erst Maos Tod 1976 ermöglichte das Ende der Kulturrevolution. Im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik erfolgten ab 1978 mehrere Schulreformen. Die Schulzeit wurde sukzessive auf zwölf Jahre erweitert und der zweijährige Arbeitseinsatz für Hochschulbewerber entfiel. Spätestens ab Mitte der 1980er investierte der chinesische Staat immense Summen in sein Bildungssystem. Im Mai 1985 veröffentlichte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas einen „Beschluss über die Reform des Bildungswesens“, der die Grundlage für das in der Volksrepublik China bis heute bestehende Schulsystem bildet. 1986 folgte ein Gesetz, das eine allgemeine neunjährige Schulpflicht festschrieb. Weitere Schulreformen schlossen sich 1996, 1999 und 2006 an.Bildungslandschaft: China
Am 12. März 2026 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das vorschreibt, Kinder ab der Vorschule und während ihrer gesamten Schulzeit in Mandarin zu unterrichten. Bis dahin durften einer Minderheit angehörende Kinder Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten.
Gegenwärtiges Schulsystem mini|Selbststudium in einer Shanghaier Mittelschule; 2008 mini|Ganztagsschule im Wuhai-Distrikt, Autonome Region Innere Mongolei; 2016 mini|Chinesische Landschulbusse; 2016 mini|Englischunterricht in einer Klasse der Yucai-Schule in Chongqing, Provinz Sichuan; 2015 mini|Gelände einer Mittelschule in Foshan, Südchina; 2013
Die Verwaltung des chinesischen Bildungssystems ist dezentralisiert, alle Provinzen und Autonomen Regionen besitzen starke Mitspracherechte. Oberste Bildungsbehörde, welche die Rahmenkompetenz für Strukturen im Schul- und Hochschulwesen ausübt, ist das Ministerium für Bildung. Auf Grundlage der verfassungsrechtlich garantierten Autonomierechte der Provinzen wurden die Befugnisse des Ministeriums in Peking bereits in den 1990er Jahren reduziert. Ähnlich wie in der Wirtschaftsverwaltung fand in der Bildungsverwaltung der Volksrepublik China eine starke Deregulierung statt: Kompetenzen wurden an untere Ebenen abgegeben, und diese können Bildung in finanzieller, personeller und inhaltlicher Hinsicht grundsätzlich autonom umsetzen.Caroline Glöckner: Das Bildungswesen in China. In: Christel Adick (Hrsg.): Bildungsentwicklungen und Schulsysteme in Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik. Waxmann 2013, S. 191–212.
Chinas Bildungssystem ist nach der International Standard Classification of Education standardisiert. Die Teilnahme an dem unter der Leitung der UNESCO stehenden weltweiten Bildungsprogramm „Education for All“ (EFA) ist Teil der Internationalisierung und Öffnung Chinas. 2001 hat die Volksrepublik China einen Alphabetisierungsgrad von 98 Prozent der Bevölkerung erreicht.China: Population and Education, Zhongshan University, abgerufen am 19. Dezember 2017 Das vom Ministerium für Bildung 2006 reformierte Gesetz zur Schulpflicht wendet sich explizit gegen das Erheben von Schulgebühren für die Dauer der Schulpflicht, gleichfalls dürfen in keiner Provinz Extragebühren für zum Beispiel Nachhilfestunden an Schulen erhoben werden.Caroline Glöckner: Das Bildungswesen in China. In: Christel Adick (Hrsg.): Bildungsentwicklungen und Schulsysteme in Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik. Waxmann 2013, S. 191–212. Chinesische Städte und Regionen belegten in den letzten Jahren in den Top Ten der Ergebnis-Tabellen der PISA-Studien mehrere Spitzenplätze.PISA-Studie 2015, OECD 2016, abgerufen am 19. Dezember 2017
Kindergärten Der Besuch des Kindergartens ist freiwillig. Er kann im Alter von drei bis fünf Jahren beginnen und dauert bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr. Kindergärten können ganztags, halbtags oder stundenweise besucht werden. Das pädagogische Ziel der Kindergärten besteht darin, die Kinder pädagogisch und sozial auf den Besuch der Grundschule vorzubereiten. Im Vordergrund steht eine altersgerecht emotionale Erziehung. Kindergartenlehrer besuchen vier Jahre lang eine berufsbildende Sekundarschule und unterrichten anschließend, jeweils zu dritt, Gruppen von etwa 35 Kindern.Caroline Glöckner: Das Bildungswesen in China. In: Christel Adick (Hrsg.): Bildungsentwicklungen und Schulsysteme in Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik. Waxmann 2013, S. 191–212.
Die Vorschulerziehung bleibt bei der gesetzlichen neunjährigen Pflichtschulbildung außen vor. Hauptträger der Einrichtungen ist grundsätzlich nicht der Staat, sondern Städte, Gemeinden, Kirchen, Betriebe und private Anbieter. In allen Einrichtungen muss das Erziehungspersonal über entsprechende Qualifikationen verfügen. Die Finanzierung ist in den Provinzen sowie Kommunen unterschiedlich und hängt von der Einrichtung ab. Gute Kindergärten fordern in den Städten hohe Gebühren. Im Allgemeinen hängen die Kosten stark vom Wohnort, dem Träger, dem Alter des Kindes, dem Betreuungsangebot und den Betreuungszeiten ab und werden von sozialen Aspekten, wie dem Einkommen oder der Kinderanzahl in den Familien, beeinflusst. Teilweise gewähren Arbeitgeber oder der Staat Zuschüsse. Auf dem Lande übernehmen die Provinzverwaltungen die Gebühren weitgehend zu einhundert Prozent. Betriebskindergärten sind zumeist ebenfalls kostenlos.Christina Acuna: Bildung und Berufsbildung in der Volksrepublik China. Strukturen, Probleme und Perspektiven. Diplomica Verlag, 2011, S. 23.Björn Thiele: Der chinesische Weg zur Hochschule. GRIN Verlag, 2010, S. 5 f.
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