miniatur|Yves Joseph de Kerguelen de Trémarec
Yves Joseph de Kerguelen de Trémarec (* 13. Februar 1734 in Landudal; † 3. März 1797 in Paris) war ein französischer Marineoffizier, Seefahrer und Entdecker. Er segelte auf zwei Expeditionen zwischen 1771 und 1774 durch den südlichen Indischen Ozean, um zu dem vermuteten Südkontinent Terra Australis zu gelangen. Dabei entdeckte er am 12. Februar 1772 eine Inselgruppe, welche er als La France Australe („Frankreich des Südens“) bezeichnete. James Cook, der die Inseln 1776 aufsuchte, gab ihnen nach dem Erstentdecker den Namen Kerguelen-Inseln.
Familie Kerguelen entstammte einer alten, aber nur wenig wohlhabenden bretonischen Adelsfamilie. Seine Eltern waren Guillaume-Marie de Kerguelen (1701–1750), Offizier im seinerzeit als Régiment du Piémont bezeichneten dritten Infanterieregiment und Kommandeur eines Bataillons der Küstenwachmiliz, sowie Constance-Rose Morice de Beaubois (1702–1746). Er hatte eine jüngere Schwester, Marie-Anne Catherine (1736–1810), die 1759 Louis-Charles Poillot de Marolles heiratete.Genealogie der Familie bei genea.net, abgerufen am 28. Oktober 2012 (französisch).
Offizier in der französischen Marine Nach Abschluss der Schule am Jesuitenkolleg von Quimper trat er 1750 in Brest als Seekadett, damals als Gardes de la Marine bezeichnet, der königlich französischen Marine bei. Diese Ausbildung sollte ihn auf eine Karriere als zukünftiger Offizier vorbereiten. Bereits nach vier Jahren, und obwohl es ihm seinem Range nach eigentlich nicht zugestanden hätte, war er als Adjutant an der Neuvermessung der Küste rund um Brest beteiligt. Im Jahr darauf wurde er Mitglied der ebenfalls in Brest beheimateten Académie de marine.
Nachdem er sein Offizierspatent erlangt hatte, leistete er Dienst auf verschiedenen Schiffen, darunter waren Le Prothe, Le Tigre, L’Algonkin sowie die Fregatten L’Héroine und L’Émeraude. Zeitweise war er auch als Hafenoffizier im Hafen von Brest in der Funktion eines Leutnants der Artillerie tätig. Im Jahre 1757 wurde er in einer Garnison in Dünkirchen stationiert. Dort lernte er seine Ehefrau Marie-Laurence de Bonte kennen, die aus einer flämischen Familie stammte. Beide heirateten im Jahre 1758. Mit ihr sollte er einen Sohn haben, Charles Jean Yves Marie (1767–1843).Genealogie des Sohnes bei genea.net, abgerufen am 28. Oktober 2012 (französisch).
Von Dünkirchen aus wurde er auf der Sage eingesetzt, einem Schiff mit 56 Kanonen und 450 Besatzungsmitgliedern, und nahm mit ihr, wie auch bei einigen der vorangegangenen Fahrten, an den Auseinandersetzungen des Siebenjährigen Krieges in Nordamerika teil. Kerguelen übernahm das Kommando des Schiffes Anfang 1761. Von März bis Juli dieses Jahres führte er eine Fahrt zu den Westindischen Inseln durch, wo er sein Interesse für die Hydrographie entdeckte. 1763 führte er Seevermessungen entlang der bretonischen Küste durch. Nachdem ihn die vorangegangenen Jahre in die verschiedensten Gebiete der Weltmeere geführt hatten, wurde er nun für die nächste Zeit an Land eingesetzt.
Im Juni 1765 endete der Beschuss der an der marokkanischen Küste gelegenen Piratenstadt Larache durch die französische Marine in einem Desaster. Die Gegner nahmen sieben Schiffe ein sowie 48 Franzosen gefangen, etwa 200 wurden getötet. Der Ablauf der Aktion, bei der mehrere kleinere Schiffe den Oued Loukos hinaufgesegelt und dort unter Beschuss geraten waren, regte Kerguelen an, einen neuen Schiffstyp zu entwerfen, ein Kanonenboot mit niedrigem Tiefgang, den er als Corvette-cannonière bezeichnete. Das erste dieser Schiffe, die Lunette, nahm unter dem Kommando von Armand de Kersaint 1767 an einer weiteren Kriegsfahrt gegen die marokkanische Küste teil.
Fahrten in den Nordatlantik 1767–1768 Im Januar 1767 erhielt Kerguelen das Kommando über die Folle, eine ältere, mit 26 achtpfündigen Kanonen und zweihundert Mann Besatzung ausgestattete Fregatte. Mit dieser sollte er, auf Anweisung des Marineministers Praslin, die nordatlantischen Gewässer rund um Island, das seinerzeit noch Teil Dänemarks war, ansteuern. Dort beschäftigten sich französische Fischereiboote während des Sommerhalbjahres mit dem Fang von zu Stockfisch verarbeitbaren Fischen. Kerguelen sollte diese Fischer unterstützen und vor Übergriffen beschützen, aber auch für die Einhaltung der Bestimmungen durch die Fischer sowie gegebenenfalls für Ordnung zwischen den Booten selbst sorgen. Das Hauptproblem lag dabei darin, dass die dänische Krone einige Jahre zuvor ein Monopol für den Fischfang vor der Küste Islands an eine private Gesellschaft vergeben hatte. Damit verbunden war gleichzeitig auch die Genehmigung, ausländische Schiffe, welche dagegen verstießen, aufbringen zu lassen. Drei Jahre zuvor hatte diese auch tatsächlich zwei französische Boote beschlagnahmen und anschließend verkaufen lassen und erst nach einer diplomatischen Intervention die Eigentümer entschädigt.
Nachdem das Schiff so weit ausgerüstet worden war, stach Kerguelen Mitte April von Brest aus in See. Sein Kurs führte ihn an der Mizen-Halbinsel und den Skelligs im Südwesten Irlands vorbei. Am elften Mai kamen die Ausläufer des Vulkans Hekla und die Westmänner-Inseln in Sicht. Die Folle folgte nun der isländischen Küste in westlicher Richtung und traf an verschiedenen Stellen auf Fischer vornehmlich französischer und niederländischer Herkunft, ohne dass sich Besonderes ereignet hätte. Am 22. Mai zwang ein heraufziehender Sturm Kerguelen, in Patriksfjord vor Anker zu gehen. Dort hielt er sich einige Tage auf, um die Umgebung zu erkunden. Infolge eines Sturmes am 29. Mai kamen 36 französische und niederländische Fischereischiffe, teilweise schwer beschädigt, ebenfalls in den Hafen. Kerguelen ließ seine Mannschaft Hilfe bei der Reparatur der Boote leisten und gab gleichzeitig die Mitteilung heraus, dass er sich noch einige Zeit in Patriksfjord aufhalten werde, um gegebenenfalls weitere Unterstützung zu leisten.
Kerguelen waren drei landeskundliche Beschreibungen Islands bekannt: diejenigen von Isaac de La Peyrère aus dem Jahre 1663, Johann Anderson von 1746 sowie Peder Nielsen Horrebow von 1752. Da er diese für unvollständig, fehlerhaft und sich teilweise widersprechend hielt, nutzte Kerguelen die Zeit seines Aufenthaltes, um in längeren Gesprächen mit Eggert Ólafsson (in seinem späteren Reisebericht als Olave bezeichnet), der schon etliche Jahre in Patriksfjord ansässig und nach Kerguelens Meinung von hoher Gelehrsamkeit war, weitere Informationen zur isländischen Natur und Kultur zu sammeln und damit, in Verbindung mit seinen eigenen Beobachtungen, die bestehenden Wissenslücken zu füllen.
mini|Die Färöer-Inseln, wie Kerguelen sie sah
Am 15. Juni verließ die Folle den Hafen und setzte ihre Reise in nördlicher Richtung fort. Seine Absicht war, entlang der Nordküste Islands über die Insel Grímsey und die Halbinsel Langanes die Nordsee zu erreichen. Diese wollte er überqueren und den norwegischen Hafen Bergen ansteuern, um Proviant zu übernehmen und das Schiff ausbessern zu lassen. Am Cap Nord, einem der Ausläufer der Halbinsel Hornstrandir, der heute als Horn bezeichnet wird,Siehe hierzu Gunlaugssons Karte von 1844 sowie die topographische Karte 1:100.000 von 1934. war Schluss: Kerguelen sah sich einer Fläche mit Packeis gegenüber, die er mit seinem Schiff, das er für ungeeignet einschätzte, nicht zu durchfahren wagte. Herbeigerufene Fischerboote, die ihm einen Weg durch das Eis suchen sollten, konnten auch nicht weiterhelfen, und so kehrte die Folle um. Er besuchte die als Vogelinsel bezeichnete Insel Eldey und nahm auch eine Reihe von Buchten an der isländischen Westküste auf. Nächste Ziele waren die Faroer-Inseln, die Kerguelen am 27. Juni in Sichtweite hatte. Er steuerte anschließend zwischen den Inselgruppen Orkney und Shetland hindurch, nahm dabei die Insel Fair auf und erreichte schließlich die norwegische Küste. Am 5. Juli ging die Folle im Hafen von Bergen vor Anker.
In Bergen hielt sich Kerguelen deutlich länger auf als geplant, denn er wollte auf dem Rückweg nach Island die nördlichen Seewege zu der norwegischen Stadt erkunden. Der dafür benötigte Südwind ließ allerdings bis zum 10. August auf sich warten. Sieben Tage später erreichte er Langanes an der isländischen Nordküste. Da er dort nur vereinzelte französische Fischerboote antraf und es ansonsten nichts für ihn zu tun gab, begann er auch diesen Teil der Küste und die dortigen Buchten und Landeplätze aufzunehmen und zu beschreiben. Die zuerst auf niederländischen, später auch auf anderen Seekarten verzeichnete Insel Enchuysen östlich von Island, tatsächlich eine Phantominsel, wollte er ebenfalls aufsuchen, konnte sie aber im angegebenen Gebiet natürlich nicht entdecken. mini|Einsam im Atlantik: die Felseninsel Rockall Als Ende August der Zeitpunkt gekommen war, an dem die französischen Fischer ihre Fangsaison beendeten und sich auf den Weg in ihre Heimathäfen machten, war auch die Mission der Folle beendet. Auf dem Heimweg kam Kerguelen an dem einsam im Meer gelegenen Rockall-Felsen vorbei, er nahm diesen sowie das nahegelegene Helen’s Reef in seinen Bericht auf. Am 9. September traf die Folle in Brest ein.
Für die nächste Fangsaison erhielt Kerguelen den gleichen Auftrag wie im Jahr zuvor. Er erbat sich hierfür ein besser geeignetes Schiff und erhielt es auch: die mit 16 sechspfündigen Kanonen und 120 Mann Besatzung ausgestattete Korvette Hirondelle. Von der ersten Fahrt übernahm er die beiden ersten Stabsoffiziere Ferron und Duchâtel, als weitere Offiziere erhielt er die Herren Soyer de Vaucouleur und Bernard de Marigny zugeteilt. Ebenso wie im Jahr zuvor führte die Fahrt westlich an Irland vorbei, zunächst zu den Ausläufern des Hekla-Vulkans. Nach einem weiteren Besuch der Insel Eldey und einem mehrtägigen Aufenthalt in Patriksfjord, wo er abermals französischen Fischern logistische Hilfe leistete, segelte das Schiff nach Bergen zur Proviantaufnahme und dann an die isländische Nordküste. Auf dem Rückweg nach Frankreich wählte Kerguelen diesmal den Weg über die Nordsee. Hierbei ließ er im Bereich der Doggerbank Messungen vornehmen. Nach zwei Aufenthalten in Ostende und Dünkirchen erreichte die Hirondelle am 29. September Brest. Militärische Zwischenfälle hatte es auch diesmal nicht gegeben.
mini|Seekarte von Bellin mit Kerguelens Route Kerguelen hatte auf den beiden Fahrten jede ihm sich bietende Gelegenheit genutzt, um Messungen der Meerestiefe, der Strömungs- und Windverhältnisse sowie der geographischen Lage vornehmen zu lassen, und auch gezielt Orte angesteuert, von denen er annahm, dass sie auf den ihm vorliegenden Karten unvollständig oder fehlerhaft verzeichnet waren. Sein Werk enthält mehrere Stiche von Küstenansichten sowie Detailkarten einzelner kleinerer Seegebiete, die er ausgiebig aufnehmen ließ; seine gesammelten Messungen führten zu einer deutlichen Verbesserung der Seekarten der von ihm befahrenen Gebiete. Seine Beobachtungen sowie die Ergebnisse der Gespräche, die er mit verschiedenen vor Ort ansässigen Menschen führte, schrieb er ebenfalls nieder, teilweise ergänzt durch erläuternde Bilder: einige ausführlich, wie etwa seine landeskundlichen Betrachtungen zu Island und Grönland oder zum Volk der Lappen, andere als kurze Reflexionen wie etwa zu Entstehung und Bewegung von Eisbergen oder der Ursache des Polarlichts. Auch wenn diese durch Kerguelens persönliche Ansichten teilweise gefärbt waren und damit wissenschaftlichen Standards nicht unbedingt genügten, darüber hinaus auch stark auf den Erzählungen Dritter basierten, bieten sie trotzdem ein Bild zeitgenössischer Zustände und Strukturen und gleichzeitig Einblicke in die Sichtweisen eines wissenschaftlich interessierten französischen Marineoffiziers des 18. Jahrhunderts. Für ihn selbst sollten sie die Empfehlung für zwei großangelegte Expeditionen in den südlichen Indischen Ozean sein.
Erste Südmeerexpedition 1771–1772 mini|Karte der Route von Kerguelens erster Südmeerexpedition