mini|Rudolf Lodgman Rudolf Vinzenz Maria Ritter Lodgman von Auen, seit dem Adelsaufhebungsgesetz 1919 in der Tschechoslowakei Rudolph Lodgman, (* 21. Dezember 1877 in Königgrätz, Böhmen, Österreich-Ungarn; † 11. Dezember 1962 in München) war ein deutschböhmischer bzw. sudetendeutscher Politiker und später Vertriebenenfunktionär.
In der Habsburgermonarchie war er von 1911 bis 1918 Abgeordneter zum Reichsrat. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns im Herbst 1918 war er Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich und Landeshauptmann der kurzlebigen Provinz Deutschböhmen. Nach deren Annexion durch die Tschechoslowakei war Lodgman Mitgründer der Deutschen Nationalpartei (DNP), von 1920 bis 1925 deren Fraktionsvorsitzender im tschechoslowakischen Abgeordnetenhaus sowie von 1922 bis 1926 Parteivorsitzender.
Von 1950 bis 1959 war Lodgman in der Bundesrepublik Deutschland erster Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft sowie von 1952 bis 1954 Vorsitzender des Verbandes der Landsmannschaften (VdL), einem Vorläufer des Bundes der Vertriebenen (BdV).
Leben Im Habsburgerreich Rudolf Lodgman von Auen wurde am 21. Dezember 1877 im böhmischen Königgrätz als zweiter Sohn des Rechtsanwalts Dr. Josef Lodgman Ritter von Auen (* 1839; † 1887) und seiner Ehefrau Maria (* 1843; † ?), einer gebürtigen Alter von Waldrecht geboren.Hermann Hubert Knoblich: Bardengeschichte 1869–1969 – Hundert Jahre Prager Universitäts-Sängerschaft Barden zu München. Altherrenverband der Prager Universitäts-Sängerschaft Barden, München 1973, , S. 205–208. Abgerufen am 9. Juli 2018. Er entstammt der alten, ursprünglich in Spanien beheimateten Adelsfamilie Lodgman von Auen, die sich etwa im 15. Jahrhundert in England niedergelassen und dort den englischen Namen „Lodgman of Owen“ angenommen hatte. Der Ahnherr und Begründer der böhmischen Linie war Robert Lodgman of Owen, der zwischen etwa 1550 bis 1575 im Zuge der Religionskämpfe unter Elisabeth I. aus England vertrieben worden und nach Böhmen eingewandert war.Arbeitsstelle „Historische Stereotypenforschung“ am Institut für Geschichte der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: Biographische Skizzen. In: bohemistik.de, 14. August 2003, abgerufen am 9. Juli 2018. Melchior Lodgman von Auen, vermutlich ein Sohn des Robert, gehörte im Jahr 1576 dem Hofstaat von Kaiser Maximilian II. beim Reichstag in Regensburg an. Offiziell anerkannt wurde der Adelstitel der Familie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Jahr 1593 in Regensburg. Seit Beginn des frühen 17. Jahrhunderts war die Familie in Böhmen ansässig und vor allem in akademischen Berufen und dem Staatsdienst beheimatet.
mini|Rudolf Lodgman von Auen (5. v. r.) beim Landesvater der deutschen Studenten in Prag um 1900 Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1887 zog die aristokratische Familie von Königgrätz nach Prag. Dort studierte Lodgman nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums Jura und Staatswissenschaften. Als aktiver Student schloss er sich im Wintersemester 1895 dem Universitäts-Gesang-Verein Liedertafel der deutschen Studenten in Prag (UGV) (heute: Prager Universitäts-Sängerschaft Barden zu München in der Deutschen Sängerschaft) an.Harald Lönnecker: Von „Ghibellinia geht, Germania kommt!“ bis „Volk will zu Volk!“ Mentalitäten, Strukturen und Organisationen in der Prager deutschen Studentenschaft 1866–1914. In: Sudetendeutsches Archiv München (Hrsg.): Jahrbuch für sudetendeutsche Museen und Archive 1995–2001. München 2001, , S. 34–77, hier S. 56 f. Er war als „ein gefürchteter Säbelfechter und begnadeter Sänger“ bekannt. Im Jahr 1901 promovierte Lodgman von Auen zum Dr. jur. an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag. Er war damit seit 1661 der 23. Lodgman von Auen, der an der Prager Universität den Doktorgrad verliehen bekam.
Seine berufliche Karriere begann er im Jahr 1901 im Dienst der habsburgischen Monarchie in der böhmischen Verwaltung. Bereits im Rahmen seiner Tätigkeit als Verwaltungsangestellter nahm Lodgman im Zusammenhang mit den zunehmenden nationalen Spannungen in Böhmen politisch Stellung. Da seiner freiheitlichen, deutschnationalen Gesinnung eine Betätigung als k. u. k. Staatsbeamter nicht entsprach, verließ Lodgman im Jahr 1906 den Staatsdienst und wurde im selben Jahr Kanzleivorstand der Zentralstelle der deutschen Bezirke Böhmens in Aussig und schließlich Obmann des Bezirksrates Aussig. In Wien heiratete Lodgman im Jahr 1909 die Juwelierstochter Anny Filipek. Im gleichen Jahr trat er von der katholischen zur Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses über. Aus der Ehe gingen ein Sohn und zwei Töchter hervor.
Im Juni 1911 wurde er als Parteiloser in den österreichischen Reichsrat (XII. Legislaturperiode) gewählt. Dort war er Wortführer deutschsprachiger Abgeordneter aus Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien. Ab 1912 war er auch Abgeordneter des Böhmischen Landtages. Er vertrat meist liberale Ansichten und erkannte recht früh, dass der Erhalt des Habsburgerreiches nur über einen weitreichenden nationalen Ausgleich mit den verschiedenen Völkern möglich sein würde, ähnlich wie er 1867 mit Ungarn getroffen wurde.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Lodgman als Kriegsfreiwilliger und diente als Leutnant bis 1917 an der russischen und der italienischen Front. In einer Denkschrift forderte er 1917 den neuen Kaiser Karl I. auf, Österreich in einen Bundesstaat der Nationalitäten umzuwandeln. Da Karl ähnliche Absichten hatte, soll sich dieser mit dem Gedanken getragen haben, Lodgman zum Ministerpräsidenten zu berufen, konnte sich aber hiermit nicht durchsetzen.
„Deutschböhmen“ bei Auflösung der Habsburgermonarchie mini|Provinz Deutschböhmen (violett) als für die Republik Deutschösterreich beanspruchtes Gebiet
Im Zuge des Zerfalls der Habsburgermonarchie war Lodgman vom 21. Oktober 1918 bis zum 16. Februar 1919 Abgeordneter in der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich, die sich aus den deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrates deutscher Nationalität formierte. Dort gehörte er dem Verband der deutschnationalen Parteien (DnP) an.
Am 28. Oktober 1918 proklamierte sich die Tschechoslowakische Republik als eigener, von Österreich-Ungarn unabhängiger Staat. Die in den Randgebieten Böhmens und Mährens in überwiegend geschlossenen Siedlungsgebieten lebenden Deutschen versuchten, eigene Verwaltungsstrukturen zu schaffen und diese an das Deutsche Reich oder an Deutsch-Österreich anzugliedern. In diesem Zuge entstanden die Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland sowie die Kreise Böhmerwaldgau und Deutschsüdmähren. Am 2. November 1918 wurde Lodgman von den in Wien zusammengekommenen deutschböhmischen Abgeordneten der Provisorischen Nationalversammlung als Nachfolger des nur wenige Tage amtierenden Raphael Pacher zum Landeshauptmann von Deutschböhmen ernannt.
Dieses Vorhaben der Teilung Böhmens und Mährens wurde von der Mehrzahl der deutschsprachigen Bevölkerung unterstützt, von bewaffneten tschechischen Verbänden um die Jahreswende 1918/19 jedoch gewaltsam unterbunden. Lodgman und seine Regierung flohen im Dezember 1918 aus Reichenberg – dem Sitz der Landesregierung – über Dresden nach Wien; Lodgman nahm von Mai bis September 1919 in der österreichischen Delegation an den Friedensverhandlungen von Saint-Germain teil, konnte aber die Entscheidung der Siegermächte zur Einbeziehung der mehrheitlich deutschsprachigen Gebiete von Böhmen, Mähren und österreichisch-Schlesien in den tschechoslowakischen Staat nicht verhindern.
Am 24. September 1919 schließlich erkannte Österreich die Abtretung des Sudetenlandes an, so dass Lodgman sein Amt als Landeshauptmann auch offiziell niederlegen musste. Allerdings wurde ihm erlaubt, in die Tschechoslowakei zurückzukehren und sich dort auch politisch zu betätigen.
In der Tschechoslowakei mini|Rudolf Lodgman (1921) Am 21. September 1919 wurde in Olmütz die Deutsche Nationalpartei Böhmens (DNP) gegründet. Von Beginn an war Lodgman ihre wichtigste Führungspersönlichkeit, ab 1922 auch ihr Vorsitzender. Mit dieser Formation trat er am 18. April 1920 bei den ersten Wahlen zum tschechoslowakischen Abgeordnetenhaus an und erreichte 5,3 % der Stimmen (d. h. etwa 23 % der Stimmen im deutschsprachigen Siedlungsgebiet) und 11 der 300 zu vergebenden Sitze. Zusammen mit der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP), die 5 Mandate errang, vertrat er in den Folgejahren den „negativistischen“ Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, der den tschechoslowakischen Staat in seiner bestehenden Form ablehnte und eine Lostrennung (oder zumindest eine weitgehende Autonomie) für die deutschsprachigen Landesteile forderte. Bereits bei dieser Wahl waren jedoch die „aktivistischen“ Parteien (vor allem die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei/DSAP, die Deutsche Christlich-Soziale Volkspartei/DCSVP und der Bund der Landwirte/BdL) – die sich mit der bestehenden politischen Ordnung arrangiert hatten und eine Zusammenarbeit mit der tschechoslowakischen Regierung suchten – in der Mehrheit. Als Abgeordneter tat er sich wiederholt durch antisemitische Anträge hervor, die auf die Entrechtung von Juden abzielten.Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen. Aufbau, Berlin 2005, ISBN 3-351-02580-7, S. 105.
Vor den nächsten Parlamentswahlen am 15. November 1925 versuchte Lodgman, alle deutschen Parteien in Böhmen in einem gemeinsamen Verband zusammenzuschließen und diesen „negativistisch“ zu orientieren. Dies misslang ihm, und bei den Wahlen erreichte Lodgman mit der DNP nur noch 3,5 % der Stimmen. Enttäuscht zog er sich aus der aktiven Politik zurück und legte den Vorsitz der DNP nieder. Er blieb jedoch bis 1938 Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Selbstverwaltungskörper in der Tschechoslowakei, einer Interessenvertretung der deutschsprachigen Städte und Gemeinden.
In den dreißiger Jahren beobachtete er den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei (SdP) unter Konrad Henlein distanziert; zum einen, weil ihm die Politik der SdP zu nachgiebig gegenüber der tschechoslowakischen Regierung erschien, zum anderen wohl auch aus einer persönlichen Antipathie gegenüber Henlein heraus. Lodgman stieß sich vor allem an Henleins Postulat eines „sudetendeutschen Stammes“, ein Gedanke, den er als „Verschweizerung“ betrachtete. In einem ausführlichen Schreiben an Adolf Hitler begründete er seine Differenzen zu Henlein und gab sich als Sympathisant des Nationalsozialismus zu erkennen.Rudolf Lodgman von Auen über Konrad Henlein. In: bohemistik.de, abgerufen am 1. Oktober 2022.
Im Reichsgau Sudetenland Im Oktober 1938 begrüßte Lodgman überschwänglich den Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei als Ergebnis des Münchener Abkommens in einem persönlichen Telegramm an Adolf Hitler:
Kritisch sah er jedoch die weitergehenden Expansionsbestrebungen der Nationalsozialisten, auch weil sie langfristig die Zugehörigkeit der deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei zu Deutschland gefährdeten. Ohne politische Funktionen lebte Lodgman bis zum Kriegsende zurückgezogen in Teplitz-Schönau. Er war allerdings Förderndes Mitglied der SS.
Während des Krieges versuchte Wenzel Jaksch, der nach London emigrierte Vorsitzende der DSAP, Lodgman zu bewegen, ihm ins Exil zu folgen. Jakschs Ziel war, durch die Schaffung einer sudetendeutschen Exilregierung den bereits erkennbaren Bestrebungen Benešs nach einer Vertreibung der Deutschen für den Fall entgegenzuwirken, dass Deutschland die annektierten tschechischen Gebiete wieder verlieren werde. Lodgman jedoch lehnte ab.
Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches
mini|Erinnerungstafel in Freising