mini|Kapitel 7 und 8 des Huarochirí-Manuskripts, Anfang 17. Jahrhundert Die Quechua-Literatur oder ketschuasprachige Literatur kann auf eine schriftliche Tradition seit Beginn der spanischen Kolonialzeit blicken, ihre Ursprünge liegen jedoch erheblich weiter zurück.
Vorkoloniale Zeit Bis zum Ende der Zeit der Inka wurden Traditionen im Kulturraum der Anden ausschließlich mündlich vermittelt. Alte Lieder und Mythen wurden auf diesem Wege bis in die jüngste Vergangenheit von Generation zu Generation weitergegeben. Neben dem gesprochenen Wort waren dabei Körpersprache und Gesichtsausdruck wichtig. Dabei wurden Texte nicht wörtlich wiedergegeben, sondern immer wieder verändert, unterlagen also mit der Zeit einer starken Umformung. Andine Religion und Weltbild bestimmten dabei den Inhalt der Erzählungen und Lieder.
In der Inkazeit gab es bereits eine Vielzahl an oralen Ausdrucksformen, die teilweise mit verschiedenen Künstlerberufen verbunden waren. Der ecuadorianische Dichter und Literaturhistoriker Ariruma Kowii zählt folgende mündlichen Literaturformen auf: Lieder und Gesänge (taki), Tänze (tusuy, tushuy), Gedichte (harawi, arawi), Triumphgesänge (haway), Theater (aranwa), Pantomime (aya uma), Erzählungen und Mythen (willakuy, yupay) sowie Dialog (chimpapurari). Wichtige Träger der entwickelten Quechua-Tradition waren die Weisen (amawta, auch: amauta), die Philosophen, Dichter und Vortragende zugleich waren.Kowii, Ariruma 2003: Das Quechua. Von der Oralliteratur zur Schriftliteratur. In: Mader, Elke und Helmuth Niederle (Hrsg.), Die Wahrheit ist weiter als der Mond. Europa-Lateinamerika: Literatur, Migration, Identität. Wien: WUV.
Kolonialzeit mini|hochkant|Waman Puma de Ayala, Selbstporträt mini|hochkant|Geistliches Lied Hanacpachap cussicuinin, 1631 mini|upright|Der verlorene Sohn, Ausgabe Middendorf, 1891 mini|hochkant|Drama Ollanta, Ausgabe Ernst Middendorf, 1890 Da die quechuasprachigen Kulturen vor der Conquista keine Schrift kannten, gibt es niedergeschriebene Werke in der Quechua-Sprache erst seit Beginn der Kolonialzeit. Von spanischen Chronisten wurden einige lyrische Texte (Gesänge) und Mythen aufgezeichnet. Einen wichtigen Beitrag zur schriftlichen Fixierung alter andiner mündlicher Tradition leisteten Waman Puma de Ayala und Inca Garcilaso de la Vega, jedoch vorwiegend in spanischer Übersetzung. Überliefert sind unter anderem der Schöpfungsmythos der Inka von Paqaripampa auf der Insel Titiqaqa (Sonneninsel im Titicaca-See) und die Sage von den Ayar-Brüdern, von denen einer, Manku Qhapaq, als Gründer der Stadt Qusqu auftritt. Einige Elemente dieser Mythen sind bis heute in der Quechua-Bevölkerung Südperus mündlich tradiert, so im Mythos von Inkarrí als Gründer von Qusqu.
Bei der auf Quechua verfassten Literatur der Kolonialzeit handelt es sich fast ausschließlich um doktrinäre Texte bzw. Gebets- und Liedtexte der katholischen Kirche. Die meisten dieser teilweise bis heute gesungenen Texte sind anonymen Ursprungs. 1584 erschien die dreisprachige Doctrina Christiana: auf Spanisch, Quechua und Aymara, das erste in Peru gedruckte Buch.
Eine wichtige Ausnahme unter den ausschließlich katholischen Quechua-Texten – ein einmaliges Dokument aus der Zeit kurz nach der Eroberung – stellt das Huarochirí-Manuskript dar, welches im Auftrag des Bischofs Francisco Avila zur „Bekämpfung des heidnischen Glaubens“ angefertigt wurde. Hier finden wir eine detaillierte Beschreibung des traditionellen Glaubens der indigenen Bevölkerung der Provinz Huarochirí. Hauptrollen spielen hier Berggottheiten (Wak'as), darunter die Gegenspieler Paryaqaqa und Wallallu Qarwinchu, welche auch Schutzgottheiten der regionalen Ethnien (Waruchiri, Wanka) darstellen. Dieses Dokument lag jedoch bis ins 20. Jahrhundert unbeachtet in der königlichen Bibliothek der spanischen Hauptstadt Madrid.
Ein in der frühen Kolonialzeit entstandenes Drama unbekannter Autorenschaft ist die Tragödie vom Ende des Atawallpa (Atau Wallpaj p'uchukakuyninpa wankan = Tragedia del fin de Atawallpa), die das gewaltsame Ende des Inka-Herrschers Atawallpa durch Francisco Pizarro in Cajamarca behandelt.
Auf die Kolonialzeit geht auch die schriftliche Überlieferung des epischen Quechua-Dramas Apu Ollantay zurück, welches in etwa sechs verschiedenen Versionen aufgeschrieben wurde und dessen Ursprünge bereits vor der Unterwerfung Perus durch die Spanier liegen dürften. Es behandelt die verbotene Liebe zwischen einem General und der Tochter des Inka-Herrschers. Dieses Drama wurde in der Kolonialzeit im Theater von Cusco gespielt, bis die Bühne nach dem gescheiterten Aufstand unter José Gabriel Condorcanqui 1781 gewaltsam geschlossen wurde.
Unter den katholischen Quechua-Texten sticht die dramatische Bearbeitung des verlorenen Sohnes (Lk 15:11–32, Chinkasqa churi – El hijo pródigo) durch den indigenen (oder mestizischen) Theologieprofessor Juan de Espinosa Medrano (gestorben 1688) hervor, der die biblische Handlung in die Realität der Quechua verlegt. Chinkasqa churi wurde häufig im Theater von Cusco gespielt.
Christlichen Hintergrund hat auch des anonyme Bühnenstück Usca Paucar, in dem ein verarmter Inka-Adliger durch die Jungfrau Maria vor dem Teufel gerettet wird. Ähnlichen Inhalts ist das Stück Yauri Titu Inca (El pobre más rico) von Gabriel Centeno de Osma aus dem Jahre 1707.
Republikanische Periode Drama Durch die Unabhängigkeit Perus, Boliviens und Ecuadors verschlimmerte sich die Randstellung des Quechua. Die zuvor noch stellenweise vorhandene indigene Elite ging verstärkt in der an Europa orientierten weißen Oberschicht auf. Kaum jemand aus der quechuasprachigen Bauernschaft konnte lesen und schreiben, und wenn, dann nur Spanisch. Aus diesem Grund blieb neben Lyrik das Drama die bevorzugte literarische Gattung der wenigen quechuasprachigen Autoren, darunter Nicanor Jara (Sumaqt'ika, „Schöne Blume“, 1899), Nemesio Zúñiga Cazorla (Qurich'uspi, „Goldene Fliege“, 1915 und T'ikahina, „Wie eine Blume“, 1920), José Félix Silva Ayala (Yawarwaqaq, nach dem Inka-Herrscher, „der Blut weint“, 1919) und Luis Ochoa Guevara (Manco II, 1921), deren Stücke in Cusco aufgeführt wurden. Alle diese Theaterstücke fanden jedoch nur lokal Beachtung. Die Handlungen waren größtenteils in der Inkazeit angesiedelt und hatten somit keinen unmittelbaren Bezug zur aktuellen Lebensrealität der quechuasprachigen Bevölkerung. Faustino Espinoza Navarro rekonstruierte gemeinsam mit Humberto Vidal Unda das Inti Raymi von Cusco, das seitdem auf Cusco-Quechua vor den Ruinen der Festung Saksaywaman aufgeführt wird, wozu er das erste Bühnenmanuskript erstellte. 1953 gründete Espinoza die Academia de la Lengua Quechua, heute „Academia Mayor de la Lengua Quechua“, in der ein von Lehnwörtern gereinigtes, phonetisch allerdings modernes und trotzdem Inka Rimay (auch Qhapaq simi) genanntes Cusco-Quechua gepflegt wird und von der einige Quechua-Texte erschienen sind, welche die Inkazeit verherrlichen.
Mit der Tradition dieser puristischen, auf die Inkazeit ausgerichteten quechuasprachigen Bühnenstücke mestizischer Autoren aus Cusco brach Inocencio Mamani (1904–1990) aus Puno: Die Protagonisten seiner Dramen Sapan Churi (1926) und Tukuypaq munasqan (1927) sind Personen aus der Lebensrealität der Quechua-Bevölkerung, und seine Werke sind in einem volkstümlichen Puno-Quechua geschrieben.
Sehr aktiv war von den 1920er bis zu den 1950er Jahren das quechuasprachige Theater in Ayacucho, dessen Autoren José Salvador Cavero León (Yana puyup intuykusqan, „Von der schwarzen Wolke bedeckt“, 1938; Rasuwillkap wawankuna, „Die Kinder des [Berges] Rasuwillka“, 1945; Wakchapa muchuynin, „Das Leiden des Armen“, 1955), Moisés Cavero Cazo (Qisanpi sapan urpikuna, „Einsame Tauben in ihren Nestern“, 1910; Kaypi wayta, wakpi kichka „Hier die Blüte, dort der Dorn“, 1939) und Olinda Chávez Callirgos (Gobernadorpa justician, 1941) Stücke mit Protagonisten aus der Landbevölkerung Ayacuchos schrieben. Ähnlich verhält es sich mit Artemio Huillca Galindo (Puka Walicha, „Die rote Valeriana“, 1950) aus der Stadt Huanta.
Lyrik mini|Luis Cordero Crespo, Porträt um 1910 mini|Ariruma Kowii, 2015 mini|Manuelcha Prado, 2013 In Ecuador gab der spätere Präsident Luis Cordero Crespo Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche kichwasprachige Gedichte heraus. Unter den Quechua-Lyrikern in Peru fand vor allem Andrés Alencastre Gutiérrez (1909–1984), bekannter unter seinem Pseudonym Killku Warak'a, Beachtung, insbesondere mit seinem 1952 erschienenen Gedichtband Taki parwa („Blüten des Gesangs“).
Durch die Aufzeichnung der Texte und Melodien traditioneller quechuasprachiger Lieder machte sich unter anderen der Kirchenmusiker Ricardo Castro Pinto (1916–2011) aus Cusco einen Namen.
Zu den derzeit aktivsten Quechua-Dichtern gehören Hugo Carrillo Cavero (* 1956) aus der Region Apurímac, Dida Aguirre García (* 1953) aus der Region Huancavelica, Gloria Cáceres Vargas (* 1947) aus der Region Ayacucho mit den Gedichtbänden Riqsinakusun, Munakuwaptiykiqa und Yuyaypa k'anchaynin, Odi Gonzales (* 1962) aus der Region Cusco, zu dessen Werken Umantuu und Upa gehören, die Dichterin Ch’aska Anka Ninawaman (* 1973) aus Yauri (Provinz Espinar, Cusco) mit ihrem Gedichtband Ch'askaschay von 2004Ulises Juan Zevallos Aguilar: Corrientes del renacimiento de la literatura quechua peruana (1990–2008). Odi Gonzales y Ch'aska Anka Ninawaman sowie José Antonio Sulca Effio (1938–2023) aus Ayacucho. Teilweise auf Quechua schreibt seine Gedichte auch Feliciano Padilla Chalco (Pakasqa takiyniykuna, 2009). In Ecuador hat unter anderen besonders Ariruma Kowii (* 1961) aus Otavalo mit seinen Kichwa-Gedichten zur Entwicklung der indigenen Literatur beigetragen. Literarisch produktiv ist auch die Fernsehjournalistin Yana Lucila Lema Otavalo (* 1974) aus Peguche (Kanton Otavalo).
Der Bewaffnete Konflikt in Peru mit zehntausenden Todesopfern in der Quechua-Bevölkerung vor allem in der Region Ayacucho führte zu einem eigenen Stil des Quechua-Liedes, des „Erinnerungsliedes“, als dessen Vorbild das unter anderen auch von Manuelcha Prado interpretierte Ofrenda (1981) von Carlos Falconí Aramburú (1937–2022) gilt.Jonathan Ritter: Complementary Discourses of Truth and Memory. The Peruvian Truth Commission and the Canción Social Ayacuchana. Part III (Musical Memoralizations of Violent Pasts), 8 in: Susan Fast, Kip Pegley: Music, Politics, and Violence. Wesleyan University Press, Middletown (Connecticut) 2012. Auch die Übersetzerin der Aussagen der Überlebenden und Hinterbliebenen aus dem Quechua ins Spanische für die Kommission für Wahrheit und Versöhnung, die Journalistin und Essayistin Alida Castañeda Guerra aus Tambobamba, schrieb Gedichte auf Quechua, parallel mit einer spanischen Version.Alida Castañeda Guerra. Musuq illa (spanisch), abgerufen am 12. September 2021. Zu den Autoren quechuasprachiger Lieder gehört unter anderem auch der ebenso aus der Region Ayacucho stammende Dichter und Komponist Ranulfo Fuentes Rojas (* 1943).
Zu den jüngsten Quechua-Dichtern gehört Percy Borda Huyhua (* 1994), der neben Chanka-Quechua auch Machiguenga spricht und in beiden indigenen Sprachen sowie auf Spanisch zwei Gedichtbände herausgebracht hat. Noch jünger ist Edwin Lucero Rinza (* 1995) aus Inkawasi, der als erster Autor einen eigenen Gedichtband auf Inkawasi-Kañaris-Quechua veröffentlicht hat.
Prosa mini|upright|Atuqwan puma, auf Yaru-Quechua, Adolfo Vienrich 1906. Die Begegnung des Fuchses (atuq) mit einem anderen Tier ist ein häufiges Motiv in der Quechua-Überlieferung mini|José María Arguedas auf einem Gemälde von Elizher Portuguez Palacios, 2014