mini|Zentrale Berliner Rohrpostanlage im Haupttelegrafenamt in der Oranienburger Straße, 1951 mini|Funktionsprinzip eines Rohrpost-Endapparaten mit Luftwechselhahn (um 1900): Das Laufrohr D mündet in die Kammer A, deren mit einer Gummidichtung versehene Tür B durch den Druckhebel C luftdicht abgeschlossen werden kann. Durch den Luftwechselhahn F kann die Kammer mit dem Druckrohr O oder dem Saugrohr P verbunden werden. Er wird durch das mit einem Zeiger versehenen Handrad G in die auf dem Messingschild der Tischplatte N ersichtlich gemachten Stellungen gebracht. Mittels Lufthahn I kann über die Außenluftleitung K die Kammer entlüftet werden. Das Manometer M dient der Kontrolle des Luftdrucks.

Die Rohrpost in Berlin bestand vom 18. November 1865 bis zum Jahr 1963 in West-Berlin und in Ost-Berlin bis zum Jahr 1976.

Geschichte

Anfänge mini|links|Planung für die Berliner Rohrpost, 1873 mini|links|Urschrift eines Telegramms, das am 15. Oktober 1874 in der Telegraphenstation IV am Brandenburger Tor aufgegeben wurde mini|links|Entwicklung des Netzes der Berliner Rohrpost nach der Betriebsordnung von 1885

Im Jahr 1861 wurde im Central Telegraph Office von London eine pneumatische Rohrpostanlage zur Beförderung von Telegrammen installiert. Die Königlich Preußische Telegraphendirektion erteilte der Firma Siemens & Halske den Auftrag zum Bau eines Rohrpostsystems für Berlin. Der Betrieb der ersten Linie der Pneumatischen Depeschenbeförderung wurde am 18. November 1865 aufgenommen und verlief zwischen dem ersten Haupttelegraphenamt (HTA in der Französischen Straße 33b/c) und der Telegraphenstation in der Berliner Börse (Burgstraße Ecke Neue Friedrichstraße, später als HTA 2 geführt). Damit wurde der eigentliche Impuls für die Entwicklung des Rohrpostsystems deutlich: Es ging um die schnelle Beförderung von Börsennotierungen, die aus dem In- und Ausland im Haupttelegraphenamt ankamen oder von der Berliner Börse in die Welt gesendet werden sollten.

Am 2. März 1868 wurden die Telegraphenämter IV am Brandenburger Tor und V am Potsdamer Platz an das nunmehr 18 km lange Netz angeschlossen. Am 1. Dezember 1876 wurde das auf 15 Rohrpostämter erweiterte Netz mit einer Gesamtlänge von 25,9 km der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es konnten Postkarten und Briefe bis zu einem Gewicht von 20 Gramm (Maximalmaß: 14 cm × 9 cm) verschickt werden.

Entwicklung bis zum Jahre 1945 Im Jahr 1940 erreichte das Berliner Rohrpostnetz mit einer maximalen Streckenlänge von fast 400 km seine größte Ausdehnung. Post- und Telegraphenämter waren angeschlossen und bearbeiteten zu dieser Zeit rund acht Millionen Sendungen jährlich. Der Betrieb der Berliner Rohrpost als öffentlich zugängliches System der Nachrichtenübermittlung wurde 1976 endgültig eingestellt. In Ost-Berlin wurden noch bis in das Jahr 1986 Telegramme per Rohrpost den Zustellämtern zugeführt.

Eine Analyse des Linienplans der Berliner Rohrpost zeigt, dass die Entwicklung des Netzes zuerst wirtschaftlichen Interessen diente. Es war die Verbindung zwischen Haupttelegraphenamt und Börse, der die Ausweitung des Rohrpostnetzes ins Zeitungsviertel und ins Bankenviertel folgte. Später wurden sogar die dünn besiedelten groß- und kleinbürgerlichen Wohnbezirke sowie die Villengegenden des Westens angeschlossen (Charlottenburg, Grunewald, Lichterfelde, Schöneberg, Wilmersdorf, Zehlendorf), während die ausgesprochenen Arbeiterbezirke (Kreuzberg, Lichtenberg, Neukölln, Wedding) und die früher noch deutlich ländlich geprägten Stadtbezirke an der Peripherie nur eine geringe oder keine Rohrpostanbindung erhielten.

Rohrpostdienst und Zerstörungen bis zum 8. Mai 1945 Während des Zweiten Weltkriegs zerstörten oder beschädigten alliierte Luftangriffe Teile des Rohrpostnetzes. Der Betrieb einiger Rohrpoststrecken im Zentrum Berlins ist jedoch bis Ende März 1945 belegt. Die Rohrpost in Berlin blieb de jure bis zur Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 in Betrieb. Der Eilbotendienst der Post wurde dagegen am 14. August 1944 aus Gründen der Personalknappheit bei extrem gesteigertem Postaufkommen eingestellt.

Zustand am 8. Mai 1945 mini|hochkant=2.5|center|Schematische Darstellung der Zerstörungen am Liniennetz der Berliner Rohrpost am 8. Mai 1945

Entwicklung seit 1945 mini|Portofreier Rohrpostdienstumschlag 1946 in Berlin verwendet

Die Kriegseinwirkungen, illegale Demontagen zur Altstoffgewinnung, Demontagen als Reparationsleistungen und Wettereinflüsse ließen von dem einstmals großen Rohrpostnetz nach dem 8. Mai 1945 zunächst nur noch einen Torso bestehen. Der wiedereinsetzende Aufbau des Rohrpostnetzes ist dadurch zu belegen, dass in zunehmendem Maße in Berlin eingehende Telegramme – der ursprünglichen Funktionsbestimmung des Rohrpostnetzes entsprechend – per Rohrpost befördert wurden. Abgebildet ist ein portofreier Dienstumschlag der Rohrpost Berlin, der im Jahre 1946 infolge des allgemeinen Materialmangels als Umschlag einer Dienstsendung des Telegraphenbauamtes aufgebraucht wurde. Die Verwendung dieses Umschlags zu dieser Zeit durch die damals noch nicht der Öffentlichkeit zugängliche und im Krieg weitgehend zerstörte Berliner Rohrpost kann erst bewiesen werden, wenn der Termin der Inbetriebnahme der Verbindung zwischen Berlin W 35 und Berlin-Wilmersdorf ermittelt worden ist. Der Brief hätte bei Rohrpostbeförderung von W 35 über W 30, W 80 nach Berlin-Wilmersdorf 1 transportiert worden sein müssen. Das Rohrpostamt W 80 war jedoch zerstört, sodass es fraglich ist, ob der Brief per Rohrpost transportiert werden konnte. Eine Alternative wäre die Verbindung von W 35 über W 9, W 8, NW 7, HTA, Berlin-Charlottenburg 2, W 15 nach Berlin-Wilmersdorf 1 gewesen. Da jedoch die Rohrpostanlage von W 9 und die auf dem Weg befindliche Maschinenstation Tiergarten zerstört waren, dürfte diese Verbindung auch nicht befahrbar gewesen sein. So kann die Beförderung dieses Briefes per Rohrpost weitgehend ausgeschlossen werden.

Es ist inzwischen bekannt, dass im Dezember 1945 die Linie zwischen dem Haupttelegraphenamt und Berlin N 54, und Anfang 1946 die Linie zwischen Berlin N 4 und Berlin C 25 sowie zwischen Haupttelegraphenamt und Berlin-Pankow (über Berlin N 54, Berlin N 58 und Berlin N 113) eröffnet wurden. Auf den wiederhergestellten Rohrpostlinien wurden seit 1946 in zunehmendem Maße zwischen den Ämtern und insbesondere zu den Zustellämtern eingehende Telegramme und vermutlich auch Eilbotensendungen befördert. Solche Telegramme weisen üblicherweise einen rosafarbigen Klebezettel mit der Aufschrift Rohrpost / Eilbote auf, allerdings keinen Minutenstempel. Diese Zettel waren bereits am 9. April 1936 eingeführt worden.

Im Einzelnen stellt sich die Nutzung des Berliner Rohrpostnetzes, bemessen am Beispiel der per Rohrpost beförderten Telegramme, zwischen 1946 und 1948 folgendermaßen dar:

TelegrammeWolfram Grallert: Erdball ohne Grenzen. Ein Buch von der Post, Leipzig/Jena 1958, 184. aus Berlin nach Berlin gesamt 1946 452.882 450.015 902.897 1947 1.646.369 908.418 2.545.787 1948 1.256.428 739.725 1.996.153

Rohrpostblockade 1949 mini|hochkant=2|Schema des durch die Rohrpostblockade 1949 unterbrochenen Rohrpostnetzes

Diese Entwicklung des Wiederaufbaus wurde jedoch entscheidend in eine andere Richtung gelenkt, als im Zuge des heftiger werdenden Ost-West-Konflikts (20. Juni 1948: Währungsreform in den Westzonen, 23. Juni Währungsreform in der Sowjetischen Besatzungszone [SBZ]) die drei Westsektoren Berlins durch die Anbindung der Währung an die Westzonen aus ihrem Verwaltungskontext herausgelöst wurden: Gegen den in Vier-Mächte-Gesprächen aufgetauchten Vorschlag, eine gemeinsam kontrollierte Währung in der geteilten Stadt einzuführen, votierte am 22. Juni 1948 die sowjetische Seite. Marschall Sokolowski ordnete namens der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) dem Berliner Oberbürgermeister in Befehl Nr. 111 an, die für den 23. Juni 1948 geplante Währungsreform in der SBZ in allen vier Berliner Sektoren zu vollziehen. Die westlichen Stadtkommandanten erklärten postwendend diese Anweisung auf ihrem Stadtgebiet für unwirksam. Am 24. Juni wurde dann die DM, zur Unterscheidung als in der Stadt ausgegebene Währung mit einem „B“-Stempel markiert, in den drei westlichen Sektoren ausgehändigt. Dieses wurde von der UdSSR mit der Blockade der Zufahrten in die Westsektoren beantwortet (Berlin-Blockade).

Indem im Januar 1949 von sowjetischer Seite aus die Rohrpostverbindungen zwischen dem Sowjetischen Sektor und den drei Westsektoren Berlins an den Sektorengrenzen gekappt wurden (sogenannte Rohrpost-Blockade), wurde die Lage in postalischer Hinsicht verschärft. Da das Berliner Rohrpostnetz historisch betrachtet vom Haupttelegrafenamt Berlin in der Französischen Straße (Berlin-Mitte, zum Sowjetischen Sektor gehörend) aus entwickelt worden war, befand sich jetzt das Zentrum des gesamten Netzes im Sowjetischen Sektor.

Von der hierdurch entstandenen Lage ausgehend wurde jetzt das Rohrpostnetz in Berlin definitiv geteilt und bis zur Einstellung seines Betriebs (1963 in West-Berlin, 1977 in Ost-Berlin) als zwei unabhängig voneinander funktionierende Rohrpostnetze weiterentwickelt. Ob es noch durch alliierte Anordnung aufrechterhaltene Verbindungen zwischen dem Ost- und West-Berliner Netz gab, ist offiziell nach wie vor unbekannt. Es gibt allerdings aus den 1950er Jahren Telegramme zwischen Ost- und West-Berlin, die – wie die entsprechenden im Ostteil gedruckten Telegrammformulare belegen – ganz offensichtlich im Haupttelegraphenamt empfangen und ausgefertigt wurden, und dann auch mit Rohrpoststempeln versehen in die Westsektoren zur Zustellung gelangten.

Postschnelldienst Berlin 1949–1955 mini|hochkant|Postbote auf BMW-Motorrad vor Haupttelegrafenamt an der Oranienburger Straße. Schild „Rohrpost“ neben Eingang, 1950 mini|Rohrpost-Schnelldienst Postkarte mit Wertstempel 8 Pf Bauten I und 72 Pf Zusatzfrankatur = 80 Pf Gebühr

Während das Ost-Berliner Rohrpostnetz aufgrund der Zentralstellung des Haupttelegraphenamtes weiterhin funktionstüchtig blieb, erdachte die jetzt neu eingerichtete West-Berliner Postverwaltung ein neues System der Schnellpost. Dieses am 1. März 1949 eingeführte Ersatzsystem verband die verbliebenen Rohrpostlinien mit den Möglichkeiten, die schnell zu befördernde Post auch mit Kfz, Motorrad, Straßenbahn, Fahrrad, Fußbote zu befördern. Auf diese Weise wurden die jetzt fehlenden Verbindungen überbrückt und West-Berlin flächendeckend mit einem Schnellpostsystem versehen, das hocheffizient war: der Postschnelldienst Berlin. Dieser wurde später – in dem Maße wie die Rohrpost innerhalb des Systems an Bedeutung gewann und sogar neue Strecken gebaut wurden – in Rohrpost-Schnelldienst umbenannt.

Die Gebühren für einfache Sendungen innerhalb des Postschnelldienstes betrugen zunächst 1 Mark-Ost vom 1. März 1949 bis zum 31. März 1949. Man durfte natürlich auch in DM-West bezahlen, was jedoch kaum jemand tat. Daher sind Freimachungen auf Sendungen des Postschnelldienstes im März 1949 mit Rotaufdruck-Marken von Berlin oder mit Marken der Serie Bauten I selten. Ab 1. April 1949 wurde die DM-West von der West-Berliner Post als das einzige gültige Zahlungsmittel für ihre Leistungen anerkannt, was zur Folge hatte, dass jetzt ausschließlich eine DM-West zu zahlen war. Später wurde die Gebühr auf 80 Pfennig gesenkt. War das Porto für den Postschnelldienst ein einheitliches Porto, das nicht aus einzelnen Leistungen zusammengesetzt war, so wurde mit der Aufhebung des Postschnelldienstes wieder ein zusammengesetztes Porto erhoben, wenn man wie zu Zeiten des Postschnelldienstes die Kombination von Rohrpostbeförderung und Eilzustellung nutzen wollte. Damit kostete die Rohrpostbeförderung 20 Pfennig und die Eilzustellgebühr 60 Pfennig. Es kamen die Gebühren für eine Ortspostkarte von 8 Pfennig oder für einen Ortsbrief der ersten Gewichtsstufe von 10 Pfennig hinzu. Damit kam die Aufhebung des Postschnelldienstes einer Portoerhöhung gleich.