mini|Johann Heinrich Graf von Bernstorff Johann Heinrich Graf von Bernstorff (* 14. November 1862 in London, Vereinigtes Königreich; † 6. Oktober 1939 in Genf, Schweiz) war ein deutscher Diplomat und Politiker (DDP). Der einflussreichen deutsch-dänischen Politiker- und Diplomatenfamilie Bernstorff entstammend machte er ebenfalls Karriere im diplomatischen Dienst des Deutschen Kaiserreichs. Er war von 1908 bis 1917 deutscher Botschafter in den Vereinigten Staaten, anschließend bis 1918 im Osmanischen Reich. In der Weimarer Republik war er von 1921 bis 1928 Reichstagsabgeordneter. Ab 1921 war Bernstorff zudem Präsident der Deutschen Liga für Völkerbund und 1929 Präsident des Weltverbandes der Völkerbundligen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte er in die Schweiz.

Leben

Herkunft, Ausbildung und frühe Jahre Bernstorff wurde in London als Sohn des damaligen preußischen Gesandten und früheren Außenministers Albrecht von Bernstorff und jüngerer Bruder von Percy von Bernstorff und Andreas von Bernstorff geboren. Das erste Jahrzehnt seiner Kindheit verbrachte er in London, Englisch wurde seine zweite Muttersprache. Als sein Vater 1873 starb, kehrte seine Mutter Anna, geborene Freiin von Koenneritz (1821–1893) zurück auf das Gut Stintenburg am Schaalsee in Mecklenburg. Er besuchte Internate: eine Vorbereitungsschule in Sulza (Thüringen), das Viztthum-Gymnasium in Dresden, dann bis zum Abitur 1881 das Gymnasium Lauenburgische Gelehrtenschule in Ratzeburg.Reinhard R. Doerries: Washington – Berlin 1908/1917. Die Tätigkeit des Botschafters Johann Heinrich Graf von Bernstorff in Washington vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg. Schwann, Düsseldorf 1975, S. 17.

Ihn zog es wie seinen Vater und Bruder in den diplomatischen Dienst. Ein politischer Streit mit der Familie Bismarck, insbesondere Herbert von Bismarck, blockierte das zunächst. Stattdessen trat er nach Familientradition in ein Berliner Garderegiment ein, das 1. Garde-Feld-Artillerie-Regiment, und blieb dort acht Jahre lang aktiver Offizier. Er war nicht gern Soldat, aber sein Status gab ihm Zugang zum Potsdamer und Berliner Hof und zur höheren Gesellschaft.Bernstorff, Johann Heinrich von. Erinnerungen und Briefe. Zürich: Polygraphischer Verlag 1936, S. 15f. (Digitalisat).

Am 14. November 1887 heiratete der Leutnant die gebürtige Amerikanerin Jeanne Luckemeyer (* 13. Dezember 1867 in New York; † 26. April 1943 in Washington, D. C.), Tochter des New Yorker Kaufmanns Eduard (Edward) Luckemeyer (1830–1907) und Enkelin des Düsseldorfer Unternehmers und Politikers Carl Luckemeyer. Sie hatten zwei Kinder, Christian Günther (* 1891 in Berlin) und Luise Alexandra (* 1888 in Berlin).Von Bernstorff’scher Familienverband. Die Familiengeschichte von den Anfängen bis 1982. https://www.vonbernstorff.net/geschichte-buch?view=book&id=365 (26..6.2024) Ihre Tochter trug nach ihrer Heirat den Namen Alexandra Prinzessin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg.

Diplomatische Laufbahn 1888 begann seine Laufbahn als Diplomat, nachdem das Verhältnis zu Herbert von Bismarck wieder geheilt war. Er wurde noch als Offizier als Attaché an die Botschaft in Konstantinopel kommandiert, kehrte aber 1890 nach Berlin zurück, wo er 1892 das Diplomatenexamen bestand. Es folgten Stationen als Legationssekretär in Belgrad (1892/93), Dresden (1894/95) und Sankt Petersburg (1896/97), als Legationsrat in München (1897–1902). Seine Karriere machte einen Sprung, als er 1902 als Botschaftsrat nach London gesandt wurde, 1906 als Generalkonsul nach Kairo.Bernstorff, Johann Heinrich von. Erinnerungen und Briefe. Zürich: Polygraphischer Verlag 1936, S. 16ff. (Digitalisat). Dort erlangte er erste weltpolitische Bedeutung, als er 1906 versuchte, die Marokkokrise zu entschärfen. mini|Johann Heinrich Graf von Bernstorff in Diplomatenuniform mit Orden (vor 1917)Von 1908 bis 1917 war Bernstorff Kaiserlicher Botschafter in Washington, D. C. Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges versuchte er den Kriegseintritt der USA zu verhindern, was ihm – im Zusammenwirken mit US-Präsident Woodrow Wilson – trotz mehrerer antideutscher Krisen in der öffentlichen Meinung der USA (z. B. Lusitania-Versenkung) bis zur Wiederaufnahme des unbeschränkten U-Boot-Krieges durch Deutschland und die folgende Kriegserklärung der USA im April 1917 für längere Zeit gelang. Zu diesem Zweck opponierte Bernstorff heftig gegen die Pläne seines eigenen Landes zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg und unterstützte die Friedenspolitik von Präsident Wilson, auf dessen ernsthafte Vermittlungsvorschläge an beide kriegführenden Bündnisse er Hoffnungen setzte.

Allerdings deckte er die deutschen Propaganda-Aktivitäten sowie Agentenringe, Spionage- und Sabotage-Operationen in den USA, die der Militärattaché Franz von Papen gemeinsam mit Marineattaché Karl Boy-Ed leitete. Zwar rechtfertigte Bernstorff sich später, Berliner Instruktionen für die Agenten seien an ihm vorbeigegangen; dies wird von der Forschung jedoch nicht als völlig glaubhaft eingestuft – gerade weil er sich zeitweilig energisch gegen Berliner Geldtransfers an Agenten verwandte und versuchte, sich so wenig wie möglich zu informieren, was Papens Agenten taten. Bernstorff habe sich sehr wohl im „Zwielicht“ befunden und das auch gewusst.Reinhard R. Doerries: Washington – Berlin 1908/1917. Die Tätigkeit des Botschafters Johann Heinrich Graf von Bernstorff in Washington vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg. Schwann, Düsseldorf 1975, S. 201f.

Als die antideutsche Stimmung wuchs, wurde Bernstorff persönlich zur Zielscheibe von Polemik, Propaganda und Hassreden in Reden, Artikeln und Karikaturen. In Bildersammlungen wie der Library of Congress sind zahlreiche Cartoons erhalten, die Bernstorff aufs Korn nahmen.Library of Congress, format: Photo, Print, Drawing, subject: Editorial Cartoons, Suchergebnisse Bernstorff [4.7.2024]„Johann Heinrich von Bernstorff German ambassador in USA“, in: WW1 - 1914-1918 Looks of War photographers [4.7.2024] Karikaturen in Rogers, W. A. (1917). America's Black and White Book: One Hundred Pictured Reasons Why We Are At War. Cupples & Leon, New York, auf Gutenberg.org [4.7.2024] Renommierte Hochschulen wie Princeton, Brown, Chicago, Pittsburgh und Union College entzogen ihm die zuvor verliehenen Ehrengrade. Selbst die 1915–17 sehr feindselige New York Times räumte im Rückblick 1936 mit Bedauern ein, er sei von ihr selbst und der amerikanischen Öffentlichkeit „geschmäht und beleidigt“ und „wie ein Schwerverbrecher behandelt“ worden, teilweise „hysterisch“. Nur wenige Personen des öffentlichen Lebens hätten ihn und seine besten Absichten und Versuche verteidigt, den Frieden zu erhalten. Erst Jahrzehnte später erkannten viele Amerikaner, „wäre Berlin seinen Ratschlägen gefolgt, wäre die Geschichte zum großen Vorteil Deutschlands und der Vereinigten Staaten völlig anders verlaufen“.Thompson, Ralph. „Books of The Times“. New York Times, 10. Oktober 1936, S. 15, abgerufen von https://timesmachine.nytimes.com/timesmachine/1936/10/10/issue.html [4.7.2024]

Umso eifriger betrieben die Alldeutschen und die Oberste Heeresleitung seine „Kaltstellung“, die 1917 nach dem Kriegseintritt der USA mit der Versetzung als Botschafter nach Konstantinopel erfolgte. Dort sah sich Bernstorff, nicht immer glücklich agierend, mit den Folgen des Völkermords an den Armeniern von 1915/16 konfrontiert, die während der osmanischen Besetzung von Baku 1918 erneute Pogrome an Armeniern auslösten. Anders als der frühere deutsche Botschafter, Graf Wolff-Metternich, hat Bernstorff das heikle Thema eher zu umgehen versucht. Zu diesem wenig rühmlichen Kapitel seiner Karriere schwieg er später in seinen Memoiren.

Intensiv hingegen hat Botschafter Bernstorff damals mit der verbündeten osmanischen Regierung über die Errichtung einer „Heimstätte“ für auswanderungswillige europäische Juden in Palästina verhandelt. Dabei sorgte Bernstorff im Zusammenspiel mit dem in der Türkei tätigen deutschen General Erich von Falkenhayn dafür, dass Überlegungen der Jungtürken, die als politisch unzuverlässig eingestufte jüdische Bevölkerung Palästinas ähnlich brutal wie die Armenier in Todesmärschen zu deportieren, nicht ausgeführt wurden. Der damalige osmanische Großwesir Talât Pascha erklärte gegenüber Bernstorff ausdrücklich: „Nous avons fait beaucoup de mal aux armeniens, mais nous ne ferons rien aux juifs.“ („Wir haben den Armeniern viel Böses angetan, aber wir werden den Juden nichts tun.“)

Politiker in der Weimarer Republik mini|von Bernstorff (1930)|links

Kurz vor Kriegsende lehnte Bernstorff im Oktober 1918 den von Reichskanzler Max von Baden angebotenen Posten als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ab. Er wurde dennoch von Konstantinopel nach Berlin befohlen, um die Verhandlungen mit Wilson zu unterstützen. Er leitete die Vorbereitende Kommission für die Friedensverhandlungen, geriet allerdings in eine Rivalität mit seinem Vetter Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, der erster Außenminister der Republik wurde.Reinhard R. Doerries: Washington – Berlin 1908/1917. Die Tätigkeit des Botschafters Johann Heinrich Graf von Bernstorff in Washington vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg. Schwann, Düsseldorf 1975, S. 21f.

Bernstorff quittierte den aktiven Dienst. Er gehörte zu den prominenten Politikern der liberalen Deutschen Demokratische Partei (DDP). Zu seinen politischen und auch privaten Freunden gehörte Außenminister Walter Rathenau (DDP). Bernstorff war 1919 Mitgründer des Demokratischen Klubs in Berlin. alternativtext=Foto des Palais Sonnenhof in Starnberg, von 1920 bis 1934 bekannt als Villa Graf Bernstorff.|mini|Palais Sonnenhof in Starnberg bei München, von 1920 bis 1934 bekannt als Villa Graf Bernstorff. Aufnahme von 2009. Von 1920 bis 1934 war sein Wohnsitz und zweiter Wirkungskreis Bayern. Im oberbayerischen Starnberg erwarb er von Julius Böhler das 1912 errichtete „Palais Sonnenhof“, nach seinem neuen Eigentümer dann auch „Villa Graf Bernstorff“ für 1,1 Millionen Reichsmark; Bernstorff ließ das luxuriöse Anwesen baulich erweitern.Gerhard Schober: Landkreis Starnberg (= Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege [Hrsg.]: Denkmäler in Bayern. Band I.21). 2. Auflage. München/Zürich 1991.Gerhard Schober: Frühe Villen und Landhäuser am Starnberger See. Oreos Verlag, 2. Auflage 1999.

Für die DDP zog Bernstorff 1921 als Abgeordneter des Wahlkreises 13 in Schleswig-Holstein in den Reichstag ein, dem er bis 1928 angehörte und in dem er sich insbesondere für den Völkerbund einsetzte. 1921 wurde er Präsident der Deutschen Liga für den Völkerbund.Ursula Fortuna: Der Völkerbundsgedanke in Deutschland während des Ersten Weltkrieges. Europa-Verlag, Zürich 1974, ISBN 3-85665-503-4, S. 240. Er setzte sich für den Eintritt Deutschlands in diese von vielen Deutschen als Organisation der Siegermächte abgelehnte Staatengemeinschaft ein. 1929 wurde er zum Präsidenten des internationalen Verbands der Völkerbundligen gewählt. Er war Teilnehmer aller deutschen Völkerbunds-Delegationen. Zwischen 1926 und 1931 vertrat er Deutschland als Delegierter bei der Vorbereitenden Abrüstungskonferenz für internationale Verständigung. Bernstorff war eines der wenigen liberalen Mitglieder des eigentlich von der SPD geprägten Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.

Publizistisches Wirken