mini|Erste Buchausgabe aus dem Jahr 1893 Die Memoiren des Sherlock Holmes, erschienen 1893 unter dem englischen Originaltitel The Memoirs of Sherlock Holmes, ist die zweite Sammlung von Detektivgeschichten um Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle. In sämtlichen Geschichten des Bandes fungiert, wie auch in fast allen übrigen Sherlock-Holmes-Geschichten, Holmes’ Freund Dr. Watson als Ich-Erzähler.

Außergewöhnlich an der Geschichtensammlung ist, dass sie sowohl Sherlock Holmes’ ersten Fall (Die ‚Gloria Scott’), der in Rückblenden erzählt wird, als auch seinen – nach Doyles damaliger Planung – letzten Fall (Das letzte Problem) enthält, der mit einem traurigen Nachruf auf den großen Detektiv endet. Zudem enthalten die Geschichten Details aus Sherlock Holmes’ Privatleben, wie die Beziehung zu seinem Bruder Mycroft oder seinen Kokaingenuss.

Die im Januar 1893 im Strand Magazine erschienene Kurzgeschichte The Cardboard Box (deutsch: „Die Pappschachtel“) fiel aufgrund ihres Ehebruch-Themas Doyles Selbstzensur zum Opfer und war nicht Bestandteil des Bandes. Das Holmes’sche Kabinettstückchen vom Anfang dieser Geschichte rettete der Autor jedoch ins Buch hinüber, indem er es kurzerhand der Episode „The Resident Patient“ einverleibte.

Inhalt Silberstern (OT: Silver Blaze, Dezember 1892) Das gelbe Gesicht (OT: The Yellow Face, Februar 1893) Der Angestellte des Börsenmaklers (OT: The Stock Broker’s Clerk, März 1893); Die ’Gloria Scott’ (OT.: The Gloria Scott, April 1893) Das Musgrave-Ritual (OT: The Musgrave Ritual, Mai 1893) Die Junker von Reigate (OT: The Reigate Puzzle, Juni 1893) Der Verwachsene (OT: The Crooked Man, Juli 1893) Der Dauerpatient [auch: Der niedergelassene Patient oder Der Doktor und sein Patient] (OT: The Resident Patient, August 1893) Der griechische Dolmetscher (OT: The Greek Interpreter, September 1893) Das Marineabkommen [auch: Der Flottenvertrag] (OT: The Naval Treaty, Oktober/November 1893) Das letzte Problem (OT: The Final Problem, Dezember 1893)

Silver Blaze

(Dezember 1892)

Holmes und Watson reisen nach Dartmoor. Im Trainingsstall King’s Pyland wurde der Pferde-Trainer John Straker ermordet und der Top-Galopper Silberstern (Silver Blaze) ist spurlos verschwunden. Straker wurde in einer Senke gefunden, sein Kopf war zerschmettert und neben ihm lag ein seltsames Messerchen, dass Watson als Skalpell identifiziert. Der Stallbursche, der in der Tatnacht Wache hatte, wurde mit Opium betäubt. Zunächst gerät ein junger Mann namens Fitzroy Simpson in Verdacht, der Stunden vor dem Mord versucht hatte, den Stallburschen zu schmieren, um Insiderinformationen über das Pferd zu bekommen. Holmes ist jedoch auf einer anderen Spur.

Er verfolgt die Hufspuren des verschwundenen Pferdes und spürt es im nahegelegenen Stall von Trainer Silas Brown auf. Auch dessen Arbeitgeber trainiert Galopper, hat aber derzeit keinen solchen Überflieger wie Silberstern. Holmes lässt das Pferd zunächst bei Brown und sagt seinem Auftraggeber nicht, dass er es wiedergefunden hat. Der Auftraggeber, Silbersterns Besitzer, hat sich nämlich wiederholt abfällig über Holmes’ Fähigkeiten geäußert, was Holmes veranlasst, ihm einen Streich zu spielen.

Einige Tage später findet das große Rennen statt. Ein mächtiger Brauner gewinnt glasklar, und im Sattel sitzt Silbersterns Jockey. Doch Holmes Auftraggeber ist wütend: Das kann nicht sein Pferd sein, es fehlt das namensgebende weiße Abzeichen auf seiner Stirn. Holmes rät ihm, den Pferdekopf mit Spiritus abzuwaschen, denn natürlich ist es der getarnte Silberstern.

Der Konkurrent Silas Brown hatte ihn in der Tatnacht aufgegriffen und mitgenommen. Doch den Trainer Straker hat er nicht getötet. Das war Silberstern selbst, dessen Huf den Trainer unglücklich am Kopf getroffen hat. „Vielleicht mindert es seine Schuld, wenn ich Ihnen sage, dass er in Selbstverteidigung gehandelt hat“, erklärt Holmes Silbersterns verblüfftem Besitzer.

Denn aufgrund einer Rechnung in der Tasche des toten Straker hatte Holmes herausgefunden: Der Trainer führte ein Doppelleben – in Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Mit lukrativen Wetten gegen sein eigenes Pferd wollte er Geld machen. Um auszuschließen, dass Silberstern gewann, wollte er ihm eine Sehne am Hinterbein durchtrennen. Deshalb betäubte er selber den Stallburschen, steckte das Skalpell ein und führte Silberstern vom Hof. Doch das Pferd spürte die Gefahr, schlug aus und traf ihn tödlich. Danach ging es durch und wurde von Silas Brown gefunden. Dieser wird nicht dafür bestraft.

Trivia: Das aus dieser Geschichte stammende Holmes-Zitat „The curious incident of the dog in the night-time“ (das seltsame Vorkommnis mit dem Hund in der Nacht) wurde vor einigen Jahren Titel eines Romans, in dem ein autistischer Junge den Tod eines Hundes aufklärt.

Das gelbe Gesicht (Februar 1893)

Holmes und Watson haben einen Besucher, Grant Munro, der Holmes um Hilfe bei einer Privatangelegenheit bittet. Er befürchtet, dass seine Frau Effie ihm ein schlimmes Geheimnis vorenthält und will nicht eher ruhen, bis er es herausgefunden hat: Munro hat seine Frau vor drei Jahren geheiratet. Sie ist eine Witwe und erst vor einigen Jahren aus Amerika zurückgekehrt, wo sie seit ihrer Kindheit lebte. In Amerika hat sie auch geheiratet, aber ihr Ehemann und Kind sind bei einer Gelbfieberseuche umgekommen. Nach dem Tod von Ehemann und Kind ist sie nach England zu einer Tante in Middlesex gezogen, wo Munro sie kennen und lieben gelernt hat. Die Eheleute lebten bisher sehr glücklich in Norbury und pflegten einen vertrauensvollen Umgang miteinander.

Vor sechs Wochen kam Effie zu Munro und wollte 100 Pfund von ihrem Mann, wollte jedoch nichts zu dem Zweck sagen. Am letzten Montag bezogen neue Nachbarn das bisher leer stehende Landhaus in der Nähe des Wohnsitzes der Munros. Munro beobachtete den Einzug und sah ein unheimliches Gesicht an einem der oberen Fenster: Das Gesicht war sehr starr und von fahler, gelber Farbe. Munro wollte sich daraufhin die neuen Mieter des Hauses genauer ansehen, aber er wurde jedoch von einer Frau an der Tür sofort weggeschickt. Er musste jedoch feststellen, dass seine Frau Effie heimlich den Kontakt mit den geheimnisvollen Nachbarn pflegte, konnte sie jedoch nicht dazu bringen, ihr Geheimnis zu enthüllen, was schließlich in einem Streit endete.

Holmes und Watson vereinbaren mit Munro, dass er zunächst nach Hause nach Norbury fährt und ihnen kabelt, wenn er weiter verdächtige Aktivitäten im Nachbarhaus beobachtet, was er am nächsten Tag auch tut. Holmes vermutet, dass Munros Ehefrau Effie erpresst wird. Er denkt, dass Effies Mann in Wirklichkeit nicht tot ist, sondern Effie vor ihm geflohen ist. Er muss ihren Aufenthaltsort aber herausgefunden haben und droht ihr nun. Die 100 Pfund waren nach Holmes Ansicht gedacht, um ihn zum Schweigen zu bringen, was jedoch nicht gelang. Nun ist er vermutlich im Nachbarhaus, und Effie ist damit beschäftigt, die ungeliebte Nachbarschaft wieder loszuwerden.

Als Holmes und Watson in Norbury eintreffen, gehen sie zum Nachbarhaus und verschaffen sich dort Zutritt. Das Geheimnis wird endlich enthüllt: Das gelbe Gesicht gehört zu einem kleinen schwarzen Mädchen und ist in Wirklichkeit eine Maske, hinter der sie ihr Gesicht versteckt. Effie beichtet nun ihre Geschichte: Sie war mit einem Afroamerikaner glücklich verheiratet. Ihr Ehemann starb bei dem Gelbfieber, ihr Kind jedoch nicht. Sie ist zunächst ohne ihre Tochter nach England gekommen, weil sie ihr die beschwerliche Reise nicht zumuten wollte. Als sie dann in England Munro kennenlernte und heiratete, hatte sie Angst davor, ihm von dem Kind zu erzählen. Als ihre Sehnsucht nach ihrer Tochter übermächtig wurde, benutzte sie die 100 Pfund, um das Kind mit einer Pflegerin nach England zu holen. Die Maske sollte das Kind tragen, damit sich nicht das Gerücht in der Nachbarschaft verbreiten würde, dass hier ein schwarzes Kind wohnte.

Nach der Auflösung der Geschichte reagiert Munro wider Erwarten äußerst verständnisvoll, womit sich der Streit zwischen den Eheleuten beilegt. Holmes und Watson machen sich wieder auf den Weg nach London. Holmes bittet Watson am Abend, er möge ihm bei der nächsten Gelegenheit, wo er wieder einen Fall zu wenig sorgfältig bearbeitet, das Wort „Norbury“ ins Ohr flüstern.

Der Angestellte des Börsenmaklers (März 1893)

Holmes und Watson werden von einem jungen Büroangestellten, Hall Pycroft, um Hilfe gebeten. Er ist vor ein paar Tagen auf geheimnisvolle Weise von einem Mann, Arthur Pinner, überredet worden, seinen neuen Job bei einem Börsenmakler in London, Mawson and Williams, nicht anzutreten. Er soll auch nicht abzusagen, sondern stattdessen bei Pinners Firma in Birmingham arbeiten. Da das Gehalt bei Pinners Firma in Birmingham sehr viel höher ist als das Gehalt bei Mawson and Williams in London, greift Pycroft zu. Sein Misstrauen ist allerdings geweckt, als er merkt, dass die Firma in Birmingham eigentlich nur aus ein paar fast leeren Büroräumen besteht. Seine einzigen Kontakte sind Arthur Pinner in London, der Inhaber der Firma, der ihn angeworben hat, und sein Bruder Harry Pinner in Birmingham, der ihn zu verabredeten Zeitpunkten im Büro trifft und ihm Arbeitsanweisungen gibt. Pycroft entdeckt, dass der angebliche Bruder Harry Pinner eigentlich nur Arthur Pinner ist, der sich in Birmingham verkleidet hat. Dies bewegt Pycroft dazu, nach London zu fahren und Holmes um Rat zu bitten.

Holmes und Watson begleiten Pycroft nach Birmingham zu den Büroräumen der angeblichen Firma, wo sie „Harry Pinner“ Zeitung lesend vorfinden. Dieser hält sie zunächst hin, verschwindet dann aber im Nebenraum. Als er nicht wieder erscheint und seltsame Klopfgeräusche zu hören sind, brechen Holmes und Watson die Tür auf und finden den Mann erhängt vor, können ihn aber gerade noch retten.

Pinner beichtet nun seine Geschichte: Er hat tatsächlich einen Bruder, und beide sind professionelle Räuber. Er war mit der Aufgabe betraut, Pycroft davon abzuhalten, bei der Firma seine Stelle anzutreten, indem er ihn nach Birmingham lockt und mit Aufgaben beschäftigt. In der Zwischenzeit war sein Bruder damit beschäftigt, Pycrofts Stelle einzunehmen und die Sicherheitsmaßnahmen der Firma für ihre Wertpapiere auszuspionieren. Der Bruder verübte nach ein paar Tagen als „Pycroft“ schließlich einen Raubüberfall auf die Firma. Er wurde jedoch bei der Flucht beobachtet und schließlich verhaftet. Pinner hat gerade davon aus der Zeitung erfahren, als Pycroft mit Holmes und Watson eintraf und wollte sich deshalb erhängen.

Die ’Gloria Scott’ (April 1893)

In Die Gloria Scott erzählt Sherlock Holmes seinen ersten Fall. Er kommt darauf, als er Watson einen Brief zeigt, dessen Inhalt augenscheinlich harm- und sinnlos ist. Dennoch genügte er einst, um einen alten Mann zu Tode zu erschrecken.

Die Geschichte: Victor Trevor, ein Kommilitone und Holmes’ einziger Studienfreund, lädt Holmes zu sich nach Norfolk ein. Trevors Vater fordert Holmes, von dessen Methoden er gehört hat, heraus: Er soll ihm sagen, was er über ihn deduzieren kann. Holmes findet u. a. heraus, dass Trevor senior in Verbindung zu einer Person mit dem Kürzel J.A. steht. Nachdem Holmes seine Schlussfolgerungen dargelegt hat, erleidet der alte Mann einen Schwächeanfall. Fortan ist er Holmes gegenüber zutiefst misstrauisch.

Holmes bricht deshalb seinen Urlaub ab und kehrt nach London zurück. Zuvor begegnet er noch einem neuen Besucher, einem Mr. Hudson, der vor etwa dreißig Jahren ein Schiffskamerad des alten Trevor war und diesen jetzt um eine Anstellung bittet.