mini|Der Anfang des Politikos in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39)
Der Politikos (griechisch Politikós, lateinisch Politicus, deutsch Der Staatsmann) ist ein in Dialogform verfasstes Spätwerk des griechischen Philosophen Platon. Wiedergegeben wird ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch zwischen einem nicht namentlich genannten „Fremden“ aus Elea und einem jungen Philosophen namens Sokrates, den man heute „Sokrates den Jüngeren“ nennt, um ihn von „Sokrates dem Älteren“, dem berühmten Lehrer Platons, zu unterscheiden. Anwesend sind außerdem Sokrates der Ältere und die Mathematiker Theodoros von Kyrene und Theaitetos.
Die beiden Diskutanten stellen sich die Aufgabe zu bestimmen, was den Staatsmann ausmacht und worin die Aufgabe wahrer Staatskunst besteht. Der an Sachkenntnis weit überlegene Fremde lenkt das Gespräch. Er erklärt Sokrates dem Jüngeren das Wesen der Staatskunst. Zugleich ist der Dialog eine Übung im methodisch sauberen Vorgehen bei einer philosophischen Analyse.
Zur Beantwortung der Frage, was Staatskunst ist, wird die Methode der Dihairesis verwendet. Dabei wird ein allgemeiner Begriff – in diesem Fall „Wissen“ – so lange in Unterbegriffe unterteilt, bis die genaue Definition des untersuchten Begriffs gefunden ist. Auf diesem Weg erarbeiten die Gesprächspartner einen Definitionsvorschlag: Staatskunst ist das Wissen darüber, wie die Menschenherde zu hüten ist. Diese Begriffsbestimmung erweist sich aber als ungenau und muss daher zurückgewiesen werden.
Darauf wählt der Fremde einen neuen Ansatz. Zuerst erzählt er einen Mythos, der illustrieren soll, dass die Bestimmung der staatsmännischen Tätigkeit als Fürsorge eines Hirten für die Menschenherde unzulänglich ist, denn der Zuständigkeitsbereich eines Hirten und Herdenzüchters ist umfassender als der eines Politikers. Dann nimmt der Fremde etwas Vertrautes, die Wollweberei, als Muster, um die Vorgehensweise bei der Begriffsbestimmung des Unbekannten, der Staatskunst, zu demonstrieren. Im „Weber-Gleichnis“ grenzt er die Webekunst von allen anderen Künsten ab, mit denen sie Gemeinsamkeiten aufweist.
Zu definieren ist die Kunst des wahren Staatsmanns, der optimal regiert, da er sich nach wissenschaftlichen Grundsätzen und Erkenntnissen richtet. Ein solcher Herrscher versteht sich als Erzieher der Bürger. Sein philosophisches Wissen befähigt ihn, gegensätzliche Elemente der Menschennatur wie Mut und Besonnenheit richtig „zusammenzuweben“. Dadurch entsteht eine ausgewogene, harmonische Mischung, schädliche Einseitigkeiten werden vermieden. Unter der Lenkung des weisen Staatsmannes orientiert sich die Staatsordnung am richtigen Maß, am Angemessenen, das er dank seiner Messkunst kennt. Das ist der Idealzustand; schriftlich fixierte Verfassungsbestimmungen sind dann überflüssig. Wenn aber ein solcher Staatsmann fehlt, soll die höchste Autorität den Gesetzen zukommen, die umsichtige Gesetzgeber eingeführt haben. Das ist allerdings nur die zweitbeste Lösung, denn ein Regelwerk kann die souveräne Kompetenz eines vorzüglichen Entscheidungsträgers nicht ersetzen.
In der modernen Forschung wird insbesondere das Verhältnis des Politikos zu Platons anderen staatstheoretischen Schriften, der Politeia und den Nomoi, kontrovers diskutiert. Dabei geht es um die Frage, ob der Philosoph seine Meinung in wesentlichen Punkten geändert hat. Viel Beachtung findet auch die Problematik des Gegensatzes zwischen den flexiblen, situationsgerechten Ermessensentscheidungen eines weisen Staatslenkers und den starren, in manchen Fällen kontraproduktiven gesetzlichen Vorschriften. Gesetzliche Normen verhindern zwar schädliche Willkür der Herrschenden, können aber der Lebenswirklichkeit nicht immer gerecht werden.
Umstände, Ort und Zeit
Im Gegensatz zu anderen platonischen Dialogen ist der Politikos nicht als Erzählung eines Berichterstatters gestaltet. Das Geschehen ist nicht in eine Rahmenhandlung eingebettet, sondern setzt unvermittelt ein und wird durchgängig in direkter Rede wiedergegeben („dramatische Form“).
Der Politikos ist der dritte Teil einer Trilogie, einer Gruppe von drei inhaltlich und szenisch verknüpften Dialogen, die sich innerhalb von zwei Tagen abspielen. Der erste von ihnen ist der Theaitetos, in dem Sokrates der Ältere mit Theaitetos und Theodoros über Erkenntnistheorie diskutiert; der jüngere Sokrates hört schweigend zu. Am folgenden Tag treffen sich diese Männer zu einer neuen Diskussion, die im Dialog Sophistes dargestellt ist. Hinzu kommt nun ein weiterer Gesprächsteilnehmer, der sachkundige Fremde aus Elea, der eine zentrale Rolle übernimmt. In englischsprachiger Fachliteratur wird er gewöhnlich ES („Eleatic Stranger“) genannt. Wiederum beteiligt sich Sokrates der Jüngere nicht an der Debatte. Auch sein Namensvetter hält sich ganz zurück. Das Ausgangsthema ist diesmal die Definition des Begriffs „Sophist“. Dabei wird Platons sehr negatives Verständnis der Sophistik, einer umstrittenen Bildungsbewegung, zugrunde gelegt; sie wird als eine bestimmte Täuschungskunst definiert. Am selben Tag folgt der dritte Dialog, der Politikos, der im selben Kreis stattfindet wie der Sophistes. Nachdem es gelungen ist, die Natur des Sophisten zu bestimmen, stehen noch die Definitionen des Staatsmanns und des Philosophen aus. Die Philosophie und Staatskunst, zwei aus der Sicht des Autors seriöse Wissenschaften, sollen in ihrer Eigenart ergründet, korrekt beschrieben und von der Sophistik, die Platon als Schwindel betrachtet, abgegrenzt werden. Zuerst wird die Definition des Staatsmanns in Angriff genommen; sie bildet das Thema des Politikos. Ob Platon noch einen weiteren, der Besonderheit des Philosophen gewidmeten Dialog mit dem Titel Philosophos geplant hat, ist unklar; jedenfalls hat er ihn nicht geschrieben.Zum möglicherweise geplanten Dialog Philosophos siehe Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 246, 252 f. sowie die eingehende Untersuchung von Mary Louise Gill: Philosophos. Plato’s Missing Dialogue, Oxford 2012. Verworfen wird die Annahme, dass Platon einen solchen Dialog plante, u. a. von Bernd Effe: Der Herrschaftsanspruch des Wissenden: Politikos. In: Theo Kobusch, Burkhard Mojsisch (Hrsg.): Platon. Seine Dialoge in der Sicht neuer Forschungen, Darmstadt 1996, S. 200–212, hier: 200 f.
Die drei fiktiven Dialoge der Trilogie spielen sich im Frühjahr 399 v. Chr. ab, kurze Zeit bevor Sokrates der Ältere zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Im Theaitetos wird erwähnt, dass die Anklage gegen ihn bereits erhoben ist.Platon, Theaitetos 210d. Der Schauplatz der Dialoge ist die Palaistra – ein für Ringkämpfe bestimmter Übungsplatz – in einem Gymnasion. Die Gymnasien dienten damals in erster Linie der körperlichen Ertüchtigung; außerdem war eine Palaistra auch ein sozialer Treffpunkt der Jugend. Nach Platons Darstellung hielt sich der ältere Sokrates gern an solchen Orten auf, wo sich Gelegenheit zu fruchtbaren Gesprächen mit jungen Männern und Jugendlichen bot.
Teilnehmer
Theodoros und der ältere Sokrates beteiligen sich im Politikos nur anfangs kurz an der Unterredung und beschränken sich dann aufs Zuhören. Unklar ist, ob der ältere oder der jüngere Sokrates das kurze Schlusswort spricht.Siehe zu dieser Frage Mary Louise Gill: Philosophos. Plato’s Missing Dialogue, Oxford 2012, S. 200 f.; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 246; Monique Dixsaut: Métamorphoses de la dialectique dans les dialogues de Platon, Paris 2001, S. 234 Anm. 1; Friedo Ricken: Platon: Politikos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2008, S. 230. Theaitetos greift diesmal überhaupt nicht ein, denn jetzt soll der jüngere Sokrates seine Fähigkeiten erproben und sich im Zwiegespräch mit dem Fremden bewähren. Der eigentliche Dialog spielt sich somit nur zwischen diesen beiden ab. Der Fremde legt seine Auffassungen dar, während sich sein junger Gesprächspartner über weite Strecken darauf beschränkt, Zustimmung zu äußern und Fragen zu stellen.
Ob sich hinter dem mysteriösen Fremden aus Elea, dessen Name verschwiegen wird, eine bestimmte historische Person verbirgt, ist unklar und in der Forschung umstritten. Der Eleate tritt mit großer Autorität auf, seine Ausführungen in den Dialogen bestimmen den Gesprächsverlauf und werden zustimmend aufgenommen. Daher ist die Annahme verbreitet, dass er Platons eigene Auffassung ausdrückt. Dafür scheint insbesondere zu sprechen, dass der ältere Sokrates, der in Platons Dialogen gewöhnlich die Position des Autors vertritt, im Sophistes und im Politikos nur zuhört und keine Einwände erhebt, also anscheinend die Ergebnisse gutheißt. Allerdings teilen nicht alle Philosophiehistoriker dieses Verständnis. Abweichenden Hypothesen zufolge hält Platon kritische Distanz zur Untersuchungsmethode des Fremden und will dem Leser deren Unzulänglichkeit vor Augen führen. In diesem Sinne ist das Schweigen des älteren Sokrates sogar als stillschweigende Missbilligung gedeutet worden.Francisco J. Gonzalez: The Eleatic Stranger. His Master’s Voice? In: Gerald A. Press (Hrsg.): Who Speaks for Plato?, Lanham 2000, S. 161–181; Harvey R. Scodel: Diaeresis and Myth in Plato’s Statesman, Göttingen 1987, S. 14–19, 166 f. Vgl. Lisa Pace Vetter: „Women’s Work“ as Political Art, Lanham 2005, S. 84–92, 120 f.; David A. White: Myth, Metaphysics and Dialectic in Plato’s Statesman, Aldershot 2007, S. 7 f., 16; Friedo Ricken: Platon: Politikos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2008, S. 234 Anm. 1. Giuseppe Agostino Roggerone meint, der Standpunkt des Fremden sei nicht der platonische, sondern der des jungen Aristoteles, der zur Zeit der Abfassung des Dialogs noch zu Platons Schülern zählte.Giuseppe Agostino Roggerone: La crisi del Platonismo nel Sofista e nel Politico, Lecce 1983, S. 45–79. Die gegenteilige, in der Forschung vorherrschende Auffassung, wonach der Fremde als Platons Sprecher fungiert, vertreten beispielsweise Maurizio MiglioriMaurizio Migliori: Arte politica e metretica assiologica, Milano 1996, S. 208 f., 214–216. und Thomas Alexander Szlezák.Thomas Alexander Szlezák: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 168–175, 191 f. Szlezák sieht in dem Fremden einen didaktisch versierten, intellektuell überlegenen Dialektiker.Thomas Alexander Szlezák: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 175.
Im Sophistes führt Theodoros den Fremden als „Gefährten“ der Philosophen um Parmenides und dessen Schüler Zenon von Elea ein.Platon, Sophistes 216a. Parmenides und Zenon lebten im damals griechisch besiedelten Süditalien, wo Parmenides der namhafteste Vertreter der nach seiner Heimatstadt Elea benannten eleatischen Schule war. Somit zählt nach Platons Darstellung auch der Fremde zu dieser Richtung. Allerdings tritt der Fremde keineswegs als konsequenter Vertreter der reinen Lehre der eleatischen Schule auf. Vielmehr kennt und kritisiert er die Schwächen des starren eleatischen Weltbilds. Darin stimmt seine Auffassung mit derjenigen Platons überein, dessen Ontologie (Lehre vom Sein) eine Überwindung des eleatischen Konzepts vom Sein und Nichtsein voraussetzt.Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 241 f., 244; Friedo Ricken: Platon: Politikos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2008, S. 87 f.