mini|Nivelles in der Provinz Wallonisch-Brabant Die Killerbande von Brabant (niederländisch Bende van Nijvel, französisch Les Tueurs du Brabant) wird für eine Serie von Raubüberfällen, die sich zwischen 1982 und 1985 überwiegend in der belgischen Provinz Brabant ereigneten und 28 Todesopfer und über 20 Verletzte forderten, verantwortlich gemacht. Die Stadt Nivelles in der Provinz Wallonisch-Brabant galt als geographisches Zentrum dieser Verbrechen. Sie gelten, neben dem Fall Dutroux, als die aufsehenerregendsten der belgischen Nachkriegszeit.
Die Gruppe führte die bewaffneten Überfälle auf Restaurants, Juweliere, Einzelhändler, Supermärkte und ein Waffendepot mit beinahe militärischer Präzision aus. Bei ihren Raubüberfällen gingen die Täter mit größter Rücksichtslosigkeit und Kaltblütigkeit vor und erschossen dabei jeweils wahllos auch unbeteiligte Passanten oder Kunden, darunter bei dem letzten großen Überfall in Aalst 1985 auch ein neunjähriges Kind, das in einem Auto außerhalb des Supermarkts wartete. Einige Opfer sollen auch gefoltert worden sein. Auffallend war auch, dass sie bei ihren Raubzügen nur niedrige Geldbeträge oder Diebesgut mit geringem Sachwert (Wein, Kaffee, wertloser Schmuck usw.) sowie Autos der Marke VW entwendeten. Die bei den Morden verwendeten Tatwaffen waren teilweise aus einem Waffendepot der Polizei gestohlen worden, die kugelsicheren Westen aus einem Textilgeschäft.
Die Mordserie war in zwei Wellen geteilt: Zwischen dem 14. August 1982 und dem 1. Dezember 1983 kam es zu elf Raubüberfällen mit 12 Todesopfern. Mehr als ein Jahr später kam es zwischen dem 27. September und 9. November 1985 zu einer zweiten, weitaus brutaleren Welle mit drei Raubüberfällen mit 16 Todesopfern. Nach dem letzten Überfall, dem „Massaker von Aalst“, verschwanden die Täter spurlos.
Die Serie von Gewalttaten versetzte für einige Jahre ganz Belgien in Unruhe. Die Täter trugen Masken und sind bis heute nicht identifiziert. Ebenso kann über ihre Motive nur spekuliert werden. Es gibt zahlreiche Theorien dazu, und immer wieder berichten die belgischen Medien von Waffenfunden, neuen Spuren oder (vermeintlichen) Zeugen. Im Zuge der Serie wurden Polizeireformen durchgeführt. mini|„zum Gedenken an die Opfer der Anschläge zwischen 1981 und 1985“. Monument in Aalst für die Opfer von de Bende van Nijvel. Nach Aussagen von Augenzeugen bestand die Killerbande von Brabant aus drei Haupttätern, die in verschiedenen Konstellationen bei jeder Tat als Anführer auftraten, und einer größeren Anzahl wechselnder weiterer Täter. Die drei Anführer waren der Riese («le Géant», de reus – so genannt wegen seiner Körpergröße), der Killer («le Tueur», de killer – dieser tötete 23 von insgesamt 28 Opfern) und der wegen seines höheren Alters so genannte alte Mann («le Vieux», de oudere man).
Mögliche Motive und Hintergründe Die ungewöhnliche Professionalität und Brutalität bei der Ausführung der Verbrechen sowie die in Relation geringe und bizarre Beute führte dazu, dass sich in der belgischen Öffentlichkeit mehrere Theorien über die Hintergründe der Taten verbreiteten. Ein großer Teil dieser ist zwar mittlerweile widerlegt oder wird stark bezweifelt, taucht jedoch regelmäßig in der öffentlichen Diskussion wieder auf.
Polizeilicher Hintergrund der Täter Am weitesten verbreitet ist die Vermutung, dass die Täter entweder Komplizen in den Sicherheitsbehörden oder sogar selbst einen möglichen polizeilichen oder militärischen Hintergrund hatten.
Als Indiz gilt das extrem professionelle Vorgehen der Bande. So sollen die Formationen, Handzeichen, Umgang mit Waffen und das generelle Vorgehen der Bande bei den Raubüberfällen und Feuergefechten, von dem die Augenzeugen und Polizisten berichteten, stark an das der belgischen Gendarmerie oder Spezialeinheiten wie der Gruppe Diana erinnern. Auch das perfekte Antizipieren der Reaktionen der Polizei spricht für umfassendes Wissen über Polizeiarbeit. Dazu hatte die Gruppe Insiderwissen über die Aufenthaltsorte von Waffen und Ausrüstung sowie die ausgeraubten Ziele und Fluchtrouten. So hatten sie bei ihrem Angriff auf das Textilgeschäft Wittock-Van Landeghem in Temse am 10. September 1983 genau zu dem Zeitpunkt zugeschlagen, als das Geschäft einen geheimen Auftrag der belgischen Polizei bekommen hatte, modernste Kevlarwesten herzustellen, und deren Prototypen sich im Lager befanden.
Die Ermittlungsarbeit wurde durch das Ignorieren, Verschleppen oder Zerstören von Beweisen stark behindert, was entweder auf eklatante Fehler oder aktive Sabotage hindeutete. Mehrere Mitglieder von Polizei, Gendarmerie und Ermittlungsbehörden wurden der Sabotage und Beweisverschleppung bezichtigt. Mitglieder des Untersuchungsausschusses beschwerten sich über die fehlende Koordination und Kommunikation sowie das Konkurrenzdenken, auch bedingt durch die Sprachbarriere, unter den verschiedenen ermittelnden Behörden. Justizminister Koen Geens berichtete 2017 vor einem parlamentarischen Ausschuss, es habe in der Vergangenheit Versuche gegeben, die Ermittlungen zu manipulieren. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss 1988 forderte in Folge der behördlichen Versäumnisse ein Kontrollorgan zur Überwachung der belgischen Geheimdienste. Dies führte am 18. Juni 1991 zur Verabschiedung eines Gesetz, das die Gründung des Komitee P zur Kontrolle der Polizei sowie des Komitee I zur Kontrolle der Geheimdienste beschloss. Die Polizeireform 2001, die u. a. zur Abschaffung der drei Polizeidienste (Lokalpolizei, Justizpolizei, Gendamerie) geführt hat, wird neben dem Fall Dutroux auch mit dem Umgang mit der Bande erklärt.
Verschwörungstheorien zu Gladio Im Zuge der Aufdeckung von Gladio 1990 wurde die Mordserie von Brabant wiederholt mit einer Verschwörung innerhalb der belgischen Stay-behind-Organisation SDRA8 in Verbindung gebracht. Diese agierte getarnt innerhalb des militärischen Nachrichtendienstes Algemene Dienst Inlichting en Veiligheid (ADIV), der belgischen Gendarmerie SDRA6 und in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Nachrichtendienst Defense Intelligence Agency (DIA).
Eine Untersuchung des belgischen Parlaments fand keine stichhaltigen Beweise, dass Gladio involviert war oder dass kriminelle Gruppierungen das Stay-Behind-Netzwerk infiltriert hatten.Belgischer Senat (franz./holl.; PDF-Datei; 28,29 MB) Die diesbezüglichen Ermittlungen der Untersuchungskommission wurden von den Leitern mehrerer belgischer Geheimdienste massiv behindert, die sich weigerten, Namenslisten der SDRA8 an die Untersuchungskommission zu übergeben, womit sie rechtswidrig ausdrückliche Anweisungen des belgischen Verteidigungsministers und des Justizministers missachteten.Daniele Ganser: In: The Whitehead Journal of Diplomacy and International Relations, South Orange NJ, 2005, Vol. 6, 1, S. 85.
Verbindungen zu rechtsextremen Milizen Weitere Vermutungen weisen auf eine angebliche Verbindungen zu rechtsextremen bzw. neofaschistischen Gruppen in Belgien hin.
Das Motiv der Bande sei nicht die Erbeutung des auffallend geringen Diebesgut gewesen sein, sondern, Chaos zu stiften und das Land zu destabilisieren. Im Kontext der zeitgleichen Aktivitäten der linkextremen CCC in Belgien hätten sie versucht, eine Strategie der Spannung ähnlich wie im Italien der 70er Jahre zu erzeugen, um einen rechten Umsturz herbeizuführen. Bereits 1973 hatten Gruppen aus dem Umfeld des rechtsextremen Nouvelle Europe Magazins einen Putsch geplant. Oftmals wird in diesem Kontext die rechtsextreme Miliz Front de la Jeunesse (FJ) sowie deren Ableger Westland New Post (WNP) genannt, die ebenfalls mit mehreren Mordfällen und Diebstahl von Militärausrüstung und NATO-Dokumenten in Verbindung gebracht werden. WNP verfügte über Verbindungen in Gendarmerie und Militär und war laut Mitgliedern auch Teil des Gladio-Netwerks.
Der ehemalige Gendarme und verurteilte Mörder Madani Bouhouche war Neonazi, nahm an Waffenübungen der WNP Teil und galt lange Zeit als Verdächtiger. 1986 wurde der Waffeningenieur Juan Mendez erschossen in seiner Wohnung aufgefunden. Bouhouche war anwesend und wurde als Tatverdächtiger festgenommen, später aber freigesprochen. Mendez soll sich zuvor mehrmals bei der Polizei gemeldet haben, da er Bedenken hatte, dass Bouhouche Waffen von ihm entwendet habe und diese möglicherweise die Tatwaffen der Brabant-Bande waren. Ebenfalls soll Bouhouche mit seinem Komplizen Robert Beijer zeitgleich zur Bande ähnliche kriminelle Machenschaften betrieben haben. Bouhouche und Beijer wurden im Fall Brabant jedoch nie angeklagt.
Mehrere Mitglieder von WNP, darunter der ehemalige Vize-Anführer Michel Libert, sagten aus, dass sie wenige Wochen vor Beginn der Aktivitäten der Killerbande als Trainingsaufgabe beauftragt wurden, Supermarktfilialen von Delhaize auszuspähen und Informationen über deren Sicherheitsvorkehrungen zu sammeln. Wenige Wochen später wurden ebenjene Filialen von der Bande überfallen. Außerdem soll die FJ Waffenübungen im selben Wald abgehalten haben, der später von der Killerbande genutzt wurde. Vertreter der Hypothese spekulieren, dass die Pause der Angriffe der Killerbande zwischen Dezember 1983 und September 1985 der Auflösung der FJ und einer Welle an Razzien und Verhaftungen im Umfeld von FJ und WNP geschuldet waren.
Die Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass keine rechtsextreme Organisation wie FJ oder WNP in die Mordserie verwickelt war.
Rosa Ballette Eine weitere Theorie beruht auf den sogenannten Rosa Ballettenvgl. Der Spiegel 43/1996 Rosa Ballett-Wer gehört zur Klientel von Kinderschänder Marc Dutroux? Die Spuren führen in beste Kreise. , online unter Rosa Ballett-Wer gehört zur Klientel von Kinderschänder Marc Dutroux? Die Spuren führen in beste Kreise. , spiegel.de, 21. Oktober 1996 (niederländisch Roze Balletten; französisch les ballets roses; auch DOSSIER PINON).http://www.rtl.nl/(/actueel/rtlnieuws/buitenland/articleview/)/components/actueel/rtlnieuws/2008/02_februari/17/buitenland/0217_1530_seksfilmpje_bende_van_nijvel.xml Der Begriff umschreibt angebliche Sexpartys, bei denen es wiederholt zu Sexualverkehr zwischen minderjährigen Jungen und Mädchen sowie mehreren bekannten Mitgliedern der belgischen High Society gekommen sein soll. Daran sollen Adlige, hohe Beamte, Politiker, Minister, Industrielle und Polizeibeamte teilgenommen haben.
Der Grundstücksmagnat Jacques Fourez und seine Sekretärin Elise Dewit, die beide am 17. September 1983 durch die Killerbande ermordet wurden, sollen zentrale Figuren dieser Pink Ballets gewesen sein, operation-gladio.net und sollen dieser Ansicht nach geheime Videoaufnahmen dieser Partys besessen haben. Die Brabant-Morde an Jacques van Camp (2. Oktober 1983) und Léon Finné (27. September 1985) sowie die Ermordung von Constantin Angelou wurden ebenfalls wiederholt mit derartigen Veranstaltungen in Verbindung gebracht. Die Theorie erhielt nach den Enthüllungen im Fall Dutroux erneute Brisanz.
Organisierte Kriminalität Diese Theorie stand in Verbindung zum illegalen Waffenhandel, der in den achtziger Jahren ein Betätigungsfeld der Mafia war. Der von der Killerbande in Overijse ermordete Bankier Léon Finné war aufgrund seiner Verwicklungen in derartige Geschäfte eine Schlüsselfigur für solche Spekulationen. Auch über Verbindungen zum Waffenschmuggel in den Libanon an die Phalangisten im Zuge des libanesischen Bürgerkriegs wurde spekuliert.
Eine weitere Theorie behauptet die Beteiligung der Heemers Bande. Diese zeichnete sich durch Geldwäsche und Überfälle auf Geldtransporter aus und wurde durch die Entführung des ehemaligen belgischen Premierministers Paul Vanden Boeynants weltweit bekannt. Deren Mitglied und Namensgeber Patrick Haemers bekam aufgrund seiner großen Statur und blonden Haare den Spitznamen „der große Blonde“ („le grand blond“), weswegen ihm die mögliche Rolle des Riesen in der Brabant-Bande zugesprochen wurde.
Straftaten