mini|Tayfun Keltek (2024) Tayfun Keltek (* 20. April 1947 in Koyulhisar, Provinz Sivas, Türkei) ist ein deutscher Politiker (SPD). Er ist Vorsitzender des Integrationsrates der Stadt Köln und Vorsitzender des Landesintegrationsrates Nordrhein-Westfalen.

Ausbildung und Beruf Keltek beendete 1969 seine Ausbildung als Diplomsportlehrer an der Sporthochschule in Ankara (Türkei). Im folgenden Jahr siedelte er zwecks Promotion nach Deutschland und begann ein Aufbaustudium an der Deutschen Sporthochschule Köln. Von 1974 bis 2012 war er als Diplomsportlehrer an der Realschule Köln/Deutz tätig. Etwa zehn Jahre übte er auch die Tätigkeit als Moderator in der Lehrerfortbildung aus. Nach seinem Eintritt in die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) 1979 wurde er 1981 bis 1983 zu einem Vorstandsmitglied gewählt. Von 1979 bis 1982 war er als Vorsitzender des Türkischen Lehrervereins Köln tätig, 1983 bis 1987 übernahm er das Amt des Vorsitzenden des Deutsch-Türkischen Vereins Köln e. V.

Keltek ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er lebt in Köln.

Wirken Keltek hat sich schon früh für die Integration und die Interessen von Einwanderinnen und Einwanderern eingesetzt. Seit 1984 ist er gewähltes Mitglied des Ausländerbeirates Köln, heute Integrationsrat der Stadt Köln (seitdem Vorsitzender oder stellvertretender Vorsitzender dieses Gremiums). Er initiierte die Gründung des Landesintegrationsrates NRW, dessen Vorsitzender er seitdem ist. Im Herbst 1986 kamen auf seine Einladung hin erstmals Vertreter und Vertreterinnen aus 17 Ausländerbeiräten zusammen; im Jahr 1992 wurde in Essen schließlich die Arbeitsgemeinschaft Ausländerbeiräte Nordrhein-Westfalen (AGA-NRW) gegründet. 1996 wurde eine einheitliche Landesorganisation aller auf Basis von § 27 der Gemeindeordnung NRW gewählten Migrantenvertretungen gebildet (Landesarbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Nordrhein-Westfalen, LAGA NRW) und eine vom Land geförderte Geschäftsstelle eingerichtet. 2010 wurde die LAGA NRW in Landesintegrationsrat NRW umbenannt.mini|hochkant|Tayfun Keltek (2020)Im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Vorsitzender der LAGA bzw. des Landesintegrationsrates NRW war Keltek Mitglied verschiedener Gremien des Landes Nordrhein-Westfalen. Bis 1999 war er Mitglied der Veranstaltergemeinschaft Radio Köln; von 1999 bis 2003 vertrat er die LAGA in der Rundfunkkommission der Landesanstalt für Rundfunk (LfR) NRW bzw. der Medienkommission der Landesanstalt für Medien (LfM) NRW. Seit 2. Dezember 2003 ist er stellvertretendes Mitglied des WDR-Rundfunkrats. Weiterhin ist Keltek Mitglied oder stellvertretendes Mitglied in folgenden Gremien: Landespräventionsrat NRW, Landesnetzwerk gegen Rechtsextremismus, Landesjugendhilfeausschuss Rheinland (beratend), Kuratorium Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung.

1985 trat Keltek der SPD bei. Im Unterbezirk der SPD-Köln übernahm er 1997 die Leitung des Arbeitskreises-Migration. Er war Mitglied des Migrationsrates der SPD Nordrhein-Westfalen, heute AG Migration und Vielfalt, und er war Vorstandsmitglied des Unterbezirkes SPD-Köln. Bei den Landtagswahlen 2005 und 2010 kandidierte Keltek für den Wahlkreis Köln II (Stadtbezirk Lindenthal) Köln IV (Stadtbezirke Chorweiler und Nippes), schaffte den Einzug ins Parlament jedoch nicht. Keltek betont, dass er sich trotz seiner SPD-Mitgliedschaft stets parteiunabhängig für die Interessen der Einwanderinnen und Einwanderer einsetze – notfalls gegen den Widerstand der eigenen Partei.

Politische Positionen Tayfun Keltek setzt sich im Wesentlichen für integrationspolitische Ziele im Bundesland Nordrhein-Westfalen und in der Stadt Köln ein. Bereits in den Anfängen seines politischen Wirkens war die politische Repräsentanz von Ausländer bzw. Menschen mit Einwanderungsgeschichte ein zentrales Anliegen. Keltek vertritt die Auffassung, dass gleichberechtigte Teilhabe und gesellschaftliche Anerkennung der Lebensrealitäten von Menschen mit Migrationshintergrund die Schlüssel zu erfolgreicher Bekämpfung von Rassismus und zu einem guten Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft sind.

Politik für Chancengerechtigkeit Neben dem Ausbau von politischen Rechten hat Keltek sich im Verlauf seines Engagements insbesondere bemüht, das Bild von Menschen mit Einwanderungsgeschichte in der Öffentlichkeit zu verbessern. Er kritisiert, dass in Zusammenhang mit Migration meist negativ behaftete Themen wie Sprachdefizite diskutiert würden. Das verfälsche aber den Blick auf die betroffenen Menschen, die so stets als Problem wahrgenommen werden. Stattdessen sollten sich Politik und Medien stärker auf positive Aspekte von Migration konzentrieren und Einwanderinnen und Einwanderern mehr Wertschätzung entgegenbringen.

Auch würde die Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte oftmals als homogene Gruppe betrachtet. Vor diesem Hintergrund sieht Keltek die Verwendung des Begriffs Integrationspolitik kritisch, weil dieser alle Menschen mit Einwanderungsgeschichte adressiert, unabhängig davon, ob die Person gerade eingewandert ist oder schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. So werde die Politik den meisten Menschen mit Einwanderungsgeschichte nicht gerecht, behauptet Keltek, da die überwiegende Zahl keine Integrationsangebote benötige. Diese würden trotzdem unablässig mit Integrationsanforderungen konfrontiert, was sie dauerhaft zu Fremden mache. Insbesondere Menschen der zweiten oder dritten Generation, also Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die überwiegend in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, würden sich durch den Begriff Integration nicht angesprochen fühlen. Eine Politik für Chancengerechtigkeit sei deshalb der passendere Begriff, unter dem alle politischen Themengebiete, die die Menschen mit Einwanderungsgeschichte betreffen, subsumiert werden.

Es gebe durchaus verbindende Elemente bei der Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte, so Keltek. Unabhängig von der Aufenthaltsdauer und anderen Faktoren, würde die Mehrheit der Menschen mit Einwanderungsgeschichte Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus machen. Auch sei – über alles Trennende hinweg – die Persönlichkeit der meisten Menschen mit Einwanderungsgeschichte durch familiäre, emotionale und kulturelle Bezüge ins Herkunftsland geprägt. Obwohl sich die Mehrheit als deutsch verstehe, habe dieser Teil der Persönlichkeit, den Keltek als Herkunftsidentität bezeichnet, besondere Bedeutung. Er kritisiert, dass diese Herkunftsidentität gesellschaftlich unerwünscht sei und als Hindernis für Integration angesehen werde. Keltek fordert einen positiven Umgang mit der Einwanderungsgeschichte der betroffenen Bevölkerung und dass diese als Realität einer Einwanderungsgesellschaft akzeptiert wird.

Politische Partizipation Menschen sollten sich dort einbringen und politische Rechte haben, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben, fordert Keltek. In diesem Sinne appelliert Keltek an die Menschen mit Einwanderungsgeschichte, sich vor Ort einzubringen und die hiesigen Lebensverhältnisse mitzugestalten. Herkunftslandbezogenes politisches Engagement lehnt er konsequent ab.

In den 1980er und 1990er Jahren engagierte er sich auf kommunaler und später auch auf Landesebene für eine Stärkung der damaligen Ausländerbeiräte und anderen Migrantenvertretungen. Er war der Ansicht, dass eine wirksame Repräsentation nur innerhalb der bestehenden politischen Strukturen gelingen kann. Der Ausländerbeirat sollte demnach als eine Art Ratsausschuss an die Kommunalpolitik angebunden sein und neben den Migrantenvertreter auch mit entsandten Ratsmitgliedern besetzt sein. Die Migrantenvertreter wiederum sollten durch demokratische Wahlen legitimiert sein und im Gremium die gleichen Rechte besitzen wie die Ratsmitglieder. Es ist in erster Linie auf Kelteks Einsatz zurückzuführen, dass die Ausländerbeiräte – heute Integrationsräte und Integrationsausschüsse – im Jahr 1994 in der Gemeindeordnung NRW rechtlich verankert wurden und unter bestimmten Voraussetzungen verpflichtend eingerichtet werden müssen. Als Vorsitzender des Landesintegrationsrates NRW kämpft Keltek seither für die Verbesserung der rechtlichen Grundlagen für die Arbeit der Integrationsräte. Zu seinen Kernforderungen gehört nach wie vor, den Stadträten die Möglichkeit einzuräumen, den Integrationsräten Entscheidungskompetenzen zu übertragen, damit die Beschlüsse in der Kommunalpolitik Gehör finden.

Neben den Möglichkeiten politischer Partizipation durch Ausländerbeiräte bzw. Integrationsräte machte sich Tayfun Keltek früh für die Einführung eines Kommunalwahlrechts für Ausländer stark. Unabhängig von der Staatsbürgerschaft sollten Menschen für die Gestaltung ihres unmittelbaren Lebensumfeldes Verantwortung übernehmen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft in Deutschland zwar bürgerlichen Pflichten unterworfen seien, Steuern zahlten, ihre Kinder deutsche Kindergärten und Schulen besuchten, sie aber von demokratischen Rechten ausgeschlossen sind. Er kritisiert das Auseinanderdriften von Wahl- und Wohnbevölkerung in Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil und spricht in diesem Zusammenhang von einem Demokratiedefizit. Ein Kommunalwahlrecht stünde auch nicht in Konkurrenz mit den Integrationsräten, da es diese nicht als Fachgremien ersetzt. Kein anderer Kommunalausschuss habe den thematischen Fokus auf Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Antirassismusarbeit.

Mit Keltek als Vorsitzendem führte der Landesintegrationsrat NRW zusammen mit dem DGB, der Freien Wohlfahrtspflege NRW und weiteren landesweiten Akteuren zwischen 2007 und 2009 und zwischen 2014 und 2017 Kampagnen zur Einführung des kommunalen Wahlrechts für Drittstaatler in Nordrhein-Westfalen durch. Keltek vertritt die Überzeugung, dass ein kommunales Ausländerwahlrecht auch auf Landesebene eingeführt werden könne. Die zweite Kampagne zielte daher auf die Änderung der Landesverfassung NRW ab. Bei der entsprechenden Abstimmung im Landtag NRW am 15. März 2017 stimme die Fraktion der CDU gegen eine Verfassungsänderung. Auch die FDP stimmte – im Widerspruch zu ihrem damaligen Parteiprogramm – gegen die Einführung des Kommunalwahlrechts, sodass die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit nicht erzielt werden konnte.

Bei allem Einsatz für die Stärkung der Rechte ausländischer Einwohner spricht sich Keltek grundsätzlich für die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft aus. Nur wer Deutsche bzw. Deutscher sei, erhalte volle Bürgerrechte einschließlich der politischen Rechte. Allerdings kritisiert er immer wieder vehement, dass Deutschland am Prinzip der Einstaatigkeit festhalte, was Einbürgerungswillige zwingt, bei Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft die bisherige aufzugeben. Das laufe den Lebensrealitäten in einer Einwanderungsgesellschaft wie Deutschland zuwider. Außerdem schaffe die Ungleichbehandlung zwischen Ausländer aus bestimmten Herkunftsländern, die aufgrund von Ausnahmeregeln ihre Herkunftsstaatsbürgerschaft behalten dürfen, und Ausländer, die zur Aufgabe gezwungen sind, Hierarchien anhängig vom Herkunftsland. Keltek plädiert für eine Modernisierung des Staatsangehörigkeitsgesetzes und die generelle Hinnahme von Mehrstaatigkeit.

Bildung und natürliche Zweisprachigkeit