mini|Werner Paravicini, aufgenommen von Werner Maleczek auf einer Reichenau-Tagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte im Oktober 1999 Werner Ludwig Thilo Paravicini (* 25. Oktober 1942 in Berlin) ist ein deutscher Historiker.
Paravicini lehrte von 1984 bis 1993 als Professor für Mittlere und Neuere Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Kiel. Er war von 1993 bis 2007 Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris. Paravicini gehört zu den wichtigsten Erforschern der burgundischen Geschichte und des mittelalterlichen Adels. Als Wissenschaftler bemühte er sich in besonderem Maße um die deutsch-französische und die europäische historische Wissenschaft. Seine Arbeiten haben den Hof als sozialen Ort der Ausübung von Repräsentation und Herrschaft in den Mittelpunkt der mediävistischen Forschung gerückt. Sein wissenschaftliches Hauptwerk ist die Darstellung der Preußenreisen des europäischen Adels.
Leben Werner Paravicini entstammt dem Adelsgeschlecht Paravicini, das ursprünglich im Veltlin in Norditalien angesiedelt war und nach dem Veltliner Mord 1620 aus Glaubensgründen in die Schweiz und von dort in die Kurpfalz umsiedelte.Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 189 (= Badisches Geschlechterbuch, Fünfter Band), Limburg an der Lahn 1984, S. 435. Er wurde als drittes Kind des Diplom-Ingenieurs Erich Paravicini (1903–1981) und dessen Frau Irmgard, geb. Heppe (1907–1987), in Berlin-Charlottenburg geboren. Von 1961 bis 1969 studierte er Geschichte und Romanistik an den Universitäten in Berlin (FU Berlin bei Wilhelm Berges), Göttingen (bei Hermann Heimpel), Freiburg (bei Karl Schmid und Joachim Wollasch), Löwen (bei Léopold Genicot) und Mannheim (bei Karl Ferdinand Werner). Im Jahr 1969 heiratete er die Historikerin Anke Ebel, die Tochter des Rechtshistorikers Wilhelm Ebel.Paravicini, Anke, Indexeintrag in: Deutsche Biographie abgerufen am 30. Mai 2024 Aus der Ehe gingen mit dem Designer Heinrich Paravicini,Inga Griese: Ist es egal, ob man für einen Autokonzern oder eine Modemarke arbeitet? In: Die Welt, 18. Januar 2020. dem Musiker Friedrich Paravicini und dem Mathematiker Walther ParaviciniSeite von Walther Paravicini an der Universität Tübingen drei Söhne hervor. Bei Karl Ferdinand Werner wurde er 1970 in Mannheim promoviert mit einer Arbeit über Guy de Brimeu und die adlige Führungsschicht des burgundischen Staates.Werner Paravicini: Guy de Brimeu. Der burgundische Staat und seine adlige Führungsschicht unter Karl dem Kühnen. Bonn 1975. Von 1969 bis 1984 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Paris (DHIP) tätig. Paravicini betrieb seine Studien von Paris aus in engem Austausch mit der modernen französischen, englischen und niederländischen Adelsforschung, darunter mit Philippe Contamine, Maurice Keen, Malcolme Vale, Wim Blockmans und Johanna-Maria van Winter.Andreas Ranft: Adel, Hof und Residenz im späten Mittelalter. In: Archiv für Kulturgeschichte 89 (2007), S. 61–90, hier: S. 61 f.
Bei Fritz Trautz habilitierte er sich 1982 in Mannheim über Die Preußenreisen. Eine Studie über die Lebensformen des europäischen Adels im 14. Jahrhundert. Nach einer Lehrstuhlvertretung für Erich Meuthen an der Universität zu Köln war er von 1984 bis 1993 als Nachfolger von Hartmut Boockmann Lehrstuhlinhaber für Mittlere und Neuere Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit 2004 ist er dort als Honorarprofessor tätig. Von 1993 bis 2007 war er Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP) im Hôtel Duret de Chevry, welches seit dem Jahre 2002 Teil der öffentlich-rechtlichen Stiftung „Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland“ (DGIA), dann Max-Weber-Stiftung ist.
Forschungsschwerpunkte Paravicini forscht vor allem zu Adel, Hof und Residenzen in Europa, den Herzögen von Burgund und den Königen von Frankreich, zur Hanse und dem Deutschen Orden im 14. und 15. Jahrhundert.
Von 1990 bis 2014 war er Vorsitzender der Residenzenkommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und gab in dieser Funktion die Reihe Residenzenforschung heraus. Zugleich war er Gründer und Leiter der Arbeitsstelle der Außenstelle Kiel der Residenzenkommission und war wesentlich an ihrem Aufbau beteiligt. Das Ziel der Residenzen-Kommission ist es „Grundlagen zu schaffen für die wissenschaftliche Beschäftigung mit den lange vernachlässigten Phänomenen der Höfe und Residenzen als neuen politischen, sozialen und kulturellen Zentren im Reich des späten Mittelalters“. Dabei werden Residenzen und Höfe im spätmittelalterlichen Reich (1200–1600) im europäischen Vergleich erforscht. Die Arbeit der Kommission konzentrierte sich vor allem auf das Projekt eines dreiteiligen Handbuchs der „Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich“. Unter der Herausgeberschaft Paravicinis besorgten Publikation der ersten beiden Teilbände des dynastisch-topographischen Handbuchs Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich wurden in rund 600 Artikeln die königlichen und fürstlichen Höfe vom Hochmittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg in einer bis dahin nicht gekannten Ausführlichkeit und Vollständigkeit erfasst.Oliver Auge: Von der Residenz zum Hof ... und zurück? Die Residenzenforschung im Rahmen der württembergischen Landesgeschichte. In: Dieter R. Bauer, Dieter Mertens, Wilfried Setzler (Hrsg.): Netzwerk Landesgeschichte: Gedenkschrift für Sönke Lorenz. Ostfildern 2013, S. 55–70, hier: S. 63. Behandelt werden von mehr als zweihundert Autoren vierzig Dynastien von den sächsischen Albertinern bis Württemberg, 31 Könige und Kaiser von Philipp von Schwaben bis zu Ferdinand III., die sieben Kurfürstentümer, 64 geistliche Reichsfürstentümer, 41 (gefürstete) Reichsprälaten, der Deutsche Orden, der Johanniterorden und 34 weltliche Reichsfürstentümer sowie 368 Residenzen (Residenzorte) von Ahaus und Altenburg über Cambrai bis nach Ziesar und Zweibrücken.Vgl. dazu die Besprechung von Kurt Andermann in: Historische Zeitschrift 279, 2004, S. 734–735. Er sorgte dafür, dass alle zwei Jahre Symposien der Kommission von 1994 bis 2006 zusammen mit dem DHIP durchgeführt worden. Dies hatte zur Folge, dass französische Kollegen deutsche Residenzstädte und deutsche Kollegen kennen lernen konnten.Werner Paravicini: Wachstum, Blüte, neue Häuser. Das Institut in den Jahren 1968–2007. In: Rainer Babel, Rudolf Große (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris 1958–2008. Ostfildern 2008, S. 85–169, hier: S. 115 f. Paravicini gehört der 2012 mit neuer Aufgabenstellung („Residenzstädte im Alten Reich, 1300–1800“) fortgeführten Kommission an.
Als Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris zeichnete er für deutsch-französische sowie internationale Historiker-Tagungen, die Vergabe von Forschungsstipendien, die Herausgabe von Schriftenreihen zur westeuropäischen Geschichte und der Zeitschrift Francia verantwortlich. Als Direktor nahm er zudem mit dem internationalen Projekt Prosopographia Burgundica das spätmittelalterliche Burgund in den Blickpunkt. Damit sollte die dokumentarische Grundlage der Beschäftigung Burgunds auf eine neue Quellengrundlage gestellt werden.Werner Paravicini: Wachstum, Blüte, neue Häuser. Das Institut in den Jahren 1968–2007. In: Rainer Babel, Rudolf Große (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris 1958–2008. Ostfildern 2008, S. 85–169, hier: S. 113. Die Prosopographia Burgundica wurde 2003 als erste Publikation elektronisch veröffentlicht und im Herbst 2007 zu einem virtuellen Burgund-Portal erweitert.Prosopographia Burgundica. Siehe Werner Paravicini: Wachstum, Blüte, neue Häuser. Das Institut in den Jahren 1968–2007. In: Rainer Babel, Rudolf Große (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris 1958–2008. Ostfildern 2008, S. 85–169, hier: S. 101 f. Im Oktober 2007 hat ein großes internationales Kolloquium zum Thema Der burgundische Hof und Europa die Forschungen gebündelt. Schon 1999 urteilte der Wissenschaftsrat, dass sich das Institut im Bereich der Burgundforschung zu einem europäischen Zentrum entwickelt habe.Werner Paravicini: Wachstum, Blüte, neue Häuser. Das Institut in den Jahren 1968–2007. In: Rainer Babel, Rudolf Große (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris 1958–2008. Ostfildern 2008, S. 85–169, hier: S. 115. Außerdem brachte Paravicini gemeinsam mit Michael Werner die lang geplante Buchreihe Deutsch-französische Geschichte hervor.
Paravicini ist Experte für die Geschichte des westeuropäischen Spätmittelalters, insbesondere für Adel, Hof, Residenzen und Rittertum in Europa von 1200 bis 1600, mit besonderer Berücksichtigung des Reisens, der Hanse und Burgunds. Für seine Dissertation hat er Archivalien aus nicht weniger als 56 Archiven vor allem aus Belgien, Frankreich aber auch den Niederlanden zusammengetragen. Durch diese Forschungsleistung ist keine Person unterhalb des Fürstenstandes zu dieser Zeit so detailliert aufgearbeitet wie der Herr von Humbercourt.Besprechung von Heinz Thomas in: Rheinische Vierteljahrsblätter 43 (1979), S. 456–458, hier: S. 456 (online). Zu Karl den Kühnen legte er 1976 eine Darstellung für ein breiteres Publikum vor.Vgl. dazu die Besprechung von Heinz Thomas in: Rheinische Vierteljahrsblätter 43 (1979), S. 458–459 (online). Die Darstellung wurde auch ins Ungarische und Tschechische übersetzt. Paravicini legte 1994 für die die Enzyklopädie deutscher Geschichte eine Überblicksdarstellung über die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters vor.Vgl. dazu die Besprechung von Paul-Joachim Heinig in: Historische Zeitschrift 262 (1996), S. 559–561. Sein Erkenntnisziel ist „die geistige und praktische Lebensform einer bestimmten Oberschicht, nicht die Erklärung einer Epoche der deutschen Literaturgeschichte“.Werner Paravicini: Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters. 3. um einen Nachtrag erweiterte Auflage. München 2011, S. 2. Im Dialog mit den kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Ansätzen der französischen Forschung regte Paravicini ab den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts durch seine Arbeiten entscheidend dazu an, Wappen und Wappenrollen als historische Quellen in vielfältigen Kontexten zu behandeln.Thorsten Huthwelker: Die Darstellung des Rangs in Wappen und Wappenrollen des späten Mittelalters. Ostfildern 2013, S. 13 f. Vgl. dazu etwa den vielbeachteten Aufsatz von Werner Paravicini: Gruppe und Person. Repräsentation durch Wappen im späteren Mittelalter. In: Otto Gerhard Oexle, Andrea von Hülsen-Esch (Hrsg.): Die Repräsentation der Gruppen. Texte – Bilder – Objekte. Göttingen 1998, S. 327–389. Er legte eine Edition der Aachener Wappenrolle vor.Werner Paravicini: Die älteste Wappenrolle Europas: Ottos IV. Aachener Krönung von 1198. In: Schweizer Archiv für Heraldik 107 (1993), S. 99–146.