Der Weinbau in Stuttgart umfasst 423 Hektar Rebfläche – gut zwei Prozent der Stadtfläche. Die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart liegt im klimatisch begünstigten Neckartal und zählt zu Deutschlands größten Weinbaugemeinden. In 16 der 23 Stadtbezirke wird Weinbau betrieben, von den meisten der ca. 500 Betriebe im Nebenerwerb. Landwirtschaftliche Betriebe im engeren Sinne bewirtschafteten 358 Hektar (Stand 2007). Die Anbaufläche verteilt sich auf 18 Einzellagen, die alle zur Großlage Weinsteige gehören. Bewirtschaftet werden großenteils Steillagen. 71 Prozent der Produktion entfallen auf Rotwein (295 Hektar von insgesamt 415 Hektar bestockter Rebfläche). (doc)
mini|Steillagen des Zuckerle zwischen Cannstatt und Mühlhausen mini|Weinberge am Pragsattel
Klima und Geologie Das gesamte Anbaugebiet Württemberg liegt in einer Übergangszone zwischen atlantischem und kontinentalem Klima. Das Neckartal profitiert vom mildernden Einfluss des Flusses. Aufgrund seiner Lage im Regenschatten des Nordschwarzwaldes ist Stuttgart einer der Orte in Deutschland mit der höchsten Sonneneinstrahlung. Mit einer 230 bis 240 Tage langen Vegetationsperiode (Durchschnittstemperatur über 5 °C) besitzt Stuttgart die längste Wachstumszeit in ganz Württemberg. Nachteilig für den Weinbau ist lediglich die hohe Gefahr von Hagelschlag, gegen den ein bis zwei Hagelflieger zum Einsatz kommen.
Geologisch gehören die Stuttgarter Weinbergslagen überwiegend dem Keuper an. Lediglich im Nordosten des Stadtgebietes (Bad Cannstatt, Mühlhausen) dominiert der Muschelkalk. Aufgrund der Steilheit der Lagen ist die Bodenschicht aus den Verwitterungsprodukten des Unterbodens – Mergel und sandiger bis toniger Lehm – recht dünn. Die Reben müssen deshalb ihre Wurzeln bis in das Muttergestein hineintreiben.
Rebsorten Der württembergischen Tradition folgend, dominiert auch in Stuttgart der Rotwein. Zu Anfang der 1990er Jahre waren 62,5 Prozent der 400 Hektar mit roten Rebsorten bepflanzt. Allein auf den Trollinger entfielen 190 Hektar. 15 Hektar beanspruchte der Spätburgunder. Wachsende Bedeutung gewinnt inzwischen der Dornfelder. Daneben sind noch Lemberger, Heroldrebe, Samtrot, Muskat-Trollinger und Sankt Laurent zu nennen. In jüngster Zeit wurden auch Merlot und Cabernet Sauvignon gepflanzt – eine Reaktion auf die wachsende Nachfrage nach körperreichen Rotweinen. Das typischerweise trockene und sonnige Herbstwetter lässt auch diese aus weit südlicher gelegenen Weinbaugebieten stammenden Rebsorten noch ausreifen. Ihr Qualitätspotenzial ist allerdings schwer zu beurteilen, da diese Rebanlagen noch sehr jung sind.
mini|Flurbereinigter Uhlbacher Götzenberg mini|Mauerterrassen des Cannstatter Zuckerle In den letzten Jahrzehnten hat der Weißwein wieder an Boden gewonnen – 1950 waren über 90 Prozent mit Rotweinreben bestockt. Unter den weißen Rebsorten ist der Riesling führend – er nahm Anfang der 1990er Jahre 65 Hektar ein. 40 Hektar entfielen auf den Müller-Thurgau. Daneben werden noch Silvaner, Kerner, Weißburgunder und Gewürztraminer in größerem Umfang kultiviert. Neuerdings gewinnen auch Chardonnay und Sauvignon Blanc an Raum.
Weinlagen Die Stuttgarter Weinbergslagen bilden zusammen mit denjenigen der Stadt Esslingen am Neckar und Teilen der Fellbacher Weinberge die Großlage „Weinsteige“. Letztere findet sich allerdings nur selten auf Etiketten, da die Stuttgarter Weine in der Regel ohnehin nur aus einer Einzellage stammen. Vor dem Lagennamen wird der Stuttgarter Ortsteil vermerkt, also z. B. „Cannstatter Zuckerle“ oder „Untertürkheimer Altenberg“. Lediglich die in den inneren Stadtbezirken gewachsenen Weine dürfen sich als „Stuttgarter“ bezeichnen.
Die einst ausgedehnten Weinberge an den Hängen des Stuttgarter Kessels sind weitgehend dem Wachstum der Großstadt und den entsprechend hohen Bodenpreisen zum Opfer gefallen. So vereint die Mönchhalde neben einem größeren Weinberg an der Birkenwaldstraße drei kleine, weit voneinander entfernte Parzellen an der Karlshöhe, an der Neuen Weinsteige und am Hasenberg. Letztere ist der Rest der früheren Südlagen Afternhalde, Wanne und Gebelsberg. Die am Neckar gelegenen Stadtteile Hedelfingen, Obertürkheim, Untertürkheim, Uhlbach und Rotenberg besitzen hingegen große zusammenhängende Weinbergflächen. Diese stark ansteigenden Lagen wurden im Rahmen von Flurbereinigungen in größere Terrassen umgewandelt und durch parallel zum Hang verlaufende Wirtschaftswege erschlossen. Die steilsten Lagen Stuttgarts – Cannstatter Zuckerle, Degerlocher Scharrenberg und der in Rohracker gelegene Teil des Lenzenbergs – besitzen hingegen nach wie vor ihre Mauerterrassen.
Aufgrund des besonders günstigen Klimas zählen einige Stuttgarter Lagen zu den besten Württembergs. Besonderen Ruf genießen neben der Stuttgarter Mönchhalde die Untertürkheimer Lagen Herzogenberg, Mönchberg und Schlossberg, der Uhlbacher Götzenberg sowie das Cannstatter Zuckerle,die Cannstatter Halde und Besigheim.
mini|Der Kriegsberg
Kuriositäten bilden der nur wenige hundert Meter vom Hauptbahnhof gelegene Kriegsberg, der von der Stuttgarter Industrie- und Handelskammer und der Landesbausparkasse bewirtschaftet wird, sowie der Hohenheimer Schlossberg, der als Versuchsgut der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim dient. Der teilweise auch auf Fellbacher Gemarkung gelegene Untertürkheimer Gips ist ein ehemaliger Gipssteinbruch, dessen ausgebeutete Flächen sukzessive wieder bestockt wurden.
+ Stuttgarter Weinlagen (von der Stadtmitte aus im Uhrzeigersinn) Lagenname Stadtteile Flächein Hektar Ausrichtung Steilheit Bodenart Mönchhalde Stuttgart, Bad Cannstatt 5 West – Südost – Ost(kleine isolierte Lagen) steil Keuper-Verwitterungtoniger Lehm – lehmiger Ton Kriegsberg Stuttgart 1,5 Süd – Südost steil Keuper-Verwitterunglehmiger Ton Berg Stuttgart, Wangen, Münster,Bad Cannstatt, Feuerbach,Zuffenhausen 90 Südwest – Süd – Südost mäßig geneigt bis steil Keuper-Verwitterungtoniger Lehm, lehmiger Ton Halde Bad Cannstatt 3,5 Südwest stark geneigt bis steil Muschelkalk-Verwitterungtoniger Lehm Zuckerle Bad Cannstatt, Münster, Hofen, Mühlhausen 20 West – Süd – Südost steile Mauerterrassen Muschelkalk-Verwitterungtoniger Lehm, lehmiger Ton Steinhalde Bad Cannstatt, Münster, Mühlhausen 20 Südwest – Süd – Ost vorwiegend steil (terrassiert) Muschelkalk-Verwitterungtoniger Lehm, lehmiger Ton Mönchberg Untertürkheim, Fellbach 50 West – Süd – Südost schwach geneigt bis steil Keuper-Verwitterungleichter Mergel – sandiger Lehm, lehmiger Ton Herzogenberg Bad Cannstatt, Untertürkheim 15 West – Südwest – Süd leicht bis stark geneigt Keuper-Verwitterungtoniger Lehm Gips Untertürkheim, Fellbach 10 Südwest – Süd mäßig geneigt Gipskeuper-Verwitterungtoniger Lehm – lehmiger Ton Altenberg Untertürkheim 23 Südwest – Süd steil Keuper-Verwitterungleichter Mergel – lehmiger Sand – lehmiger Ton Schlossberg Rotenberg, Uhlbach, Untertürkheim 40 Südwest – Süd – Südost leicht geneigt bis steil Keuper-Verwitterungmergeliger bis sandiger Lehm Götzenberg mit Steingrube Uhlbach 70 West – Süd steil Keuper-Verwitterungsandiger bis toniger Lehm Kirchberg Obertürkheim 22 West – Südwest – Südost steil Keuper-Verwitterungleichter Mergelkies bis toniger Lehm Ailenberg Obertürkheim, Esslingen 28 West – Südwest steil Keuper-Verwitterungleichter Mergelkies bis toniger Lehm Lenzenberg Hedelfingen, Rohracker 27 Südwest – Süd stark geneigt, teils steile Terrassen Keuper-Verwitterungtoniger Lehm, schwerer Letten Schlossberg Hohenheim 3,7 Süd mäßig geneigt Lehm auf Schwarzem Jura Schnarrenberg Bad Cannstatt 3,5 Südwest steil (terrassiert) Keuper-Verwitterungtoniger Lehm, lehmiger Ton Abelsberg Stuttgart, Gablenberg, Gaisburg 3 West – Südost(kleine isolierte Lagen) mäßig bis stark geneigt Keuper-Verwitterungtoniger Lehm, lehmiger Ton
Erzeuger Genossenschaften Genossenschaft Gründung Mitglieder Rebflächein Hektar Bad Cannstatt 1923 70 45 Hedelfingen 1955 40 11,5 Rotenberg-Uhlbach 1936/1906 214 120 Rohracker 1919 37 8 Untertürkheim 1887 91 95
Der größte Teil der Stuttgarter Weine wird von den fünf Winzergenossenschaften erzeugt. Zu ihren Mitgliedern zählen nicht zuletzt die vielen Nebenerwerbswinzer. Die Produktion ist im Wesentlichen für den lokalen Markt bestimmt, weshalb der traditionelle Trollinger überwiegt. Auf eine Verschiebung der Nachfrage haben die größeren Genossenschaften jedoch mit neuen Produktlinien reagiert. Internationale Rebsorten, Ertragsbeschränkung und moderne Kellerverfahren einschließlich des Barriqueausbaus gehören heute zum Repertoire. An der Spitze dieser Bewegung steht die Weinmanufaktur Untertürkheim, eine Genossenschaft, die sich seit 2001 Weinmanufaktur nennt. Ihr Kellermeister Jürgen Off wurde vom Gault-Millau zum „Gutsverwalter des Jahres“ 2005 gewählt. Durch die Verleihung der dritten Traube im Gault Millau 2009 hat die Weinmanufaktur Untertürkheim den Aufstieg ins württembergische Oberhaus geschafft. Dieser Erfolg überzeugte auch die Nachbarn: Die Obertürkheimer Genossen votierten 2004 einstimmig für den Anschluss an die Weinmanufaktur. Im Jahr 2007 schlossen sich die Weingärtnergenossenschaften Uhlbach und Rotenberg zum Collegium Wirtemberg – Weingärtner Rotenberg & Uhlbach e. G. zusammen. Ihre Weine werden in der Kelter „Fleckensteinbruch“ am Ortsrand von Untertürkheim bereitet. Die Weingärtnergenossenschaft Hedelfingen ist in ihrer genossenschaftlichen Struktur eine der kleinsten Genossenschaft im Großraum Stuttgart.
mini|hochkant|Untertürkheimer Altenberg am Fuß des Württembergs
Private Weingüter Die meisten der privaten Stuttgarter Weingüter produzieren nur kleine Mengen, die entweder in der angeschlossenen Besenwirtschaft oder aber in örtlichen Weinstuben ausgeschenkt werden. Nur wenige genießen überregionale Bekanntheit. Vier Güter mit Stuttgarter Lagen sind Mitglieder des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP):
In Fellbach sitzt das Weingut Heid und bewirtschaftet unter anderem in der großen Gewächslage „Lämmler“ Spätburgunder und Lemberger. Ein groß der angebauten über 11 Hektar Rebfläche fällt auf Trollinger, Spätburgunder, Lemberger & Riesling. Eine kleine Besonderheit des Weinguts ist der „Endersbacher Wetzstein – Spätburgunder Auslese“. Seit 2013 ist das Weingut Mitglied im VDP und seit 2007 Bio-zertifiziert. Das in Fellbach ansässige Weingut Aldinger bewirtschaftet insgesamt 23 Hektar, darunter als Monopollage den Untertürkheimer Gips (9,6 Hektar). 24 % entfällt auf Riesling, 19 % auf Trollinger, je 12 % auf Rote Burgunder und Lemberger, der Rest auf Sauvignon Blanc, Weißburgunder, Cabernet-Rebsorten und Merlot. Dem Untertürkheimer Weingut Wöhrwag gehört der Untertürkheimer Herzogenberg (15 Hektar) im Alleinbesitz. Auf insgesamt 18,5 Hektar wachsen 35 Prozent Riesling, 20 Prozent Trollinger und je 10 Prozent Lemberger und Merlot, der Rest entfällt auf Grau- und Weißburgunder, Sauvignon Blanc, Muskateller, Spätburgunder und Cabernet Sauvignon. Das zur Hofkammer des Hauses Württemberg gehörende Weingut Herzog von Württemberg in Ludwigsburg besitzt 7,5 Hektar im Untertürkheimer Mönchberg am Württemberg. Als Lagenweine werden Lemberger und Spätburgunder angeboten. Das Fellbacher Weingut Rainer Schnaitmann bewirtschaftet nicht nur Fellbacher Lagen, sondern auch kleinere Flächen im Uhlbacher Götzenberg und im Untertürkheimer Altenberg. Ersterer liefert sogar ein Großes Gewächs.
Weitere qualitätsorientierte Güter sind Weingut Diehl (5,4 Hektar), Rotenberg (Schlossberg) Weingut Warth (10 Hektar) Rotenberg (Altenberg und Mönchberg) Weingut Markus Schwarz (8,6 Hektar), Untertürkheim (Altenberg und Mönchberg) Wein- und Sektgut Christel Currle (8,5 Hektar), Uhlbach (Götzenberg) Weingut Gerhard Schwarz (2,5 Hektar), Untertürkheim (Altenberg und Mönchberg) Weingut Peter Mayer Jägerhof (3,3 Hektar), Burgholzhof (Cannstatter Berg) Weingut Albert und Konrad Zaiß (11 Hektar), Obertürkheim (Kirchberg)