Die Geschichte der Diabetologie ist ein wichtiger Teil der Medizingeschichte, nicht zuletzt, weil insbesondere durch die Ergebnisse der Forschungen über das seit 1921 bekannte Insulin und Insulinpräparate der Diabetes mellitus seinen Schrecken als tödliche Krankheit verloren hat.
Antike Die erste Beschreibung von Diabetessymptomen findet sich im Ebers Papyrus von 1552 v. Chr., einer medizinischen Schriftrolle des alten Ägyptens. Es ist jedoch nicht eindeutig geklärt, ob tatsächlich Diabetes mellitus gemeint ist. Untersuchungen der Mumie von Pharaonin Hatschepsut (1479–1458 v. Chr.) ergaben, dass sie an Übergewicht, Diabetes mellitus und Krebs litt.
Im 6. Jahrhundert v. Chr. stellte der indische Chirurg Sushruta klebrig-süßen Urin bei einem seiner Patienten fest. Im 2. Jahrhundert n. Chr. beschrieb sein Landsmann Charaka das Krankheitsbild in der Charaka Samhita schließlich folgendermaßen: „Du hast einen Patienten, der Harn lässt wie ein brünstiger Elefant, dessen Harn Honigharn oder Zuckerruhrharn heißt und dessen Harn süß schmeckt und die Ameisen und Insekten anlockt.“, aufgerufen am 17. Februar 2015
Um 100 n. Chr. verwendete Aretaios erstmals das Wort diabétes (διαβήτης; ursprünglich ‚Saugheber‘, erst später – bei Galenos – „Harndurchfall“ und „Durstkrankheit“) als Krankheitsnamen für eine Krankheit, bei der dem Körper zugeführte Flüssigkeit sofort wieder herausfließtThomas Schlich: Diabetes. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 298 f.; hier: S. 298. und er schrieb: „Der Diabetes ist eine rätselhafte Erkrankung.“Gerhard-Walter Schmeisl: Schulungsbuch für Diabetiker. Elsevier, München 2005, ISBN 3-437-47271-2 Er beschrieb die Symptome und den Verlauf: „Diabetes ist ein furchtbares Leiden, nicht sehr häufig beim Menschen, ein Schmelzen des Fleisches und der Glieder zu Harn … Das Leben ist kurz, unangenehm und schmerzvoll, der Durst unstillbar, … und der Tod unausweichlich.“Peter Fasching: Insulinanaloga – mehr Lebensqualität für insulinpflichtige Diabetiker. Vortrag auf der ÖDG-Jahrestagung, Innsbruck 2007
Ursprünglich bedeutete im Altgriechischen „Diabetes, ό διαβητης, Genitiv διαβητου, Diabetae, eigentlich etwas Hindurchgehendes; auch: was etwas durch sich hindurchgehen lässt, zum Beispiel der Doppelheber; daher die Harnruhr; (passender könnte man den Abgang bei der Lienterie so nennen!); διαβαινω, hindurchgehen [ich gehe hindurch].“Georg August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 305. Mit dem damaligen Wort Doppelheber bezeichnete Ludwig August Kraus wegen seiner Form den Heber (Gerät) (lateinisch sipho simplex, Saugheber, Winkelheber).
Mittelalter In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfasste der arabische Gelehrte Abd al-Latif al-Baghdadi einen Traktat über die Zuckerkrankheit.Hans-Jürgen Thies: Der Diabetestraktat ʿAbd al-Latīf al-Bagdādīs. Untersuchungen zur Geschichte des Krankheitsbildes in der arabischen Medizin. (Medizinische Dissertation Bonn: Orientalisches Seminar der Universität) Bonn 1971 (= Bonner orientalistische Studien, Neue Folge. Hrsg. von Otto Spies, Band 21).
17. Jahrhundert mini|Thomas Willis Im Jahr 1675 beschrieb Thomas Willis den Geschmack des Urins bei Diabetes als „honigsüß“: “… tasted as if it has been mixed with honey”.Elizabeth Lane Furdell: Fatal thirst: diabetes in Britain until insulin. ISBN 90-04-17250-5, S. 89 Auf ihn geht somit die Bezeichnung „mellitus“ zurück; der Diabetes mellitus wurde einige Zeit auch Willis’ desease genannt.Thomas Willis: Pharmaceutice rationalis. Sive Diatriba de medicamentorum operationibus in humano corpore. 1674/1675 Scan bei Google Books (PDF) S. 217, im PDF 274 Willis beschrieb auch die Symptome der diabetischen Neuropathie bei seinen Patienten: “stinging and other (…) frequent contractions or convulsions, twinging of the tendons and other disturbancies”. Heilen konnte er den Diabetes nicht: “It seems a most hard thing in this disease to draw propositions for curing, for that its cause lies so deeply hid, and hath its origin so deep and remote.” Er beobachtete zwar, dass es Patienten unter einer extrem hypokalorischen Diät vorübergehend besser ging, erkannte aber die Zusammenhänge noch nicht. Im Gegensatz zu seiner Kollegenschaft, die den Diabetes als reine Nierenkrankheit ansahen, vermutete er jedoch bereits, dass die Ursache im Blut liegen müsse.
1683 entfernte Johann Konrad Brunner Hunden die Bauchspeicheldrüse und beobachtete als Folge extremen Durst und Polyurie; er gilt somit als Entdecker des pankreopriven Diabetes mellitus.
18. Jahrhundert Im Jahr 1776 machte der britische Arzt und Naturphilosoph Matthew Dobson (1732–1784) eine Art Zucker im Urin für dessen süßen Geschmack verantwortlich. Einen Zusammenhang von Diabetes und Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse beschrieb erstmals 1788 Thomas Cowley. Johann Peter Frank traf 1794 als Erster die Unterscheidung in einen Diabetes mellitus und Diabetes insipidus.Heinz Schott und Mitarbeiter: Die Chronik der Medizin. Chronik-Verlag, 1993, ISBN 3-611-00273-9. Für die praktische Medizin nützliche Methoden zur Harnuntersuchung beschriebauch in: John Rollo: Cases of the Diabetes mellitus; with The results of the trials of certain acids, and other substances, in the cure of the Lues venerea. 2., vermehrte Auflage. T. Gillet für C. Dilly, in the Poultry, London 1798. im 19. Jahrhundert der schottische Arzt und Chemiker William Cruickshank.Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 80–81.
19. Jahrhundert 1848 veröffentlichte der Chemiker Hermann Fehling eine Methode zur quantitativen Bestimmung von reduzierenden Zuckern die als Fehling-Probe bekannt wurde. Nun konnte durch Bestimmung des Harnzuckerwertes die Krankheit besser diagnostiziert werden.
mini|Paul Langerhans Im Jahr 1860 behandelte der niederländische Arzt Joseph Fles (1819–1905) einen Diabetiker mit Extrakten aus Kälberpankreas, vier Jahre später veröffentlichte er diese Versuche. Paul Langerhans beschrieb in seiner Dissertation 1869 die Inselzellen im Gewebe des Pankreas, deren Funktion er allerdings nicht untersuchte. Im gleichen Jahr berichtete Langdon-Down über einen Behandlungsversuch mit Pankreatin (Extrakt aus gemahlenen Schweine-Bauchspeicheldrüsen, gewonnen aus Schlachtabfällen).
„Früher [war die Polydipsie] auch ein Synonym für Diabetes [mellitus], bei dem Polydipsie ein hervorstechendes Symptom bildet.“Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1902, Spalte 791. So definierte 1865 der Brockhaus: Der „Diabetes (Harnruhr, Polyuria, Durstsucht, Polydipsia) [ist] die Folge des übermäßigen Wasserverlustes (Zucker- oder Honigharnruhr, Diabetes mellitus, Glucosuria).“Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände – Conversations-Lexikon, 11. Auflage, 5. Band, F. A. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1865, S. 328 f. Später waren dagegen „krankhafter Durst, Diabetes insipidus“ und Polydipsie Synonyme.Julius Mahler: Kurzes Repetitorium der medizinischen Terminologie. 4. Auflage. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1922, S. 162.Otto Dornblüth: Wörterbuch der klinischen Kunstausdrücke. Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1894, S. 106.Herbert Volkmann (Hrsg.): Guttmanns Medizinische Terminologie. 30. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1941, Spalte 763.
1875 veröffentlichte der französische Arzt Apollinaire Bouchardat in Paris sein Werk „De la glycosurie ou Diabète sucré son traitement hygiénique“, in welchem er grundlegende und bis in die Gegenwart wichtige Prinzipien der Diabetesbehandlung darlegt, unter anderem eine spezielle Diät und die Bedeutung von Gewichtsreduktion, körperlicher Aktivität, Stoffwechselkontrolle und einer Schulung der Patienten. Sein Landsmann Étienne Lancereaux prägte 1880 in einer Veröffentlichung die Begriffe Diabete maigre („magerer Diabetes“, heute: Typ 1) und Diabete gras („fetter Diabetes“, heute: Typ 2) und begründete damit die Unterscheidung verschiedener Diabetes-Formen.
1889 beschrieb Wilhelm von Leube den häufigen Zusammenhang von Pankreaserkrankungen und Diabetes mellitus. Die deutschen Ärzte Oskar Minkowski (1858–1931) und Josef von Mering (1849–1908)Josef von Mering, Oskar Minkowski: Diabetes mellitus nach Pankreasexstirpation. In: Archiv für experimentelle Pathologie. Band 26, 1890, S. 371 ff. entfernten im gleichen Jahr die Bauchspeicheldrüse von Hunden, um die Auswirkung auf den Fettstoffwechsel zu beobachten. Dabei entdeckten sie jedoch, dass sie dadurch einen Diabetes (mellitus) auslösen.Insulin – eine Erfolgsgeschichte der modernen Medizin. (PDF; 1,2 MB) Forschung für Leben: Biofocus Nr. 69
Zu Ehren von Paul Langerhans nannte der französische Pathologe Édouard Laguesse (1861–1927) 1893 die Zellanhäufungen „Ilots de Langerhans“, „Langerhanssche Inseln“. Er postulierte auch ihre Funktion als endokrines (hormonproduzierendes) Gewebe mit regulatorischer Wirkung auf den Stoffwechsel. (französisch)
Im selben Jahr versuchte Minkowski die Zufuhr eines Pankreasextraktes durch subkutane Injektion. Minkowski, Hédon und Thiroloix entdeckten, dass nach Entfernung der Pankreas der Diabetes ausbleibt, wenn Pankreassubstanz irgendwo unter die Haut transplantiert wird. Carl von Noorden veröffentlichte 1898 die zweite Auflage von Die Zuckerkrankheit und ihre Behandlung.
Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mini|Nicolae Paulescu mini|Frederick Banting (rechts) und Charles Best mit einem ihrer Versuchshunde; man beachte den Behälter am Bauch des Hundes mini|Insulinkristalle, in der Schwerelosigkeit gezüchtet 1900 erkannte Leonid PoP Sobolew (1876–1919) die „Inseln“ als Produktionsstätten blutzuckersenkender Substanzen.
Im Jahr 1902 entwickelte Carl von Noorden eine Diäthaferkur, die den Blutzuckerspiegel senkt.Zitiert nach dem Wikipedia-Artikel Der deutsche Internist Georg Ludwig Zülzer (1870–1949) untersuchte 1903 einen therapeutischen Bauchspeicheldrüsenextrakt, der den Blutzucker senken kann und der erste Ansatz zur Therapie des Diabetes mellitus ist. Wegen schwerer Nebenwirkungen, die möglicherweise allergischer Natur waren, konnte das als „Zülzer-Extrakt“ bezeichnete Präparat jedoch nicht beim Menschen eingesetzt werden.
Für die noch unbekannte Substanz schlug der Belgier Jean de Meyer den Namen Insulin, abgeleitet vom lateinischen insula („Insel“) vor. University of Massachusetts 1910 nannte der englische Physiologe Edward Albert Sharpey-Schafer die den Diabetikern fehlende Substanz aus dem Pankreas „Insulin“.expasy.org Wer den Namen zuerst geprägt hat, ist aus den vorliegenden Quellen nicht klar ersichtlich.
Um 1905 hatte der klinische Chemiker Ivar Christian Bang (1869–1918) in Lund eine zuverlässige und kostengünstige MethodeIvar Christian Bang: Methoden zur Mikrobestimmung einiger Blutbestandteile. Wiesbaden 1916. zur Blutzuckerbestimmung entwickelt.Christoph Gradmann: Bang, Ivar Christian. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 137.
1916 gelang es Nicolae Paulescu erstmals, Insulin aus Pankreasgewebe zu gewinnen. Er nannte das Präparat Pankrein, es war bei einem diabetischen Hund wirksam. 1921 veröffentlicht Paulescu seine Erkenntnisse, im Jahr darauf ließ er das Herstellungsverfahren für Pankrein in Rumänien patentieren.