mini|Max und Gertrud Bondy, mit Hans Baake und Martha Philips, Gandersheim 1925

Max Bondy (* 11. Mai 1892 in Hamburg; † 13. April 1951 in Boston, Massachusetts) war ein deutscher Reformpädagoge jüdischer Herkunft und ein Gründer von Landerziehungsheimen. Nach Zwangsenteignung und Flucht vor der nationalsozialistischen deutschen Diktatur 1937 emigrierte er zuerst nach Gland am Genfersee (Schweiz), dann 1939 in die USA und wurde US-amerikanischer Staatsbürger.

Kindheit und Jugend Max Bondy wurde als Sohn einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Seine Eltern waren der 1888 von Prag nach Hamburg gekommene und 1902 in den hamburgischen Staatsverband aufgenommene Salomon Bondy (* 18. Mai 1856, † 4. September 1932; er nannte sich später Siegfried) und dessen Ehefrau Mary, geborene Lauer, die neben Max noch vier weitere Kinder hatten: Nelly (* 1893), die Zwillinge Curt Werner Bondy und Walter Karl Bondy (* 1894) sowie Herbert Fritz Bondy (1902–1972). Walter Karl Bondy fiel 1916 im Ersten Weltkrieg in Siebenbürgen.Anke Schulz: Luruper Immobilien der Erbengemeinschaft Salomon Bondys, S. 13

Max Bondy besuchte in Hamburg das Wilhelm-Gymnasium bis zum Abitur 1910. Im Wintersemester 1910/11 studierte er „Rechte und Nationalökonomie“ in München, belegte aber schon zahlreiche Veranstaltungen in Philosophie und Kunstgeschichte. 1911 war er offiziell für kunstgeschichtliche Studienzwecke nach Italien beurlaubt. Im Wintersemester 1912/13 studierte er in Freiburg Geschichte und Kunstgeschichte. In Freiburg kam er erstmals mit der Jugendbewegung in Kontakt und wurde schließlich zu einem führenden Mitglied der Deutschen Akademischen Freischar (DAF). Im Sommersemester 1914 studierte er in Göttingen Geschichte und Germanistik. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach das Studium. Max Bondy meldete sich auf dem Hintergrund seiner deutsch-nationalen Grundeinstellung sofort als Freiwilliger. Er blieb Soldat bis zur Novemberrevolution 1918, zuletzt als Offizier der Artillerie. Sein Studium beendete er 1919 in Erlangen mit einer Promotion in Kunstgeschichte. Das Thema seiner Dissertation lautete: „Baiersdorf. Eine kunstgeschichtliche Untersuchung.“

Erste Schulgründung mini|Werbeanzeige in den Kurlisten des Staatlichen Mineralbades Brückenau 1920/21 mini|Schüler und Lehrer der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof, ca. 1921 Zusammen mit Ernst Putz, Schüler von Martin Luserke aus der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, gründete er 1920 auf dem Sinntalhof in Brückenau erstmals eine Schule, die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof.Peter Dudek: „Dass ich aus innerster Überzeugung meinen Weg ging.“ – Die Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Zuchthaustagebuch des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896–1933), in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 3 (2011), S. 91–120, Zitatstelle: S. 99–100. Siehe auch: Peter Dudek: Wir wollen Krieger sein im Heere des Lichts – Reformpädagogische Landerziehungsheime im hessischen Hochwaldhausen 1912–1927, Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 2013, ISBN 978-3-7815-1804-9, S. 108, 114. Dieses Schulprojekt, an dem unter anderem auch Hedda Korsch unterrichtete, scheiterte wegen unüberbrückbarer Differenzen zwischen den beiden Partnern um die Leitungsfunktion.Leonhard Rugel: Die höhere Schule des Ernst Putz im Sinntalhof. In: Jahresbericht des Franz-Miltenberger-Gymnasiums Bad Brückenau, 1987/88 (1988), S. 124–134. Schulgründungen zusammen mit Gertrud Bondy Die Schulgründungen von Max und Gertrud Bondy stehen in der Tradition der deutschen Reformpädagogik.

1923 ging Max Bondy mit einem Teil der Schüler und Mitarbeiter der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof nach Gandersheim in Niedersachsen. In Zusammenarbeit mit seiner Frau Gertrud Bondy, geb. Wiener (* 7. Oktober 1889 in Prag; † 30. April 1977 in Detroit), mit der er seit 1916 verheiratet war, formte er dort die Schulgemeinde Gandersheim.

Gertrud Bondy war ihrem Mann ähnlich und doch „ganz anders“.Hedwig Wallis: Die pädagogische Arbeit von Max und Gertrud Bondy aus der Perspektive einer Altschülerin. Vortrag anlässlich der 50-jährigen Abiturfeier in Marienau am 21. Juni 1987. In: Marienauer Chronik. Heft 40, September 1987, S. 86–89. Sie war in Prag und Wien aufgewachsen, den Hochburgen moderner Kunst und Kultur des Fin de siècle, und stammte aus einer sehr kultivierten und hochgebildeten Familie. Ursprünglich wollte sie Konzertpianistin werden, doch unter dem Eindruck von Erlebnissen im Ersten Weltkrieg entschloss sie sich zum Studium der Medizin und absolvierte zusätzlich eine Ausbildung als Psychoanalytikerin, bei der sie Sigmund Freud und Anna Freud noch persönlich kennenlernte. Diese Voraussetzungen prädestinierten sie in besonderer Weise dazu, das Konzept der Schulgemeinde mitzugestalten und ihr ein an der psychoanalytischen Pädagogik orientiertes Profil zu geben. „Ihr pädagogisches Ziel war, den jungen Menschen stützend zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden, ohne Ansprüche an sie zu stellen, die ihrem Wesen nicht entsprachen.“Eva Michaelis-Stern: Zum Gedenken an Gertrud Bondy, S. 22. Eva Michaelis Stern ist die Tochter von William Stern und war Praktikantin in Gandersheim.

Die Schulgemeinde Gandersheim zog 1929 nach Marienau um, wo sie sich Schulgemeinde auf Gut Marienau nannte. An beiden Einrichtungen unterrichtete von 1924 bis 1930 auch Alfred Ehrhardt, der 1928/29 vom Schuldienst befreit war, um am Bauhaus Dessau zu studieren.

Die Schulgemeinde auf Gut Marienau firmiert heute als Schule Marienau.

Die Zeit des Nationalsozialismus Folgt man Barbara Kersken, dann war Max Bondy in den Jahren 1931/1932 von einer Ahnung kommender harter Zeiten erfüllt.

Kersken zitiert ausführlich aus Morgenandachten und Chroniken, attestiert Bondy eine „fast seismographische[.] Wahrnehmung einer politischen Zeitenwende“Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 32 und sieht ihn „an der Schwelle zum nationalsozialistischen Staat, noch fest überzeugt, seine Schüler gegen diese aus seiner Sicht negativen Entwicklungstendenzen mobilisieren zu können. Auch glaubt er, dass er ihr Bewusstsein dafür schärfen kann, dass sie eine ‚über ihre Person herausgehende Mission haben. Sie müssen einer Zeit, die alles relativiert hat, und die schließlich auch das Menschliche als nebensächlich relativiert hat, zeigen, dass es ein Unbedingtes, ein Absolutes gibt und geben muss: eben gültige Menschlichkeit‘.“Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 35

Doch in diesen Zeiten angeblicher Ratlosigkeit gibt es auch Äußerungen Bondys, die eine gefährliche, ihm möglicherweise selber nicht bewusste, Nähe zu völkischem Denken aufzeigen. Im März 1932 referierte er in einer Morgenansprache:

Diesen „stärksten Eindruck seines Lebens“ übertrug Bondy noch in der gleichen Ansprache auf den Alltag der Schulgemeinde und propagierte den Dienst in der schulischen Gemeinschaft als Einübung für den Dienst in einer größeren Gemeinschaft:

Ein früherer Schüler Bondys erblickte in Bondys Gedanken eine fast bis zur Übertreibung getriebene Fetischisierung der Gemeinschaft.Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 35 Kersken dagegen sieht in dieser Kritik eine extreme Auslegung Bondys, weil seine derartigen Überlegungen „wohl nur als politisch notwendige Anpassungsleistung für einen begrenzten Zeitraum [zutreffen], somit also […] nicht verabsolutiert werden dürfen“.Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 34–35 Kappeler hält dem entgegen: „Es ist geradezu tragisch, dass sein Denken und seine Sprache ihn nach 1918 den ›Völkischen‹ gegenüber immer mehr annäherte, die er doch zunächst als ungebildete, den Kriterien des ›deutsch-adlige Wesens‹ nicht genügende Menschen abgelehnt hatte.“Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen Pädagogen, S. 98 Kappeler erkennt eine aus der Jugendbewegung kommende Blindheit gegenüber der nationalsozialistischen Programmatik, die dazu führte, dass Bondys Reden „in manchen Passagen wie eine Kritik an den Nationalsozialisten [klingen], in anderen Passagen wieder wie Zustimmung“.Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen Pädagogen, S. 99 Wenn Kersken, wie schon zitiert, bei Bondy eine „fast seismographische Wahrnehmung einer politischen Zeitenwende“ erkennt, dann bekommt das vor dem Hintergrund einer Morgenandacht aus dem Januar 1933 eine völlig andere Bedeutung:

Am Ende dieses Monats, in dem Bondy seine zuvor zitierte Morgenandacht gehalten hatte, fand Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler statt. Max Bondy reagierte darauf am 3. Mai 1933 mit einer Rede „Marienau und der Nationalsozialismus“, aus der auch Kersken sehr ausführlich zitiert. Darin heißt es unter anderem:

Zu dem, was in Marienau schon vorweggenommen wurde, zählt Bondy die Gleichwertigkeit von intellektueller Bildung und körperlicher Ertüchtigung, wobei letztere nun ergänzt worden sei durch „Kriegsspiele, Geländespiele, Schwimmen, Leichtathletik usw. Wenn wir bei uns jetzt als Neuerung den Wehrsport einführen, so bedeutet das keine grundsätzliche Änderung, sondern nur eine Ergänzung unserer körperlichen Ausbildung. Im Zusammenhang damit sind auch die Appells etwas verändert worden. Sie finden nicht mehr in der bisherigen Weise statt, sondern in strafferer, dem Militärischen angeglichenen Form.“Max Bondy, zitiert nach Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 42 Kersken kommt nicht umhin, festzustellen, dass die „speziellen Anforderungen beim Geländesport […] unübersehbar paramilitärischen Charakter“ gehabt haben, begnügt sich aber ansonsten damit, es als „eine auch aus heutiger Sicht noch immer provokante Fragestellung“ zu finden, ob die Landerziehungsheime, insbesondere Marienau, eine Antizipation des Nationalsozialismus betrieben hätten.

Für Kappeler liegt es dagegen in der Konsequenz von Bondys Denken, dass er den Nationalsozialismus begrüßte und die Kompatibilität der Theorie und Praxis seiner Reformpädagogik mit den Erziehungsvorstellungen des NS-Staates in allen Punkten bejahte. Ähnlich wie Kersken weist auch Kappeler darauf hin, dass Bondy nur eine einschneidende Veränderung wahrhaben wollte, nämlich die Politisierung der Schule, die früher bewusst vermieden worden sei. „Aber da es inzwischen keine politischen Parteien mehr gebe, falle somit auch die früher notwendige Zurückhaltung fort: ›So gehört ein Teil der Lehrer der S.A. an, die Hitlerjugend hat immer mehr Mitglieder bei uns, ihr Wachstum wird unterstützt.‹“ Und so muss auch Kersken einräumen, dass es für Max Bondy „auf der rein pädagogischen Ebene keinerlei Ansatzpunkte für prinzipielle Auseinandersetzungen oder einen potentiellen Dissens mit den neuen Machthabern“ gegeben zu haben scheint. Doch es greift zu kurz, den fehlenden „Dissens mit den neuen Machthabern“ nur auf der pädagogischen Ebene zu verorten und damit Bondys fehlende politische Distanz zum NS-Staat auszublenden. Zu sehr erinnert dies an ein Zitat aus Theodor W. Adornos Minima Moralia: „Der vage Ausdruck erlaubt dem, der ihn vernimmt, das ungefähr sich vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint.“Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 128