mini|Originalplakat zum „Boy in the Box“-Fall, mit dem die Polizei versuchte, das unbekannte Opfer zu identifizieren. Joseph Augustus Zarelli (* 13. Januar 1953; † vor 25. Februar 1957), vormals bekannt unter dem Notnamen Boy in the Box (Junge im Karton) bzw. America’s Unknown Child (Amerikas unbekanntes Kind) ist ein Mordopfer, das am 25. Februar 1957 neben der Susquehanna Road im Stadtteil Fox Chase der US-amerikanischen Großstadt Philadelphia tot in einem Pappkarton aufgefunden wurde und bis 2022 nicht identifiziert werden konnte.

Der Fall, der seinerzeit ein erhebliches Presseecho nach sich zog, das noch viele Jahre anhielt, ist der älteste Cold Case Philadelphias und gehört zu den ältesten ungelösten Kriminalfällen der USA. Die Ermittlungen bekamen nach 65 Jahren aufgrund kriminaltechnischer Fortschritte im Jahr 2021 neuen Aufschwung. Im Dezember 2022 konnte das Mordopfer nach über 65 Jahren als Joseph Augustus Zarelli identifiziert werden.

Das Opfer Das Opfer war ein unbekleideter weißer Junge mit einem geschätzten Alter von 3 bis 6 Jahren. Die Haarfarbe war blond bis hellbraun („sandy“), die Augenfarbe war blau. Nach der Identifizierung 2022 als Joseph Augustus Zarelli wurde auch bekannt, dass der damalig Vierjährige mütter- wie väterlicherseits mehrere Geschwister habe, die noch am Leben seien. Eine Geburtsurkunde existiert, aber eine Sozialversicherungsnummer wurde nie ausgestellt.Emily Shapiro, ‘Boy in the box’: Victim finally ID'd in Philadelphia's oldest homicide case, ABC News vom 8. Dezember 2022.

Gesamtschau Der Junge war vor seiner Ablage augenscheinlich noch gebadet worden, so war sein Körper komplett sauber, Finger- und Fußnägel frisch gekürzt. Seine Haare wurden unprofessionell und hastig geschoren, so klebten bei seiner Auffindung noch überall abrasierte Haarsträhnen am Körper. Es gab überdies auch noch Hinweise darauf, dass seine Augenbrauen gezupft worden sein könnten. Die Fläche seiner rechten Hand und die Sohlen beider Füße zeigten Waschhautbildung, was darauf hindeutete, dass die rechte Hand und beide Füße um den Todeszeitpunkt herum für eine längere Zeit im Wasser gelegen haben mussten.

Zustand Der Körper war gut erhalten, beginnende Verwesungsanzeichen waren zu erkennen. So hatten seine Augen angefangen, in ihre Höhlen zurückzusinken und der Bauch begonnen, sich aufzublähen und zu verfärben.

Beschreibung Der Junge hatte noch einen vollen Satz Milchzähne. Sein Körper war dem geschätzten Alter nach nicht entsprechend entwickelt, im Vergleich zu anderen Kindern zu klein, zu dünn und zu leicht. Der Körper war an verschiedenen Stellen mit Hämatomen übersät, mutmaßlich alle zur selben Zeit, um den Todeszeitpunkt herum, zugefügt.

Narben Der Körper wies sieben ältere, gut verheilte Narben auf, drei davon möglicherweise als Folge eines operativen Eingriffs. Am Arm war keine Narbe einer (damals typischen und im Alter von 4 Jahren verabreichten) Pockenschutzimpfung nachweisbar.

Details Als mit ultraviolettem Licht auf das linke Auge des Jungen geleuchtet wurde, fluoreszierte es in blauer Farbe, was darauf hinweisen könnte, dass ein diagnostischer Spezialfarbstoff angewandt worden war, um möglicherweise ein chronisches Augenleiden zu behandeln. Die Obduktion ergab, dass der Junge in den letzten zwei oder drei Stunden seines Lebens etwas gegessen haben musste, das eine braune Masse im Magen bildete. Der mysteriöse braune Rückstand konnte nicht identifiziert werden, möglicherweise hatte sich der Junge kurz vor seinem Tod erbrochen. Röntgenaufnahmen zeigten keine aktuellen oder vergangenen Knochenbrüche.

Tat- und Auffindeort Der Auffindeort entspricht nicht dem Tatort. Der genaue Tatort ist bis heute unbekannt, der Junge wurde vorsätzlich zu dem Auffindeort verbracht und dort abgelegt.

Auffindesituation Der nackte Körper lag in einer billigen Decke eingewickelt, rücklings mit dem Kopf zum offenen Ende gerichtet, mit über seinem Bauch verschränkten Armen, in einem seitlich offenen großen Karton, der ursprünglich als Verpackung für eine Babywiege gedient hatte.

Liegezeit Das kühle Wetter machte es schwierig, zu ermitteln, wie lange das Kind dort gelegen hatte. Es konnten zwei bis drei Tage gewesen sein, aber auch zwei oder drei Wochen.

Ermittlungen 1950er Jahre Im Jahr 1957 waren DNS-Tests oder Computer noch unbekannt bzw. nicht für zivile Strafverfolgung nutzbar. Spurensicherung erfolgte daher durch klassische Spurensammlung, wie Tatortanalyse und -fotografie, klassische Leichenschau, Dokumentenrecherche und Befragung von etwaigen Zeugen und/oder Verdächtigen.

Finger- und Fußabdrücke der Leiche wurden mit Krankenhausakten aus der Umgebung verglichen, ohne Ergebnis. Pflegefamilien und Heime in der näheren Umgebung wurden von den Ermittlern überprüft. Es wurden alle dort untergebrachten Kinder angetroffen, womit ausgeschlossen werden konnte, dass der Junge aus einer dieser Pflegefamilien oder Heime gekommen sein könnte.

1990er Jahre Im Jahr 1998 wurde das Grab des Jungen geöffnet, in der Hoffnung, noch vorhandenes DNS-Material für die damals neu eingeführte DNS-Analyse extrahieren zu können. Es konnte mit damaligen Mitteln aber nur mitochondriale DNS gewonnen werden, die keine Ergebnisse erbrachte.

2020er Jahre Im April 2021 teilte der leitende Ermittler, Robert Kuhlmeier, mit, dass es aufgrund technischer Fortschritte mithilfe eines europäischen Labors nunmehr doch gelungen sei, ein vollständiges DNS-Profil zu erhalten, das eine adäquate Suche endlich möglich mache.

Im November 2021 äußerte der Leiter der Mordkommission, Captain Jason Smith, wenn die Ermittlungen so gut weiterliefen wie bisher, hoffe er bis Ende des Jahres 2021 Ergebnisse präsentieren zu können und kündigte noch an, es nicht bei der Identitätsfeststellung belassen zu wollen, sondern die Ermittlungen weiterzuführen, um auch die Schuldigen auszuermitteln.Philly Detectives Closer to Cracking ‘Boy in the Box' Cold Case Mystery, NBC10 Investigators 12.11.21, zuletzt abgerufen am 17.01.22

Im Dezember 2022 teilte die Polizei Philadelphias mit, dass der Junge identifiziert worden sei.Amanda Musa, DNA analysis helps Philadelphia Police identify a child found dead inside a box 65 years ago, CNN vom 6. Dezember 2022. Die forensische Genealogin Colleen Fitzpatrick hatte durch Abgleich mit Gendatenbanken eine Liste möglicher Verwandter erstellen können. Die Polizei hatte diese Liste durch Hausbesuche abgearbeitet.David K. Li, Philadelphia police are about to identify body of 'Boy in the Box' — found more than 65 years ago, NBC News vom 7. Dezember 2022. Am 8. Dezember wurde die Identität Joseph Augustus Zarellis bekanntgegeben. Die Polizei teilte mit, dass nach dem Mörder weiter gesucht werde und dass eine Belohnung für sachdienliche Hinweise ausgeschrieben sei.Mark Morales and Dakin Andone, Philadelphia police reveal identity of child found dead inside a box 65 years ago, CNN vom 8. Dezember 2022.

Beweise

Der Karton Der Karton, in dem man die Leiche fand, war ursprünglich die Verpackung einer Baby-Wiege. Die Wiege, die in genau jenem Karton transportiert wurde, in welchem man auch den Jungen gefunden hatte, stammte aus einem Dutzend, welches am 27. November 1956 an eine J. C. Penney-Filiale geliefert und zwischen dem 3. Dezember 1956 und dem 16. Februar 1957 verkauft worden war. Es gab keine Geschäftsakten, aus denen die Identitäten der Käufer hervorgingen. Dennoch gelang es den Ermittlern, mit einer Ausnahme den Verbleib aller Wiegen und ihrer Kartons zu ermitteln. Der Karton, in dem Zarelli gefunden wurde, war in relativ gutem Zustand und die Innenseite hatte weiße Farbstriche, was darauf hinwies, dass die Wiege, die damit transportiert wurde, auch weiß war. Es wurden keinerlei Fingerabdrücke auf dem Karton gefunden.

Männerkappe Eine blaue Männerkappe wurde in der Nähe des Auffindeorts gefunden. Ein Trampelpfad führte direkt dorthin. Es stellte sich heraus, dass von der Kappe nur zwölf Exemplare hergestellt worden waren, die Verkäuferin konnte sich aufgrund eines Sonderwunsches des Käufers noch an einen erinnern. Ihrer Meinung nach sah er dem Kind ähnlich. Der Mann war allein, trug Arbeiterkleidung, sprach keinen ausländischen Akzent, hatte blondes Haar und war möglicherweise Ende 20.

Zeugenaussagen Frederick J. Benonis: Ein 26 Jahre alter Student. Er rief am 26. Februar 1957 kurz nach 10 Uhr vormittags die Polizei und meldete, dass er am Vortag die Leiche eines kleinen Jungen gefunden hatte. Er gab an, am Montagnachmittag gegen 15:15 Uhr entlang der Susquehanna Road gefahren zu sein. Er sah einen Hasen in das Unterholz springen, stoppte das Auto und folgte dem Tier. Er sah einige Bisamrattenfallen und kam dann zu einem großen Pappkarton. Er sah hinein und fand etwas, das er für eine Puppe oder einen kleinen Jungen hielt. Er entschied sich, den Vorfall nicht zu melden, revidierte seine Entscheidung aber am nächsten Tag. Die Polizei erfuhr später, dass Benonis die Angewohnheit hatte, junge Frauen in einer nahe gelegenen Schule auszuspionieren und deswegen womöglich nicht gleich die Polizei anrief. Benonis machte freiwillig einen Lügendetektor-„Test“ und bestand ihn. Im März 1957 meldete sich eine Amateurkünstlerin, die den Jungen als denselben identifizierte, den sie in einem Bus von Philadelphia ins südliche New Jersey gesehen hatte. Der Junge habe in den Armen eines Mannes geschlafen, mit dem er in Camden in den Bus eingestiegen sei. Die Frau übermittelte den Ermittlern eine Zeichnung vom Gesicht des Mannes, aber die Ermittler waren nicht in der Lage, ihre Geschichte zu verifizieren oder den Bus-Passagier zu ermitteln. Im März 1957 meldete sich eine Kellnerin aus Wilmington, Delaware, und identifizierte den Jungen als das Kind, das sie vor einigen Monaten mit einem Mann Hand in Hand an ihrem Arbeitsplatz vorbeigehen sah. Der Mann habe dabei darüber gesprochen, einen Zug nach Philadelphia erwischen zu müssen. Die Zeugenaussage der Frau konnte nicht erhärtet werden. Kurz nachdem die Leiche des Jungen gefunden wurde, erzählte ein Mann der Polizei von einem seltsamen Vorfall am Sonntag, dem 24. Februar 1957, etwa 60 Meter von der Stelle entfernt, an der das Opfer gefunden wurde. Der Zeuge erklärte, er sei die Verree Road entlanggefahren, als er ein Auto gesehen habe, das in der Susquehanna Road geparkt war. Eine Frau und ein Junge standen beim Kofferraum des Autos. Die Frau schien nach irgendetwas im Kofferraum zu greifen. Jene Frau war zwischen 40 und 50 Jahren alt, von mittlerer Statur und Größe und trug einen karierten Wintermantel. Der Junge war etwa zwischen zwölf und 14 Jahren alt und etwa genauso groß wie die Frau. Der Zeuge erklärte, er habe gedacht, die beiden hätten eine Reifenpanne. Deshalb sei er in die Susquehanna Road abgebogen, habe sein Auto verlangsamt und gefragt, ob die beiden Hilfe brauchten. Laut seiner Aussage drehten ihm beide den Rücken zu und verharrten still. Sie schienen dabei zu versuchen, das Autokennzeichen vor ihm zu verstecken. Der Mann fand dies seltsam, entschied aber, dass die beiden nicht von ihm gestört werden wollten, und fuhr weiter. Max Schellinger, ein Friseur aus Philadelphia, erzählte der Polizei, er sei sich „fast sicher“, dass er dem Jungen nur eine Woche vor dessen Auffindung die Haare geschnitten habe. Der Junge habe ihm erzählt, fünf Brüder und eine Schwester zu haben und in der Strawberry-Mansion-Gegend der Stadt nahe dem Schuylkill River zu leben. Zwei Ermittler begleiteten Schellinger bei einer Haus-zu-Haus-Tour in der Gegend, um mögliche Zeugen zu ermitteln, die weitere Informationen über den Jungen und seine Familie geben könnten. Die Suche war ergebnislos.